Zwei Stunden später war die Arbeit fertig. Die Schrauben hatten Muttern
wie Fäuste so groß.
»Bist z'frieden, Mathes?«
»Besser hätt's keiner gmacht. Wieviel bin ich schuldig?«
Schorschl wollte keinen Preis sagen. »Was meinst denn, daß ich verdient
hab?«
»No, mit'm Eisen schätz ich acht Mark.«
»Sagen wir fünfe! Is eh schon viel.«
»Geh, da zahlst ja drauf.«
»Gott bewahr, da verdien ich.«
»No also, vergelts Gott halt! Aber zahlen muß ich an andersmal. Ich bin
gahlings droben fortgrennt und hab nix bei mir.«
»Bist mir ja gut. Pfüet dich Gott! Und grüß mir --« Schorschl stockte.
»Grüß mir deine Leut!«
»Ja.« Mathes lud die schweren Stangen auf seine Schultern und verließ
die Werkstätte.
Langsam trat Schorschl unter das Tor und sah ihm nach. »Gleich gar
net reden hat er mögen von der Vroni. Schorscherl, Schorscherl! Da
schaut's schlecht aus.« Mit diesem Stoßseufzer ging er ins Haus, um das
versäumte Mittagsmahl nachzuholen. Bei seinen sorgenvollen Gedanken
hatte er wenig acht auf die Kocherei und ließ den Schmarren anbrennen.
Weil er ein zweites Mal nicht kochen wollte, mußte er sich mit einem
Rinken Brot begnügen. »Wann net bald Arbeit kommt, muß ich mich eh ans
Brotbeißen gewöhnen.« Er kehrte in die Werkstatt zurück. »Herrgott!
Herrgott! Wo nimm ich denn 's Geld her?«
Da schien ihm der Zufall -- oder war's der liebe Gott, den er angerufen
hatte? -- einen Fingerzeig zu geben. Er hörte Hufschlag, und als er
unter das Tor sprang, gewahrte er den Purtscheller, der seinen Traber
am Zügel in den Hof der Schmiede führte. »Der Purtscheller! Meiner
Seel! Den hau ich drum an. Ich glaub, der gibt mir's.« In diese
freudige Hoffnung mischte sich gerechtes Staunen über den Anblick, den
Purtscheller mit seinem Traberzeugl bot. Um zehn Uhr vormittags war der
flotte Herr gar stolz und hoheitsvoll auf seinem rot lackierten Gig
zum Dorf hinausgeradelt. Und wie kam er zurück! Auf Schustersrappen,
den Bräunl am Zügel führend. Mann, Pferd und Wagen über und über
mit grauem Kot bespritzt! Galliger Ärger redete aus Purtschellers
gerötetem Gesicht, während er den Bräunl gegen die Schmiede zerrte.
Es war ein schönes, edles Tier. Jetzt ließ es trauernd den Kopf
hängen, hinkte mit einem Vorderfuß, und immer wieder schauerte ihm
das Fell, dessen brauner Metallglanz unter Kot und eingetrockneten
Schaumflocken erloschen war. Bei dem Mitleid, das Schorschl mit dem
übel zugerichteten Tier empfand, vergaß er den Gedanken, der bei
Purtschellers Anblick in ihm aufgestiegen war. »Um Gotts willen? Was
hat denn der Bräunl?«
»Hol's der Teufel, ich weiß selber net!« murrte Purtscheller. »A halbs
Stündl vorm Ort draußen hat er auf amal auslassen. Alteriert hab ich
mich, daß mir völlig schlecht is. Bei mir schlagt sich alles gleich
auf'n Magen.« Er trat einen Schritt zurück und betrachtete das Pferd.
»Wann mir dö Lumpen den Gaul ruiniert haben, weiß ich nimmer, was ich
anfang. Der Gaul is mir lieber wie alles, was ich hab.«
»Aber! Geh! So was sollten S' doch net sagen!«
Wieder musterte Purtscheller das Pferd. »Ich kann mir nix anders
denken, als daß der Gaul in der Stadt vernagelt worden is, wie ich ihn
bschlagen hab lassen.«
»In der Stadt waren S'? Mit 'm Bräunl? Seit zehne vormittags?«
Trotz Ärger und Sorge erwachte in Purtscheller der Stolz. »Ja! Und hab
mich noch anderthalb Stund drin aufghalten.«
»Sechzg Kilometer bergauf und ab! In dritthalb Stund!«
Der Vorwurf, der aus Schorschls Worten klang, trieb dem
Purtscheller-Toni das Blut noch dunkler ins Gesicht. »Du Narr!« schrie
er. »Was versteht denn so einer wie du von der Sportssach! Hast denn
du an Idee, was a richtiger Traber hergeben kann, wann er in guter
Kondition is? Statt daß so dalket daherredst, schau lieber nach, wo der
falsche Nagel steckt!«
»Ich weiß eh schon, wo's fehlt!« brummte Schorschl, streichelte das
Pferd an den Nüstern und hob ihm den Huf des lahmen Fußes auf.
Draußen auf der Straße ging der Buchbinder vorüber, der neben seinem
Geschäft im Dorf auch die Agentur der Lebens- und Feuerversicherung
führte. Als er den Purtscheller sah, kam er näher und zog höflich den
Hut. »A Wörtl, Herr Purtscheller!«
»Was is denn schon wieder?« fuhr Purtscheller auf. »Hab dir's doch
neulich schon gsagt: ich ~laß~ mein Leben net versichern. So bald
denk ich noch net ans Sterben.«
»Gott behüt's! Aber nix für ungut, ich hab Ihnen bloß erinnern wollen:
am ersten Oktober haben S' auf d' Feuerbolizzen vergessen.«
»Was? Ich? Der Purtscheller? Vergessen? Der Purtscheller vergißt nix.
Aber z'dumm wird's mir endlich. Die ganze Ausrauberei! So viel Jahr
zahl ich den schauderhaften Brocken hin, und nie hat man was davon.«
Nun schien er doch zu merken, daß er im Zorn ein paar unverständige
Worte gesagt hatte. »Meintwegen also, bloß daß ich an Fried hab, ich
schick dir morgen den Bettel ummi.« Ohne sich weiter um den Mann zu
kümmern, wandte sich Purtscheller zu Schorschl. »No also, wo fehlt's?«
»Der Gaul is in Ordnung bschlagen«, erwiderte Schorschl, während er
dem Pferde den Nacken tätschelte, »aber z'viel verlangt haben S' vom
Bräunl.«