Der trockene Ton schien den Daxen-Schorschl zu belustigen. »So sag halt
noch dazu: is gern gschehen!«
»Gern? Na!«
»Ui jegerl! Am End reut's dich gar, daß d' mich den Hals net brechen
hast lassen?«
Vroni schwieg. Über den Pfahl weg, auf den sie loshackte, streifte sie
den Burschen mit einem finsteren Blick. Freilich, der Daxen-Schorschl
bot in der Verfassung, in der er nach der Rutschpartie beim Haus des
Simmerauer angelangt war, kein Bild, das einem Mädchenauge gefallen
konnte: das Gewand beschmutzt, die nackten Knie, Gesicht und Hände grau
von Staub, braune Erde im Haar und am zerzausten Schnurrbart. Aber er
lachte. »Sakra, Madl! A Paar Augen kannst machen! Net schlecht!« Und
nach einer stummen Weile fügte er kleinlaut bei: »Viel Guts, mein' ich,
mußt dir net denken von mir?«
»Da kannst recht haben.«
»Jetzt machst mich aber neugierig. Sag: was denkst dir denn von mir?«
»Dös is gschwind gsagt.« Vroni ließ das Beil sinken und richtete ihre
blitzenden Augen auf den Burschen. »Schorschl, du bist a Lump!«
In der ersten Verblüffung machte der Daxen-Schorschl ein furchtbar
dummes Gesicht. Dann fuhr ihm das Blut in die Stirn. Merkwürdig, daß
so ein kurzes Wort den ›lüftigen‹ Schorschl so erregen konnte! Er
hatte dieses Wörtl doch schon häufig genug zu hören bekommen, um sich
an seinen Klang zu gewöhnen. Aber die anderen, drunten im Dorf, die
hatten es immer lachend gesagt: »Ja, Schorschl, du bist a Lümperl!« Und
immer hatte er mitgelacht. Jetzt zum erstenmal hatte er dieses Wort auf
eine neue Art gehört, ernst, von einer zornigen Stimme gesprochen. Und
von so roten Lippen! Er suchte nach einer Antwort. Da sagte Vroni: »Geh
zum Brunnen und wasch dich! Steht dir ja 's Blut auf die Händ!« Ruhig
wandte sie ihm den Rücken und schwang das Beil.
Schorschl stand noch eine Weile und betrachtete ratlos seine übel
zugerichteten Hände; dann verzog er den Mund wie ein gescholtenes Kind,
das nicht zu mucksen wagt, und ging auf den Brunnen zu. Während er sich
wusch, unter Prusten und Plätschern, kam einer der Gemeinderäte, welche
die Kommission begleitet hatten, am Haus vorüber. Als der Simmerauer
ihn erblickte, fuhr ihm die Erregung in die Hände, daß er die Säge
verbog. »Leitner! He!« rief er mit erstickter Stimme den Bauer an,
humpelte auf ihn zu und faßte ihn am Joppenzipfel. »Seid's schon fertig
droben? Wo gehst denn hin?«
»Ins Ort muß ich abi, 's Mittagessen bstellen für die Kammissoni.«
Mutter Katherl trippelte auf einem Balken durch den Schlamm, Vroni
verließ den Hackstock, das Beil in der Hand, und Mathes kam, mit dem
Schlägel auf der Schulter. So standen sie alle viere um den Bauer her,
mit scheuen Augen.
»Und --« Michel brachte die Frage kaum heraus, »was sagen s' denn, dö
studierten Herrn?«
Der Bauer machte ein ernstes Gesicht. »Was sollen s' denn sagen? Helfen
können s' net! Daß wir wissen, wie 's Unglück kommen is, dös macht uns
auch net gscheider.« Er sah gegen die Felswänd hinauf. »Wie im Sommer
droben im Seekar der Almsee gahlings ausglaufen is, ohne daß man gsehen
hat, wo 's Wasser hinkommt -- dös wär der Anfang gwesen, sagen s', dö
Herrn. 's Wasser hätt an unterirdischen Durchgang gfunden, und wie
der Weg amal offen war in die Darm vom Berg eini, is dem Seewasser 's
ganze Regen- und Schneewasser dö Zeit her nachgronnen. Und der Berghang
tät auf schiefem Letten[1] liegen, sagen s'. Den wascht 's versunkene
Wasser schön langsam aus, und natürlich, wann dös Luderwasser unt drin
a Loch ausgschwemmt hat, muß der obere Boden nachsinken. Verstehst?«
»Ja, ja!« Mit zitternden Händen strich der Simmerauer das weiße Haar
in die Schläfe. »Ja, ja! Natürlich! Der Boden muß nachsinken, wann unt
drin a Loch is.«
»So sagen s', dö Herrn! Wer weiß, ob s' recht haben? Einischauen in
Boden können s' auch net.«
»Und sonst sagen s' gar nix, dö Herrn?«
»Na! Nix!«
»Gar nix, wie z'helfen wär?«
»Na! Nix! Drunt im Tal sollt man dem Wasser den Auslauf net verwehren.
Eh net der ganze Letten unten drin schön sauber ausgschwabt is und d'
Löcher wieder ausgfüllt sind mit feste Steiner, eh hört der Berg sein
Laufen net auf und gibt kein' Fried. Oder es müßt 's untrische Wasser
wieder in d' Höh steigen ans Licht. Verstehst?«
»Ja, ja!« Der Simmerauer wollte an seinem Hemd den Halskragen schließen
und nestelte immer, ohne zu merken, daß der Knopf abgerissen war. »'s
Wasser! Freilich! 's Wasser müßt wieder in d' Höh! Da tät er an Fried
geben, der Berg!« Er blickte umher, als müßte er schon irgendwo das
steigende Wasser sprudeln sehen. »Und sag? Was alles noch abi muß, eh
's Wasser wieder steigen kann? Da haben s' gar nix gsagt, dö Herrn?«
Langsam kam die Antwort. »Ja! Da haben s' schon a bißl ebbes gsagt. Der
ganze Purtschellerwald, meinen s', müßt abi. Und 's Häusl vom Gaßner,
der grad ausräumt. Und die ganzen Wiesen zwischendrin. Und --« Der
Bauer stockte, und vier Menschen hielten in banger Sorge den Atem an.
»Es wird mir hart, daß ich dir's sagen muß. Aber es is allweil besser,
man weiß, wie man dran is. Dös ganze Gratl da, wo dein Häusl steht,
wird abi müssen, haben s' gsagt, dö Herrn.«
»Abi? So? Abi müssen?« wiederholte der Simmerauer mit erloschenem Ton.
»Trag mir's net nach, Michel, daß ich dir so a harte Botschaft hab
bringen müssen!« Der Bauer legte dem Simmerauer die Hand auf die
Schulter. »Laß dir an guten Rat geben, schau! Räum aus, Michel! Räum
aus, solang's noch Zeit is! Nimm Vernunft an!«
Sie waren mit dem Leitner ihrer fünfe beisammen gestanden. Als der
Bauer den Hofraum verlassen hatte, waren es wieder fünfe, denn der
Daxen-Schorschl war wortlos vom Brunnen gekommen. Er hatte das
›Saubermachen‹ nicht zu Ende gebracht. Die nassen Haare klebten ihm an
Stirn und Schläfen, trauernd hing ihm der durchweichte Schnurrbart über
den Mund, und in dicken Tropfen rann ihm das schlammige Wasser über den
Hals und von den Händen. Sein Gesicht war bleich, nur die Wunde rot,
die er sich beim Sturz in die Wange gerissen hatte.
Eine Weile wurde kein Laut gesprochen. Mutter Katherl streifte mit
hilflosem Blick den Mathes und die Vroni, dann sahen sie alle drei den
Vater an. Gerne hätten sie ihm den Rat des Leitners wiederholt: »Räum
aus, so lang's noch Zeit is!« Aber sie hatten nicht das Herz, ihm das
zu sagen. Mathes sprach das erste Wort. »Komm, Vater, schaffen wir
wieder! Was dö Herrn sagen, glaub ich net!«
»Ja! Schaffen wir wieder!« fiel Vroni ein und ging zum Hackstock.