»Na! Gfroren hat's in der Nacht! Da schau!«
Mathes bückte sich, drückte mit dem Finger eine der Eisscheiben ein
und prüfte die Härte des Bodens. »Arg tief geht's net. Bloß oben hat's
a bißl anzogen.« Er sah, wie es über das Gesicht des Vaters zuckte,
und fügte mit raschen Worten bei: »Aber fester is der Boden doch wie
gestern. Ja, ja, Vater, es wird kälter mit jeder Nacht. Ich mein', daß
der richtige Frost bald einfallen sollt.«
»Kannst schon recht haben, Bub!« Nickend hob Michel die Augen zum
Himmel. »Er hat mein Sprüchl halt doch verstanden!« Bei aller Hoffnung
befiel ihn wieder eine neue Sorge. »Wann aber mit Gottes Willen der
Boden gfriert und 's untrische Wasser möcht in d' Höh, so kann's ja
nimmer durch, wann der Boden steinhart is? Und hast es doch ghört, daß
die Kammissoni gsagt hat: 's untrische Wasser müßt wieder steigen, wann
alles gut sein sollt?«
»Da tu dich net sorgen, Vater! Gfriert der Boden, so gfriert 's Wasser
mit, und von die Wänd abi lauft kein neus Wasser nimmer zu.«
»Der liebe Gott soll's geben!« Schwer atmend strich der Simmerauer mit
den Händen übers Haar. Im Flur wurden die beiden Kinder laut, und Vroni
kam aus der Tür, mit dem Beil in der Hand. Ihr Gesicht hatte nicht die
frischen Farben wie sonst, ein Schatten lag um ihre Augen. Aber sie
nickte dem Vater lächelnd zu und deutete auf die gefrorenen Pfützen.
»Gut, Vater, gut schaut's aus!« Sie ging zum Hackstock, um die Arbeit
zu beginnen.
Der Simmerauer sah seine Tochter prüfend an; etwas an ihr schien ihm
nicht zu gefallen. Doch ihn drückte noch was anderes, und das schien
ihm wichtiger. »Komm«, sagte er zu Mathes, »speggalieren wir a bißl
umanand, ob sich nix grührt hat in der Nacht.« Er ging seinem Buben
voran in den Garten. An der Hausecke strich er zärtlich mit der Hand
über die weiße Mauer und seufzte. Aufmerksam spähte er an den Wänden
hinauf, dann über den Boden hin. Alles war unverändert. Nirgends
in der Erde ein Riß oder eine Senkung. Der Balkenrost, den sie mit
angestrengter Arbeit am vergangenen Abend vollendet hatten, schien
seine Schuldigkeit zu tun und den ganzen Grund um das Haus her fest
zusammenzuhalten. Jetzt mußte nur der Verhau an der Böschung noch
verstärkt und dichter verflochten werden. Am verwichenen Abend, während
Vroni das Beil und den Spaten in die Schmiede getragen hatte, waren
Michel und Mathes in den Wald gegangen, um die für das Flechtwerk
nötigen Äste von den Bäumen zu schlagen; der ganze Haufen, den sie
heimgebracht, lag im Hof, und Vroni putzte mit dem Beil die kleinen
Zweige von den Ruten.
Als Mathes und der Alte im Garten waren, sah Michel über die Schulter,
wie in Sorge, daß Mutter Katherl oder Vroni ihnen nachgegangen wäre.
Dann sagte er leis: »Mathes? Hast nix ghört in der Nacht?«
»Heut net. Ich bin steinmüd gwesen und hab gschlafen. Warum?«
»Heut nacht hat's mir gar net gfallen. Kein Stündl hab ich gschlafen
vor Angst. Wann halt doch ebbes passieren tät? Ich glaub's net. Na!
Aber es müßt halt doch einer da sein, der d' Mutter weckt und die
Kinderln packt. Und die ganze Nacht hat's allweil bröckelt in der Mauer
drin. Im Fundament muß's gwesen sein. A bißl hat's allweil ausgsetzt,
aber gleich hat's wieder angfangt. Erst wie's Tag worden is, hat's
aufghört.«
»Aber geh, Vater«, sagte Mathes ruhig, »da hast dich anführen lassen in
der Angst. D' Mauer is fest. Ich denk mir halt, daß d' Mäus unter die
Bretter grabelt haben.«
»D' Mäus?« Im Gesicht des Alten kämpfte Sorge mit dem Wunsch, zu
glauben. »D' Mäus? Ja, ja! Dös hätt ich mir selber schon gern eingredt,
aber --«
»Schau, es hat ja doch aufghört, wie's Tag worden is. Geh, sorg dich
net! Es is schon so. D' Mäus sind's gwesen.«
»Ja, ja! Möglich kunnt's schon sein. D' Mäus? Dös wär kein schlechts
Anzeichen net. Man sagt allweil: eh a Haus fallt, ziehen d' Mäus aus.
Ja, Mathes! Dös wär a Glück: wann d' Mäus noch allweil ihr Sicherheit
haben. Da kann's doch so schlecht net stehn um unser Häusl?«
»Gott bewahr! Gut steht's, Vater! Komm, fangen wir 's Arbeiten wieder
an!«
Während sie in den Hof zurückkehrten, spähte Mathes, der hinter dem
Vater ging, mit Sorge über das Fundament der Mauer.
Vroni hatte schon einen Stoß geputzter Ruten neben sich aufgeschichtet.
»Brav, Vronerl!« sagte Michel. Er sah dem Mädel ins Gesicht. »Was is
denn mit dir? So viel blasselen tust mir heut. Hast net schlafen können
in der Nacht?«
»Aber ja!« Leichte Röte huschte über Vronis Wangen. »Fest hab ich
gschlafen.«
»Oder wird dir d' Arbeit a bißl z'viel?«
»Mir? Na, Vater! So bald noch net.« Rascher schwang sie das Beil,
wie um dem Vater zu beweisen, daß ihre Arme keine Spur von Müdigkeit
empfänden.
Mathes, der dieses Gespräch gehört hatte, wandte sich ab und lächelte.
Mutter Katherl erschien unter der Haustür, und an ihr vorüber stürmten
die beiden Kinder ins Freie. Trotz der ärmlichen Kleidung, die sie
trugen, sahen sie proper aus. Dem Buben waren die feuchten Haare mit
der Bürste glatt an den Kopf gestrichen, und dem Mädel stand ein
kurzes, fingerdickes Zöpfl steif vom Nacken weg. In den Händen hielten
sie große Butterbrote, die zur Hälfte schon in den kleinen Schnäbeln
verschwunden waren. Während der Bub sich auf die Erde kauerte, um
eine der weißen Eisscheiben loszubrechen und als ›Zuckerl‹ auf das
Butterbrot zu legen, hängte sich das Mädel an die blaue Leinwandhose
des Großvaters. »Ahnlvater! Heut nacht hat mir ebbes träumt!« Das Kind
grub die kleinen weißen Zähne in das Brot.