Das gewahrte der Simmerauer. »Hast dich grissen?«

»A bißl. An der Ruten.« Mathes schleuderte das Blut von der Hand und

arbeitete weiter.

Immer höher stieg die Sonne.

Um zehn Uhr ging Mutter Katherl ins Haus und holte den Milchkrug. Das

erste Glas, das sie einschenkte, reichte sie der Tochter. »Warum bist

denn so stad heut? Was hast denn?«

»Ich? Was soll ich denn haben?« Vroni leerte das Glas. »Vergelts Gott!«

Lächelnd nickte sie der Mutter zu und nahm die Arbeit wieder auf.

Als Katherl in den Garten zu den Männern ging, fuhr mitten in dieser

sonnigen Luftstille ein sausender Windstoß über die Simmerau. »Was is

denn?« fragte Michel. »Wo kommt denn der Wind so gahlings her?« Alle

blickten zum blauen Himmel auf. Nun hörten sie über die Wiesen her, aus

der Gegend des Purtschellerwaldes, ein klapperndes Rauschen, als wäre

irgendwo ein riesiger Haufen Schindeln auseinandergefallen. Im gleichen

Augenblick tönten von der sonnigen Höhe herunter die schreienden

Stimmen der Kinder: »Da schau! Der Wald! O jegerl! Der Wald lauft

davon!« Mathes kletterte über den Verhau hinauf, Michel machte humpelnd

einen Umweg, um die Böschung zu ersteigen, und Vroni kam aus dem Hof

gerannt, während Mutter Katherl, die Milch verschüttend, ihrem Manne

nachlief und im ersten Schreck das Gesicht bekreuzte.

Sie spähten nach dem Gehölz hinüber, und während ein zweiter Windstoß

ihnen das Haar und die Kleider zauste, sahen sie, daß ein großes Stück

des Waldes in gleitender Bewegung war. Die grünen Wipfel schwankten

durcheinander, als wären die hundert Bäume betrunken. Und plötzlich war

die grüne, laufende Waldscholle verschwunden; an ihrer Stelle dehnte

sich ein brauner Fleck, als hätte eine unsichtbare Riesenfaust dieses

Stück Wald wie ein Spielzeug in eine braune Holzschachtel eingestrichen

und den Deckel zugeklappt.

Wieder tönte jenes prasselnde Rauschen und endete mit einem dumpfen,

nachdröhnenden Schlag, wie er beim Sturz einer schweren Lawine zu hören

ist. Dann war Stille.

Die vier Menschen standen mit erblaßten Gesichtern. Ihre ersten Blicke

galten dem Haus und zugleich den Kindern. Das kleine Haus lag ruhig

in der Sonne, und die beiden Kinder standen sorglos auf der Wiese und

schwatzten.

Michel sprach das erste Wort. »Den Wald hat er schreien lassen, die

unschuldigen Kinder hat er gwarnt. Da soll mir noch einer sagen, daß

er auf seine Leut net Obacht gibt, der da droben!« Er faßte die Hand

seines zitternden Weibes. »Tu dich net sorgen, Mutter! Der da droben

hilft. Komm, gehn wir wieder an d' Arbeit!« Hand in Hand stiegen die

beiden Alten über die Böschung hinunter.

Mathes stand noch immer auf dem gleichen Fleck. »Vroni!« sagte er und

deutete mit dem Rutenmesser, das er in der Hand hielt. »Da is a schöner

Brocken Purtschellergut ins Wasser abigrutscht. Dös druckt ihr wieder

an Kummer auf d' Seel.«

Vroni nickte. Und wortlos kehrten die Geschwister in den Hof zurück.

Seit Wochen war es immer so gewesen: wenn irgendwo auf dem Hang des

laufenden Berges ein großer Brocken in Bewegung geraten war, hatten

sie es auch in der Simmerau zu spüren bekommen. Daran dachten sie, und

deshalb verloren sie den Kopf nicht, als es kam. Im Innern der Erde ein

matter, plumpsender Hall. Dann rann ein Zittern durch den Grund, auf

dem sie standen. »Mutter!« stammelte der Simmerauer, umklammerte den

Arm seines Weibes und schrie: »Die Kuh is unter Dach!«

Vroni und Mathes warfen die Werkzeuge weg und rannten zur Stalltür.

»Bleib draußen!« keuchte Mathes, stieß die Schwester mit der Faust von

der Tür zurück und sprang in den matt erhellten Raum. Brüllend zerrte

die Kuh an der Kette; Mathes konnte die Ringe nicht lösen. Von der

niederen Decke fiel ihm Mörtel auf den Kopf, während er mit Anspannung

aller Kraft den eisernen Bolzen, an dem die Kette hing, aus dem

Futterbarren riß. Schnaubend, mit gestrecktem Schweif, die klirrende

Kette schleifend, galoppierte das befreite Tier zum Stall hinaus und

tollte in bockenden Sprüngen über die Wiese.

Mathes taumelte, als er über die Schwelle ins Freie sprang; wieder

schwankte der Boden. Krachend zersplitterte ein Riegel des den Grund

durchziehenden Balkenrostes, und während sich die beiden Stümpfe aus

dem Boden hoben, kam die ganze Erde rings um das Haus und um die

Scheune her in träge Bewegung. Ein paar schwere Steine rollten vom

Schindeldach herunter, und gackernd flogen überall die Hühner auf.

»Zu mir her!« kreischte Michel mit bleichen Lippen. Als Mathes und

Vroni bei ihm standen, wurde er ruhiger. In diesem Augenblick des

Schweigens konnte man hören, daß die beiden Kleinen auf der Wiese

droben lustig sangen.

Der laufende Berg · 第 24 / 60 题