Der ganze Grund, der das Haus des Simmerauer mit Garten und Scheune,
mit einem abgeernteten Getreidefeld und einem schmalen Kartoffelacker
trug, hatte sich im Umkreis von ein paar hundert Schritten vom höhern
Berghang losgelöst und war der »laufenden« Erde des tiefer liegenden,
vom Wasser unterhöhlten Wiesengehänges nachgesunken. Das hatte sich
nicht gewaltsam vollzogen, ganz allmählich, mit schleichender Bewegung.
An der Abrißstelle, über die Purtscheller niederblickte, war oben die
kahle Erde schon ausgetrocknet, während sie unten noch frisch und
feucht war. Ein plump gefügter Verhau aus Baumstämmen und verflochtenem
Astwerk stützte die Böschung und sollte ein Nachgleiten des höheren
Bodens verhindern -- ein Rettungsversuch, der anzusehen war, als wollte
eine Kinderhand den tollen Lauf eines scheu gewordenen Pferdegespannes
aufhalten.
Am Fuß der Böschung sickerte durch das Rutengeflecht ein schlammiges
Wasser hervor, das den freundlich gepflegten Garten mit seinen
Kohlbeeten und Blumenrabatten versumpfte, sich in breiten Pfützen
um die Wurzeln der trauernden Obstbäume sammelte und den Hofraum,
das Stoppelfeld und den Kartoffelacker, der die Früchte noch barg,
in Morast verwandelte. Doch diese Verwüstung hatte ein lächelndes
Gesicht. Der blaue Himmel spiegelte sich in dem stehenden Wasser,
das Sonnenlicht übergoldete den nassen Schlamm. Wohl gefährdet, doch
scheinbar noch unberührt von der schleichenden Zerstörung, erhob
sich inmitten des leuchtenden Grundes das kleine, schmucke Haus.
Die weißgetünchten Mauern schimmerten wie frische Leinwand, die
Glasscheiben blitzten zwischen den grüngestrichenen Läden, rot blühten
die Nelkenstöcke auf allen Fenstergesimsen, an der kleinen, schon
altersgrauen Holzgalerie der Giebelstube glitzerten die angeflogenen
Fäden, und auf der Höhe des Firstes glomm ihr Schein wie ein Elmsfeuer,
das bei Tage brennt.
Diesem freundlichen Anblick widersprach das unruhige Leben, von dem das
kleine Haus umgeben war. Die Hühner, die das Waten im Schlamme satt
bekommen hatten, waren auf die Obstbäume geflogen, saßen gackernd im
Gezweig oder putzten das durchnäßte Gefieder; zwei Ziegen, das zottige
Fell mit Kot behangen, schleiften meckernd ihre langen Stricke durch
die Pfützen, und eine braune Kuh, die neben der Scheune angebunden war,
stand mit gespreizten Füßen, hielt den Schweif gestreckt und brüllte.
Ahnte das Tier die Gefahr, die unter ihm in der sinkenden Erde drohte?
Oder war es nur in scheue Unruh geraten durch den Hall der wuchtigen
Schläge, mit denen ein junger Bursch, der die blaue Soldatenhose trug,
einen schweren, übermannshohen Pfahl in den Boden trieb?
Das war der Mathes, eine hager und sehnig aufgeschossene Gestalt,
an der nichts Weiches und Schmiegsames war, alles herb und eckig;
kurzgeschnittenes Blondhaar umschimmerte den Kopf, und stille,
blaue Augen glänzten in dem ernsten Gesicht, das glatt rasiert war,
jetzt gerötet von der anstrengenden Arbeit. Stirne, Wangen und Hals
waren überronnen von glitzernden Schweißperlen. Wie wenig er seiner
Schwester glich! Niemand hätte ihn für den Bruder des Mädels gehalten,
das vor einem Holzblock stand und mit Beilhieben einen hohen Pfahl
zuspitzte. Ein Menschenkind von strotzender Gesundheit und kräftiger
Jugendfrische; alle Formen gerundet und schier ungebärdig unter dem
Zwang der zu knapp gewordenen Kleidung; die Lippen von heißem Rot,
die Wangen brennend, die dunklen Augen von hellem Feuer, die Stirn
umringelt von den wirren Härchen, die aus dem Nest der braunen Flechten
herausgesprungen waren. Unermüdlich schwang sie das Beil, warf den
gespitzten Pfahl beiseite und griff nach einem anderen. Sie stand mit
nackten Füßen im Schlamm, hatte den dunkelgrünen Rock geschürzt und das
gestrickte Leibchen geöffnet, dessen schwarze Wolle in Sonne und Regen
zu einem bräunlichen Filz verwittert war. Der eine der beiden straff
gespannten Hemdärmel war bei einem ungestümen Hieb entzweigegangen;
zwischen den Leinwandfetzen schimmerte der Oberarm mit reinem Weiß
heraus, während die frei getragenen Unterarme dunkel gebräunt waren.
Wie Mathes dem Vater, so war Vroni der Mutter nachgeraten, die vor
dreißig Jahren als das hübscheste Mädel des Dorfes gegolten hatte.
Davon war nimmer viel an dem gealterten Weibl zu gewahren, das gebeugt
vor dem Sägbock stand und frisch gefällte Stangen zu langen Pfählen
entzweisägte. Die grauen Zöpfe hingen um das welk gewordene Gesicht,
in dem nur die guten, dunklen Augen noch einen Schimmer vom Glanz der
entschwundenen Jugend bewahrt hatten. Immer wieder seufzte Mutter
Katherl, während sie die Säge zog. Die Arbeit ging ihr mühselig von der
Hand. Wenn der abgesägte Pfahl zu Boden rollte, richtete sie sich auf,
um den schmerzenden Rücken ein bißchen rasten zu lassen. Immer glitten
dabei ihre Augen mit Sorge über das kleine Haus. Nun zog sie wieder
geduldig die in einer Gabel hängende Säge hin und her, und war so
vertieft in die Arbeit, daß sie ihren Mann nicht kommen hörte. Er schob
sie sanft beiseite, während er ihr die Säge aus der Hand nahm. »Geh,
Katherl, setz dich a bißl nieder! Laß mich wieder schaffen!«
Sie wollte zur Hausbank gehen; auf halbem Wege kehrte sie wieder um und
fragte: »Hast was ghört von die Stadtherrn?«
Michel schüttelte den Kopf und sägte. »Allweil studieren s' noch und
graben dem Berg in die Darm umanand und wissen net, was s' sagen
sollen.«
Seufzend ging Mutter Katherl zur Hausbank. Aus einem irdenen Krug
füllte sie ein Glas mit Milch. Das war seit Tagen das einzige Getränk
in der Simmerau. Bier ist teuer. Und das Wasser, das eine Woche lang
im Brunnen versiegt war, stand wohl seit zwei Tagen wieder hoch im
Schacht, war aber verschlammt und ungenießbar. Über einen der Balken,
die kreuz und quer den aufgeweichten Grund durchzogen, ging Mutter
Katherl zu Vroni hinüber und reichte ihr das Glas. »Da, Madl, trink, es
muß dich ja dürsten.«
»Ah na! Es is net so arg.«
»No freilich, brennt dir ja 's ganze Gsicht! Geh, sei gscheid und
trink!«
Vroni trieb mit festem Schwung das Beil in den Hackstock, um die Hand
frei zu bekommen, und leerte das Glas. »Vergelts Gott, Mutter!«
Da hörten sie vom Verhau herüber ein Geraschel der Äste und das Fallen
kollernder Erdbrocken. Purtscheller, der über die steile Böschung
niedersteigen wollte, war fehlgetreten und hatte sich nur durch einen
raschen Griff vor einem Sturz in den Schlamm bewahrt. Nun kam er
lachend aus dem Garten hervorgewatet, in der einen Hand die Büchse, in
der anderen den Bergstock.
Vroni und ihre Mutter boten ihm verwundert ein Grüßgott, und Michel,
ohne die Säge rasten zu lassen, stotterte: »Jesses! Der Herr
Purtscheller! Auf den hab ich ganz vergessen!« Nur Mathes schwieg. Ein
jähes Erblassen war ihm über die heißen, erschöpften Züge gegangen.
Niemand hatte das gewahrt, außer der Mutter, die ihm das Glas mit
der Milch hatte reichen wollen. »Mathes?« Wortlos schob er mit dem
Ellenbogen das Glas von sich und arbeitete weiter.
Purtscheller und Michel redeten vom laufenden Berg und von der Gefahr,
die dem kleinen Hause drohte. Dann ging Purtscheller zur Hausbank und
spähte ins Tal hinunter: »Wahrhaftiger Gott! Vom Kirchturm sieht man
kein Blinkerl nimmer!« Er warf einen besorgten Blick über die weiße
Mauer des Hauses, schüttelte ernst den Kopf und machte sich's auf der
Bank gemütlich. Seine Augen blieben an Vroni haften. Je länger er sie
betrachtete, desto wärmer wurde sein Wohlgefallen. »Sapperlot, Michel!
Dein Madl! Alle Achtung!«
Vroni überhörte das Lob, und der Simmerauer nickte hinter dem Sägbock:
»Ja! Gelt!«
»Und Ihr liebs Frauerl, Herr Purtscheller?« fragte Mutter Katherl, die
den Milchkrug in den Hausflur gestellt hatte. »Wie geht's ihr denn?«
»Dank der Nachfrag! Den Sommer über hat man z'frieden sein können.
Sie hat sich wieder rausgemacht. Aber so viel still geht s' allweil
umanand. Da muß ich mich oft ärgern. Ich hab gern lustige Leut um
mich. Freilich: sie is halt net völlig gsund. Der Dokter sagt wohl, es
fehlt ihr nix. A bißl nervios halt, und a schattigs Gmüt, meint er.
Zum Lachen! Schatten! Im Purtschellerhof! Der Dokter is an Esel und
versteht nix. Ich fürcht, sie hat's a bißl auf der Brust.«
Mathes taumelte -- beim Rammen eines Pfahles hatte er mit der schweren
Holzkeule danebengeschlagen, und die Wucht des Schwunges riß ihn fast
zu Boden.
»Aber! Herr Purtscheller!« Michel ließ für ein paar Augenblicke die
Säge rasten. »Wie können S' denn an so was denken! Die Frau Karlin hat
schon als jungs Madl zu dieselbigen ghört, dö 's Leben a bißl ernster
fassen.«
»Für was denn?« murrte Purtscheller. »Ich möcht a lustige Frau haben.
Sie hätt allen Grund zum Lustigsein!«
»No ja! Aber d' Menschen sind halt net alle gleich. Den ein' macht 's
Glück lebendig, den andern stad. Und gar a ~groß~ Glück! Dös muß
ich selber sagen: es is an außergwöhnlichs Glück gwesen, dös die Karlin
gmacht hat.«
Diese Anerkennung schien Purtschellers üble Laune zu besänftigen. »Ja,
Michel, da hast recht! A blutarms Madl ohne Familli. Und über Nacht die
Frau im Purtschellerhof! So was kommt net oft. Da hätt sich mancher
andre bsonnen an meiner Stell. Aber sie hat mir halt gfallen. Und wann
ich was will, so will ich. Und da gschieht's auch.«
Dieses große Wort machte den Simmerauer schweigsam, und Mutter Katherl
betrachtete den willensstarken Purtscheller mit scheuen Augen. Während
dieses Schweigens flog ein Holzsplitter surrend bis zur Hausbank;
Mathes hatte den schweren Schlegel mit solcher Wucht auf den Pfahl
geschmettert, daß das Ende der dicken Stange zu einem fransigen
Besen auseinandergefahren war. Mutter Katherl löste den Splitter von
Purtschellers Samtjacke und fragte: »Aber 's Büberl is doch wohlauf?«
»Kunnt besser ausschauen. Dös Bürscherl is a bißl gar z'fein graten.
~Mein'~ Buben hab ich mir anders denkt. Aber freilich, d' Mutter
is allweil a schwaches Krisperl gwesen.«
Da wandte Mathes das Gesicht über die Schulter und musterte den
Purtscheller mit funkelndem Blick. Es schien, als läge ihm ein Wort auf
der Zunge, und kein freundliches; aber Vroni trat vor ihn hin und sagte
leis: »Tu lieber schaffen, Mathes!« Er nickte, hob den Schlägel wieder,
und Vroni watete zum Hackstock zurück.
Purtscheller saß an die sonnige Mauer gelehnt, hielt die Beine
gestreckt und betrachtete die Arbeit, die man da geleistet hatte.
Überall ragten die Stümpfe eingerammter Pfähle aus dem Schlamm hervor,
und zur Hälfte waren sie schon durch quer aufgesetzte Balken zu einem
festen Rost miteinander verbunden.
»A guter Einfall!« sagte Purtscheller mit der Miene eines
Sachverständigen. »Wer hat dir's graten, Michel?«
»Wer sonst als die heilige Kümmernis?« erwiderte der Alte. »So
a Fachwerk, dös den ganzen Platz ums Haus ummi einfaßt, hab ich
mir denkt, kunnt doch den Boden a bißl zammhalten, daß er net
ausanandschlupft wie auf die Wiesen droben.« Er salbte mit einer
Speckschwarte die heiß gewordene Säge. »Vor acht Tag schon hab ich
angfangt. Aber wär der Mathes net heimkommen, wer weiß, ob ich's
fertigbracht hätt? Der Bub hat in einer Nacht mehr vom Fleck bracht,
als ich in der ganzen Woch.«
»Ja, ja, dös glaub ich!« Prüfend sah Purtscheller dem Mathes eine Weile
bei der Arbeit zu. »Der schafft für drei. So ein' kunnt ich brauchen
im Purtschellerhof. Der möcht mir mei' Sach schön sauber in Ordnung
halten. Die Haderlumpen, meine Knecht, betrügen mich hint und vorn. Auf
ein', wie der Mathes is, kunnt ich mich verlassen. So ein' möcht ich
haben!« Weil beim Purtscheller, wie er selbst gesagt hatte, jeder Wille
auch schon die Tat war, fragte er gleich. »Was meinst, Mathes? Hättst
net Lust?«
»Mich braucht der Vater!« antwortete der Bursch ruhig, ohne die Arbeit
zu unterbrechen.
Michel, der bei Purtschellers Frage erschrocken war, atmete erleichtert
auf.
»No ja, der Vater! Jetzt!« Purtscheller kam in Eifer. »Aber der
unsinnige Berg wird doch wieder an Fried geben. Wann der Winter
einfallt, is eh die ärgste Gfahr überstanden. Da bist wieder frei.«
»Für den Fall weiß ich mir an Platz, wie die letzten Jahr her, weit von
daheim.«
»An Platz? Ja! Aber kein', wie im Purtschellerhof! Dreihundert Mark
im Jahr, alles frei, zweimal im Jahr a neus Gwand, und a Weihnächten,
wie's im ganzen Land kein Graf net gibt! Was meinst?« Da hallte ein
Jauchzer über die Wiesen herunter, und undeutlich verstand man, daß
dort oben einer den Namen Purtscheller schrie. Alle blickten hinauf.
Über einem Wiesengrat gewahrten sie einen Menschen, dessen Figürchen
sich schwarz vom leuchtenden Himmel abhob. Er fuchtelte mit beiden
Armen und schrie wie ein Verrückter. »Was kann denn dös für einer
sein?« fragte Purtscheller und holte das Fernrohr aus dem Rucksack.
Vroni hatte den dort oben schon erkannt. »Der Daxen-Schorschl!« Sie
nahm die Arbeit wieder auf. Mit diesem Namen schien die Sache für
sie erledigt zu sein. Doch eine Furche stand zwischen ihren Brauen,
und finster blickten die braunen Augen. Diese halb grollende, halb
verächtliche Miene war dem Mädel nicht zu verdenken. Selbst die
Freunde des Daxen-Schorschl wußten nicht viel Rühmenswertes von ihm zu
erzählen -- höchstens: daß er eine gute Haut und ein anhänglicher Kerl
wäre, dazu ein stramm gewachsener Bursch mit blitzenden Schwarzaugen im
Gesicht, aus dem der gezwirbelte Schnurrbart hervorstach gleich einem
Paar zu Schutz und Trutz gefällter Lanzenspitzen. Sonst aber schien
es beim Daxen-Schorschl mit guten Eigenschaften schlimm bestellt.
Sein Kardinalfehler, aus dem die anderen bösen Dinge hervorwuchsen
wie die Schwämme aus einem moderigen Fleck Erde, war ein grenzenloser
Leichtsinn, der dem Faß schon mehr als einmal den Boden ausgeschlagen
hatte. Wenn ihn der moralische Katzenjammer anfiel, was selten geschah,
pflegte er mit einem Seufzer zu sagen: »Ich hab halt Vater und Mutter
z'früh verloren, hätt noch a paar Jahr lang zu jeder Morgensupp a
gsunde Tracht Prügel braucht. Vielleicht hätt's was gholfen!«
Er hatte aber die Prügeljahre schon längst hinter sich, als seine
Eltern starben und ihm in bester Lage des Dorfes ein hübsches Haus und
die einträgliche Schmiede vererbten. Da war er ein neunzehnjähriger
Bursch gewesen, gerade reif für den blauen Rock. Während der
Soldatenjahre hielt ihm ein alter Vetter das Geschäft in Ordnung,
und als der Schorschl mit einem großen Schnurrbart aus der Stadt
heimkehrte, hatte es ein paar Wochen lang den Anschein, als begänne in
der Schmiede ein neues, lustiges Arbeitsleben. Nur eines gab den Leuten
gleich zu reden: daß Schorschl die beiden Kühe verkaufte und den Stall
leerstehen ließ. Seine lachende Verantwortung lautete: »Erstens muß ich
meine Schulden in der Stadt drin zahlen. Und zweitens: was brauch denn
ich so a feine Milli z'trinken? Ich bin mit Bier und Tiroler
z'frieden.«
Dieses ›Schlauderwörtl‹ verziehen ihm die Leute wieder, als sie
ihn in seiner Schmiede so wuchtig drauflos hämmern hörten, daß es
übers ganze Dorf hinausklang, hell wie Glockenschlag. Aber die erste
Arbeitswut dauerte nicht lang. Bald machte Schorschl unter Tags ein
›Plauscherl‹ beim Nachbar, bald wieder ein ›Sprüngerl‹ ins Wirtshaus,
dann wieder mußte er sich auf den Bergen ›auslaufen‹. Das geschah
immer häufiger, immer seltener traf man den Schorschl in der Schmiede,
und schließlich überließ er das Geschäft dem Gesellen und ging seinen
wechselnden Launen nach. Er war kein Faulpelz, im Gegenteil, bei Tag
und Nacht hatte er alle Hände voll zu tun. Er half beim Flößen und
Holzziehen, ohne sich bezahlen zu lassen. Wenn einer zu ihm sagte:
»Geh, Schorschl, sei so gut und tu mir dös gschwind!« -- so tat er es.
In kurzer Zeit bildete er sich zu einem Virtuosen auf der C-Trompete
aus und spielte ›per Rekrazion‹ bei allen Hochzeiten und Tanzmusiken
mit. Seine Hauptleidenschaft war das Fischen und Krebsen. Da war er ein
unerreichter Meister. Den Fang verschenkte er an die Kinder, die in
Scharen herbeiliefen, wenn sie den Daxen-Schorschl am Wasser sahen. Das
ging zwei Jahre so fort. Dann war die Schmiede auf der Gant.
Die Verwandten sprangen ein und halfen; ein paar Monate gab sich
Schorschl alle Mühe, seinen Leichtsinn unterzukriegen. Dann ging das
alte Schlenderleben wieder an. »Lüftig wie der Daxen-Schorschl!« Das
war ein Sprichwort im Dorf geworden. Die paar geduldigen Leute, die
ihm noch die Stange hielten, führten zu seinem Lobe an: Der Schorschl
bekneipt sich zwar manchmal ganz gehörig, aber er ist doch kein
Trinker, läßt die Hände von den Karten, und die Mädeln haben Ruh vor
ihm! Sonst aber konnte man ihm alles nachsagen, was am Leichtsinn
hängt. Zu den brotlosen Künsten, die er die Jahre her getrieben, hatte
sich in der letzten Zeit noch eine neue gesellt. In seinen Adern rollte
kein Jägerblut, er hatte kein Verlangen nach der Büchse, aber er liebte
es, bei der Jagd zu ›gustieren‹. Einen besseren Treiber und Steiger gab
es in den Bergen nicht. Sein höchstes Vergnügen war es: ›für d' Jager a
guts Stückl ausmachen‹ -- das heißt, den Standort eines selten starken
Wildes zu erkunden. Während drunten im Dorf von Haus zu Haus erzählt
wurde, daß die Daxenschmiede schon wieder ins Schwimmen käme und vor
der zweiten Gant stünde, rannte Schorschl vergnügt bei Tag und Nacht
auf den Bergen umher, um für den Purtscheller einen Kronenhirsch oder
einen alten Gemsbock auszuspüren. Und als er nun dort oben das Hütl
schwang und jodelte, kam Purtscheller gleich zu der Vermutung: »Gwiß
hat er mir wieder was Guts ausgmacht. Augen hat er wie a Luchs, der
Kerl! Is schon möglich, daß er mich gsehen hat über d' Wiesen hergehn,
derweil er droben gstanden is im Gwänd.« Purtscheller höhlte die Hände
um den Mund und rief gegen die Höhe: »Huup!« Dann lachte er. »Hat mich
schon ghört!«
Die Gestalt des Daxen-Schorschl glitt über den steilen Wiesengrat
herunter, so hurtig, wie eine ins Rollen geratene Scholle. Er wuchs
mit jeder Sekunde, und man konnte schon gewahren, wie er bei diesem
sinnlosen Lauf mit weiten Griffen den Bergstock einsetzte. Sprünge
machte er, daß Mutter Katherl ein ums andre Mal erschrocken stotterte:
»Jesses, jetzt wirft's ihn!«
»Tu dich net sorgen, Mutter!« brummte Vroni. »Unkraut verdirbt net.«
Dabei bearbeitete sie den Pfahl, den sie auf dem Hackblock hatte, so
unmutig mit dem blitzenden Beil, als trüge das arme Holz die Schuld,
daß in der Daxenschmiede solch ein menschliches Unkraut gewachsen war.
Schorschl kam schon so nahe, daß man den plumpsenden Aufsprung seiner
Füße hören konnte. »Um Gottes willen!« stammelte Michel in seiner
ruhelosen Sorge. »Der macht mir am End mit seiner Springerei den Berg
noch roglig!«
Mutter Katherl schrie im gleichen Augenblick: »Mar' und Josef! Jetzt
hat's ihn gworfen!«
Schorschl war in einer Staubwolke verschwunden. Ein Stück Wiese mußte
unter seinen Füßen niedergebrochen sein.
»Hab ich's net gsagt!« jammerte der Simmerauer und sprang auf das
Haus zu, als hätten ihn die Mauern zu Hilfe gerufen. Auch Mathes warf
erschrocken den Schlegel beiseite, und auf dem Hackblock verstummten
die Beilhiebe. Nur Purtscheller lachte.
Hatte der Schutt den Daxen-Schorschl begraben? Aber nein! Gleich einer
wirbelnden Scheibe flog ein Hut aus dem sinkenden Staub heraus, man
sah den Bergstock ein paar Räder schlagen, und hinter diesen beiden
Vorboten kam Schorschl nachgerollt und kollerte über den steilen Hang
herunter.
Da verging auch dem Purtscheller das Lachen. Die Sache mußte übel
ausfallen. Doch während er und die andern sich noch besannen, war Vroni
schon über den Grat der vom Erdrutsch gebildeten Böschung emporgerannt
und breitete die Arme, gerade in dem Augenblick, in dem dieser rollende
Klumpen Mensch in das Gezweig der Apfelbäume niederzustürzen drohte.
Sie wankte unter der Wucht, mit welcher Schorschl gegen ihren Körper
schlug. Aber sie hielt sich auf den Füßen. Ein langer Silberfaden kam
glitzernd durch die Luft geschwommen, haftete an der Schulter des
Mädels und legte sich mit einer Schlinge um den Kopf des Burschen.
Seine Arme hatten Vronis Hüften umklammert. Mit dem vom Sturz
verwüsteten Gesicht zu ihr aufblickend, stammelte er: »Sakra, Madl! An
dir kann man sich anhalten!«
Die Stirn von Zornesröte übergossen, riß Vroni sich von ihm los. Der
silberne Faden dehnte sich, als wollte er die beiden nimmer aus seiner
schimmernden Schlinge lassen; schließlich ging er aber doch entzwei.
Langsam hob sich Schorschl auf die Füße. »Sakra! Sakra!« Mit großen
Augen blickte er dem Mädel nach. Er hatte sie in den vergangenen
Jahren hundertmal gesehen; dennoch machte er Augen, als sähe er Vroni
zum erstenmal. Aber da verging ihm das Schauen. Er mußte die Lider
schließen. Vom Sande begannen seine Augen zu brennen. So stand er
eine Weile und zupfte die Erdkrumen aus den Wimpern. Vroni schwang
schon wieder das Beil vor dem Hackstock. Auch Mathes griff nach dem
Schlägel, während der Simmerauer scheltend zu seiner Säge zurückkehrte.
Mutter Katherl dankte allen Heiligen des Himmels, die den Hals und die
Glieder des Daxen-Schorschl so gnädig behütet hatten. Und Purtscheller
lachte wieder. Bei diesem Gelächter unterbrach Schorschl sein Zupfen
und Reiben. Er lachte mit, und weil ihm der Umweg um den Saum der
Böschung zu weit war, sprang er über den Verhau herunter, daß vom
durchweichten Grund der Schlamm über ihn emporspritzte. »Herrgott! Da
gibt's aber Soßß!« Sonst hatte er kein Wort, keinen Gedanken für die
Zerstörung, die rings um das kleine Haus her ihre schleichenden Wege
ging. Vor allem mußte er die Nachricht loswerden, die er brachte. »Herr
Purtscheller! Den starken Hirsch hab ich ausgmacht.«
»Hab mir's aber gleich denkt! Bist a Mordskerl!« Purtscheller
begleitete dieses Lob mit einem Faustschlag auf Schorschls Rücken. »Wo
hast ihn denn gfunden?«
»Droben im Seekar liegt er in die Latschen. Wann S' mit auffisteigen,
treib ich Ihnen den Hirsch hin am Stand, nix Schöners gibt's net!«
»Jetzt?« Purtscheller rückte ärgerlich den Hut. »Eigentlich sollt ich
nachschauen, was meine Leut auf die Felder machen.«
»Und den Hirsch auslassen? Jetzt, wo er sicher is? Kommen S' mit, sag
ich! Der Hirsch is gschossen bis auf'n Abend. Da verwett ich mein' Kopf
drauf.«
Beim Hackstock verstummten die Beilhiebe. »Wann du schon so einer
bist«, rief Vroni sehr unfreundlich über die Schulter, »so halt doch
wenigstens die andern Leut net von der Arbeit ab!«
»Arbeit? No ja!« sagte Purtscheller beschwichtigend. »Den Hirsch kann
ich doch auch net verschenken. So a Hirsch gilt seine hundert Mark, 's
Gweih gar net grechnet. Na, na, da muß ich schon auffi.« Er griff nach
Büchse und Bergstock. »Komm, Schorschl!«
»Steigen S' nur derweil voraus! Ich muß mich a bißl sauber machen.
Sonst kunnt der Hirsch a Grausen kriegen, wann er mich sieht.«
Purtscheller lachte, rief dem Simmerauer und der Bäuerin einen Gruß zu,
warf noch einen Blick des Wohlgefallens auf Vroni und stieg gemächlich
über die Böschung hinauf. Zwei heiß brennende Augen folgten ihm. Und
als Purtscheller in einer Senkung der Wiese verschwand, atmete Mathes
auf und hob den Schlägel wieder.
Schorschl wollte zum Brunnen; dabei mußte er am Hackstock vorüber. Ein
wenig verlegen blieb er stehen und sagte lachend: »Wärst du net gwesen,
da kunnt ich jetzt a paar gsunde Löcher im Kopf haben. An festen Sprung
hast gmacht um meintwegen. Muß dir doch a Vergeltsgott sagen!«