»Die Bank gilt's! Zwei König und an As in drei Farben hab ich.«
Purtscheller warf die Karten offen auf den Tisch. »Da halt ich die
Bank, und wann's um a Gschloß geht!«
Die Karte wurde umgeschlagen; Purtscheller hatte verloren.
»Jesus Maria!« stammelte der Wirt erschrocken.
Purtscheller erhob sich ruhig; kaum merklich vertiefte sich die Röte
seines Gesichtes. »Jetzt mag ich nimmer. Heut hab ich kein Glück. Ich
hätt eh schon lang heim sollen. Sei so gut, Wirt, und zahl aus, ich hab
net soviel bei mir!« Sein Verlust überstieg dreihundert Mark; aber wer
Purtscheller heißt, hat im Wirtshaus ein leichtes Borgen, und der Wirt
sagt ihm noch ein Vergelt's Gott für die Ehre.
Die beiden Spieler saßen schweigend hinter dem Tisch und lächelten,
während Purtscheller seinen Hut vom Nagel nahm. »Gut Nacht, meine
Herrn!« Draußen auf der Haustreppe fragte er den Wirt, der ihn
begleitet hatte: »Is der Rufel[3] heut net da?«
»Der Jud?«
»Ja.«
»Heut net. Aber morgen oder übermorgen kommt er.«
»So sag ihm, er soll an Sprung zu mir ummi machen.«
»Haben S' was Alts für ihn?«
»Der Purtscheller? Und 's alte Gwand verkaufen? Na! So was verschenk
ich! Bloß an Auskunft möcht ich.«
»So, so?« Der Wirt blickte zum mondhellen Himmel und streckte die Hand,
wie um die Luft zu fühlen. »Frisch macht's. Mir scheint, es zieht a
bißl an. Wär a Glück für dö da droben, wann der Frost bald einfallen
möcht.«
»Ja! Wär a Glück! Gut Nacht, Wirt!«
»Gut Nacht, Herr Purtscheller! An andersmal die Ehr!«
Es schlug Mitternacht. Dann lag wieder Stille über dem schlummernden
Dorf; nur das Bergwasser rauschte im tieferen Tal, und in einem der
höher gelegenen Gehöfte sang ein Hund dem Vollmond ein jammervolles
Ständchen.
Je näher Purtscheller seinem Anwesen kam, desto rascher wurde sein
Schritt. Manchmal seufzte er schwer und spähte dem Lichtschein
entgegen, der im Oberstock seines Hauses aus einem Fenster fiel. Als
er den Garten erreichte, blieb er stehen und sprach vor sich hin
wie ein Held, der sich selbst überwunden: »Und wann ich zehnmal der
Purtscheller bin! Dös muß ich ihr abbitten, ja! Dös is grob gwesen.«
Lautlos öffnete er die Haustür, streifte im Flur die Schuhe von den
Füßen und schlich auf den Socken über die Treppe hinauf, um sein Kind
nicht aus dem Schlaf zu stören.
Im Wohnzimmer brannte noch die Hänglampe; Karlin saß hinter dem Tisch
und hielt das Gesicht in den Armen vergraben. Als die Tür ging, fuhr
sie erschrocken auf.
»Grüß dich Gott, Linerl!« sagte Purtscheller leis und legte den Hut ab.
Hastig schob sich die junge Frau aus der Bank hervor; damit er nicht
sehen möchte, wie verweint ihre Augen waren, stellte sie sich mit dem
Rücken gegen die Lampe.
Zögernd bot er ihr die Hand; dabei wurden ihm vor Rührung die Augen
naß. »Linerl? Kannst mir verzeihen?«
Sie nickte und gab ihm die Hand. Da nahm er sie in seine Arme, zog
sie zur Bank und auf seinen Schoß, streichelte ihr die Wangen und war
so herzlich zu ihr, daß sie an den Ernst seiner Reue glauben mußte.
Zitternd preßte sie sich an seine Brust und sagte mit erstickter
Stimme: »Gelt, Toni, so was tust mir nimmer an? Dös kunnt mir 's Herz
versteinern!«
»Aber geh, du Narrerl, du liebs! Es is ja bloß im Jähzorn gschehen.
Gern hab ich dich ja doch! Weißt, d' Sorg hat mich halt so rebellisch
gmacht. Der unglückselige Brief halt! Aber eigentlich is ja gar nix
dran. Da, schau«, er zog das zerknüllte Blatt aus der Tasche, »so lies
halt!«
Sie wehrte erschrocken den Brief von sich ab.
»Aber geh, so lies doch! Mann und Frau sollen nix gheim haben
voranand.«
Während er unter unsicherem Lächeln ihr Haar streichelte, fing sie zu
lesen an. Immer heftiger zitterten ihre Hände; nun ließ sie das Blatt
sinken, mit entsetzten Augen. »Toni! Um Gottswillen!« Sie konnte nicht
weitersprechen.
»So geh, du Dschapperl! Über so ebbes brauchst dir doch kein' Schrecken
z'machen!«
»Aber Toni! Es is ja 's erste Wörtl, dös ich hör davon! Hypotheken
auf'm Purtschellerhof? Jesus Maria! Toni!«
Er wurde verlegen und schob sie von seinem Schoß auf die Bank. »No ja,
's Geld liegt halt noch am Hof von Vaters Zeiten her!«
»Da hättst mir doch schon lang was gsagt davon!«
Purtscheller zögerte mit der Antwort. »No mein, ich hätt dir halt gern
dö Sorg erspart. Drum hab ich dir's verschwiegen.«
Scheu blickte Karlin zu ihm auf; eine angstvolle Frage schien auf ihren
Lippen zu liegen; aber sie fürchtete seinen Jähzorn und hatte nicht den
Mut, ihm das ins Gesicht zu sagen.
Er vermied ihren Blick. »Weißt, ich hab mir halt denkt, ich kunnt dö
Gschicht schön langsam abzahlen. Aber die letzten Jahr her hab ich
schlechte Zeiten ghabt. Von jetzt an pack ich's a bißl strammer an. Da
bin ich in zwei, drei Jahr mit dem Bettel fertig.«
»Bettel? Toni? An die fufzigtausend Mark!«
»Und zweimalhunderttausend is er wert, mein Hof! Da wird's doch so
weit net fehlen!« Purtscheller begann ungeduldig zu werden. Er stand
auf und sagte: »Mein Wald droben muß gschlagen werden, bald der Winter
einfallt. Sonst verschluckt ihn im Fruhjahr der Berg. Da schlag ich
meine vier-, fünftausend Klafter aussi wie nix. An Neujahr zahl ich
dem Schloßbräu den Schmarren hin auf'n Tisch. Blank! Und bhalt noch
was übrig für mich.« Er lachte im Vorgefühl der stolzen Genugtuung,
die ihm dieses glatte, klingende Geschäft bereiten würde. »Der soll
Augen machen! Er hat mir dö Hypothek eh nur aus Bosheit kündigt, weil
er mir neidisch is um mein' Bräunl! Jetzt hat er sich zwei neue Traber
einghandelt. Aber dö fürcht ich net. Dö fahr ich ihm nieder wie nix.
Gleich morgen fang ich mit'm Bräunl 's Tränieren an. Der Schloßbräu
soll Augen machen!« Er rieb sich die Hände, als wäre jede Sorge von
ihm abgestreift.
Karlins Gesicht war so weiß wie die Wand.
Lachend trat Purtscheller auf sie zu und faßte ihr Kinn. »Geh, du
Sorgenhaferl!« Er setzte sich an ihre Seite und umschlang sie. »Schau,
lassen wir jetzt dö dumme Gschicht in Ruh und denken wir lieber dran,
daß wir zwei wieder gut sind mitanand. Weil ich in der Hitz heut so
grob gwesen bin und weil mir so schön verziehen hast, dös muß ich dir
doch vergelten. Geh, Linerl, sag mir, mit was ich dir a Freud machen
kunnt? Hast kein' Wunsch?«
Sie schüttelte stumm den Kopf.
»Aber so red doch! Machst mir selber a Freud damit!«
Da sah sie ernst zu ihm auf.
»No also? Was soll ich dir geben?«
»D' Erlaubnis, daß ich in der Wirtschaft d' Arbeit überschau und
zugreif, wo's nötig is.«
»No ja, meintwegen -- wann ich net daheim bin.«
»Und wann's was z'reden gibt, so hör mich an in Geduld und Ruh! Ich rat
dir doch gwiß in nix zum Schlechten.«
»Ja, ja, ja, dös weiß ich schon! Aber jetzt mußt mir noch was anders
sagen! Was ~dir~ Freud macht? Magst a seidens Kleid? Oder an
Armband mit Hirschgranln? Meine schönsten gib ich her dazu. Oder magst
an altdeutsches Kupfergschirr in dein Kucherl?« Weil Karlin zu allem
den Kopf schüttelte, wurde er unwillig. »Linerl! Wann mir jetzt net
auf der Stell ebbes sagst, mit was ich dir a Freud machen kann, meiner
Seel, so bin ich dir bös!«
Da nahm sie seine Hand. »Toni?« Matte Röte glitt über ihre Wangen.
»Darf ich mir ~alles~ wünschen?«
»Alles!«
»Und nimmst mir an offens Wörtl net übel?«
»Auf Ehr und Seligkeit, alles kannst sagen!«
»So tu mir den Gfallen, net ~mir~, dir selber tu den Gfallen und
schick die Zäzil fort!«
»Wie kommst mir denn jetzt mit so was!« Geärgert sprang er auf. »Traust
mir vielleicht net?«
»Ja, Toni, ich trau dir blind!« sagte Karlin ruhig und erhob sich.
»Schau, du machst halt so deine Spassetteln mit die Dienstboten, und
ich weiß, du denkst dir nix dabei. Aber d' Leut haben Ohren. Sie reden
schon drüber. Dir ins Gsicht sag's freilich keiner. Aber ~mir~
tragt man's zu, in aller Freundschaft. Und dös ungschickte Madl, statt
daß sie sich wehren tät dagegen, hat ihr Freud an dem Gred und lacht,
sooft s' an mir vorbeigeht.«
In Unbehagen bewegte Purtscheller die Schultern unter dem Samtflaus
und brummte verdrossen: »No also, meintwegen, damit ich an Fried hab!
Morgen sag ich der Zäzil auf. Und du geh schlafen! Gut Nacht! Schon
wieder halb eins vorbei. In keiner Nacht kommt man zu seiner Ruh.« Er
ging auf das Ledersofa zu und warf sich nieder, daß das Möbel in allen
Fugen krachte.
Karlin stand am Tisch, als müßte sie noch ein freundliches Wort von
ihrem Mann zu hören bekommen. Sie wartete vergebens. »Gut Nacht, Toni!«
sagte sie leis und ging zur Tür. Auf der Schwelle wandte sie das
Gesicht. »Gelt, bleib nimmer z'lang! Den ganzen Tag am Berg droben, dös
muß dich ja müd gmacht haben!«
»In Ruh laß mich!« murrte er und drehte das Gesicht gegen die Wand.
»Ich geh schlafen, wann's ~mir~ paßt.«
Karlin verließ die Stube.
Eine Weile lag Purtscheller, ohne sich zu regen. Dann stieß er mit dem
Ellbogen den Polster zurück. »So verdirbt s' mir jedesmal den besten
Hamur! Um den Finger hätt s' mich wickeln können, wie ich heimkommen
bin. Und jetzt!« Er streckte sich bequemer und blickte verdrossen zur
Stubendecke auf. Die unmutigen Gedanken, die ihn erfüllten, schienen
nicht lange anzuhalten. Er begann zu lächeln. Im Geiste malte er
sich das Bild des nächsten Trabrennens aus: ein milder, schöner Tag
im Vorfrühling; die Rennbahn trocken und gut; ringsum Tausende von
Menschen, Kopf an Kopf gedrängt; sie schreien ›Hoch‹ und ›Bravo‹ und
ihre Blicke folgen dem Ersten, der keck und flott auf dem leicht
dahinfliegenden Gig schaukelt und den mit Schaum bedeckten Braunen
sicher durch das Ziel führt, während der Schloßbräu mit seinem
amerikanischen Halbblut weit hinter ihm zurückbleibt.
Bei diesem wohligen Gedanken überkam den Purtscheller, ohne daß er es
merkte, ein gesunder Schlaf. Er schnarchte mit offenem Mund.
Gleichmäßig zählte die Wanduhr mit ihrem Ticktackschlag die fliehenden
Sekunden, und in der Hänglampe begann der Docht zu rußen.