Sie hörte kaum. »Was?«

»Ich trau mir's schier gar net sagen.«

Langsam blickte sie auf und strich die Zaushärchen hinters Ohr. »Was

bringst?«

»Mit dem Bräunl is ebbes passiert.«

»Jesus Maria!«

Im gleichen Augenblick trat Purtscheller aus der Haustür, für die Jagd

gekleidet, mit der Büchse auf dem Rücken. Er sah die beiden beisammen

stehen, verzagt und wortlos. »Was gibt's denn da?« Er bekam keine

Antwort. Und Karlin schob den Knaben hinter sich, als hätte sie Angst

für ihn. »No? Was is denn? Krieg ich bald Antwort oder net? Ich leid

keine Tuschlereien im Haus. Von meiner Frau net und noch viel weniger

von eim Dienstboten!«

Da sagte es ihm der Knecht kurz und grob. »Den Bräunl hat der Schlag

troffen. Im Stall liegt er.«

Purtscheller erbleichte und tastete mit der Hand nach einer Stütze.

»Toni! Toni!«

Er schob den Arm seiner Frau zurück. »Ah na! So was gibt's net!« lallte

er und rannte zum Wirtschaftshof. Keuchend stellte er die Büchse an die

Mauer und trat in den Stall. Da lag das schöne Tier auf dem Stroh,

regungslos, mit eingekrampften Beinen. In einem Winkel stand Zäzil

wispernd mit zwei Knechten beisammen. Purtschellers Gesicht verzerrte

sich. »Den hat mir der Jud verwunschen!« Dann schoß ihm das Wasser in

die Augen. »Bräunl! Mein Herzbinkerl!« Er warf sich auf die Knie und

versuchte den Kopf des Pferdes emporzuheben. Der Hals des Tieres war

starr, und ein grauer Schleier lag über den Augen, die am Morgen noch

feurig geblickt hatten.

In seinem hilflosen Kummer fing Purtscheller zu weinen an wie ein Kind.

Die Tür verfinsterte sich. Karlin war auf die Schwelle getreten, mit

ihrem Knaben an der Hand.

Purtscheller richtete sich auf. Das Gesicht mit den Händen bedeckend,

lehnte er sich schluchzend an den Barren.

»Mammi?« fragte Tonerl. »Tut 's Rösserl schlafen?«

»Ja, mein Herzl!« flüsterte Karlin mit versagender Stimme. Dann ging

sie zu ihrem Mann, legte ihm den Arm um die Schultern und bat: »Geh,

komm mit eini ins Haus! Dös kann ich gar net anschauen, daß dich unsere

Leut so sehen müssen. Toni! Geh, komm, laß dich einiführen ins Haus!«

Er schob sie von sich. Während ihm die Tränen über die Wangen

kollerten, deutete er auf das verendete Pferd. »So meint's der Himmel

mit ~mir~! Alles kommt über mich. Und 's Liebste muß ich

hergeben. 's Allerliebste, was ich hab!«

Sie sah ihn erschrocken an. »Toni! Tu dich net versündigen!« In

verstörter Hast hob sie den Knaben vom Boden auf und hielt ihn dem

Vater hin. »Toni!« Tränen erstickten ihre Stimme. »Geh, nimm dein

Kindl! 's Allerliebste, was d' haben kannst! Schau, Toni, wie's dich

anlacht und d' Armerln streckt! Geh, Toni, nimm dein Kind!«

»Ja, is schon recht!« Purtscheller fuhr mit der Faust über die Augen.

»Mach mir vor die Leut kei' so Komödi her!«

»Toni!«

Reizte ihn der schmerzliche Vorwurf, der aus diesem Worte klang? Oder

wurde der erst halb ausgekochte Jähzorn wieder lebendig in ihm? »In Ruh

laß mich!« schrie er. »Heut vertrag ich nix. Oder ich kunnt dir ebbes

sagen, dir, was mich reut!«

Karlin wollte schweigend den Stall verlassen; aber Tonerl streckte

zappelnd die Händchen: »Vaterl! Bitti, laß mi Rösseli reiten!«

»Ja! Schnecken! Da is ausgritten. Gut schaut's aus im Purtschellerhof!

Alles krepiert. Alles geht z'grund umanand. Aber recht gschieht mir!«

Purtscheller schlug sich mit der Faust an die Stirn. »So an Esel, der

den Bettel einiheirat ins Haus, kann sich net beschweren, wann sich der

Jammer einifrißt in alle Wänd wie der Rost ins beste Eisen. Ja, mein

Büberl, ja, bedank dich bei deiner Mutter!«

Karlin mußte den Knaben zu Boden stellen, ihre Arme waren so schwach

geworden, daß sie das Kind nicht mehr zu tragen vermochte. Mit fahlem

Gesicht stand sie an die Mauer gelehnt, als wäre eine Lebensfaser ihres

Herzens entzweigerissen.

Die beiden Knechte und Zäzil drückten sich wortlos zur Stalltür hinaus,

und Purtscheller gewahrte noch das Lächeln der Magd. »Ja, hast recht,

daß d' mich auslachst!« Es fiel ihm ein, daß er versprochen hatte, der

Magd zu kündigen. »Ah na! Gscheider, wer anderer ging! Da möcht der

Sonnschein bald wieder einkehren im Purtschellerhof.« Tief atmend, als

wäre ihm jetzt leichter geworden, trat er ins Freie und packte die

Büchse. »Heut nacht komm ich net heim, ich bleib in der Jagdhütten«,

rief er über die Schulter zurück, »endlich muß ich mich doch wieder

amal in Ruh ausschlafen können und a friedsame Stund haben.« Er nahm

die Büchse auf den Rücken und wanderte müd davon. Im Garten blickte er

unschlüssig gegen das Haus zurück. Nach dem blinden Zorn befiel ihn

eine Regung von Vernunft und Reue. Doch unwillig rückte er den Hut. »Ah

was! Sie muß doch wissen, daß ich's net so mein'!« Da hörte er von der

Straße das bitterliche Weinen eines Kindes. »O jegerl! Was is denn?«

Er stieg über die Treppe hinunter und sah neben dem Straßengraben

ein kleines Mädel stehen, in hilflosem Kummer. Vor dem Kind lagen die

Scherben eines irdenen Kruges. »Maderl? Was is denn? Hast dein Haferl

fallen lassen?«

»Der Jud«, schluchzte das Kind, »der Jud hat mich umgrennt und hat mir

's Haferl derstößen.«

»Natürlich! Wieder der Jud! Aber geh, Butzerl, da mußt net weinen!«

Purtscheller zog sein Taschentuch hervor, trocknete dem Kind die Tränen

von den Augen und schenkte ihm einen Taler. »So, Schatzerl, da hast

ebbes! Da kaufst dir a neus Haferl, und was übrigbleibt, dös legst in

dein Sparbüchserl, gelt!« Lachend gab er dem getrösteten Kind einen

Klaps und ging seiner Wege.

Als er beim Krämer vorüberkam, wollte Rufel gerade aus der Haustür

treten; erschrocken fuhr der Alte bei Purtschellers Anblick zurück und

verbarg sich hinter der Tür, bis das gefürchtete ›Schießgewehr‹ um

die Ecke verschwunden war. Dann trat er auf die Straße und schüttelte

kummervoll den Kopf. »E so e Mensch! Und de arme Frau!« Während er der

Straße folgte, klangen ihm aus der Daxenschmiede die Hammerschläge

entgegen. Sie tönten nicht hell und gleichmäßig; es war etwas Gereiztes

in der unruhigen Hast, mit der sie aufeinander folgten; nun endeten sie

mit einem dröhnenden Schlag, als hätte Schorschl seinen Ingrimm über

irgendeine böse Sache den schuldlosen Amboß entgelten lassen.

Als Rufel zur Schmiede kam, sah er, daß ein Bauer einen wackligen

Schubkarren, der noch mit mancherlei anderem, der Reparatur bedürftigem

Eisengerät beladen war, vor dem Tor der Werkstätte niedersetzte. Es war

der Bauer, dem der Leiterwagen gehört hatte. Er guckte in die leere

Werkstätte. »He! Schmied!« Nichts rührte sich, keine Antwort ließ

sich hören. Der Bauer ging zur Haustür, stieß sie auf und rief: »He!

Schorschl! Wo bist denn?« Alles blieb still. »Natürlich! Ich hab mir's

eh gleich denkt. Jetzt kann ich wieder abfahren.« Brummend schob der

Bauer seinen Karren davon.

Mit den Armen über den Zaun gelehnt, hatte Rufel diesen Vorgang

beobachtet. »Nu? Wo is er jetzt, der Herr Dax? Könnt Arbeit haben. Und

wo steckt er nu wieder?«

Da klangen aus dem Garten der Schmiede schmachtend gezogene

Trompetentöne:

»Du, du, liegst mir im Herzen,

Du, du, liegst mir im Sinn.«

Wie rein und schön das klang! Es paßte so recht zu diesem klaren, von

der scheidenden Sonne goldig angehauchten Herbstabend. Doch Rufel

schien für poetische Naturstimmungen und musikalische Genüsse nicht das

richtige Verständnis zu besitzen. Er schnitt eine säuerliche Grimasse.

»Trumpeten blost 'r! Und blost m'r wieder e Loch in mein' Sack! Nu

will ich ihm aber doch e Wörtche sagen!« Er trat in den Hof, kehrte

aber wieder um. »Ich hab's versprochen. Ich will heut nix mehr zu ihm

mahnen gehen.«

Mit inbrünstigem Krescendo klang es aus dem Garten der Schmiede:

»Du, du, machst mir viel Schmerzen,

Weißt nicht, wie gut ich dir bin!

Jaaa, jaaa, aaah,

We-we-we-weweißt nicht, wie gut ich dir bin!

Tütüüüh!«

Die Sehnsuchtsklage des Einsamen schloß mit einem so schmetternden

hohen +C+, daß von den Bergen das Echo viermal zurücktönte:

tütüüüh -- zuletzt noch einmal ganz leise, wie aus meilenweiter Ferne:

didiiih! Und dieser letzte Klang kam über die Simmerau herunter.

Schorschl, der hinter dem Haus zu Füßen eines Apfelbaumes saß, hatte

die Trompete in den Schoß gelegt und blickte melancholisch vor sich hin.

Bei seinem Brüten und Sinnen griff er nach einem der überreifen Äpfel,

die vom Baum gefallen waren. Während er Stück um Stück von dem Apfel

abbiß, suchte er grübelnd nach einem Ausweg aus seiner ›Schlemastik‹.

Er hatte Angst. Bei den Sorgen, die ihn drückten, bei dem vergeblichen

Warten auf Arbeit drohte der alte ungeduldige Schorschl in ihm die

Oberhand zu gewinnen. Die ›Lüftigkeit‹ zuckte ihm in allen Gliedern,

zog ihn vom Amboß fort, hinüber ins Wirtshaus, hinunter zum Bach,

hinauf in die bucklige Gegend der Simmerau. Er sah es deutlich ein,

daß er diesem prickelnden Zug auf die Dauer nicht widerstehen könnte.

Ja, er wollte ein ordentlicher Kerl werden, ganz ehrlich wollte er

das. Aber er merkte, daß er das ›Bravsein‹ aus sich allein nicht

fertigbrächte. Er brauchte die Hilfe der andern. Die wollten nicht

kommen, wollten ihm die Hand nicht reichen. »Hol s' der Teufel alle

mitanand, dö mißtrauischen Geizkrägen!«

Wenn nur wenigstens ~eine~ ihm die stützende Hand reichen möchte!

Wenn ~die~ an ihn glauben könnte! Wenn ~die~ zu ihm sagen

möchte: »Ich bin net wie die andern, ich hab Vertrauen, ich möcht's

riskieren! Aber dös siehst doch ein, ich kann kein' Lumpen heiraten,

der bis über d' Ohrwascheln in Schulden steckt! Ich bin doch an

ordentlichs Madl!«

»Ja, Vroni, da fehlt sich nix!« würde ~er~ dann sagen. »A brävers

Madl wie du gibt's in der ganzen Welt nimmer!«

»No also, schau«, müßte dann die Vroni wieder sagen, »da mußt dich halt

danach aufführen! Fest antauchen mußt! Mit dem richtigen Willen laßt

sich alles machen in der Welt. Hast ja gsunde Fäust, und 's gscheide

Köpfl fehlt dir auch net. Und hab ich mich überzeugt, daß d' an andrer

worden bist, so frag halt an bei mir! Und unter der Zeit därfst dich

schon diemal an meim Fensterl anschauen lassen, daß ich dir a bißl Mut

zusprich. So, und jetzt geh, Schorschl, pack's an!«

Ja! Wenn die da droben so zu ihm sprechen möchte, wäre ihm gleich

geholfen. Dann wüßte er doch, ~wofür~ er sich schinden und

gedulden sollte! Und dann hätte er auch das Recht, für die harte Zeit

sich eine Wegstärkung mitzunehmen, und würde seinem Schätzl ›eins

auffidrucken aufs Göscherl, a ~ghörigs~ Bussel‹, eines, das ausgab

für ein halbes Jahr! »Herrgott sakra, ich spring auffi und probier's!«

Lachend setzte er die Trompete an den Mund und blies mit schmetternden

Klängen:

»Maderl, Maderl, laß dich fragen,

Tut für mich dein Herzerl schlagen?

Geh, mußt net so heimlich sein,

Maderl, Maderl, gsteh mir's ein!«

Wieder schloß er mit einem hohen +C+, spähte gegen die Simmerau

hinauf und lauschte dem Echo. Von neugestärkter Hoffnung erfüllt,

kehrte er in die Werkstätte zurück und schmiedete mit lustigem Eifer

noch ein paar überflüssige Hufeisen, bis der Abend sank. Mit einer

Sorgfalt, wie er sie seit Jahren nicht geübt hatte, räumte er die

Werkstätte auf, schloß das Tor und versperrte die Haustür. Die Trompete

unter der Joppe, wanderte er durch die Dämmerung bergan und pfiff in

hoffnungsreichem Seelenvergnügen eine heitere Weise vor sich hin.

Der Wind hatte umgeschlagen. Wohl funkelten in der Höhe des Himmels

freundliche Sterne aus dem tiefen Blau, und die Bergspitzen waren

angehaucht vom Silberglanz des steigenden Mondes; doch eine schwarze

Wolkenschicht hob sich hinter den Felswänden empor und verschlang einen

leuchtenden Stern um den andern.

Der laufende Berg · 第 34 / 60 题