»Na!« sagte Schorschl ruhig. »Schauen S', daß der arme Gaul heim
in Stall kommt und in warme Decken! Der is knapp am Lungenschlag
vorbeigrutscht. Oder er kriegt noch an Treff.«
»Was? Verstehn tust nix! Und verrufen willst mir mein' Gaul auch noch?«
schrie Purtscheller. Ein Unwetter von Schimpfworten hagelte über den
Kopf des Daxen-Schorschl nieder.
Der suchte den Jähzornigen zu beschwichtigen. Als Purtscheller die
Sache gar zu grob machte, rührte sich in Schorschl das Blut. »Sie, Herr
Purtscheller!« Seine Stimme klang noch immer ruhig, aber es blitzte
drohend in seinen Augen. »Jetzt hab ich's gnug. Söllene Sachen laß ich
mir net sagen. Halten S' a bißl zruck, oder --«
»Oder was?«
»Oder ich kunnt mein Hausrecht brauchen.«
Purtscheller bekam bleiche Lippen. »So traust dich du mit ~mir~ z'
reden? Paß auf! Eh ich dir wieder an Arbeit gib, kannst dir d' Finger
abschlecken!«
»Dö sind mir net süß gnug.«
Purtscheller packte den Zaum seines Pferdes. »Komm, Bräunl, oder die
Gall bringt mich um!«
Breitspurig, mit den Fäusten auf dem Rücken, stand Schorschl
inmitten seines Hofes und blickte dem Abziehenden nach. Sein Groll
über Purtschellers böse Worte war schon wieder verraucht, vergessen
über dem Erbarmen, das er für das mühsam schleichende Tier empfand.
»Arms Rösserl!« Dann dachte er wieder an sich selbst. »O du heiliger
Schnupftabak! Dös Gsicht hätt ich sehen mögen, wann ich den jetzt
anpumpt hätt!«
Purtscheller war schon um die Ecke herum, aber noch immer schalt er vor
sich hin, während er den Bräunl, dessen hinkender Gang immer langsamer
wurde, am Zügel hinter sich herzog. »Es is wahr, a bißl viel hab ich
verlangt von ihm.« Bei diesem Zugeständnis erwachte in Purtscheller
die Sorge. Seufzend betrachtete er das Pferd. »Es is net so arg. Ich
glaub's net. So a kerngsunds Roß! Ah na, so was gibt's net.« Da fiel
ihm der Schloßbräu in der Stadt ein, der ihm aus Sportneid die Hypothek
gekündigt hatte. »Wie der lachen möcht, wann der Bräunl beim nächsten
Rennen net starten kunnt!« Schmeichelnd legte Purtscheller die Wange an
den Kopf des Pferdes. »Gelt, na, Bräunerl? So ebbes tust deim Herrerl
net an! Komm, schauen wir, daß wir ins Stallerl heimfinden! Da sollst
es schön warm kriegen! Und a guts Schnapserl aufs Naserl!«
Als er das Pferd endlich in den Hof brachte, mußten die Knechte alle
Arbeit liegen lassen, um sich dem Bräunl zu widmen.
»Wo bleibt denn der Altknecht?«
Den hätte die Purtschellerin fortgeschickt, hieß es.
»Natürlich! Wieder amal! So geht's allweil! Wann ich meine Leut brauch,
müssen s' Gott weiß wo umanand rennen und Weiberbotschaften austragen.«
Als Purtscheller das sagte, ging Zäzil über den Hof. »He! Zäzil! Komm
her und hilf mit, den Bräunl frottieren!«
Getrennt von den anderen Pferden, hatte der Bräunl einen eigenen,
sportmäßig eingerichteten Stall, über dessen Raufe auf einem
Messingschild der Name prangte: ›Herzbinkerl‹.
Während Zäzil und die Knechte das Frottieren begannen, eilte
Purtscheller zum Haus, um für Bräunl das ›Schnapserl‹ zu holen. Unter
der Tür trat ihm Karlin entgegen, erregt, mit blassem Gesicht. »Grüß
dich Gott, Toni!«
Er wollte an ihr vorüber.
Sie haschte seine Hand. »Sei net bös, Toni, daß ich dir was Unguts
sagen muß! In unserem Wald droben --«
»Jesses! Laß mich in Ruh! Mir brummt eh der Schädel! Mein Bräunl hat
an kalten Schnaufer erwischt. Wo is denn die Kognakflaschen? Mach
weiter, hol mir s' abi!« Er eilte in den Stall zurück. Schmeichelnd
kraute er dem zitternden Pferd die Ohren. »Ja, mein Herzbinkerl, gleich
sollst dein Schnapserl kriegen!« Als Karlin nach einer Minute nicht da
war, wurde er ärgerlich. »Wo bleibt denn dös Weiberleut?« Er rannte
wieder aus dem Stall. Da kam ihm Karlin mit der Flasche entgegen, ganz
atemlos. Nun fiel ihm doch ihr verstörtes Gesicht auf. »Meintwegen, so
red halt! Was is denn mit'm Wald?«
»Vom Mathes hab ich's ghört«, stammelte sie, »der Berg soll sich wieder
grührt haben, und da hab ich gleich den Altknecht auffigschickt zum
nachschauen.«
»No also! Da is ja eh alles in Ordnung.«
»Aber Toni! Drei Stund, und der Knecht is noch allweil net daheim!«
»Weil er an alter Trenzer is! Was soll denn passiert sein? A paar Bäum
wird's halt wieder gworfen haben. Braucht man s' nimmer umschlagen.«
Purtscheller wollte im Stall verschwinden, als ihm Karlin zögernd
nachrief: »Toni! Der alte Rufel is da. Er wartet schon seit Mittag und
sagt, du hättst ihn bstellt.«
»Was! Mit dem soll ich heut auch noch reden! Himmelkreuzteufel, heut
kommt mir aber schon alles über'n Hals! Warten soll er! Der hat Zeit.
Wann ihm 's Hosenschnorren lieber is, als daß er mit mir a Gschäft
macht, meintwegen, so soll er wieder abfahren!«
Purtscheller trat in den Stall, und weil ihm Zäzil im Wege stand, schob
er sie beiseite und kniff sie so derb in den runden, nackten Arm,
daß sie kichernd aufkreischte: »Aber Herr! Glauben S', mein Arm is a
Brotwecken? Lassen S' mich in Ruh! Zwicken S' Ihr Frau!«
Das hörte Karlin, und Zornröte flammte über ihre abgehärmten Züge.
Sie machte einen Schritt, als wollte sie in den Stall treten. Dann
schüttelte sie den Kopf, strich die losen Härchen hinters Ohr und ging
ins Haus. Als sie droben die Wohnstube betrat, hatte sie ihre Ruhe
wiedergefunden. Der Tisch war gedeckt, die offene Weinflasche stand
bereit. Auf einem Sessel, mitten im Zimmer, saß der alte Rufel, mit dem
Hakenstock zwischen den Knien; aus der einen Tasche seines Rockes, der
bis zum Boden reichte, hing ein Zipfel seines roten Sacktuches heraus,
aus der anderen die abgegriffene Schlappmütze; seinen Zwerchsack hatte
er drunten im Flur unter die Treppe geschoben. Als die junge Frau
eintrat, strich er mit der runzeligen Hand über sein glattrasiertes
Faltengesicht, aus welchem gutmütige Offenheit und mißtrauische
Vorsicht, ruhiger Ernst und wachsame Schlauheit in seltsamer Mischung
redeten.
»Jetzt is er heimkommen!« sagte Karlin leise, weil im Nebenzimmer der
kleine Tonerl sein Mittagsschläfchen hielt. »Gedulden S' Ihnen noch a
bißl, er wird gleich da sein.«
»Es eilt nix, meine liebe Frau Purtschellerin.«
Auch in Rufels Art zu reden lag ein Widerspruch; er gab sich Mühe, den
Dialekt der Bauern zu sprechen, doch der jüdische Jargon schlug immer
durch.
Karlin nahm ihre Häkelarbeit aus der Fensternische und setzte sich
an den Tisch. Nach einer Weile fragte sie: »Haben S' allweil gute
Gschäften gmacht in der letzten Zeit?«
»Es geht. Aber ich weiß Zeiten, die besser waren. Und nix für ungut,
Sie sind e Bäuerin, liebe Frau, aber mit die Bauern is hart e Geschäft
machen!« Rufel lachte. »Püh! Die sennen schlauer wie der Jud!«
Das hatte er so drollig gesagt, daß auch Karlin lächeln mußte. »Aber
Rufel! Wann dös die Bauern hören möchten.«
»Hab ich's ihnen doch schon oft genug ins Gesicht gesagt! Hat der Bauer
en Handel gemacht, und der Vorteil is auf seiner Seit, so laßt er
mich reden, was ich mag, und lacht mich aus. Hab ich aber e bißl was
verdient, und der Bauer merkt's? Nu, so schimpft er: Jud, Jud!« Rufel
wiegte den Kopf und hob die Schultern. »Ich geh meinen Weg und laß mir
nix verdrießen. Sollen se schimpfen, wenn ich hab verdient!«
»Geh, Rufel! Sie haben Ihr richtiges Grüß Gott noch allweil von jedem
kriegt. Mit Ihnen handelt jeder gern im Ort.«
Der Alte machte forschende Augen, als wäre ihm die Wärme auffällig, mit
der die junge Frau zu ihm redete.
»Und schauen S', Rufel, wann diemal einer im Zorn so 'rausschreit: Jud!
Jud! -- da meint er ja Ihnen gar net!«
»Soll er's dem andern sagen, den er meint!«
»Es is halt so in der Welt, daß der Unschuldig für den Schuldigen
leiden muß. So, wie Sie sind, so sind net alle Juden, die zu uns ins
Dorf kommen. Denken S' nur an denselbigen, der unsere Nachbarsleut
um Haus und Hof bracht hat! So a Krawattlschnürer! Da kann man's den
Leuten net verdenken, wann s' in ihrem Zorn und Elend dös Wörtl haben:
Jud, Jud! Sagen S' selber: kann man's ihnen verdenken?«
Rufel schwieg.
»Gelt? Da reden S' nix!«
Der Alte seufzte: »Meine liebe, gute Frau Purtschellerin! Was wollen
Se, daß ich sagen soll? Nu? Soll ich auf en Juden schimpfen? Das
können Se doch nix von mir verlangen. Ich bin doch e Jud. Oder soll
ich widersprechen und soll ihn loben? Ich kenn den Jüden doch! Nu
also? Schweig ich doch lieber! Aber weil wir schon reden, meine liebe
Frau Purtschellerin, wollen wir machen e glattes Geschäft und sagen:
die Menschen sind, wie der Herr sie gemacht hat. Die Hälft hat er
geschaffen im Zorn, die ander Hälft in der Lieb. Ich denk mir, das
kommt aufs gleiche hinaus, ob ich sag: Jüden, Christen oder Terken!
Überall gibt's gute Menschen. Hab ich recht? Und überall schlechte.
Gott verzeih's ihnen!«
»Ja, Rufel, so denk ich selber!«
Rufel zog das rote Tuch hervor und wischte sich die Stirn ab. Dann
stieß er seinen Hakenstock auf die Dielen. »Nu ja! Ich für mein Teil
komm gut aus mit die Leut. Hab ich aber wirklich emal en Verdruß im
Dorf, woher kommt's? Von dem gottvermaledeiten Geldgeschäft. Drum will
ich nix wissen von die Geldgeschäfter. En richtigen Handel mach ich
gern. E schöner Handel is was Schöns. Mit die Geldgeschäfter sollen
se mich in Ruh lassen! Hab ich e Geld? Ich hab doch nix! Aber da
wirtschaften se schlecht und dann brauchen se Geld und Geld und Geld.
Und da heißt es: Rufele, leih mir! Rufele, borg mir! Rufele, gib mir e
Geld! Rufele hint und Rufele vorn! Und richtig, der Rufele läßt sich
beschwatzen und lauft sich die alten Füß krumm und treibt das Geld auf.
Als en ehrlicher Mann muß ich doch sorgen dafür, daß die Leut, die mir
geschenkt haben ihr Vertrauen, zur richtigen Zeit mit Zinsen ihr Geld
wiederkriegen. Aber komm ich mahnen, so machen se mir Grobheiten. Und
wollen se nix zahlen, und ich muß Gott behüt zu Gericht gehen, so
schreien se: Jud, Jud! Und nehmen mir's übel, daß e paar dumme Jüden
vor achtzehnhundert Jahr mitgeholfen haben, den christlichen Heiland
kreuzigen. Ich bin doch nix dabei gewesen. Und warum schimpfen se nix
auf die Italiener? Der Ponzipilatus und seine Kriegsknecht sennen doch
Italiener gewesen. Und ich sag Ihnen, Frau Purtschellerin: hätten
de Juden von damals sich denken können, was für e Geserres draus
entsteht, sie wären gescheid gewesen und hätten's gehn gelassen. Nu
ja! Das wär doch den Christen auch wieder nix recht gewesen. Nix e
so und nix e so? Is e harts Leben, Frau Purtschellerin!« Wieder fuhr
sich Rufel mit dem roten Tuch über das erregte Gesicht. Dann sagte er
ruhiger: »Grobheiten! Ja! Schauen Se mich an, meine liebe, gute Frau
Purtschellerin: wie ich da weg geh, weiß ich im voraus, daß ich wieder
en Sack voll Grobheiten einzustecken bekomm. Und warum? Weil ich nach
Recht und Pflicht e bißl mahnen muß!«
»O mein Gott! Bei wem denn?«
»Beim Herrn Dax in der Schmieden! Wieder emal!«
»Ach, Jesus! Mit dem armen Schorschl is a Kreuz!«
»Wem sagen Se das? E wahrer Jammer is mit dem Menschen! E Kerl,
gewachsen wie e Baum! Könnt sitzen in Glück und Wohlstand, wie der
Kern im süßen Pfersich! Aber nein! Da verjuckt er das schöne Geld,
laßt sich die Sonn auf'n Buckel scheinen und macht für die Bauern den
meschuggenen Fisch. Es wird e schlechts End mit ihm nehmen, fürcht ich.«
»Aber schauen S', Rufel! Jetzt is ihm der Gsell davon, wie d' Leut
sagen, jetzt tut er sich doppelt hart. Seit zwei Tag hör ich ihn
allweil fleißig hammern.« Karlin öffnete das Fenster, damit Rufel die
Hammerschläge, die von der Schmiede herüberklangen, besser hören sollte.
»Nu ja! Wenn ich en ernsten Willen bei ihm sehen möcht, so möcht ich
mit mir reden lassen. Möcht ihm noch helfen! Es is mir weiß Gott doch
selber lieber, ich krieg mein Geld mit gesetzlichen Zinsen zurück, als
daß ich den Menschen zugrund gehen seh, und daß wieder einer hinter mir
herschreit: Jud, Jud! Aber ich hab nix mehr en Glauben auf ihn. Oder es
müßt e Wunder geschehen. Aber Wunder sennen e seltene Sach. Und glauben
Se mir, Frau Purtschellerin: wenn der Leichtsinn bei de Menschen emal
durchgefressen hat durch de Haut, so kann der beste Schneider von der
Welt so e Loch nix mehr flicken. Da werden se blind, da graben se
Loch in Loch, schieben die Schuld auf alle Sachen, nur nix auf sich
selber, machen e groß Maul und schimpfen auf alle Leut, malträtieren de
Menschen, die's ehrlich mit ihnen meinen --« Rufel verstummte und sah
erschrocken auf. »Was haben Se, Frau Purtschellerin?«
Karlin hatte sich erhoben; Tränen standen ihr in den Augen.
»Meine liebe Frau Purtschellerin! Sie haben e gut Herz! Und in Gottes
Namen: wenn Se schon so viel Mitleid haben mit dem Herrn Dax -- Ihnen
zulieb tu ich's -- so will ich heut nix mehr mahnen gehen zu ihm und
will noch e Weilchen zuschauen. Aber nu lachen Se mer wieder!« Rufel
wurde unruhig, als er sah, daß sich die Erregung der jungen Frau nicht
beschwichtigen wollte. »Was haben Se, Frau Purtschellerin?«
Karlin ließ die Häkelarbeit fallen und klammerte die Hand an die
Tischkante. »Ich glaub, ich hab drunt den Toni reden hören.« Unsicher
blickte sie in Rufels Gesicht, trat scheu auf ihn zu und legte ihm die
Hand auf die Schulter. »Rufel! Ich hätt was auf'm Herzen!«
»Heraus! Mit dem Rufel können Se reden.«
»Ja, gelt? Schauen S', wir kennen uns doch seit fufzehn Jahr schon! Wie
ich noch a kleins Maderl gwesen bin, sind S' allweil auffikommen zu uns
und haben dem Vater die Lampelfell abghandelt.«
»Hab immer e guts Geschäft mit ihm gemacht. Is e braver Mann gewesen.«
»Und wissen S' noch? Wann der Handel fertig war, haben S' Ihnen allweil
auf 's Hausbankl gsetzt und haben plauscht mit mir. Schauen S', Rufel,
schon selbigsmal hab ich Zutrauen zu Ihnen ghabt. Jetzt hab ich's
wieder. Ich weiß, Sie sind an ehrlicher, gradsinniger Mensch.«
»Nu ja!« Rufel schnitt eine schmerzliche Grimasse, als hätte ihm Karlin
kein sonderliches Kompliment gesagt. »Drum hab ich doch nix und bin e
Schnorrer. Aber nu regen Se sich nix auf und sagen Se heraus, was los
is!«
Sie vermochte kaum zu sprechen. »Rufel! Ich glaub, mein Toni hat
Sorgen.« Die Tränen kollerten ihr über die Wangen.
Rufel fühlte einen heißen Tropfen auf seiner Hand und zuckte zusammen.
Karlin halb von sich schiebend, erhob er sich und sagte mit abgewandtem
Gesicht: »Machen Se mir nix solche Sachen vor, Frau Purtschellerin!
Ich kann so e junge Frau nix weinen sehen. Und will Ihnen sagen,
warum! Ich hab e Tochter gehabt, e brav Kind. Is dem Rufel seine Freud
gewesen! Und wie se gehabt hat e paar Jährche über de zwanzig, hat se
sterben müssen. Hat nix e Freud gehabt in der Welt, nix e Genuß vom
Leben. Und jung hat se sterben müssen. Mit Geduld hat se getragen die
lange, kranke Zeit. Und emal, wie ich vom Dorfgang heimkommen bin auf'n
Abend, da bin ich wieder zu ihr gegangen ans Bett, hab se bei der Hand
genommen und hab gefragt: Veigele, mein Leben, geht's dir besser e
bißl? Nix e Wörtl hat se gesagt, hat mir die Hand gedrückt, e so wie
Sie jetzt -- lassen Se aus, Frau Purtschellerin! -- und die Tröpfelche
sennen ihr übers Gesicht gelaufen, e so wie Ihnen!« Er befreite die
Hand. Mit Ärger seine Bewegung verbergend, greinte er: »Machen Se mir
nix solche Sachen vor!«
Stille war im Zimmer; nur die Wanduhr tickte, und vom Hof herauf hörte
man undeutlich die scheltende Stimme Purtschellers. Langsam fuhr sich
Rufel mit dem roten Sacktuch rings um den Hals. Bitter den welken Mund
verziehend, blickte er von der Seite zu Karlin auf. »Er braucht e Geld?«
Sie brachte kein Wort über die Lippen und schüttelte den Kopf.
Rufel hob die Schultern und seufzte. »Ich will Ihnen was sagen, liebe
Frau! Wie der große Herr Purtscheller mir angetan hat die Ehr, mich zu
bestellen in sein schönes Haus, da hat der Rufel schon mehr gewußt, als
der Herr Purtscheller ihm jetzt wird sagen wollen. Ich denk doch: er
braucht e Geld!«
»Na! Na!« stammelte Karlin, während ihr das Blut in die Stirne schoß.
»Aber Sorgen hat er. Es muß ihm die letzten Jahr net ganz so nausgangen
sein, wie er grechnet hat. Und da denk ich mir, er möcht an Rat von
Ihnen haben.«
»En Rat?« Rufel wiegte lächelnd den Kopf. »Nu, den will ich ihm geben
als en ehrlicher Mann.«
Karlin drückte ihm die Hand. »Vergelts Gott, lieber Rufel! Und ich bitt
schön, lassen Sie's Ihnen net gleich verdrießen, wann er a bißl hitzig
redt. Er is einwendig a guter Mensch. Aber so viel gache Hitzen hat er
im Blut. Bös meint er's net, bloß schreien tut er halt allweil gleich a
bißl.«
Rufel streichelte die Hand der jungen Frau. »Machen Se sich nix e Sorg,
Frau Purtschellerin! Soll er schreien! 's Anschreien is der Rufel
gewöhnt. Und nu machen Se e schöns Gesicht für ihn! Da kommt er, ich
hör ihn auf der Trepp. Lassen Se ihn nix merken, daß Se was geredt
haben mit'm Rufel! Ich schweig wie e Grab.« Er schob das rote Tuch in
die Tasche, setzte sich und nahm den Hakenstock zwischen die Knie.