Schorschl seufzte. »Ich muß dich ebbes fragen.«

»Was?«

Nun kam die Frage, scheu und zögernd: »Is 's wahr, Vroni? Auf Ehr und

Gwissen? Bin ich a Lump?«

»Ja! Und ~was~ für einer! Gut Nacht!« Das Fenster wurde zugeschlagen.

Schorschl rückte den Hut in die Stirn, richtete sich auf und hob die

geballte Faust. »Wart, du! Dir will ich's zeigen, ob ich einer bin! Du

sollst dich täuscht haben im Schorschl!«

Da klang hinter der Mauerecke, aus der Schlafstube der beiden Alten,

die erregte Stimme des Simmerauer: »Um Herrgotts willen, was is denn da

draußen?«

Schorschl hätte in seiner Wut mit dem Teufel gerauft. Aber Vronis Vater

war für ihn eine stärkere Nummer. Erschrocken schwang er sich über die

Böschung hinauf und rannte querein in die Wiesen. Erst in der Nähe des

Gaßner-Häuschens, das mit seinen verschobenen Balken und Mauern traurig

und verlassen dastand, hielt er inne, um sich zu verschnaufen.

»Jetzt muß ich's glauben! Ja!«

Er stülpte den Joppenkragen auf und trollte über den Berghang hinunter.

Auf halbem Wege merkte er, daß er irgendwo seinen Bergstock gelassen

hatte. Einen Augenblick besann er sich, ob er umkehren sollte. »Ah

was! Soll der auch noch hin sein!« Seufzend ging er weiter. »Aber der

Stecken soll's letzte gwesen sein, was mir aus der Hand rinnt! Von

jetzt an wird zughalten! Fest!« Er blickte über die Schulter. »Wart,

du!« Und trollte weiter.

Als er das Dorf erreichte, schlug es elf Uhr. Der Heimweg führte ihn

am Wirtshaus vorüber, an dem die beiden Fenster des Extrastübchens

noch beleuchtet waren. Nach alter Gewohnheit wollte er eintreten. Vor

der Tür blieb er stehen. »Nix da! ~Heut~ noch wird angfangt mit

der Sollididätt!« Aber ihn hungerte, und die Kehle war ihm trocken;

seit früh um drei Uhr, seit er sich aufgemacht hatte, um für den

Purtscheller den starken Hirsch aufzuspüren, hatte er keinen Trunk und

Bissen genossen. »Kein Lump nimmer! Ja! Aber verhungern und verdursten

braucht man deswegen doch net.« Zögernd griff er in alle Taschen, als

wüßte er nicht, daß er keinen blanken Knopf bei sich trug. »Gott sei

Dank! Jetzt ~muß~ ich heim. Pumpen tun s' mir eh nimmer gern da

drin.« Lachend, als hätte er seine Freude daran, daß die leeren Taschen

seinen guten Vorsätzen so kameradschaftlich zu Hilfe kamen, wanderte

er die Straße entlang. Da hörte er von einer heiser grölenden Stimme

ein Schnaderhüpfl singen und erkannte den Bierbaß seines Gesellen.

»Natürlich! Der hat schon wieder ein'!« Im Hof der Schmiede holte er

den Betrunkenen ein, der ein Fenster für die Tür zu nehmen schien.

»Da hat der Zimmermann 's Loch gmacht!« sagte Schorschl, stieß die

Tür auf und versetzte dem Gesellen einen Puff, daß er in den Hausflur

stolperte. »Du bist mir a schöner Tagdieb!«

»Ich mach's halt dir nach«, lallte der Betrunkene, »wie der Meister, so

der Gsell.«

Schorschl hob die Hand, ließ sie wieder sinken und sagte ernst:

»Vergelt's Gott, Steffel! Dös will ich mir merken.« Als er sah, daß der

Gesell im Dunkel mit den Händen auf den Dielen umhertappte, fragte er:

»Was suchst denn?«

»Mein' Hut.«

»Leg dich nieder und schlaf dein' Rausch aus! Morgen geht's an d'

Arbeit! Den Hut such ich dir schon!« Schorschl suchte im Flur und

suchte im Hof; der Hut wollte sich nicht finden lassen. Im Mondschein

nach allen Seiten spähend, ging er die Straße zurück bis zum Wirtshaus.

»Wahrscheinlich hat er ihn ~drin~ liegen lassen?« dachte er,

schüttelte aber gleich den Kopf. »Na! Da geh ich net eini. Ich kenn

mich. Da komm ich nimmer furt. Lieber schenk ich ihm von mir an Hut.«

Mit diesem Entschluß wollte er den Heimweg antreten, aber da erwachte

in ihm die Neugier. »Wissen möcht ich doch, wer so spät noch da drin

hockt?« Er gab sich einen Schwung, bekam mit den Händen das eiserne

Fenstergitter zu fassen und zog sich an der Mauer in die Höhe.

In der von der Hänglampe erleuchteten und von dickem Zigarrenrauch

erfüllten Wirtsstube saß Purtscheller beim Kartenspiel mit einem

Holzhändler und einem +Commis voyageur+; hinter dem Toni stand

der Wirt und sah ihm über die Schulter in das Spiel, während die

Kellnerin in der Ofenecke ihr Schläfchen machte. Die Gesichter der

drei Gäste waren von der Wirkung des Tirolers und von der Erregung des

Hasardspiels, das sie trieben, heiß gerötet. Der Kommis, der die Bank

legte, und der Holzhändler waren mit schweigendem Ernst bei der Sache;

Purtscheller räsonierte über den Gang des Spiels; dabei schien er

zerstreut und mit seinen Gedanken woanders. Eben hatte er neue Blätter

aufgenommen, aber erst die Bemerkung des Wirtes: »A nobls Blattl!«

machte ihn aufmerksam, daß die Karten diesmal gut für ihn gefallen

waren.

Der laufende Berg · 第 17 / 60 题