»Was? Leugnen willst auch noch?« Diese Erkenntnis brachte den
Daxen-Schorschl ins Kochen. »Wann eine kratzt, no ja, in Gotts Namen!
Aber lügen braucht s' deswegen net!«
»Du! Ich hab im Leben noch nie net glogen. Deintwegen tät ich's am
allerwenigsten. Gib mein' Weg frei, sag ich zum letztenmal!«
Ihre Stirne brannte, und Blitze sprühten aus ihren Augen. Bei allem
Zorn, der im Schorschl rumorte, war er doch nicht blind. So gut wie
jetzt hatte sie ihm noch nie gefallen. Und da erwachte in ihm die
Erinnerung an die Träume des vergangenen Abends. Statt mit dem Herzen,
hatte sie ihm die Antwort mit den Fingernägeln ausgeteilt. Sollte er
~ganz~ leer ausgehen? Hatte er nicht so eine Art von Recht, sich
für den Streich bezahlt zu machen, den ihm das ›liebe Katzerl‹ in der
Nacht gespielt hatte? Lachend streckte er die Hände.
»Mein' Fried laß mir!« stammelte Vroni und wich zurück.
»Ich kratz ja net! Im Gegenteil.« Er schlang den Arm um ihren Hals und
meinte, leichtes Spiel zu haben, weil sie die drei Brotlaibe trug und
wehrlos war. Aber da hatte er wieder einmal falsch gerechnet, wie schon
so oft in seinem Leben. Vroni ließ kurz entschlossen die drei Brotlaibe
fallen, die plumpsend nach verschiedenen Seiten auseinanderkollerten,
und stieß dem Burschen die Fäuste mit so derber Kraft vor die Brust,
daß er rücklings gegen die Hecke taumelte.
»Öha! Langsam!« brummte Schorschl, während er mit den Armen fuchtelte,
um das Gleichgewicht wiederzufinden. »Aus kommst mir nimmer! Du!« Mit
einem Feuermut, der dem Daxenschmied auf dem Schlachtfeld die goldene
Tapferkeitsmedaille eingetragen hätte, ging er wieder zum Angriff über.
Vroni hatte das Schürzentuch, in das die Brotlaibe gewickelt waren, vom
Boden aufgerafft. Als Schorschl in hiebsichere Nähe kam, schwang sie
mit der gesteigerten Kraft ihres Mädchenzornes diese echt weibliche
Waffe. Dem Daxenschmied wurde es für ein paar Sekunden schwarz vor
den Augen, obwohl die Schürze nur ein verwaschenes Blau hatte. Bei
dem klatschenden Schlag stäubte eine weiße Wolke um Schorschls Kopf.
Sein Gesicht, die Brauen, der Schnurrbart und die Nasenspitze waren
grau gepudert von dem Mehl, das die Unterseite der Brotlaibe an das
Schürzentuch abgegeben hatte.
»Ja, sakra!« fing er zu räsonieren an. »Kratzen in der Nacht und
Dreinschlagen am Tag? Und so was soll ich mir gfallen lassen?« Da sah
er das entstellte Gesicht des Mädels. Seine Arme sanken, erschrocken
stand er vor Vroni und gewahrte auf dem rinnenden Wasser des Grabens
einen tanzenden Brotlaib, der schon zu sinken drohte. »Jesus Maria!«
Hurtig machte er sich auf die Jagd nach dem schwimmenden Laib.
Vroni band die Schürze um die Hüften und bückte sich nach den beiden
Brotlaiben, von denen der eine im Gestrüpp der Hecke, der andere mitten
auf dem Fußweg lag. Während sie langsam mit ihrer verminderten Last
davonging, kam Schorschl ihr nachgelaufen. »Da, Vronerl!« Er putzte mit
dem Joppenzipfel das Wasser von dem gefischten Brotlaib. »Da hast dein'
dritten Wecken! Es hat ihm nix gmacht! Gar nix! A bißl lind wird er
sich halt beißen.«
Sie sagte kein Wort. Als ihr Schorschl den Brotlaib auf die beiden
andern laden wollte, machte sie, um das zu verhindern, eine ungestüme
Bewegung. »Aber Vronerl, sei doch gscheid! Wirst doch um meintwegen
deine braven Leut daheim net um dös gute Brot verkürzen?« Nun litt
sie es schweigend, daß er den feucht glänzenden Laib auf die beiden
anderen legte. Doch als er an ihrer Seite bleiben wollte, sah sie mit
einem Blick zu ihm auf, der dem Daxen-Schorschl die Füße lähmte. Wie
ein begossener Pudel blieb er an der Hecke stehen, bis sie verschwunden
war. »So! Jetzt hab ich d' Suppen erst ~recht~ versalzen!«
philosophierte er. In der Wut über sich selbst packte er sich bei den
Joppenflügeln. »Da hätt doch jede andere ~dreimal~ kratzt und
dreingschlagen, statt bloß an einzigs Mal, wie 's Vronerl!« Er sah
über die leere Straße hin und seufzte. »Jetzt is's aus!« Bei dieser
Einsicht überfiel ihn die Verzweiflung. »Sakra! Jetzt därf ich mir ein'
anbicheln, an ghörigen! Sonst weiß ich nimmer, was mit mir gschieht in
der heutigen Nacht.«
Mit brennendem Kopf und langen Schritten stürmte er dem Wirtshaus
entgegen.
Inzwischen hatte Vroni den Fuß des laufenden Berges erreicht. Als
sie bei sinkender Dämmerung in die Nähe des elterlichen Hauses kam,
blieb sie stehen und legte die schweren Laibe zu Boden, um ein
Weilchen zu rasten und die Augen zu trocknen. Da sah sie im Gestrüpp
einer Haselnußstaude etwas hängen, das wie Gold glänzte. Es war die
+C+-Trompete des Daxen-Schorschl, die in den Zweigen verfangen
hing wie ein Christkindl-Geschenk am Weihnachtsbaum. »So an Unfürm!
Wie er umgeht mit so einer kostspieligen Sach!« Scheu guckte sie nach
allen Seiten, fischte flink die Trompete aus dem Gebüsch und wickelte
sie sorgfältig in die Schürze.
Wenn der frostige Abendwind schärfer emporzog über die Halden, klang
vom Wirtshaus mit verschwommenen Tönen ein Johlen und Singen herauf.
So lustig war es da drunten in der Wirtsstube schon lange nicht mehr
zugegangen. Der Daxen-Schorschl hatte wieder einmal ›aufgemischt‹!
»Grüß Gott, Wirt! Pumpst mir noch?« Mit dieser Frage war er, als die
Kellnerin eben die Lampen anzündete, in die Stube getreten.
»Ja!« hatte der Wirt lachend gesagt. »Aber nimmer viel!«
»Für an gsunden Rausch wird's reichen! Wer weiß, ob's net der letzte
is?« Wahrhaftig, der Daxen-Schorschl hatte Selbstmordgedanken.
Noch ehe die Stube richtig voll mit Gästen war, unter denen sich
auch der Geschäftsführer der Bäckenmahm mit seinem Gesellen befand,
hatte sich Schorschl schon in eine Stimmung ›hineingebichelt‹, deren
gereizte Lustigkeit die ganze Stube amüsierte. Als man ihm die Zither
hinstellte, sang er die ganze Litanei seiner ›schnackerlfidelen‹ Lieder
herunter, natürlich auch die ›Lumpengstanzln‹!
»A richtiger Loder,
Kreuzteufel juheh!
Der draht im Tag 's Unterste
Zwanzgmal in d' Höh!«
Noch war das Gelächter, das dieser Strophe folgte, nicht verstummt, als
draußen auf der Straße ein gellender Ruf ertönte: »Feuerjo! Feuerjo!«
Und da hörte man auch schon die Schläge der Feuerglocke. In der
Wirtsstube fuhren sie alle von den Bänken und Stühlen auf. Bevor noch
die ersten zur Tür kamen, stürzte einer von der Straße herein: »Leut!
Es brennt!«
»Wo? Wo?«
»Bei der dicken Bäckin!«
»Jesus Maria!« stotterte Schorschl. Der Daxenschmied war plötzlich
nüchtern. »Wie soll denn dös arme Weiberleut aus'm Haus? Mit ihre zwei
Zentner Speckschwarten?« Er sauste zur Türe. Keuchend rannte er die
Straße hinunter. Vor seiner Schmiede sprang er über den Staketenzaun.
Weil sich das Tor der Werkstätte auf den ersten Griff nicht öffnen
wollte, warf Schorschl sich mit der Schulter gegen die Bretter, daß
sie krachend auseinanderflogen. Einen schweren Schmiedhammer auf die
Schulter werfend, eilte er der Brandstätte zu.
Schon glomm die Feuerhelle über die Dächer der benachbarten Häuser, und
blutrot färbten sich die niedrig hängenden Wolken.