»Macht nix!« stammelte der Simmerauer. »Es is net 's erstemal. Nur
net verzagen! Und auffischreien, daß er uns hören muß!« Er faltete
die Hände, hob sie über den Kopf empor und schrie: »Allgütiger du im
Himmel! Tu net auslassen!«
Ein zweiter Balken des Rostes sprang und bäumte sich knirschend. Aus
dem Garten scholl ein schwerer, dumpfer Klatsch; Schlamm und Wasser
spritzte in dicken Strahlen von der Böschung über den Hofraum. Dann war
alles wieder ruhig. Nur ein paar losgewordene Schindeln glitten mit
leisem Rascheln über das Dach herunter.
»Allweil steht's noch, unser Häusl! Er hat schon wieder gholfen. Auf
den is Verlaß!« sagte Michel und wischte sich den Schlamm ab, der ihm
ins Gesicht gespritzt war. »Wenn unt drin a Loch is, freilich, da
muß ebbes abifallen. Dös kann er selber net anders machen. Aber oben
halt er fest. Da laßt er net aus.« Während Vroni die Mutter, der vor
Schreck völlig übel war, zu einem Holzblock führte, wollte Mathes in
den Garten, um bei der Böschung nachzusehen. Michel hielt ihn am Ärmel
fest. »Z'erst a Vergelts Gott sagen, Mathes! Er hat's verdient um uns.«
Mit lauten Stimmen sprachen sie ein Vaterunser und den Glauben an Gott.
»So! Und jetzt speggalieren wir, wie's ausschaut! Viel is net passiert.
Und du, Vronerl, sei so gut, lauf auffi und schau, was die kleinen
Hascherln machen!«
»Dö singen ja, Vater!« sagte Vroni. Man merkte es an ihrer Stimme, daß
ihr das Herz bis an den Hals herauf schlug. »Hörst es net?«
Der Simmerauer lauschte. Obwohl sein Gesicht so weiß wie Kalk war,
glitt ihm doch ein Lächeln über den farblosen Mund. »Dö singen! Gott
sei Dank! Dö haben wieder gar nix gmerkt.«
Während Michel mit Vroni und Mathes im Hof umherging, um den Schaden zu
besehen, den der Erdrutsch angerichtet hatte, las Mutter Katherl die
Scherben des Milchkruges auf, den sie im Schreck hatte fallen lassen.
»Jetzt is der auch hin! Der schöne Krug!«
Das erregte Gackern der Hühner begann zu verstummen, und über dem
Rand der Böschung erschien die Kuh mit der baumelnden Kette. Sie
brummte ihren tiefsten Ton, sah mit großen Glotzaugen über Haus und
Garten nieder und ließ in wiedergefundener Seelenruhe die zottige
Schweifquaste pendeln.
Im Hofe fand der Simmerauer den halben Balkenrost aus den Fugen
getrieben und verschoben; neben den zwei zersplitterten Balken waren
ein paar andere krumm gebogen und fast geknickt. »Macht nix! Den
Schaden haben wir in zwei, drei Tag wieder gutgmacht. Gelt, Kinder,
helfen wir halt wieder ordentlich zamm!«
»Ja, Vater!« sagte Vroni, während Mathes schweigend nickte.
Nun gingen sie hinter das Haus und zur Böschung. Da sah es noch
schlimmer aus. Ein Wust von Erde und Felsbrocken war über den Garten
niedergebrochen und hatte den schweren Verhau zu Boden gedrückt wie
ein Kartenblatt. »Müssen wir halt an andern machen! Zeit haben wir
ja. Acht Tag, mein ich, gibt er jetzt wieder an Fried, der Berg.« Als
Michel die Bruchstelle näher untersuchte, gewahrte er neben dem Haufen
des niedergebrochenen Schuttes einen schmalen, frischen Erdstreif, der
sich wie ein Band am Fuß der unversehrt gebliebenen Böschung entlang
zog. Diese Entdeckung brachte den Alten aus seiner vertrauenden Ruhe.
Mit den gespreizten Fingern maß er die Breite des Bandes und sagte: »An
halben Schuh sitzen wir wieder tiefer drunt!« Schwer atmend richtete er
sich auf und fuhr sich mit den Fingern ins Gesicht, als hätte er Haare
vor den Augen. »Mathes! Da müssen wir uns tummeln, daß wir den Verhack
wieder in d' Höh bringen. Sonst rutscht uns bald a fester Brocken
über'n Garten eini. Fangen wir gleich an! Geh, Madl, hol mir d' Axt!«
Vroni lief gegen den Hof; mit ersticktem Schrei blieb sie stehen und
starrte auf die Rückwand des Hauses.