Die kühlen Schatten des Abends waren über das Tal gefallen. Droben auf
den steilen Felswänden lag noch ein letzter Schein des versinkenden
Tages. In der Tiefe spann sich schon ein bläuliches Zwielicht um das
welke Laub der Bäume und um die Dächer, aus deren Kaminen der Rauch
sich langsam hervorkräuselte. Von den Wiesen, die der breite Bach
durchrann, kamen dünne Nebel gezogen; ihre Schleier mischten sich mit
dem Rauch der Dächer und umwoben den Giebel des Purtschellerhofes, der,
auf einer Anhöhe gelegen, alle Häuser des Dorfes stolz überragte.
Ein stattliches Gebäude! Von der Straße führte eine aus roten Steinen
gemauerte Treppe durch einen Vorgarten zum Wohnhaus, dessen lange
Front den Wirtschaftshof mit seinen Ställen und Scheunen verdeckte.
Früher war der Purtschellerhof das richtige Bauernhaus gewesen, mit
niederer Tür und kleinen Fenstern. Als der Toni nach seines Vaters
Tod die Herrschaft übernommen und die Karlin heimgeführt hatte, waren
ihm die alten Stuben nicht schön genug gewesen, um sein junges Glück
zu beherbergen. Einen Sommer lang hatte man gebaut, hatte das Dach
gehoben, alle Zimmer des oberen Stockes geräumiger gemacht, ihnen
neue Türen mit geschnitzten Aufsätzen und große Fenster mit gewölbten
Spiegelscheiben gegeben. In den Flur wurde eine neue Treppe eingebaut,
und während Toni mit seiner Frau die neuen ›Herrenzimmer‹ bezog, wurden
im unveränderten Erdgeschoß die kleinen Stuben, in denen Tonis Eltern
sich wohlgefühlt hatten, dem Gesinde als Wohnräume überlassen.
Im Erdgeschoß die kleinen Fenster und im oberen Stock die großen. Das
hatte so übel ausgesehen, als hätte man die Hälften zweier Häuser,
eines neuen und eines alten, übereinandergeschachtelt. Um diesen
Schönheitsfehler des Purtschellerhofes auszugleichen, hatte man auch im
Erdgeschoß die kleinen Fenster in große verwandelt, nicht in wirkliche,
nur in gemalte. Am Fuß der Mauer hatte man Spalierobst, Jerichorosen
und wilde Reben angepflanzt, und die üppig aufgeschossenen Ranken,
an denen jetzt die welken Blätter alle Farben spielten, waren der
täuschenden Malerei zu Hilfe gekommen, so daß es wirklich den Anschein
hatte, als wäre am Purtschellerhof kein Fehl und Schaden.
Neben der Haustür war eine steinerne Bank, überdacht von einem
Laubengitter, von dessen Latten die Ranken des wilden Weins mit roten
Blättern herunterhingen. Hier saß Frau Karlin, das junge Weib des
Purtscheller-Toni, und vor ihr, auf dem Backsteinpflaster, trippelte
ihr Knabe umher, ein vierjähriges Kind, bleich und schwächlich. Während
das Büblein still ein hölzernes Pferd hinter sich herschleifte und
sein Spielzeug, sooft es auch umkippte, geduldig wieder auf die mit
Rollen versehenen Füße stellte, hatte die Mutter die Hände mit der
Häkelarbeit im Schoß liegen und hielt den Kopf an die Mauer gelehnt.
Sie war städtisch gekleidet, weil es ihr Mann so haben wollte. Die
schmächtige, zartgegliederte Gestalt hätte die Herkunft aus dem
Bauernhaus wohl verleugnen können. Sogar weiße Hände hatte sie
bekommen. Der Purtscheller-Toni fand es unter der Würde seiner Frau,
daß sie grobe Arbeit tat und in der Wirtschaft mithalf. Sie hatte, wie
ihr Mann den Leuten zu erzählen liebte, ein Leben, um das eine Gräfin
die Purtschellerin beneiden könnte. Dennoch fühlte sie an jedem Abend
eine Müdigkeit in allen Gliedern, als hätte sie während des ganzen
Tages schwer gearbeitet.
Im vergangenen Winter war sie dreiundzwanzig geworden. Man nahm sie für
älter, für eine Dreißigjährige. Wohl hatte ihr schmales Gesicht noch
jene sanfte Schönheit, die den Stolz des Purtschellers so klein gemacht
hatte, daß er sich die Karlin aus der Gesindestube des Pfarrers holte.
Und wie eine Krone lagen ihr noch immer die vollen, braunen Flechten um
die Stirn. Aber ein Zug des Leidens war um ihren stillen Mund gegraben,
und eine zehrende Schwermut redete aus ihren Augen.
Auf der Straße ging eine Bäuerin vorüber und rief einen Gruß. Die junge
Frau erwachte aus ihrem Sinnen. Langsam strich sie mit der Hand ein
Büschel Haare von der Schläfe hinters Ohr; das war eine Gewohnheit von
ihr. Dann nahm sie die Häkelarbeit auf, nestelte ein paar Maschen, und
wieder lehnte sie den Kopf an die Mauer, tief atmend, als empfände sie
erquickend die Kühle des Abends.
Wie still und schön dieser Abend war, mit seinem träumerisch ziehenden
Nebel, mit dem verglimmenden Licht auf den Bergen! Aus der ebenerdigen
Stube klangen die Stimmen der Dienstboten, die beim Abendessen saßen.
Das Dorf war schon in halber Ruhe; nur manchmal ein lauter Ruf in den
Gärten; irgendwo das Knarren eines Scheunentores, das geschlossen
wurde; zuweilen auch der kurze Anschlag eines Hundes; dazu die Töne der
Dorfmusik, die im Wirtshaus eine Probe hielt; die Sache hatte keinen
rechten Klang, es fehlte die führende Stimme der C-Trompete, die der
Daxen-Schorschl sonst zu blasen pflegte. Wenn der Abendwind ein wenig
stärker zog, verschwammen die Geigen- und Klarinettentöne mit dem
dumpfen Rauschen des Wassers, das im tieferen Tal aus dem unterhöhlten
Berg hervorströmte.
Karlin lauschte dem fernen Rauschen und blickte über das Gehäng des
laufenden Berges empor. »Die armen Leut!« Zu ihrem Mitgefühl gesellte
sich eine schmerzliche Erinnerung. Dort oben stand auch das Haus, in
dem sie ein fröhliches Kind gewesen war, als ihre Eltern noch gelebt
hatten. Es war das Haus, das der Gaßner vor vierzehn Jahren gekauft
hatte, und das er jetzt räumen mußte.
Da hörte die junge Frau ein Klirren vor ihren Füßen. Das Bübchen hatte
sein Pferdl umgeworfen und bückte sich, um es wieder aufzurichten.
»Tonerl?« fragte die Mutter. »Magst net schlafen gehn? Schau, es wird
schon finster! Bald wird der Sandmann klopfen. Da müssen brave Kinder
im Bett sein. Geh, komm schlafen!«