»Er schlaft schon. Und gut.«
»Schon wieder amal? So?« Purtscheller lachte. »In der Fruh, wann ich
fortgeh, schlaft er. Am Abend, wann ich heimkomm, schlaft er. A Vater
hat viel von seim Buben, dös muß ich sagen!« Er wollte über die Treppe
hinauf, doch Karlin hielt ihn am Ärmel zurück.
»Toni? Hast du 's Gwehr ausgladen?«
»Aber natürlich!«
»Geh, ich bitt dich, schau nach!«
»No also, meintwegen, bloß daß ich an Fried hab!« Er nahm die Büchse
herunter, klappte die Läufe auf und brummte: »Jetzt hab ich's heut
richtig vergessen ghabt! Natürlich, im Ärger halt!« Während er über die
Treppe hinaufstieg, zog er die beiden Patronen aus dem Gewehr und schob
sie in die Hosentasche. Als er die helle, schöne Stube betrat, tat er
einen tiefen Atemzug. »Aaah! Daherinn is halt gmütlich. Und daheim is
gut sein.«
Mit stiller Geschäftigkeit nahm ihm Karlin die Büchse und den Rucksack
ab, zog ihm den Samtflaus herunter, knöpfte ihm die Gamaschen auf
und stellte ihm die Pantoffel vor die Füße. Purtscheller schien sich
wohlzufühlen. Die letzte Spur seines Ärgers verflog, als er auf dem
gedeckten Tisch die Suppe dampfen und in der Glasflasche den roten
Tiroler blinken sah. Zärtlich legte er den Arm um Karlins Schulter.
»Bist a guter Kerl! Schaust halt doch auf mich! Und gern hast mich!
Gelt? -- Geh, lach a bißl!«
Sie lächelte, und warme Röte stieg ihr in die Wangen. So gingen sie
zum Tisch. Karlin legte ihrem Mann die Suppe vor. Er schnalzte mit der
Zunge, als er gekostet hatte. »A nobles Süpperl!« Neugierig beugte er
sich über den Teller seiner Frau. »Was hast denn du da?«
»A bißl was Kalts von Mittag noch.«
Da wurde er bös. »Aber Linerl! Wie oft hab ich dir's gsagt: dös is
Sparsamkeit am falschen Fleck! Wie sollst denn gut ausschauen, wann
dich net nähren tust? Und d' Frau soll's net schlechter haben wie der
Mann. Ich bin einer von die Aufklärten, ich geh mit der Zeit.« Er schob
den Teller mit dem kalten Fleisch in die Fensternische. »Weg da mit dem
Schmarren!« Behäbigen Schrittes holte er einen Teller und ein Weinglas
von der Kredenz, füllte den Teller mit Suppe, das Glas mit Rotwein!
»So, Schnaberl! Jetzt iß und trink!«
Karlins Wangen brannten. »Vergelts Gott, lieber Toni!« Und wie sie
sich freute, daß sie ihm nun auch eine freundliche Nachricht sagen
konnte. »Du, Toni, rat, wen ich heut gsehen hab?«
»Wen denn?«
»Den Mathes! Der is wieder daheim.«
»Ich weiß schon. Hab ihm schon Grüß Gott gsagt droben in der Simmerau.«
»Geh? In der Simmerau bist gwesen? Wie schaut's denn aus droben?«
»Mein, schlecht! 's Häusl sinkt halt schön langsam ein.«
»Jesus Maria!« Karlin legte den Löffel fort. »Und laßt sich da gar
nimmer helfen?«
»Na! Da hat 's Helfen an End. Der Berg lauft halt, bis er drunt is.«
Toni seufzte. »Und mein Wald lauft mit!«
Karlins Erbarmen für die Leute in der Simmerau verstummte vor der Sorge
um ihren Mann. Sie rückte an seine Seite und legte schüchtern den
Arm um seinen Hals. »Geh! Dein schöner Wald!« Kaum vermochte sie zu
sprechen.
»Da verlier ich viel Geld, ja!« Purtscheller füllte seinen Teller
wieder und zuckte in stolzer Resignation die Schultern. »Bei so was muß
man zeigen, daß man anders is wie die andern. Da muß man dastehn wie
der Baum und muß sagen in aller Ruh: Wie Gott will, jetzt nimmt er,
an andersmal gibt er wieder. Aber geh, laß mich essen!« Er richtete
sich halb auf, so daß Karlins Arm, der ihm hinderlich war, von ihm
niederglitt. »Der arme Michel droben erbarmt mich. Dem gönn ich's, daß
der Mathes wieder daheim is. Wie der Bursch da droben schafft, so was
muß man sehen!«
Karlin nickte. »Der Mathes, ja! So is er allweil gwesen, als kleins
Büberl schon.«
»Und wie ich ihm so zugschaut hab, is mir a guter Einfall kommen. Und
gleich hab ich zugriffen. A bißl Reden wird's halt noch kosten, und
der Mathes kommt als Knecht zu mir. An bessern kann ich mir gar nimmer
wünschen.«
»Ja, Toni, da hast an ~guten~ Einfall ghabt!« Karlin glühte vor
Eifer. Sie strich ihrem Mann das Haar aus der Stirn und sah so froh
zu ihm auf, als wüßte sie ihn jetzt geborgen vor einer großen Gefahr.
»Schau, Toni, oft schon hätt ich gern a Wörtl drüber gredt, wie's
zugeht bei uns in der Wirtschaft. A Schaffer, wie der Mathes, wär lang
schon not gwesen im Purtschellerhof.« Sie stockte, wie in Sorge, daß
dieses Wort ihn verletzt haben könnte.
Er löffelte ruhig seine Suppe. »Ja, ja! Natürlich, wann einer so
anbunden is auf alle Seiten wie ich!«
»Gott sei Dank, jetzt kann ich aufschnaufen, Toni! Auf den Mathes
kannst dich verlassen. Der bringt alles wieder auf guten Weg! Alles!«
Karlin erschrak vor einem Gedanken, der sich wie eine schwarze Mauer
vor ihre helle Freude stellte. »Aber? Toni? Wie können denn wir vom
Michel den Mathes verlangen?«
»Ah so? Wegen droben meinst?«
»Der Mathes kann doch jetzt net fort von daheim.«
»Jetzt net! Na! Aber lang dauert die Gschicht da droben nimmer.«
Purtscheller schluckte den letzten Löffel Suppe. »Ich hab dem Mathes an
Anbot gmacht, verruckt müßt er sein, wann er net zugreifen tät! Aber
was ich fragen will? Is mit der Post nix kommen?«
»Jesses ja!« Karlin erhob sich. »An eingschriebener Brief.«
»Aber, Linerl! Den hättst mir doch auf der Stell geben sollen. Es kunnt
ja ebbes Wichtigs sein, was kein' Aufschub leidt.«
»Tu mir net zürnen! In der Freud, daß du so gut mit mir gwesen bist,
hab ich ganz drauf vergessen.« Sie riß einen Wandschrank auf und
brachte den Brief. »Wann nur für dich kei' Sorg net drinsteht!«
Verwundert betrachtete Purtscheller die dem Kuvert aufgedruckte
Geschäftsadresse. »Vom Schloßbräu in der Stadt? Was will denn der?
Am End will er gar mein' Bräunl kaufen, mit dem ich beim letzten
Trabrennen sein' Amerikanerschimmel gschlagen hab?« Lachend öffnete er
das Kuvert. »Aber na, Brüderl! Fünftausend Mark kannst mir hinlegen,
und der Schnabel bleibt dir noch allweil sauer!«
Karlin wollte die leere Suppenschüssel vom Tisch tragen. Da sah sie,
daß jähe Blässe über das Gesicht ihres Mannes rann. »Toni?« stammelte
sie und setzte die Schüssel nieder.
»So a hinterlistiger Heiduck, so a gottverdammter!« schrie Purtscheller
und schmetterte seine Faust auf die Tischplatte.
»Jesus Maria! Toni?«
»In Ruh laß mich!« Er stürzte ein Glas Wein hinunter, stieß den
zerknüllten Brief in die Hosentasche und wanderte durch die Stube. Vor
einem Fenster blieb er stehen, starrte hinaus in die sinkende Nacht und
nagte an seinem Schnurrbart.
Es währte eine Weile, bis Karlin zu sprechen wagte. »Toni? Sag mir
doch, über was dich kümmern mußt! Schau nur, wie ich mich sorgen tu!«
»Sorgen?« schrie er über die Schulter. »Misch dich net in alles, was
dich nix angeht!«
Ein müdes Lächeln zuckte um ihren Mund. Sie wollte schweigen und suchte
eine Beschäftigung am Tisch. Dann wieder blickte sie zu ihrem Mann
hinüber und trat auf ihn zu. »Schau, Toni, ich red ja eh die ganze Zeit
her kein Wörtl nimmer, wann's mir gleich oft 's Herz abdruckt, daß ich
alles bei uns so laufen sehen soll, wie's lauft.«
»Was lauft denn bei uns? Da droben lauft der Berg. Bei uns lauft gar
nix.«
»Sag so was net! Bei uns lauft viel ins Wasser abi.«
»Ah! Du gfallst mir!«
»Ich kann dir net sagen, wie hart ich's trag, daß ich als Frau im Haus
net mit gsunde Arm zugreifen soll und diemal bei dir a Wörtl zum Guten
reden.«
»So? Meinst vielleicht, daß ich an Schulmeister brauch? Dank schön für
die Predigt!« Er schob sie mit dem Ellbogen von sich. »So was möcht ich
mir verbitten!«
»Ich will dir ja im Gschäft nix dreinreden«, stammelte sie und suchte
seine Hand zu haschen, »aber dös eine sollst mir doch net verwehren,
daß ich dir als Frau deine Sorgen tragen hilf!«
»Der Purtscheller? Und Sorgen? Zum Lachen!«
»Aber Toni!« Sie umklammerte seine Hand. »Ich hab dir's ja doch vom
Gsicht abglesen --«
»In Ruh laß mich!« Er befreite seine Hand mit jähem Ruck. »Und
~wann~ ich mir was aufgladen hab, so trag ich's selber. Da brauch
ich ~dich~ net dazu.«
»Schau, Toni, 's Härteste tragt sich leichter, wann eins mittragen
hilft. Und daß mir's verheimlichen willst, macht mir doppelt Angst. Ich
bitt dich, sag mir, was in dem Brief steht?«
»Jetzt laß mir mein' Fried, oder --« Vom Hall seiner Stimme zitterten
die Fensterscheiben.
»Um Gotts willen, Toni«, Karlins Worte erstickten fast, »so laß doch in
Ruh mit dir reden und tu net so laut! In der Kammer schlaft unser Kind,
und drunt hören dich alle Dienstboten. Die tragen's wieder um im ganzen
Dorf.«
»Sollen mich umtragen, wie s' mögen!« schrie er. »Ich bin's ja gwöhnt!
Fünf Jahr lang schon! Was schaust mich denn an? Meinst, ich schenier
mich, daß ich dir's amal ins Gsicht sag? Selbigsmal, wie mir der
verruckte Einfall kommen is, daß ich am Pfarr seiner Dienstbotenstub
ans Fenster klopft hab -- selbigsmal hat man dem guten Herrn
Purtscheller sein' Namen 's erstemal umtragen in alle Körbln.«
Karlin griff an ihre Brust, als wäre ihr dieses Wort wie ein Stich ins
Herz gegangen. »Toni! Tu mir net so weh!«
Diese Worte wirkten auf Purtscheller, als hätte ihm seine Frau den
größten Schimpf ins Gesicht geschrien. Er ballte die Fäuste. »Ich tu
dir was? ~Ich?~ So? Und was man ~mir~ tut? Dös is alles Wurst. Gelt?
Alles Wurst!«
»Aber Toni!«
»Ruh will ich haben! Und wann ich mir im Guten mein' Fried net schaff,
so weiß ich mir z' helfen.« Mit zornigem Griff umklammerte er Karlins
Arm und zerrte sie zur Tür.
»Heiliger Jesus! Toni!«
»So!« Er hatte die Tür aufgerissen und schob seine Frau in den dunklen
Flur hinaus. »Jetzt will ich sehen, ob ich mein' Fried net hab!«
Er warf die Tür zu, daß hinter der Täfelung der Mörtel rieselte.
Aufatmend, als hätte sein Jähzorn Erleichterung gefunden, fuhr er sich
mit allen Fingern durch die Haare.
In der Schlafstube war das Kind erwacht und weinte.
Purtscheller hörte das klagende Stimmchen nicht. Er schleuderte die
Pantoffel in einen Winkel, fuhr mit den Füßen in die Schuhe und riß den
Samtflaus vom Gewehrrechen. »So an Hausfrieden hab ich! Ins Wirtshaus
muß ich laufen, wann ich a paar Minuten Ruh haben will. Kreuz Teufel
noch amal! Is dös a Leben!« Wütend stülpte er den Hut übers Haar und
stapfte zur Tür hinaus.
Von der finstern Bodenstiege klang ihm ersticktes Schluchzen entgegen.
Er tastete mit der Hand nach dem Treppengeländer, als überkäme ihn ein
Schwindel. Dann fuhr er zornig auf: »So was! Und da soll man noch gut
bleiben können! Hockt s' daher auf die Bodenstieg! Hörst du! Geh eini
in d' Stuben!« Ohne abzuwarten, ob sein Befehl vollzogen würde, stieg
er die Treppe hinunter. Im Hausflur begegnete ihm die alte Magd mit
einer Schüssel in den Händen.
»Aber Herr? Wohin denn? Ich bring ja 's Wildbret.«
»Dös kann der Hund fressen! So hat er an guten Tag. Und hat's besser
als ich.« Purtscheller verließ das Haus, stürmte durch den Garten
und hätte auf der Straße fast die Zäzil niedergerannt, die von ihrem
Abendplausch nach Hause kam -- freilich, sie hatte es nicht allzu
eilig, ihrem Herrn den Weg frei zu geben. Mit dem Ellbogen schob er sie
auf die Seite. »Geh weg da!«
Zäzil schien an solche Behandlung nicht gewöhnt, machte große Augen,
sah ihm nach und lachte leis vor sich hin. »Ui jegerl! Heut hat er sich
an der Frau wieder an Zahn ausbissen!«
Mit vorgebeugtem Kopf, die Hände in den Taschen, folgte Purtscheller
der vom Nebel umflorten Straße. Einmal blieb er stehen und machte
zwei Fäuste, fiel wieder in raschen Schritt und schob den Hut zurück,
als wäre ihm schwül. »Dös hat er mir bloß aus Bosheit tan, weil mein
Bräunl sein' Schimmel gschlagen hat!« An diesen Gedanken schloß sich
ein anderer, der das Quälendste seiner Sorge beschwichtigte: »Ah was!
Ich hab a Vierteljahr lang Zeit! Und wann der Schloßbräu 's Geld nimmer
geben will, gibt's an andrer! Freilich, da wird's halt wieder heißen, a
paar Tausender drauflegen!« Er seufzte, aber sein Schritt wurde ruhig.
Nun hatte er ein Ohr für den Gruß der Leute, die ihm ab und zu auf der
stillen Straße begegneten. Und wenn er an Häusern vorüberkam, guckte er
in die erleuchteten Fenster, deren Schein im Nebel zerfloß.
Der Weg zum Wirtshaus führte an der Daxenschmiede vorüber; alle Fenster
waren schwarz, doch an Haus und Schmiede stand Tür und Tor geöffnet,
und in der Tiefe der dunklen Werkstätte glostete das erlöschende
Essenfeuer, von dessen Widerschein der polierte Amboß mit roten
Lichtlinien umsäumt war. Purtscheller trat unter das Tor und rief in
das stille Haus: »He, Schorschl!« Keine Antwort kam. »Er muß noch net
daheim sein!« Purtscheller kehrte auf die Straße zurück. Aber der
Gedanke an das unbewachte Haus ließ ihn wieder umkehren. »Na, so a
Mensch, wie der Schorschl! Strawanzt auf die Berg umanand! Und sein
Gauner von Gsell, natürlich, der sitzt im Wirtshaus und sauft. Und
da lassen sie 's Haus mit offenen Türen stehn, daß jeder davontragen
kunnt, grad was er möcht!«
Unter diesem Selbstgespräche drückte Purtscheller die Haustür zu,
schloß die beiden Flügel des Werkstattores, und im Bewußtsein, für
den ›lüftigen‹ Schorschl ein gutes Werk getan zu haben, ging er seiner
Wege.