»Feiertag is gwesen, und a schöne Musi haben wir ghört.«
»Wo is denn dö Musi gwesen? Drunt im Wirtshaus, gelt?«
Jetterl schüttelte das blonde Köpfl. »Na!« sagte sie und schluckte.
»Gsehen hab ich s' net, dö Musi. Allweil hab ich in d' Höh auffischauen
müssen, weil s' in die Lüft droben gwesen is, dö Musi.«
»Aber so was!« staunte Michel. »Du, Jetterl, da hast die lieben Engerln
singen hören!«
Das Mädel machte ein ernstes Gesicht und besann sich. »Na! Gsungen
haben s' net. Trumpeten haben s' blasen. Können denn die lieben Engerln
Trumpeten blasen, sag?«
Beim Hackstock verstummten die Beilschläge, und Vroni blickte über die
Schulter nach dem Kind.
»Aber gwiß!« beteuerte der Simmerauer. »Alle Instrumenter können s'
blasen. Und Harpfen zupfen und Zithern schlagen. Aber verzähl, wie is
denn nacher weiter gwesen?«
»So viel schön is gwesen, Ahnlvater! Soooo viel schön! Und zur Kirchen
hat man gläut, und der Xandi hat sein neus Hösl anziehen dürfen und ich
mein Röckerl, mein rots. Und auf Mittag hat's Dampfnudeln geben, hat
mir träumt. Gelt, Ahnlvater, so a schöner Traum muß eintreffen?«
»Ja, mein Herzerl! Sei nur schön brav! Da kunnt's schon möglich sein,
daß am Sonntag a bißl was eintrifft«, lächelnd kniff der Simmerauer das
Mädel ins runde Kinn, »mit die Dampfnudeln, ja! Und du, Xanderl, komm
her! Jetzt spazierts mitanand schön ummi in Purtschellerwald!«
»In Wald ummi? Na!« fiel das Bürschl dem Großvater in die Rede und
strich die fetten Fingerchen, aus denen das Butterbrot verschwunden
war, ein paarmal über das Höschen hin und her. »In Wald ummi mag ich
nimmer.«
»Warum denn net?«
»Weil er so grantig is.«
»Was? Grantig? Der Wald?« fragte Michel, den bei diesem Kinderwort eine
dunkle Sorge zu beschleichen schien.
»Ja! Gestern hat er gschrien. Ganz laut hat er gschrien. Du! Da bin ich
derschrocken.«
»Aber geh, du Dapperl!« Dem Alten versagte fast die Stimme. »Der Wald
kann doch net schreien.«
»Aber ja! Ganz a groß Maul hat er aufgrissen im Boden drin. Und
gschrien hat er. Den Wald, den mag ich nimmer, na!«
Michel wußte kein Wort zu sagen. Dieses Schweigen schien Jetterl als
einen Zweifel zu deuten, denn sie bestätigte: »Ja, Ahnlvater! So hat
er's gmacht!« Sie sperrte das rosige Mäulchen auf, so weit sie konnte.
Dann lachte sie. »Aber ich hab mich gar net gforchten. Bloß der Xandi!
Weißt, der tut sich noch fürchten, weil er so a kleins Büberl is.«
Freilich, der Xandi war um ganze zehn Monate jünger als sie! »Ich hab
mir halt denkt, daß er Hunger hat, der Wald, weil er sein' Schnabel so
weit aufreißt.«
Der Simmerauer hatte die Arme um die beiden Blondköpfe gelegt und
tauschte einen Blick mit Mutter Katherl, die leis zu ihm sagte: »Gelt!
Allweil hab ich's schon gmeint: der Wald is nimmer sicher. Laß mir die
Kinder nimmer in Wald ummi!«
»Na! Kein Schrittl nimmer in Wald!«
»Ahnlvater?« fragte das Bürschl. »Dürfen wir net lieber die
Zickizotterln hüten auf der Wiesen droben? So viel schön tut d' Sonn da
droben scheinen.«
»Ja, mein Schatzerl, ja! Geh, Katherl, laß ihnen die Zickizotterln
aus'm Stall! Ich muß zur Arbeit schauen.«
Mit lautem Jubel rannten die Kinder der Großmutter voran und
verschwanden in der Stalltür. Kreischend kamen sie wieder zum
Vorschein, jedes mit einer Ziege am Strickl, und das ging über den Hof
und hulterdiwulter über die Wiese hinauf -- bald zerrten die Kinder
die beiden bockenden Ziegen hinter sich her, bald wieder schleiften
die trippelnden Tiere ihre Hüter durch die Bodenfurchen, daß die zwei
Knirpse unter Lachen einen Purzelbaum um den andern schlugen.
Der linde Sonnenschein kam über den Berghang heruntergeschlichen,
schmolz den Reif von den welken Gräsern und ließ im auftauenden Schlamm
die dünnen Eisscheiben langsam zerfließen.
Mutter Katherl schleppte die Ruten, die Vroni geputzt hatte, durch
den Garten zum Verhau. Hier waren Michel und Mathes bei der Arbeit;
der Alte hielt die hohen Pfosten fest, auf die der Bursche, der oben
auf der Böschung stand, mit der Holzkeule losdrosch. Als die Balken
eingeschlagen waren, kam Mathes herunter, und nun begannen sie die
Ruten durcheinanderzuflechten und die Hohlräume dahinter mit Steinen
auszufüllen. Um den Vater abzulenken, begann Mathes über allerlei Dinge
zu sprechen. Einmal, als er eine Weile geschwiegen hatte, fragte er
unvermittelt: »Du? Vater? Neulich am Abend, wie ich beim Wagner unsere
Axten stielen hab lassen, sind a paar Leut in der Werkstatt gwesen. Da
haben s' so gredt mitanander. Vom Purtscheller.«
»Was denn?«
»Daß er schlecht wirtschaften tät, und daß der Purtschellerhof nimmer
stünd wie sonst. Is da ebbes dran, Vater?«
»Ah na! Weißt ja doch, wie d' Leut sind! Allweil reden s' mehr, wie s'
verantwortigen können. So a gscheider Mensch wie der Herr Purtscheller
wird doch sein' Verstand beinand haben. Die unguten Leut sind ihm
halt neidisch um sein Glück.« Michel bog eine Rute übers Knie, um sie
geschmeidiger zu machen. »Aber ich vergunn's ihm. Schon der Linerl
z'lieb!« Er begann die Rute einzuflechten. »Freilich, brauchen tut er
viel. Aber ich kann mir doch net denken, daß a verstandsamer Mensch
tiefer aus'm Hafen schöpft, als der Boden is. Oder es müßt einer so a
narrischer Lüftikus sein wie der Daxen-Schorschl. So ebbes glaub ich
net vom Herrn Purtscheller.« Michel griff nach einer neuen Rute. »Dem
sein Haus und Hof steht fest. Unter dem lauft der Boden net davon.
Eins, freilich, will mir net gfallen --«
»Was?«
»Daß er so gachzornig is, wie seine Dienstleut verzählen, und den
ärgsten Unmut allweil an der Linerl auslaßt. Dös gfallt mir gar net.
Hast ihn ja neulich reden hören. Krank, meint er, wär 's Linerl. Ja,
mein! Kümmern tut sie sich halt! Dö hat so a Blümerlgmüt, so a feins,
und vertragt halt söllene Schimpfereien net. Und allweil schlechter
schaut s' aus. Tätst es schier gar nimmer kennen, ja!«
Mathes gab keine Antwort. Während er eine störrische Rute hinter den
Pfosten preßte, fielen ihm ein paar rote Tropfen von der Hand.