Karlin spähte über die dämmerige Straße hinaus. In der Gesindestube
wurden Bänke und Stühle gerückt, und die Dienstboten begannen mit
monotonem Gehaspel den Abendsegen zu beten: »Der Engel des Herrn
brachte Maria die Botschaft.« Dann kamen die Knechte heraus mit den
Pfeifen. Sie zogen den Hut, als sie an Frau Karlin vorübergingen.
Hinter ihnen kam ein dralles, hübsches Mädel, das sich für den
Abendplausch in den Nachbarhäusern schmuck aufgeputzt hatte. »Guten
Abend!« Dabei zuckte ein merkwürdiges Lächeln um den vollen Mund.
»Guten Abend, Zäzil!« erwiderte die junge Frau; ihre Stimme klang
ruhig, doch eine matte Röte stieg ihr in die Wangen.
Zäzil ging durch den Garten, pflückte eine der spätblühenden Nelken
und steckte sie ans Mieder. Kaum hatte sie die Straße betreten, als
ihre Stimme klang: »Jeh! Du? Seit wann bist denn wieder daheim? Recht
schön guten Abend!« Sie hatte den Schritt verhalten, als sollte
nun ein lustiges Geplauder beginnen. Doch der Bursch, dem ihr Gruß
gegolten, sagte kurzen Dank und ließ sie stehen. Der Klang dieser
Männerstimme machte Frau Karlin aufblicken. Auf der Straße sah sie
einen vorübergehen, der mit Joppe und blauer Soldatenhose bekleidet war
und zwei Äxte mit neuen, weißen Holzstielen auf der Schulter trug; Frau
Karlin erkannte ihn erst, als er schon hinter der Hecke verschwinden
wollte. »Der Mathes!« Sie sprang auf, warf ihre Häkelarbeit auf die
Bank und eilte zur Treppe hinunter. »Mathes!«
Er schien sie nicht zu hören, beschleunigte seinen Schritt und bog
hastig in den zum Gehäng des laufenden Berges führenden Weg ein.
Frau Karlin legte die Arme über den steinernen Treppenpfeiler und
blickte ihm nach. Fünf Jahre hatte sie ihn nicht gesehen. Seit sie die
Frau des Purtscheller-Toni geworden. Wenige Tage vor ihrer Hochzeit
hatte er das Dorf verlassen, weil ihm draußen im Unterland eine gute
Stelle angeboten wurde. So hatte Vroni ihr damals gesagt. Und jetzt
war er wieder daheim. Gewiß hatte ihn die Sorge, die seine Eltern um
ihr Haus trugen, zurückgerufen? Da war es nicht schön von ihm, daß er
so vorüberging wie ein Fremder. Er hätte doch zusprechen können, um
dem Nachbarskinde von einst und der Schulkameradin ein Grüßgott zu
bieten! Um ihr zu sagen, wie es da droben stünde in der Simmerau! Von
den Leuten im Dorfe hörte sie wenig. Vor Wochen, als der Berg über
Nacht das Laufen angefangen hatte, war freilich im Dorf ein großer Lärm
gewesen. Doch schon nach wenigen Tagen, als die Dorfbauern merkten, daß
die Bewegung des laufenden Bodens das tiefere Tal nicht bedrohte, hatte
ihre Sorge sich beschwichtigt. Ihre eigenen, kostbaren Häuser waren
sicher, nur die billigen Hütten da droben standen in Gefahr.
Die junge Frau blickte auf die von Dämmerung umwobenen Büsche, hinter
denen Mathes verschwunden war. »Gott sei Dank für den alten Michel,
weil der Mathes daheim is! Der hat zwei feste Arm!« Sie strich die
Härchen von der Schläfe hinters Ohr und atmete auf, als wäre ihr, seit
sie den Mathes gesehen hatte, der Gedanke an den armen Simmerauer
leichter geworden.
Während sie durch den Garten zurückkehrte, vernahm sie einen Schrei
ihres Kindes. In Sorge begann sie zu laufen, und als sie die Steinbank
erreichte, sah sie ein schattenhaftes Tier, wie eine kleine Fledermaus,
mit Sumsen um den Kopf ihres Kindes flattern. Erschrocken schlug sie
mit der Hand und traf. Das Tier fiel zu Boden, ein großer Nachtfalter.
Karlin hob das weinende Bürschl auf ihre Arme und streichelte ihm
Haar und Wange. »Geh, Tonerl, bist erschrocken! Schau, es is bloß a
Schmetterling gwesen! Der tut dir nix.«
Schmetterling! Dieses Wort schien das Kind zu trösten; es blickte mit
nassen Augen umher und streckte die Hände. »Den Meckerling haben möcht
ich!«
»Ja, Herzerl! Wart, den such ich dir gleich! Schau, da is er schon!«
Mit zitternden Schwingen kroch der Falter über die Pflastersteine.
Karlin bückte sich. Von einer abergläubischen Regung erfaßt, zog sie
die Hand zurück. Deutlich hatte sie auf dem dicken Leib des Falters
die unheimliche Zeichnung erkannt. Es war ein Totenkopf. Sie wollte
das Tier zertreten. Da hob sich der Falter mit einem zirpenden Ton von
der Erde; schwirrend stieß er gegen eine Fensterscheibe und verschwand
unter den roten Blättern der wilden Reben. Mit beiden Armen preßte
Karlin ihr Kind an die Brust. »Komm, Schatzerl, laß dich schlafen
bringen!«
Das Bürschl begann wieder zu weinen. »Meckerling haben möcht ich! Nitti
schlafen! Vaterl warten!«
»Geh, sei z'frieden, Tonerl! Der Vater kommt schon. Droben im Betterl
darfst warten auf ihn.«
»Tust mir Liedi singen?«
»Ja, liebs Herzerl!« Karlin faßte eine Weinranke und rüttelte an ihr.
Surrend schoß der Falter aus dem Laub hervor und schwirrte davon. »Gott
sei Dank!«
Als Karlin das Haus betrat, kam eine alte Magd aus der Küche und
fragte: »Wie soll ich's denn mit dem Essen halten, Frau? Von Mittag is
alles noch übrig, der Herr is net heimkommen, und Sie haben nix gessen.
Soll ich die Sachen aufwärmen?«
»Für mich, ja! Für'n Herrn mußt frisch was machen, 's Aufgwärmte mag er
net.«
»Was soll ich denn richten?«
»Fladlsuppen. Die ißt er gern. Und an ausgsuchts Stückl Wildbret bratst
ihm ab. Wann alles fertig is, mußt es am Feuer halten, damit er sein
Essen gleich haben kann, wann er heimkommt. Sonst muß er sich wieder
ärgern.«
Frau Karlin stieg über die Treppe hinauf, mit dem Bürschl, das vom
versiegenden Schluchzen noch ein bißchen gestoßen wurde. Im Flur
des oberen Stockes herrschte schon tiefe Dämmerung. Die Blätter des
Efeus, der die Wände übersponnen hatte, hingen wie kleine Schatten an
der weißen Mauer und an den Stangen der Hirschgeweihe. Frau Karlin
durchschritt das große Wohnzimmer. Ohne in der Schlafstube Licht zu
machen, entkleidete sie unter zärtlichem Geplauder das Kind und wusch
ihm das von Tränen nasse Gesicht. Das Bübl lag noch kaum in den Kissen,
da mahnte es die Mutter schon an ihr Versprechen: »Liedi singen,
Mammi!«
Die junge Frau zog einen Stuhl an das Bett, und während sie ihre Hand
den spielenden Fingern des Kindes überließ, sang sie, was ihr gerade
einfiel:
Vogerl im grünen Wald
Zwitschert so hell!
Zwitschert Wald aus und ein,
Wo mag mein Schatzerl sein?
Vogerl im grünen Wald
Zwitschert so hell!
Da mußte sie lächeln. Wie merkwürdig, daß ihr gerade dieses Lied, an
das sie viele Jahre nicht mehr gedacht hatte, auf die Lippen kam? Das
war wohl nur geschehen, weil sie den Mathes wieder gesehen hatte. Denn
dieses Lied hatten sie miteinander gesungen unter den blühenden Hecken
und im dunklen Purtschellerwald da droben, damals, als sie noch Kinder
waren, sie, der Mathes und die Vroni.
Es war in der Stube dunkel. Doch Karlin sah einen sonnigen Berghang,
über ihm die leuchtenden Felswände und über allem den blauen Himmel. Im
Rauschen der silbernen Gießbäche, die damals noch nicht in den Berg
versunken waren, hörte sie ihre eigene Stimme, hell und lustig wie das
Gezwitscher eines Vogels. Neben ihr saß der Mathes, der zwei Jahre
älter war als sie, und schnitzte aus einem Weidenzweig eine Pfeife,
um ihr die Weise des Liedes vorzublasen. Auf der andern Seite saß das
Vronerl und flocht aus Butterblumen einen schönen Kranz, den das Linerl
aufsetzen mußte. Und da hatte der Mathes sie angestaunt und hatte ganz
ernst gesagt: »Linerl! Du bist so schön wie d' Mutter Gottes in der
Kirchen drunt!«
Langsam strich Frau Karlin die Härchen hinters Ohr und seufzte: »O du
liebe Zeit!«
Nur der Winter war immer hart gewesen. Durch den hohen Schnee der
weite Weg in die Schule! Da wäre sie oft steckengeblieben, wenn ihr
der Mathes nicht geholfen und das schwere Ränzl getragen hätte. »So
a guter Kerl!« Aber wenn der Föhn den Berghang vom Schnee gesäubert
hatte und unter den Hecken das erste Veilchen blühte, war alle Not des
Winters vergessen. Dann der Sommer und die Ferienzeit! Da waren sie
unzertrennlich den ganzen Tag und lachten und tollten, bis am sinkenden
Abend der Vater über die Wiesen herüberschrie: »Linerl! Komm!« Oder bis
vom Haus des Simmerauer die Zenz gelaufen kam, um ihre zwei kleinen
Geschwister heimzuholen. »Die arme Zenz!« Wie elend die zugrunde
gegangen war! Hatte ihr Herz an einen leichtsinnigen Menschen gehängt
und war gegen den Willen der Eltern mit ihm in die Stadt gezogen. Dort
hatte der Lump sie sitzenlassen mit ihren zwei Kindern. Gealtert in
jungen Jahren, eine Sterbende, war sie ins Dorf zurückgekehrt. Aber das
hatte sich später zugetragen. Damals, in jener schönen Kinderzeit, war
die Zenz ein sechzehnjähriges, hübsches, lustiges Mädel gewesen.
Tonerl streckte sich in den Kissen und lallte im Halbschlaf: »Bitt
schön, Mammi, Liedi singen!«
Karlin atmete tief und sang mit leiser Stimme:
Vogerl am kühlen Bach
Zwitschert so süß!
Zwitschert Bach auf und ab,
Bis ich mein Schatzerl hab.
Vogerl am kühlen Bach
Zwitschert so süß!
Sie fühlte, daß der Druck der kleinen Finger, die ihre Hand umschlossen
hielten, sich lösten. Eine Weile blieb Karlin noch sitzen, dann verließ
sie auf den Fußspitzen die Schlafstube. Im Wohnzimmer zündete sie über
dem Tisch die Hängelampe an. Eine richtige Herrenstube! Die Wände bis
zu halber Höhe getäfelt, hübsche Möbel aus rötlichem Zirbenholz, ein
altdeutsches Sofa und große, mit Leder gepolsterte Lehnstühle; überall
Geweihe, ausgestopfte Vögel und hinter dem Ofen der mit Jagdgerät und
Waffen behangene Gewehrrechen.
Karlin deckte den Tisch. Dann ging sie hinunter, stellte sich unter die
Haustür und spähte über die dämmerige Straße hinaus, ob ihr Mann nicht
käme?
Ein weicher Glockenton schwoll durch die dunstige Luft; man läutete den
Abendsegen.
So weich und zerflossen, wie jetzt im Nebel, hatte sie die Glocke
immer gehört, wenn sie am Abend dort oben unter der Haustür saß, als
Kind, die Ärmchen unter die Schürze eingehuschelt. Und genau so hatte
es geklungen, als man ihrem Vater den Weg in den Himmel eingeläutet
hatte. Im Steinbruch, beim Sprengen der Felsen, war ihm ein Brocken
an die Stirn geflogen. Vier Jahre früher hatte sie schon die Mutter
verloren. Damals war sie noch so klein gewesen, daß sie nicht begriff,
was sterben heißt. Doch als sie den Vater liegen sah, stumm und starr,
mit der blutenden Stirnwunde, verstand sie den Tod. Vom Abend bis zum
Morgen blieben der Simmerauer und Mutter Katherl bei ihr und beteten,
während sie weinend in einem Winkel kauerte, mit ihr der Mathes, der
den Arm um ihren Nacken geschlungen hielt.
Dann wurde das Haus an den Gaßner verkauft. Schulden waren zu
bezahlen -- seit die Mutter gestorben, war dem Vater das Wirtschaften
übel geraten -- und für das neunjährige Kind blieben als Erbe kaum
hundert Mark zurück. Der alte Pfarrer erbarmte sich der Waise und
gönnte ihr im Stübchen seiner Haushälterin einen Platz. In dem
großen, schwermütigen Pfarrhof, der dicke Mauern hatte, wurde aus
dem fröhlichen Linerl die stille, ernste Karlin. Oft stand sie da an
einem vergitterten Fenster, blickte über den sonnigen Berghang empor,
meinte manchmal, sie hätte auf einem beleuchteten Wiesengrat den Mathes
erkannt, wie er grüßend gegen den Pfarrhof sein Hütl schwenkte.
Schritte hallten auf der Straße, und Frau Karlin hörte die Stimme
ihres Mannes. »Gott sei Dank! Endlich kommt er!« Sie rief in den Flur:
»Nannei! 's Essen für'n Herrn!« Dann ging sie durch den Garten
hinunter.
Purtschellers Stimme ließ vermuten, daß der ›Herr‹ nicht in guter Laune
nach Hause kam. Er hielt dem Jagdgehilfen, der ihn begleitete, eine
mit Scheltworten gespickte Predigt über einen ›Kerl‹, der ihn geärgert
haben mußte. Wäre Karlin nicht mitten auf der Treppe gestanden,
er hätte sie in seinem Groll übersehen. »Grüß Gott!« sagte er so
verdrießlich, als wäre sie mitschuldig an seinem Ärger.
»Guten Abend, Toni! Lang bist ausblieben. Schau, ich bin schon in Sorg
gwesen.« Das sagte sie ruhig und herzlich, ohne jeden Vorwurf.
Scheltend fuhr er auf: »Natürlich! Beim ersten Schritt ins Haus geht d'
Nörglerei schon wieder an! Ich hab dir's hundertmal schon gsagt, daß
man bei der Jagd 's Heimkommen net am Schnürl hat wie der Slowak sein'
Affen. Und jedsmal machst mir wieder so a Metten her! Da kunnt der
gmütlichste Mensch aus der Haut fahren.«
»Aber Toni!« mahnte sie leis. »Wir sind net allein.«
»Ah, was! Ich sag nix Unrechts. Was ich sag, kann jeder hören.« Er
stieß mit dem Ellbogen die Büchse zurück und stieg durch den Garten
hinauf, während ihm Karlin schweigend folgte. Vor der Haustür wandte
er sich und sagte mit beschwichtigender Milde: »Aber schau, Linerl!
In aller Fruh bin ich schon am Heimweg gwesen. Und da kommt mir der
Daxen-Schorschl nachgrennt, der Tagdieb, der verruckte! -- Wo is er
denn blieben?« Diese Frage war an den Jagdgehilfen gerichtet.
»Droben in der Simmerau is er weg von mir«, erwiderte der Jäger, »und
hat uns nimmer eingholt.«
Purtscheller wandte sich wieder zu seiner Frau. »Kommt mir nachgrennt
und sagt, er hätt den starken Hirsch am Schnürl. Was will ich machen?
Hab ich halt die drei Stund wieder auffisteigen müssen. Beim besten
Wind haben wir den Trieb eingstellt, und richtig is er drin gwesen,
der Hirsch! Aber was der Schorschl heut ghabt hat, weiß ich net. Ganz
verdraht is er gwesen. Der Hirsch is abgfahren, und ich, der gute Herr
Purtscheller, natürlich, ich hab mich ärgern können, daß mir's den
Magen schier umkehrt hat!« Er seufzte schwer und rief dem Jäger zu.
»Gut Nacht, Sepp! Schau halt, daß den Hirschen kriegst!«
»Ja, Herr Purtscheller! Gut Nacht!«