»E harter Schlag, mein lieber Herr Purtscheller, der Sie da getroffen
hat! Aber er soll nix ändern an dem, was ich Ihnen hab sagen wollen.
Und nu erlauben Se gefälligst, daß ich Ihnen meinen Rat --«
»Ich brauch kein' Rat! Von gar keim Menschen net.« Purtscheller sprang
auf. »Und wann alles über mich kommt, der Berg, der Schloßbräu und die
ganze knoflige Judenschaft! Der Purtscheller macht an Ruck. Und grad
steht er da, daß ihm keiner net ankann!«
Rufel verlor die Ruhe nicht. »Ja, Herr Purtscheller, machen Se den
Ruck! Und lassen Se den Knofel in Fried! Knofel is en unschuldig
Gewächs. Hören Se lieber an, was ich Ihnen sagen will.« Geduldig ging
er Tritt um Tritt hinter Purtscheller her, der in kochendem Zorn
durch die Stube wanderte. »Ich verschaff Ihnen die funfzigtausend zu
ehrlichen Zinsen, damit Se löschen können die Hypothek. Und was Se
sonst noch schuldig sind, soll bezahlt werden. Aber den armen Wald da
droben wollen wir lassen in Ruh. Was an Holz schon liegt, machen wir im
Winter zu Geld und tragen e schöns Bröckl ab von der Hypothek. Was aber
droben stehenbleibt, wollen wir lassen stehen. So schneiden Se nix ins
Fleisch Ihr Kind und Ihre Kindeskinder. Die brauchen auch noch e bißl e
Holz. Und nu passen Se emal auf! Aber, bitt ich, schreien Se nix gleich
wieder e so! De Leut, von denen ich will beschaffen das Geld, verlangen
e Sicherheit, daß der Hof, solang se drauf liegen haben ihr Hypothek,
nix wird entwertet, und daß de Zinsen werden in der Ordnung bezahlt,
nix e so, wie die letzten Jahr her, wo der Herr Schloßbräu gehabt hat
en Verdruß um den andern -- verzeihen Se gefälligst!«
»No ja! A bißl Stockung kann überall eintreten!«
»E Stockung kann eintreten. Da haben Se recht. Aber so e Stockung
kann auch werden vermieden. Und nu weiß ich, Se sennen e feiner und
vornehmer Mann, Herr Purtscheller!« Rufel lächelte zufrieden, als er
die Wirkung dieses Komplimentes gewahrte. »Und so e feiner Mann kann
sich nix abgeben mit der groben Bauernarbeit und soll lassen schwitzen
de andern.«
»'s erste gscheide Wörtl, dös ich hör!« sagte Purtscheller besänftigt.
»Nu also! Und da können Se doch nix einwenden, wenn ich sag: ich will
en tüchtigen, verläßlichen Menschen besorgen, dem Se die Wirtschaft
vertrauensvoll übergeben können.«
»Was! Soll ich mich gleich gar unter Kuratel stellen lassen?«
»Hab ich e Wörtl gesagt von Kuratel? Wir machen bei en Notar en stillen
Vertrag unter uns, und ich hab das Vertrauen zu Ihnen, daß Se den
halten. Se sennen e feiner, vornehmer Mann!«
»Ja, Rufel! Mein Wort is Eisen. Da gibt's nix! Und ganz offen: an so
was hab ich selber schon denkt. Den Simmerauer-Mathes hätt ich gern
ghabt.«
»Den Mathes?« Rufel kam in sprudelnden Eifer. »Herr Purtscheller! Da
haben Se gehabt de feinste Idee, was man kann haben! Der Mathes is
e Mensch wie Gold. Den halten Se fest! Lassen Se den Mathes nimmer
aus! Der Mathes, sag ich Ihnen, wenn er gebracht hat de Wirtschaft
e bißelche in Ordnung, bringt heraus aus dem schönen Hof unsere
funfzehntausend Mark e Jahr!«
»Mehr, sag ich!«
»Sagen wir funfzehn! Is eh schon genug. Und nu denken Se emal de
schöne Rechnung: mit siebentausend Mark bezahlen wir die Zinsen und
amortisieren alle Jahr e Bröckelche vom Kapital. Da sennen Se fertig in
zehn, zwölf Jahr! Und wenn Se emal hinaufkommen in Ihren christlichen
Himmel, können Se sagen zu Ihrem guten Vater: ›Vaterleben‹, können Se
sagen, ›ich hab hinterlassen meinem Sohn en schuldenfreien Hof, wie ich
ihn hab übernommen von dir!‹ Das können Se sagen! Und dabei haben Se
gehabt das schönste Leben. Achttausend Mark e Jahr!«
Die Rührung, von welcher Purtscheller angeflogen schien, war beim Klang
dieser Ziffer verschwunden. »Mensch! Was fallt dir denn ein? Wie soll
denn ich mit achttausend Mark auskommen?«
»Mit achttausend Mark werden Se haben e Leben wie e Fürst! Und wollen
Se nu gar leben wie e Kenich, so geben Se das Geld in die Hand Ihrer
guten Frau! Die wird noch ersparen dabei.«
»So a Siemandl soll ich abgeben? Ah na, mein Lieber!«
»Herr Purtscheller! Se sennen nicht nur e feiner und e vornehmer Mann,
Se sennen auch e ~gescheider~ Mann!« Rufel haschte Purtschellers
Hand und streichelte sie. »Und nu beweisen Se das emal, daß die Leut
vor Staunen sollen Augen machen wie Wagenräder e so groß! Zeigen Se
emal: ›E so e Mann bin ich!‹ ~Machen~ Se den Ruck, den Se mer
haben versprochen als e Mann von Wort! Mit achttausend Mark können Se
leben wie e Kenich, hab ich gesagt. Und wie e Kaiser können Se leben,
wenn Se wollen e bißl abstoßen von sich de unnötigen Geldfresser. Wozu
brauchen Se zum Exempel e Jagd? Was rennen Se da umenander auf die
steilen Berg, wo man sich kann brechen Hals und Füß? Bleiben Se lieber
daheim bei Ihrer guten Frau, die Se liebhat und Ihnen machen wird e
schöns Leben. Und wozu wollen Se erschießen die unschuldigen Tier?
Lassen Se de armen Viecher ihr bißl Leben! Schießen Se lieber auf die
geduldige Scheib! Scheibenschießen is e Vergnügen, was sich paßt für so
en feinen und en vornehmen Mann!«
Purtscheller lachte.
»Nu ja, lachen Se! Lachen im Haus is e schöne, gesunde Sach. Draußen
auf der Jagd ruinieren Se sich die kostbare Gesundheit. Und so e Jagd
hat e Maul wie e Walfisch und frißt alle Tag en Haufen Geld, wie e
Pferd den Hafer.«
»Ja, Rufel, da haben S' recht! Es is mir selber schon oft z'viel
worden. Kein Tag vergeht ohne Ärger, und 's Ärgern tut mir net gut. Ja,
Rufel, da haben S' mein' Handschlag! D' Jagd gib ich auf.«
»Herr Purtscheller, Se sennen e Prachtkerl!« In Freude umklammerte
Rufel mit seinen dürren Fingern die Hand Purtschellers. »Da haben Se
gemacht en festen Ruck! En großen Ruck! Und wenn Se machen wollen noch
e ~größern~ -- schauen Se an, Herr Purtscheller, wozu brauchen Se
zu halten e Rennpferd?«
Purtscheller, der lachend nach dem Wein gegriffen hatte, stellte das
Glas wieder fort und wandte das Gesicht über die Schulter.
»Is e Sach, was Ihnen kostet e Heidengeld. Statt daß Se müssen
bezahlen, können Se verdienen. Und wenn Se gleich haben wollen e schön
Stück Geld auf die Hand, so verkaufen Se den Bräunl! Ich kann Ihnen
machen e feins Gebot. Vor acht Tag hat mir gesagt der Schloßbräu, daß
er für den Bräunl geben möcht viertausend Mark. Greifen Se zu, Herr
Purtscheller! Und Se können wie e feiner Mann bezahlen de rückständigen
Hypothekzinsen und de Feuerversicherung und de unschönen Spielschulden
beim Wirt, was sich nix passen für so en vornehmen und feinen --«
Erschrocken verstummte Rufel.
In aufflammendem Jähzorn hatte Purtscheller die Weinflasche gepackt und
schlug sie gegen die Tischkante, daß die Scherben umherflogen und der
Wein über Tisch und Diele rann. »Du Gauner, du gottverdammter! Jetzt
kenn ich mich aus!« Er lachte in seinem Zorn. »So also is dö ganze
Komödi gmeint? Du und der Schloßbräu mitanand?«
»Erlauben Se gefälligst«, stammelte Rufel, »wie können Se glauben --«
»In d' Hand möchts mich kriegen«, schrie Purtscheller, »und binden
möchts mich am ganzen Leib, daß ich mir den Bräunl müßt abdrucken
lassen um so a Schandgeld!«
»Gott der Gerechte!« Rufel wehrte mit beiden Händen. »Ich hab's ehrlich
gemeint, aber ich will nix gesagt haben! In Gottes Namen, behalten Se
das Roß!«
»Net um zehntausend Mark gib ich den Bräunl her!«
»Ja, ja, ja! Behalten Se das Roß! Fahren Se mit dem Roß spazieren bis
zu hundert Jahr! Ich bin zufrieden, wenn Se de Jagd --«
»'s Maul halt, sag ich! Gelt, jetzt fahrt dir d' Angst in d' Nasen,
weil ich so gscheid bin, daß ich hinter dein' ganzen Schwindel schau!
Naus mit dir!«
»Aber Herr Purtscheller! So hören Se doch e vernünftig Wörtl. So e
feiner und vornehmer --«
»Ja! A bißl ~gar~ z'fein für so ein' wie ~du~ einer bist!«
»Um Ihrer selbst willen und Ihrer guten Frau zulieb beschwör ich Ihnen
--«
»Naus, sag ich, oder ich vergreif mich an dir, du Saujud, du
miserabliger!«
Dunkle Röte schoß über das hagere Gesicht des Alten, und seine Stimme
zitterte. »Beleidigen Se, bitt ich, den alten Rufel nix! Ich bin nix e
Saujud. Ich bin e Jud. Ohne was dabei. Is heutigentags eh schon Unglück
genug.«
»Naus! Naus zur Tür!«
»Ich bleib, Herr Purtscheller! Und will Ihnen wiederholen in aller Güt
--«
»Daß ich mir vom Schloßbräu und dir 's Krawattl soll zuschnüren lassen,
gelt? Gehst jetzt oder net? Kerl, ich bin imstand und schieß dich
nieder auf der Stell!« Keuchend riß Purtscheller seine Büchse vom
Gewehrrechen.
Das zu sehen, ging über Rufels guten Willen. Mit einem Sprung, daß
seine Rockschöße flatterten, war er bei der Tür, mit dem nächsten
draußen im Flur. Während er die Treppe hinunterstolperte, hörte er
hinter sich einen Fluch und spürte einen Schlag auf dem Rücken.
Purtscheller hatte ihm den Hakenstock nachgeschleudert. Taumelnd hob
Rufel den Stecken auf. Als er seinen Zwerchsack unter der Treppe
hervorgerissen hatte und zur Haustür kam, trat ihm Karlin entgegen,
bleich und zitternd. »Rufel?«
»Verzeihen Se, meine liebe gute Frau!« Rufel vermochte kaum zu
sprechen. »Verzeihen Se, aber mit Ihrem Mann is nix zu reden! E Mensch,
der die Leut erschießen will, die's ihm gut meinen? Dem is nix zu
helfen. Der Rufel bedankt sich schön. Mit e Schießgewehr is nix e Spaß
zu machen.« Scheu blickte er über die Treppe hinauf. »Aber nehmen Se
noch en Rat vom Rufel! Sehen Se zu mit aller Gewalt, daß Se bekommen
das Regiment in Ihre Hand! Oder Ihr schönes Haus fangt zu laufen an,
wie da droben der meschuggene Berg, und lauft bis hinunter ins Wasser.
Ihnen zulieb, meine gute Frau, Ihnen zulieb will ich --« Da hörte er
droben im Flur die Schritte Purtschellers und sprang erschrocken zur
Haustür hinaus.
»Rufel!« stammelte Karlin und wollte ihn zurückhalten.
Ohne das Gesicht zu wenden, eilte Rufel durch den Garten. Als er von
der Steintreppe auf die Straße sprang, warf er in seiner blinden Hast
ein kleines Mädel zu Boden, das einen irdenen Topf zwischen den Händen
trug. »Nix für ungut, Kinderl!« stotterte Rufel und rannte davon.
Vor der Haustür stand Karlin und sah ihm mit nassen Augen nach. Tonerl
hatte sich an ihre Schürze gehängt. Zitternd preßte sie das Kind an
ihren Schoß. Da kam der Altknecht von den Ställen gelaufen. »Frau
Purtschellerin!«