Karlin zögerte. »Er hat net ausgschlafen, und da greint er leicht.«

»Soll ich denn gar nix von meim Buben haben? Seit in der Fruh hab ich

ihn nimmer gsehen. Her damit!« Purtscheller nahm den Kleinen, kitzelte

ihn neckend am Hals, warf ihn in die Luft und fing ihn lachend wieder

auf -- ein Spiel, für das sich Tonerl mit Zetergeschrei bedankte.

»Richtig! Da heult er schon wieder, kaum daß ich ihn angreif! Karlin,

~mein~ Bub is dös net. Dös is der deinig. Da hast ihn, den

Schreihals! Trag ihn davon!«

Schweigend nahm Karlin das Kind auf ihre Arme, schmiegte das vor

Schluchzen zuckende Köpfl an ihre Brust und verließ die Stube.

»So!« sagte Purtscheller und schob sich hinter den Tisch. »Fangen wir

gleich an. In Gschäftssachen hab ich 's lange Rumreden net gern. Wer

sein Sach versteht, macht kurze Wörtln.« Er steckte die Serviette vor

die Brust und füllte seinen Teller mit Suppe. »Mögen S' mitessen,

Rufel?«

»Ich dank schön, Herr Purtscheller, ich eß nix.«

»Ah, richtig, Sö dürfen nur aus Ihre koschern Haferln schlecken!«

Purtscheller lachte. »Hören S', Rufel, so was sollt im neunzehnten

Jahrhundert doch an überwundener Standpunkt sein. Aber a Glaserl Wein?«

»Ich dank schön, Herr Purtscheller, ich trink nix.«

»So lassen Sie's bleiben!« Purtscheller leerte das Glas und begann zu

essen. »Also! Daß wir zum Gschäft kommen! Ich will Ihnen was verdienen

lassen.«

Rufel verbeugte sich, daß sein Kinn die auf dem Hakenstock ruhenden

Hände berührte. »Soll mir e Vergnügen sein, wenn e Geschäft sich machen

läßt.«

»Was der Berg da droben für Sachen aufführt, dös werden S' ja ghört

haben?«

»Hab ich gehört und gesehen! Daß Gott erbarm! Die armen Leut da droben!«

»Ja! A Jammer! Und mein schöner Wald schaut aus, daß mir 's Herz bluten

möcht. A paar hundert Stämm hat's mir schon gworfen. Und wann ich

net im Fruhjahr noch mehr verlieren will, muß man den ganzen Wald im

Winter abtreiben. Drum hab ich Ihnen kommen lassen. Wissen S' mir kein'

Holzhändler, der dös ganze Gschicht bei Butz und Stingel übernimmt und

's Geld auf'n Tisch zahlt? Sechzgtausend Mark kann einer leicht geben

für so an Prachtwald. Die schlagt er aussi ohne Müh und hat noch sein'

fetten Profit dabei. Also? Wissen S' mir net so an Kerl? Fünf Perzent

kriegen S' Provision.«

Rufel schwieg.

»No also? Reden S'!«

»Zwei Perzent bin ich gewöhnt bei en ehrlichen Vermittlungsgeschäft. Nu

wollen Se mir geben fünfe. Hätt ich dreitausend Mark von der Sach! Wär

e schöns Geld für den alten Rufel. Nur schad! Die Sach wird sich nix

machen lassen.«

Purtscheller schien nach diesem Einwand das höfliche ›Sie‹ für

überflüssig zu halten. »Du alter Narr du! Warum denn net?«

»Alt bin ich«, sagte Rufel in Ruhe, »aber nix e Narr, sondern e

vernünftiger Mensch, der Augen im Kopf hat und weiß, was e Geschäft is.«

»No also, warum soll sich denn so a Gschäft net machen lassen?«

»Weil sich nix e Holzhändler wird finden, der für e so en Wald

sechzigtausend Mark gibt.«

»Ah, was d' net sagst!« Lachend leerte Purtscheller das Glas und füllte

es wieder. »Da bin ich neugierig! Also? Wieviel meinst, daß einer geben

möcht?«

»Für e funfzehntausend trau ich mir das Geschäft zu machen.«

Purtscheller wollte aufbrausen. Da kam die Magd mit der Bratenschüssel.

Und bei der Musterung des duftenden Gerichtes verrauchte Purtschellers

Ärger. Als die Magd wieder gegangen war, sagte er lachend: »Weißt, mein

Lieber, da red ich gleich gar nimmer weiter. Wann du dös Gschäft net

machst, so macht's an andrer.«

»Gott soll Ihnen so en andern finden helfen!«

»Und net an Knopf laß ich nach. Meine sechzgtausend Mark muß ich haben.

Ich brauch s'!«

»Sechzigtausend brauchen Se?« fragte Rufel halb lächelnd und halb

erschrocken. »Hab ich doch geglaubt, Se brauchen nur achtundvierzig?«

Purtscheller wurde rot über das ganze Gesicht; doch er spielte den

Verwunderten. »Wieso?«

»Nu! Weil Se doch müssen löschen an Neujahr die Hypothek vom

Schloßbräu.«

»Ja Herrgottsakra!« Purtscheller warf Gabel und Messer vor sich hin,

daß von seinem Teller die Bratensoße über das Tischtuch spritzte. »Hat

er sein' Bubenstreich schon austrommelt in der ganzen Gegend? In Verruf

möcht er mich vielleicht auch noch bringen? Nach der Bosheit, die er

mir antan hat aus lauter Wut, weil mein Bräunl sein' Schimmel gschlagen

hat.«

»Regen Se sich nix auf, Herr Purtscheller! Und reden Se, bitt ich, nix

so laut! Ihre gute Frau da drunt und die Dienstleut brauchen nix zu

hören, was für e Dischkurs wir haben. Und betrachten Se gefälligst,

bitt ich, die Sach mit en ruhigen Aug. Der Schloßbräu hat Ihnen die

Hypothek nix gekündigt aus Bosheit. Er hat se gekündigt aus Angst, weil

er sein Geld zu verlieren fürcht.«

»Angst? Ah, da schau! Dös wär ja ~noch~ schöner!« Purtscheller

schien sich wirklich nicht mehr aufzuregen. Er setzte Gabel, Messer

und Zähne wieder in Bewegung und sagte mit Gemütsruhe: »Geh, zieh dein

Schmierkappl aus'm Sack und fahr ab! Wir zwei haben ausgredt.«

Rufel lächelte und blieb sitzen. Nach einer stummen Weile sagte er mit

seiner sanftesten Stimme: »Die Hypothek müssen Se löschen an Neujahr.

Also müssen Se das Geld auftreiben. Und wenn Se von mir gefälligst

anhören wollen e gut gemeints Wörtl, so versprech ich Ihnen, daß ich

das Geld beschaffen will.«

»Aaah! Pfeifst jetzt aus an andern Klarinettl? Weil d' merkst, daß

deine Schreckschüß net verfangen bei mir? Also! Red!«

»Sie brauchen zum Löschen, die Kosten eingerechnet, funfzigtausend

Mark. Warum also wollen Se sechzig? ~Noch~ zehne auf den Hof

laden?«

»Weil ich Verbesserungen einführen will in der Wirtschaft.«

Purtscheller schwang die Gabel mit großer Armbewegung durch die Luft.

»Mein Hof kunnt um d' Hälfte mehr tragen als die letzten Jahr!«

»Da haben Se recht.«

»Der alte Schlendrian muß aufhören.«

»Da haben Se wieder recht. Freut mich, daß Se das einsehen.«

»Wann der Bauer net den Fortschritt mitmacht, is er gliefert. Er muß

sich halt auch a bißl nach der neuen Zeit richten.«

Rufel sah den Großsprecher mit enttäuschten Augen an. »Ach so? Hab

gedacht, daß Se das schöne Wörtl vom Schlendrian anders meinen.« Er

schnitt eine schmerzliche Grimasse. »Und lassen Se mich, bitt ich, mit

der neuen Zeit in Ruh! Wirtschaften Se lieber, wie Ihr Vater, Gott soll

ihn selig haben, gewirtschaftet hat, und alles wird gut sein!«

»Mein Vater? So? Wer hat denn die Hypothek auffidruckt auf'n Hof?« Kaum

hatte Purtscheller das gesagt, als er zu merken schien, daß er mit

diesem Wort an die falsche Adresse geraten war. Er brummte was vor sich

hin und nahm ein Stück Braten aus der Schüssel. Dann hob er verlegen

die Augen. Was der stumme Blick des alten Mannes zu ihm redete, trieb

ihm das Blut ins Gesicht. »No ja!« Er stieß den Teller von sich, als

wäre ihm der Appetit vergangen. »Reden wir lieber vom Gschäft.«

»Gut! Reden wir vom Geschäft. Und lassen Se mich jetzt in Ruh e bißl

sagen, wie ich es mein'!«

»No also, reden S' halt!« Purtscheller erhob sich, grub die Hände in

die Hosentaschen, trat zu einem der Fenster und starrte verdrießlich

durch die von rotem Weinlaub umzitterten Scheiben hinaus.

»Das Geld brauchen Se! Aber denken Se dabei nix an den armen Wald

da droben! Für den kriegen Se, wie heut die Sachen stehn, keine

zwanzigtausend mehr.«

»Daß ich net lach!«

»Wer den Wald heut kaufen soll, schaut sich nur zur Hälft den Wald,

zur anderen Hälft den meschuggenen Berg an. Was heut noch steht? Wer

sagt ihm, daß es morgen noch stehen wird? Vor dem Winter, eh nix der

Boden gefroren is, kann er nix anfangen zu schlagen. Bis zum Frühjahr

kann er das ganze Holz nix herunterbringen ins Tal. Und da liegt nu

das geschlagene Holz auf dem laufenden Boden. Wo steht's geschrieben

und protokolliert, daß im Frühjahr, wenn Gott behüt de großen Wasser

kommen, der laufende Boden nix einschluckt die schönen Stämm und die

fertigen Klaftern?«

Purtscheller drehte sich vom Fenster und warf die Jacke von der Brust

zurück, als wäre ihm heiß geworden. »Jetzt hab ich's aber gnug!

Möchtest mir den Wald gern abdrucken um an Pappenstiel? Da brennen S'

Ihnen, mein verehrter Herr Jud! Ich brauch kein' Holzhandler nimmer.

Jetzt treib ich den Wald selber ab. Bloß daß ich beweisen kann, wieviel

einer aus dem Wald noch aussibringt.«

Stolpernde Schritte kamen über die Treppe herauf. In die Stube trat

ein alter Knecht, atemlos, das Gesicht mit Schweiß bedeckt. »Herr

Purtscheller!«

»Um Gotts willen, was is denn?«

»Im Wald bin ich droben gwesen. D' Frau hat mich gschickt, a bißl

nachschauen. Und schlecht schaut's aus. Schlecht, Herr! A paar Tagwerk

Holz sind ins Laufen kommen. Ich schätz auf tausend Klafter, was der

Boden im Nachrutschen zudeckt hat.«

Fahle Blässe rann über Purtschellers Gesicht. So stand er ein paar

Sekunden ratlos. Dann schoß ihm das Blut in die Stirn, und mit

aufbrausendem Zorn, als wäre der Bote an dem Unglück schuld, fuhr er

auf den Knecht los und schrie ihn an: »Du Täpp, du gottverlorener!

Wie kannst mir denn ~jetzt~ grad ins Haus fallen? Mit so einer

Nachricht!«

»Aber Herr?«

»Naus, sag ich! Mein' Fried will ich haben!« Und als der Knecht

erschrocken über die Schwelle zurückwich, packte Purtscheller die Tür

und warf sie ins Schloß. »Alles kommt über mich! Alles! Alles!« Da war

ihm nun plötzlich das Weinen näher als das Schelten. Zitternd an allen

Gliedern ging er zu einem Lehnstuhl und ließ sich in die Polster fallen.

Rufel hatte sich erhoben. Zögernd schlich er gegen den Lehnstuhl und

räusperte sich.

Der laufende Berg · 第 32 / 60 题