Drittes Kapitel

Die kühlen Schatten des Abends waren über das Tal gefallen. Droben auf

den steilen Felswänden lag noch ein letzter Schein des versinkenden

Tages. In der Tiefe spann sich schon ein bläuliches Zwielicht um das

welke Laub der Bäume und um die Dächer, aus deren Kaminen der Rauch

sich langsam hervorkräuselte. Von den Wiesen, die der breite Bach

durchrann, kamen dünne Nebel gezogen; ihre Schleier mischten sich mit

dem Rauch der Dächer und umwoben den Giebel des Purtschellerhofes, der,

auf einer Anhöhe gelegen, alle Häuser des Dorfes stolz überragte.

Ein stattliches Gebäude! Von der Straße führte eine aus roten Steinen

gemauerte Treppe durch einen Vorgarten zum Wohnhaus, dessen lange

Front den Wirtschaftshof mit seinen Ställen und Scheunen verdeckte.

Früher war der Purtschellerhof das richtige Bauernhaus gewesen, mit

niederer Tür und kleinen Fenstern. Als der Toni nach seines Vaters

Tod die Herrschaft übernommen und die Karlin heimgeführt hatte, waren

ihm die alten Stuben nicht schön genug gewesen, um sein junges Glück

zu beherbergen. Einen Sommer lang hatte man gebaut, hatte das Dach

gehoben, alle Zimmer des oberen Stockes geräumiger gemacht, ihnen

neue Türen mit geschnitzten Aufsätzen und große Fenster mit gewölbten

Spiegelscheiben gegeben. In den Flur wurde eine neue Treppe eingebaut,

und während Toni mit seiner Frau die neuen ›Herrenzimmer‹ bezog, wurden

im unveränderten Erdgeschoß die kleinen Stuben, in denen Tonis Eltern

sich wohlgefühlt hatten, dem Gesinde als Wohnräume überlassen.

Im Erdgeschoß die kleinen Fenster und im oberen Stock die großen. Das

hatte so übel ausgesehen, als hätte man die Hälften zweier Häuser,

eines neuen und eines alten, übereinandergeschachtelt. Um diesen

Schönheitsfehler des Purtschellerhofes auszugleichen, hatte man auch im

Erdgeschoß die kleinen Fenster in große verwandelt, nicht in wirkliche,

nur in gemalte. Am Fuß der Mauer hatte man Spalierobst, Jerichorosen

und wilde Reben angepflanzt, und die üppig aufgeschossenen Ranken,

an denen jetzt die welken Blätter alle Farben spielten, waren der

täuschenden Malerei zu Hilfe gekommen, so daß es wirklich den Anschein

hatte, als wäre am Purtschellerhof kein Fehl und Schaden.

Neben der Haustür war eine steinerne Bank, überdacht von einem

Laubengitter, von dessen Latten die Ranken des wilden Weins mit roten

Blättern herunterhingen. Hier saß Frau Karlin, das junge Weib des

Purtscheller-Toni, und vor ihr, auf dem Backsteinpflaster, trippelte

ihr Knabe umher, ein vierjähriges Kind, bleich und schwächlich. Während

das Büblein still ein hölzernes Pferd hinter sich herschleifte und

sein Spielzeug, sooft es auch umkippte, geduldig wieder auf die mit

Rollen versehenen Füße stellte, hatte die Mutter die Hände mit der

Häkelarbeit im Schoß liegen und hielt den Kopf an die Mauer gelehnt.

Sie war städtisch gekleidet, weil es ihr Mann so haben wollte. Die

schmächtige, zartgegliederte Gestalt hätte die Herkunft aus dem

Bauernhaus wohl verleugnen können. Sogar weiße Hände hatte sie

bekommen. Der Purtscheller-Toni fand es unter der Würde seiner Frau,

daß sie grobe Arbeit tat und in der Wirtschaft mithalf. Sie hatte, wie

ihr Mann den Leuten zu erzählen liebte, ein Leben, um das eine Gräfin

die Purtschellerin beneiden könnte. Dennoch fühlte sie an jedem Abend

eine Müdigkeit in allen Gliedern, als hätte sie während des ganzen

Tages schwer gearbeitet.

Im vergangenen Winter war sie dreiundzwanzig geworden. Man nahm sie für

älter, für eine Dreißigjährige. Wohl hatte ihr schmales Gesicht noch

jene sanfte Schönheit, die den Stolz des Purtschellers so klein gemacht

hatte, daß er sich die Karlin aus der Gesindestube des Pfarrers holte.

Und wie eine Krone lagen ihr noch immer die vollen, braunen Flechten um

die Stirn. Aber ein Zug des Leidens war um ihren stillen Mund gegraben,

und eine zehrende Schwermut redete aus ihren Augen.

Auf der Straße ging eine Bäuerin vorüber und rief einen Gruß. Die junge

Frau erwachte aus ihrem Sinnen. Langsam strich sie mit der Hand ein

Büschel Haare von der Schläfe hinters Ohr; das war eine Gewohnheit von

ihr. Dann nahm sie die Häkelarbeit auf, nestelte ein paar Maschen, und

wieder lehnte sie den Kopf an die Mauer, tief atmend, als empfände sie

erquickend die Kühle des Abends.

Wie still und schön dieser Abend war, mit seinem träumerisch ziehenden

Nebel, mit dem verglimmenden Licht auf den Bergen! Aus der ebenerdigen

Stube klangen die Stimmen der Dienstboten, die beim Abendessen saßen.

Das Dorf war schon in halber Ruhe; nur manchmal ein lauter Ruf in den

Gärten; irgendwo das Knarren eines Scheunentores, das geschlossen

wurde; zuweilen auch der kurze Anschlag eines Hundes; dazu die Töne der

Dorfmusik, die im Wirtshaus eine Probe hielt; die Sache hatte keinen

rechten Klang, es fehlte die führende Stimme der C-Trompete, die der

Daxen-Schorschl sonst zu blasen pflegte. Wenn der Abendwind ein wenig

stärker zog, verschwammen die Geigen- und Klarinettentöne mit dem

dumpfen Rauschen des Wassers, das im tieferen Tal aus dem unterhöhlten

Berg hervorströmte.

Karlin lauschte dem fernen Rauschen und blickte über das Gehäng des

laufenden Berges empor. »Die armen Leut!« Zu ihrem Mitgefühl gesellte

sich eine schmerzliche Erinnerung. Dort oben stand auch das Haus, in

dem sie ein fröhliches Kind gewesen war, als ihre Eltern noch gelebt

hatten. Es war das Haus, das der Gaßner vor vierzehn Jahren gekauft

hatte, und das er jetzt räumen mußte.

Da hörte die junge Frau ein Klirren vor ihren Füßen. Das Bübchen hatte

sein Pferdl umgeworfen und bückte sich, um es wieder aufzurichten.

»Tonerl?« fragte die Mutter. »Magst net schlafen gehn? Schau, es wird

schon finster! Bald wird der Sandmann klopfen. Da müssen brave Kinder

im Bett sein. Geh, komm schlafen!«

Der laufende Berg · 第 13 / 60 题