Heller Vollmondschein lag über den zerrissenen Gehängen des laufenden
Berges und über den schiefen Wipfeln des Purtschellerwaldes. In der
Tiefe der Erde gurgelte das versunkene Wasser, und zwischen den Bäumen
ließ von Zeit zu Zeit ein Käuzl seinen klagenden Schrei vernehmen.
In dem schwarzen Schatten, den der Waldsaum warf, saß Schorschl an
einen Baum gelehnt, die Arme um die aufgezogenen Knie geschlungen. Er
blickte bald hinunter ins Tal, in dem der vom Mondschein beleuchtete
Nebel sich ansah wie ein langgestreckter See; bald spähte er hinüber
gegen die nahe Simmerau, von welcher noch immer der Hall der rastlosen
Schläge herübertönte; dann wieder starrte er brütend vor sich nieder,
nickte bedächtig mit dem Kopf und sagte sich laut und langsam die
fünf Worte vor: »Schorschl! Du bist a Lump!« Diese Wahrheit hatte
ihm das Geleit gegeben von der Simmerau bis hinauf zu den Felswänden
und bis ins Latschendickicht, in dem der ›ausgemachte‹ Hirsch seinen
ahnungslosen Mittagsschlummer hielt. Was der Daxenschmied auf diesen
Wegen auch immer dachte und in Gedanken sich vorredete, alles lief auf
diese kurze Weisheit hinaus: »Schorschl! Du bist a Lump!« Der Tritt
seiner Schuhe, das Klirren des Bergstockes, das Rollen der Kiesel, die
sein stolpernder Fuß in Bewegung brachte, alles hatte den Klang dieser
fünf verflixten Worte. Und als er in seiner ›blinden Narretei‹ den
sicheren Hirsch ›verpatzt‹ hatte, und das aufgescheuchte Wild, statt
den von Purtscheller besetzten Wildsteig anzunehmen, in rasender Flucht
durch das Latschenfeld hinunterstürmte, klang es bei jedem Sprunge
deutlich im Takt: »Schorschl -- du bist -- a Lump -- a Lump!«
Nun saß er hier seit langen Stunden, immer auf dem gleichen Fleck,
immer mit diesem Wort. Es hatte sich in seinen Gedanken festgeklammert,
und dennoch wollte er diesen fünf verwünschten Silben nicht glauben. Er
zählte sich an den Fingern seine guten Eigenschaften vor; suchte jeden
tollen Streich zu entschuldigen, den er auf dem Gewissen hatte; machte
alle äußerlichen Dinge, die den Leichtsinn in ihm genährt hatten, für
seine ›Lüftigkeit‹ verantwortlich und redete sich ein, daß er doch
eigentlich bis heut nicht die geringste Verpflichtung gehabt hätte,
ein ordentlicher Mensch zu sein. Aber bei dieser schweißtreibenden
Gedankenmühe kam er immer wieder zu dem gleichen Schluß: »Schorschl! Du
bist a Lump!«
Ein Lump? Ja! »Aber ~gar~ so arg, wie sie's gmeint hat, kann's ja
doch net sein!« Eine Weile noch brütete er vor sich hin; dann sprang
er auf und bürstete mit dem Ärmel seinen Hut. »Es laßt mir kei' Ruh
nimmer. Ich muß dös Madl heut noch fragen.«
Drunten im Tal schlug die Kirchenuhr die neunte Stunde, während
Schorschl über die Wiesen rannte und mit hohen Sätzen alle Klüfte
übersprang. Als er die Böschung beim Haus des Simmerauer erreichte,
hielt er ratlos inne und zog sich scheu zurück, um nicht gesehen zu
werden. Im Hofraum, über dem sich das Mondlicht mit dem zuckenden
Schein zweier Kienfackeln mischte, standen Michel, Mathes und Vroni
noch bei der Arbeit. Doch eben jetzt -- die Fackeln waren schon zu
kurzen Stümpfen niedergebrannt -- ließ der Simmerauer die Säge ruhen.
»Kommt's, Kinder«, sagte er, »endlich müssen wir doch Feierabend
machen! D' Nacht hat der liebe Gott für'n Schlaf erschaffen. Den
brauchen wir.«
Sie trugen ihre Werkzeuge zur Hausbank und gingen zum Brunnen, um
den Schlamm von ihren Füßen zu waschen. Michel faßte den Schwengel,
und schon nach wenigen Zügen plätscherte ein dicker Wasserstrahl in
den Trog. »Schau nur, Mathes! Soviel Wasser! Kaum daß ich zum Ziehen
anfang! Es muß doch 's Wasser schon wieder gstiegen sein? Meinst net?«
»Ja, Vater! Und 's Brunnenwasser kommt von unt auf.«
»Ja! Von unt auf wann's käm, dös wär a Glück!« Der Simmerauer pumpte,
bis der Trog überlief. Er konnte sich an dem vielen Wasser gar nicht
satt sehen.
Eins nach dem anderen stellte die Füße auf den Trogrand und schöpfte
Wasser mit der Hand. Mathes löschte die niedergebrannten Fackeln aus;
vor der Haustür blieb er stehen und blickte über das mondbeglänzte
Gehäng hinunter ins Tal; dort unten hatte sich der Nebel geteilt und
war in die Seitentäler auseinandergeflossen, so daß man die höher
liegenden Häuser des Dorfes matt unterscheiden konnte. »Die da drunt
haben's gut«, sagte Mathes zu seiner Schwester, als sie vom Brunnen
kam, »überall schlafen s' schon und alle Häuser sind finster.« Nach
einer stummen Weile fügte er mit versunkener Stimme bei: »Bloß im
Purtschellerhof brennt noch a Lichtl.« Er blickte zu Vroni auf und
fragte zögernd: »Meinst, ihr Kindl is krank?«
»Gott soll's verhüten!« Die Schwester legte ihm den Arm um die
Schulter. »Aber denk an uns, Mathes! Denk net an andre!«
»Ja, hast recht!« Er strich mit der Hand über die Stirn und trat in den
Flur. »Aber ~dir~, Vronerl, kunnt ich heut auch ebbes sagen!«
»Was denn?«
»Seit der Schorschl dagwesen is, studierst mir z'viel!«
Sie sagte ruhig: »Da hast dich verschaut. An ~so~ ein' denken, wie
der Schorschl? Gott bewahr mich! Da laß ich mir's Elend von unserer
armen Zenz zur Warnung sein.« Sie bekreuzte sich, als sie den Namen der
verstorbenen Schwester nannte. »Aber schad is 's eigentlich um den
Schorschl! So a lebfrischer Mensch, recht wie zur Arbeit gwachsen!«
Ein dumpfes Rollen, wie der schwache Widerhall eines fernen Donners,
klang von der Höhe des Berges herunter. Die beiden sprangen vor die Tür
hinaus und lauschten. Auch der Simmerauer, der noch beim Brunnen stand,
richtete sich auf und spähte in die Höhe. Kein Laut mehr, alles war
still dort oben. »Es wird halt wieder wo a Brocken niederbrochen sein!«
sagte Michel; er kam zur Tür und schob seine Kinder ins Haus. »Gehn wir
eini unter 's Dach! Der liebe Herrgott soll uns bhüten und soll uns dös
bißl müden Schlaf vergunnen!«
Die Stube, die sie betraten, war so nieder, daß sie mit den Köpfen fast
an die Decke stießen. Mutter Katherl trug schon die geblümte Nachtjacke
und hatte das Schlaftuch um den Kopf gewickelt; sie stand am Tisch
und zog mit einer Haarnadel den verkohlten Docht aus dem Schnabel der
Öllampe, deren kleine Flamme ein mattes Zwielicht über das bescheidene
Gerät der Stube warf.
Gegessen hatten sie bereits, vor ein paar Stunden schon, ohne die
Arbeit zu unterbrechen. Nur beten mußten sie noch. Michel und Mathes
zur Rechten vom Herrgottswinkel, Mutter Katherl und Vroni zur Linken
-- genau so, wie Männer und Frauen in der Kirche ihre getrennten
Plätze haben --, so knieten sie zu beiden Seiten des Tisches nieder.
Mit lauter Stimme sprachen sie den Mariensegen und die Litanei zu
allen Heiligen. Nach dem letzten Vaterunser, als die andern schon das
Kreuz machen wollten, sagte Michel: »Bleibts noch a bißl, Kinder! In
bsonderer Zeit muß der Christ ebbes Bsonders haben für sein' guten
Herrn. Geh, Katherl, hol mir dein Betbüchl.«
»Ja, Michel!« Mutter Katherl brachte ein abgegriffenes Buch.
»Steht net eins drin? Recht a guts und starks? So a Sprüchl, weißt, in
Drangsal und Betrübnis?«
»Ja freilich, Michel!« Sie wußte auswendig, wo es stand. »Seite
dreihundertvierazwanzg.«
»Geh? So weit hinten steht's? Sollt doch ganz am Anfang hindruckt
sein, so a notwendigs Sprüchl!« Der Simmerauer rückte auf den Knien
näher an die Lampe und blätterte in dem Buch. »Hab's schon[2!]« Mit
zitternder Stimme begann er zu buchstabieren: »Heiliger, gerechter,
furchtbarer Gott --« Da stockte er schon und murmelte: »No, no, gar so
furchtbar is er ja doch net!« Er trocknete mit der Faust die Lippen
und buchstabierte wieder: »Der du erst alsdann die --« da kamen zwei
schwere Worte, »züchti--gen--de Str--rafrutte ergreiffest, wenn du
gelindere Mittel, uns aus unserer Unbußferrr--tigkeit zu erwecken,
frrruchtlos findest: tiefgebeugt erkennen und bekennen wir, daß unsere
Gefühllos--sigkeit gegen deine Güte -- Ja freilich is er gut! Arg
gut is er, sag ich! -- unser Undank gegen deine Wohltaten, unsere
Lausigkeit -- na, Lll--lauigkeit heißt's -- Lauigkeit in deinem
Dienste, unsere Sinnlichkeit und Weltliebe --« Michel verstummte und
schüttelte den weißen Kopf; dann seufzte er und buchstabierte weiter:
»Daß unsere Missetaten es sind, die deinen gerechten Zorn gegen uns
herausgefordert haben. Oh, wir ungeratene Kinder, welche sich mutwillig
von ihrem gütigen Vater abgewendet und all seine Gnaden mißbraucht
haben --« Schwer atmend blickte der Simmerauer zu seiner Frau hinüber,
schüttelte wieder den Kopf und schloß das Buch. »Na, Katherl! Dös
Sprüchl gfallt mir net. Da mach ich mir schon lieber selber eins.«
Er legte die Ellbogen auf den Tisch, faltete die Hände und hob die
Augen zu dem roh geschnitzten Kruzifix, das zwischen dürren Palmzweigen
und kleinen Heiligenbildern im Herrgottswinkel hing. »Du lieber,
gnädiger Vater droben, der sein' einzigen Sohn für uns hat bluten
lassen, schau, ich tu dich bitten, denk a bißl an uns arme Leut und
nimm unser Häusl in dein' festen Schutz! Bist ja so a guter Mann! 's
unsinnige Vieh und alle Pflanzerln haltst in deiner sichern Hut. Schau,
da kannst doch auch dein' alten Michel net ganz verlassen! Und weil
ich schon den festen Glauben hab, daß a guter Christenmensch bei dir
droben kein' Fehlspruch macht, so sag ich dir halt im voraus Vergelt's
Gott für alles, ja! Im Namen Gott des Vaters und des Sohnes und des
heiligen Geistes!«
»Amen!« sagten die andern.
Der alte Simmerauer erhob sich und streckte den gekrümmten Rücken. »So,
Kinder, jetzt kann man sich schlafen legen in aller Ruh. Er hat mich
schon verstanden, mein ich.«
Mathes ging zum Ofen, breitete eine Kotze über die Holzbank und ballte
einen Wettermantel zum Kissen. Wie er war, legte er sich nieder.
Vroni hatte an der Öllampe einen Kienspan entzündet. »Gut Nacht!« sagte
sie und verließ die Stube.
Mutter Katherl nahm ihr Gebetbuch vom Tisch, und da merkte der
Simmerauer, daß sie über die üble Behandlung, die das Buch erfahren
hatte, ein wenig verdrossen war. »Aber schau«, sagte er, »wie kann man
denn söllene Sachen in a Betbüchl einidrucken! A Christenmensch, der
mit seim Herrgott reden will, braucht sich doch net anstellen wie a
Rauber und Mörder, der nix als Missetaten auf'm Gwissen hat.«
»Sündigen tut jeder und muß sich der Straf fürchten.«
»Dös wohl! Aber der liebe Gott laßt doch wieder Gnad für Recht gelten
und sagt sich, daß der beste Mensch a schwachs Rütl is. So eins biegt
sich halt im Wind, da braucht's net grad an schlechten Willen haben.«
Katherl schien nicht völlig überzeugt, aber sie wollte aus der Sache
keinen Streit machen und schwieg. Seufzend ging sie mit der Lampe zur
Kammertür. Als sie hinter sich den Schritt ihres Mannes nicht hörte,
blickte sie über die Schulter. »Michel? Warum kommst denn net?«
»Grad is mir gwesen, als hätt einer durchs Fenster eini gschaut.«
»Aber geh! Wer soll denn draußen sein?«
»Ja, hast recht! Muß mich wohl der Mondschein täuscht haben.«
Sie traten in die Kammer.
Nicht das Mondlicht hatte den Simmerauer getäuscht; seine Augen
hatten richtig gesehen. Draußen stand der Daxen-Schorschl an die Wand
gedrückt. Als er sah, daß die Stube finster wurde, glitt er lautlos
zum nächsten Fenster, das sich matt erhellte. Vorsichtig spähte er
durch die Scheiben. Das war nicht das Stübl, das er suchte; es war
die Kammer der beiden Alten: ein kleiner ärmlicher Raum, in dem zwei
Betten nebeneinander standen; da mußten der Simmerauer und sein Weib
ein unbequemes Liegen haben, denn zwischen ihren Plätzen war aus
blauen Kissen ein Nest für die beiden Enkelkinder gerichtet, die eng
aneinander gehuschelt in ruhigem Schlummer lagen, mit roten Wangen und
zerzausten Haaren.
Mutter Katherl streifte die Pantoffel von den Füßen und blies die Lampe
aus. Ein mattes Ächzen der Bettstelle; dann war's still in der Kammer.
Schorschl trat zurück und sah, daß hinter dem Haus ein rötlicher
Schimmer über das halb entlaubte Gezweig der Apfelbäume fiel. Hurtig
sprang er um die Ecke und gewahrte ein kleines, erhelltes Fenster,
über dessen roten Vorhang sich der Schattenriß eines Mädchenkopfes
mit gelösten Zöpfen bewegte. »Jetzt stimmt's aber!« meinte Schorschl.
Im gleichen Augenblick erlosch das Licht, und schwarz lag das Fenster
inmitten der vom Mond beschienenen Mauer. Lautlos huschte Schorschl
gegen das Haus hin, bekreuzte sich, als hätte er den Kampf wider ein
gefährliches Gespenst aufzunehmen, und pochte mit dem Fingerknöchel
leis an die Scheibe. Ein paarmal mußte er dieses Pochen wiederholen,
ehe sich im Stübl was vernehmen ließ. »Wer klopft denn da draußen?«
fragte eine unwillige Stimme.
Schorschl drückte den Fensterrahmen ein bißchen aus den Fugen und
flüsterte in den Spalt: »Geh, sei so gut, mach a bißl auf!«
»Was willst denn?«
»A bißl ebbes Wichtigs z'reden hätt ich mit dir!«
»Jetzt in der Nacht? Wer bist denn?«
»Wer soll ich denn sein? Ich bin's halt! Ich!«
Vroni mußte ihn an der Stimme erkannt haben. »Duuu?« Das klang wie ein
ellenlanges Wort.
»Ja! Ich! Geh, mach auf!«
Eine Weile war's still in der Kammer, als ginge Vroni mit sich zu Rat,
ob sie öffnen sollte oder nicht. Dann hörte Schorschl den raschen Tritt
eines nackten Fußes. Das kleine Fenster wurde aufgetan, kaum zur Hälfte
und mit merkbarer Vorsicht. »Was willst?« Diese Frage klang so wenig
freundlich, daß dem Daxen-Schorschl im ersten Augenblick die Sprache
versagte. Er guckte sich fast die Augen aus dem Kopf; doch zwischen
den mondbeglänzten, innen vom roten Vorhang verhüllten Scheiben sah
er durch die schmale Spalte nur ein finsteres Stück der Kammer; er
versuchte das Fenster ein wenig weiter aufzudrücken; drinnen stemmte
sich eine kräftige Hand gegen den Rahmen, und Vroni schalt: »Sei net so
keck, du! Sag, was d' willst! Aber flink!«