»Vater! Da schau! Unser Haus!«
Die beiden kamen gelaufen und sahen, daß neben Vronis Kammerfenster
ein im Zickzack verlaufender Riß die Mauer von der Erde bis über die
Fensterhöhe durchzog. Mathes nickte wortlos vor sich hin. Während der
Simmerauer die zitternden Hände nach der weißen Mauer streckte und
an den Rändern des entzweigerissenen Mörtels umhertastete, sagte er:
»Mathes! Da hast jetzt deine Mäus!«
»Aber geh! Wegen dem bißl Riß! Deswegen brauchst dich net sorgen! So
was passiert in alte Häuser oft, daß a Riß durch d' Mauer geht.«
»Net so laut«, fiel Vroni flüsternd ein, »damit's d' Mutter net hört!«
»Erfahren muß sie's alleweil!« sagte der Simmerauer; aber auch er
dämpfte die Stimme. »Kannst ja heut in der Nacht nimmer schlafen in
deiner Kammer. Mußt dich wohl in d' Stuben ummi legen. Dös kann net
gschehen, ohne daß d' Mutter ebbes merkt davon.« Wieder starrte er die
Mauer an, atmete schwer und fragte: »Was meinst, Mathes?«
»Daß der Riß kein neuer is! Der kann schon lang in der Mauer gsteckt
sein und hat dem Häusl gar nix gschadt. Jetzt, freilich, bei dem bißl
Rumpler hat halt auswendig der Mörtl auch nachgeben.« Mathes begann den
Schaden genau zu untersuchen. »Es is schon so! An alter Riß! Vater, da
kannst dich verlassen drauf! Als Maurer muß ich so ebbes verstehn!«
»Ja, ja! Da muß ich's glauben.« Michel wandte sich zu Vroni. »So a
Glück, daß der Mathes d' Maurerei glernt hat! Jetzt kann er uns helfen.
Meiner Seel, ich wüßt mir jetzt kein' Rat net. Und gschehen muß doch
ebbes. So kann man doch dö arme Mauer net stehn lassen. Was meinst
denn, Bub?«
Mathes hatte seine Meinung schon fertig: der schlechte Mörtel
wird abgeschlagen, mit eisernen Schlaudern wird der ›alte‹ Riß
zusammengezogen, und über alles wird ein neuer Verputz gelegt. »Dös
mach ich so fein, Vater, als ob in der Mauer nie a Schaden net gwesen
wär.«
»Vergelts Gott, Bub!« nickte Michel. »Aber der Fleck, freilich, der
bleibt! So schön und sauber schaut sich d' Mauer nimmer an wie sonst.«
»Aber na, Vater! Da tu ich die ganze Wandseiten überweißnen, und
morgen, bis der Kalch auftrücknet, merkst kein Fleckl nimmer. Wie der
Schnee muß sich d' Mauer anschauen!« Mathes zog den Maßstab hervor,
den er in der Tasche trug, und nahm an der Mauer die Maße ab. »Vier
eiserne Schlauderbänder brauchen wir, anderthalb Meter, und vier gsunde
Schrauben dazu, jede an halben Meter lang, mit feste Muttern.«
»Mit feste Muttern, ja!« wiederholte der Simmerauer. »Was Mutter
heißt, is allweil ebbes Guts. Fangen wir nur gleich an! 's Häusl is d'
Hauptsach. Da muß der Hof und der Garten zruckstehn. Ich rühr derweil
an Kalch ein. Du, Mathes, packst d' Mauer an. Und 's Madl lauft zum
Schmied abi und laßt die Schlaudern machen. Hast dir 's Maß ordentlich
gmerkt, Vronerl?«
»Gnau, Vater!«
»So lauf, Madl, lauf, was d' laufen kannst!«
Vroni rannte; schon nach wenigen Sprüngen hielt sie wieder inne. Das
Gesicht von heißer Röte übergossen, sah sie ratlos den Vater an.
Der Simmerauer meinte diesen Blick zu verstehen. »Grad hab ich mir's
selber denkt. A starks Madl bist freilich. Aber so viel Eisen kannst
net auffischleppen über den ganzen Berg.«
Vroni senkte die Augen. Da sagte Mathes: »Ja, Vater, laß ~mich~
abi!« Als er an Vroni vorüberging, legte er die Hand auf ihre Schulter
und flüsterte: »Hast recht! Denk an unser Schwester!« Vroni schien ein
trotziges Wort auf der Zunge zu haben; doch als ihre Augen dem ernsten
Blick des Bruders begegneten, nickte sie und schwieg.
Ohne Hut und Joppe, barfuß, eilte Mathes davon, während ihm der Vater
nachrief: »Vergiß net: ~recht~ feste Muttern! Wann d' Mutter net
gut is, taugt die ganze Schrauben nix!« Nach dieser Mahnung fiel dem
Alten eine neue Sorge aufs Herz. »Mar' und Josef! Zu so was ghört a
richtiger Schmied. Auf so an Lüftikus, wie der Daxen-Schorschl, is kein
Verlaß.«
»Sorg dich net, Vater!« sagte Vroni erregt. »So viel hab ich gestern
gmerkt: sei' Sach versteht er, der Schorschl, wann er mag.« Dann
richtete sie sich auf. »Weis mir d' Arbeit zu! Wo fangen wir denn an?«
»Komm, hilf mir die Kalchgrub aufdecken!«
Als sie durch den Hof gingen, blickte Michel über das Gehäng hinunter.
»Schau nur! Den halben Berg is er schon drunt!« Der väterliche Stolz
hauchte dem Alten ein bißchen Farbe über das erschöpfte Gesicht. »Ja,
mein Mathes! Der is gut schicken, wann's pressiert. Auf den is Verlaß.«
Wer gemächlich ging, hatte von der Simmerau bis ins Dorf hinunter
eine halbe Stunde zu marschieren. Der Mathes brauchte keine zehn
Minuten. Freilich, als er aus dem letzten Wäldchen auf die Talwiesen
heraustrat, war er so atemlos, daß er ein paar Augenblicke rasten
mußte. Gerade gegenüber, auf dem anderen Ufer des Baches, lag der
stolze Purtschellerhof, an dem die Dorfstraße vorüberführte. Mathes
hing, solang er rastete, mit spähenden Augen an dem stattlichen Haus.
Dann trocknete er mit dem Handrücken die nasse Stirn und wandte sich
ab. Er folgte der Straße nicht, obwohl sie der nächste Weg zur Schmiede
gewesen wäre, sondern schwang sich über die Gartenzäune und eilte
hinter den Häusern an den Hecken entlang. Schließlich fand er einen
Fußpfad, der in der Nähe der Schmiede auf den Marktplatz mündete.
Schon wollte er auf die Straße treten. Erschrocken fuhr er zurück und
verbarg sich hinter den halbentlaubten Büschen.
Draußen auf der Straße ging die Purtschellerin vorüber, mit ihrem
Bübchen plaudernd, das sie auf den Armen trug.
Mathes regte sich nicht. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Als läge
ein drückender Stein auf seiner Brust, so beklommen atmete er.
Nun war sie vorüber.
Hastig trat Mathes auf die Straße hinaus. »Karlin!« rief er mit
heiserer Stimme, und erblaßte, als sie das Gesicht wandte.
Sie war schon an die fünfzig Schritte von ihm entfernt. Dennoch
erkannte sie ihn gleich. »Mathes! Du! Grüß dich Gott!« Sie wollte
zurückkommen.
Da rief er: »Ich hab net Zeit! Bloß sagen will ich dir, daß der
Purtscheller im Wald droben nachschauen soll. Der Berg hat a bißl ebbes
umgworfen. Dös hab ich dir sagen ~müssen~! Pfüet dich Gott wieder!
Pfüet dich Gott, Linerl!«
»Aber Mathes! Mathes!«
Er hörte nicht.
Karlin schüttelte verwundert den Kopf, und während sie ihm nachblickte,
schien sie gar nicht zu fühlen, daß ihr das Kind mit zausenden Händen
die Zöpfe fast von der Stirne riß.