»Freilich! Wann's an richtigen Frost machen tät, da möcht der Berg 's
Laufen bald aufhören.«
»Was sagen S', Herr Purtscheller, was er auf amal für Gschichten macht!
So a narrischer Berg! Viel tausend Jahr hat er an Fried geben! Und über
Nacht fangt er söllene Sachen an! Wie an alter Mensch, der allweil
nüchtern war, und jetzt hat er den ersten Rausch!« Michel wandte das
Gesicht zu den grauen Felswänden hinauf. »Alterl! Alterl! Dös hat dir
auch net der liebe Herrgott eingeben! Da hast auf'n Teufel ghört!«
Seine kummervollen Augen irrten über das verwüstete Gehänge. »Die
besten Wiesen frißt er, den schönsten Wald streicht er wie Butter aufs
Brot und ein Häusl um 's ander schluckt er. Vor acht Tag is dem Pichler
's seinige gfallen, gestern is 's Häusl vom Mitterhuber eingsunken bis
ans Dach, daß die armen Leut durch'n Rauchfang haben aussischliefen
müssen! Und 's meinige --« Die Stimme brach ihm. Er faßte Purtschellers
Arm und deutete ins Tal hinunter. »Sehen S' den Kirchturmknopf? Wie er
glanzt in der Sonn?«
»Ja, Michel! Warum?«
Der Alte stieß mühsam Wort um Wort vor sich hin: »Den Kirchturmknopf
hab ich gestern am Abend von meiner Haustür aus noch glanzen sehen.
Heut in der Fruh is er verschwunden gwesen!«
»Michel!«
»Der Wald da drunt is doch net gwachsen über Nacht? Und die Kirch hat
sich auch net vom Fleck grührt? Also?«
»Jesus Maria! Michel! Um so ~viel~ is dein Häusl gsunken in der
Nacht?«
»'s Häusl net. Aber der Boden, wo 's draufsteht, mit'm Garten, mit die
Äpfelbäum, mit allem.«
Purtscheller betrachtete den Alten in ehrlicher Sorge. »Michel! Wann's
krumm geht, so schenier dich net und komm zu mir! Für an braven
Menschen wie du hab ich allweil offene Händ!«
Michel schüttelte den weißen Kopf. »Vergelts Gott! Betteln tu ich
net. Ich glaub net dran, daß mein Häusl abi muß. Ich hilf mir schon
noch. Und einer, dös weiß ich, einer hilft mit!« Sein Blick suchte den
blauen Himmel. Sie mußten eine breite Erdspalte überklettern, die den
Wiesenhang quer durchrissen hatte. Als der Blick ins Tal wieder offen
lag, sagte Michel: »Wie die weißen Mauern vom Purtschellerhof schön
auffileuchten! ~Sie~ haben's halt gut! Der Purtschellerhof braucht
sich vor keiner Nacht net fürchten.«
»Ja! Mein Haus steht fest. Da wackelt nix. Dös hat gsunden Felsboden
und dicke Mauern. Da kann der Berg laufen, wie er mag.« Purtscheller
blickte mit stolzem Behagen auf seinen stattlichen Hof hinunter.
Aus diesem zufriedenen Gefühl heraus erwachte in ihm der Gedanke,
daß es grausam wäre, sich seines reichen, ungefährdeten Besitzes
zu freuen, während dem Michel der Jammer aus den Augen redete. Da
wäre ein tröstender Zuspruch eher am Platz. »Schau, mußt mich net
beneiden um mein Glück! Weißt, jeder Mensch hat Sorgen, der Reiche
grad so wie der Ärmste. Ich bin der Purtscheller. Aber mir steigen
vor Sorgen oft d' Haar am Kopf auf wie Besenstiel. Was mir an einzigs
Jahr Verdruß bringt, soviel is dir dein Leben lang net übern Hals
kommen. So a weitschichtigs Anwesen tragt, aber es frißt auch. Manches
Jahr heißt's: draufzahlen, daß man schwarz werden kunnt. Unsereiner
hat Verpflichtungen auf alle Seiten. Da heißt's allweil: zahlen,
zahlen und zahlen. D' Jagd is frei. Wer muß s' denn pachten? Der Herr
Purtscheller! Schreiben s' in der Stadt a Trabrennen aus? Wer muß
laufen lassen? Der Herr Purtscheller! Halten s' a Scheibenschießen ab?
Wer muß den Ehrenpreis stiften? Der Herr Purtscheller! Ich sag dir's,
Michel, ich brauch meine gschlagenen zwölf bis fufzehn tausend Markln
im Jahr. Soviel hat kein Minister in der Stadt. Dös is a Brocken Geld.
Der muß hergschafft werden. Geh's, wie's will!«
»Mar' und Josef!« Im Schreck über die Sorgen, die der arme Purtscheller
zu tragen hatte, vergaß der Simmerauer für einige Sekunden seines
eigenen Jammers.
»Und söllene Sachen packen ein' und lassen ein' nimmer aus! Schau: so
notwendig hätt ich heut in der Fruh auf die Felder nachschauen sollen.
Aber na! Da kommt der Jagdghilf und meldt: der starke Hirsch wechselt
über die Grenz aus, wann er net gschossen wird. Was will ich machen?
Muß ich halt auffi!«
»So? So? Auf den starken Hirschen haben S' gjagt? Ja, der hat arg
gschrien in die letzten Nächt!«
»Hast ihn ghört?«
»Freilich! Ich hab seit Wochen kein' Schlaf nimmer. Jede Nacht fahr ich
zwanzgmal auf und greif an d' Wand hin, ob s' noch da is. Haben S' ihn
kriegt, den Hirschen?«
»Na! Rein umsonst bin ich droben gwesen! Aber was ich sagen will: im
Hölzl hab ich deine Enkerln troffen. Solltest die Kinder in so einer
Zeit net umanandlaufen lassen. Wie leicht kann ihnen was passieren!«
Michel schüttelte den Kopf. »Kinder haben an guten Schutzengel. Wir
daheim müssen am Haus arbeiten den ganzen Tag, und ich hab's net gern,
wann die armen Hascherln allweil unsern Jammer mit anschaun müssen. So
was macht ihnen 's Gmüt krank. Kinder sollen lustig sein, die harte
Zeit kommt eh noch früh gnug. Da laß ich s' lieber umanandlaufen.
Und 's Hölzl drüben is noch am sichersten, da halten die Wurzeln
fest. Mei' gute Alte in ihrer Sorg, freilich, die sagt allweil --« Er
verstummte, blieb stehen und blickte zu einem nahen Bauernhaus hinüber,
dessen verschobenes Dach auf schiefen und halb geborstenen Mauern
saß. Undeutlich hörte man die erregten Stimmen der Leute, von denen
die einen das Türgebälk und die Fensterstöcke aus der Mauer brachen,
während andere das armselige Hausgerät auf einen Leiterwagen luden,
vor dem ein klapperdürres Rößl mit einer schwerfälligen weißen Kuh
zusammengekoppelt war. »Der erbarmt mich! Der arme Gaßner!« nickte
Michel vor sich hin. »Jetzt muß er Auszug halten. Traut sich nimmer
schlafen unterm Dach.«
»Der is gscheid, Michel! Der bringt beizeiten in Sicherheit, was zum
Forttragen is, und baut sich drunten im Ort a neus Häusl auf festen
Boden. Es wär am besten, du tätst es ihm nachmachen! Sag ja, Michel,
und ich hilf dir dazu.«
Wortlos schüttelte der Alte den Kopf.
»Schau, Michel, nimm Vernunft an!« Purtscheller legte dem Simmerauer
den Arm um die Schulter. »So a Berg, wann er amal 's Laufen anfangt,
gibt kein' Fried nimmer, eh net alles drunten is. Sei gscheid, Michel,
fang 's Ausräumen an, und drunten baust dir wieder. Von mir kriegst den
Baugrund. Für a Vergeltsgott und an Schoppen Tiroler. Dem Purtscheller
kommt's auf a lumpigs Tagwerk net an. Zum Bau gib ich dir tausend Mark
auf ewige Hypothek. Geh her, Alter, schlag ein!«
»Dank schön, Herr Purtscheller! Sö meinen's gut. Aber der Michel muß
bleiben. Der kann net furt.«
»Was der Gaßner fertigbringt, wird auch bei dir noch möglich sein.«
Der Simmerauer fuhr sich mit langsamer Hand über das weiße Haar. »Der
Gaßner! Der kann leicht ausräumen. Der kann sich leicht an anders
Heimatl suchen. Aus der Fremd is er herzogen und hat sein Häusl kauft
vor vierzehn Jahr. Der hat sich noch gar net einglebt drein! Aber ich?
Ich bin angwachsen. Mein Vater, mein Ahnl und Urahnl is schon gsessen
an dem Tisch, wo ich heut noch sitz. Da bin ich Kind gwesen, da hab
ich mein Katherl heimgführt, da hab ich Glück und Sorgen übertaucht,
bis aus'm lustigen Micherl langsam der alte Michel worden is mit weiße
Haar. Und ich soll furtkönnen? Na, lieber Herr! Jeder Stein am Häusl
is a Stückl von mir, jeder Span an der Tür, an Tisch und Bank is
lebendigs Holz und hat Wurzeln in meiner Seel. Mein Häusl bin ich! Und
mein Häusl is alles, was ich hab. Sonst hab ich nix. Und wann sich der
Mensch auf'n Schragen legt und macht d' Augen zu? A bißl was muß er
überlassen für seine Kinder. Sonst is sein Leben für gar nix gwesen.
Na, Herr Purtscheller! Ich kann net furt. Und wann's schon so sein
müßt, daß der Berg mein Häusl schluckt? In Gotts Namen! Muß ich halt
mit abi. Mein Häusl und ich, wir zwei halten zamm.«
Ein Knirschen quoll aus der Erde. Neben den beiden öffnete sich eine
braune Spalte, während der Rasen unter ihren Füßen sich senkte und in
langsames Gleiten geriet.
»Da! Er lauft schon wieder!« sagte der Simmerauer ruhig, ohne sich von
der Stelle zu rühren.
Purtscheller war bleich geworden und hatte im ersten Schreck einen
Sprung gemacht, wie eine Katze, der man kaltes Wasser über den Pelz
gegossen; während er nach einem sicheren Fleck suchte, kam die laufende
Erde schon wieder in Stillstand. »Ich dank schön«, stammelte er, »da is
an unguts Bleiben!«
»Sind S' erschrocken, gelt? Im Anfang is mir's auch so gangen. Jetzt
bin ich gwöhnt dran.« Michel lauschte. Von einem nahen Gehäng, das
hinter verwüsteten Haselnußstauden verborgen lag, klang der Hall
schwerer Schläge. »Hören S' ihn, wie er drauflos schafft? Dös is mein
Bub!«
»Is denn der Mathes daheim?«
»Ja! Den hat mir der liebe Herrgott gschickt. Gestern haben s' ihn
auslassen von die Manöver, am Abend is er dagwesen. Sein blaus Röckl,
ja, aber d' Uniformhosen hat er nimmer abi bracht. Gleich hat er's
Arbeiten angfangt. Die ganze Nacht hat er gschafft. Und 's Madl hat
ihm gholfen.« Ein Schimmer müder Freude huschte über das verhärmte
Gesicht des Alten. »Mein Vronerl! An der is a richtigs Mannsbild
verlorengangen. Die ander, freilich, die ander -- Gott gib ihr die
ewige Ruh, die hat mir viel Sorgen gmacht.« Er wischte mit dem Arm über
die Stirn wie einer, der sich den Schweiß abtrocknet.
Drüben über dem Tal hatte die steigende Sonne den Weg in die schattigen
Felswände gefunden, und einzelne Schrofen tauchten gleich funkelnden
Erzgebilden aus dem bläulichen Dunkel hervor. Immer lustiger flogen die
silbernen Fäden, frischer zog der Wind aus der Tiefe herauf über die
zerrissenen Wiesengehänge, man hörte das dumpfe Rauschen des Wassers,
das in der Talsohle mit wildem Ungestüm aus dem Innern des unterhöhlten
Berges hervorströmte, und immer lauter klang vom Haus des Simmerauer
das Dröhnen der schweren Schläge, untermischt mit dem verworrenen Klang
erregter Stimmen.
Da fuhr der Alte aus seinen Gedanken auf. »Na! Bin ich aber einer! Da
steh ich und plausch. Und meine Leut daheim müssen schaffen, daß ihnen
der Schwitz über d' Nasen kugelt.« Mit flinken Schritten ging er davon.
Purtscheller, der seit der kleinen Schlittenfahrt, die er mit dem
gleitenden Rasen gemacht hatte, merkwürdig still geworden, folgte, als
trieben ihn Mitleid und Neugier hinter dem Alten her. Aber Michel kam
immer weiter voraus. Und als Purtscheller die Haselnußstauden erreicht
und eine Lücke des Buschwerkes durchschritten hatte, blieb er betroffen
stehen. Sonst hatte man das Haus des Simmerauer von dieser Stelle aus
immer gesehen, schmuck und freundlich, mit dem hübschen Gärtl und dem
sauber gehaltenen Schuppen. Jetzt war alles verschwunden. Nur ein
niederes Gewirr von Apfelbaumzweigen mit welken Blättern ragte über
eine scharf gezogene Bodenkante empor, und zwischen dem grauen Astwerk
schimmerte das Gesims eines weiß getünchten Kamins.
»O du lieber Herrgott«, stotterte Purtscheller, »dös Häusl muß ja schon
um fünf, sechs Meter gsunken sein!« Er eilte vorwärts. Nun hielt er vor
einem fast senkrecht abfallenden Erdrutsch, und ihm zu Füßen lag das
kleine Heimwesen des Michel, das noch vor einem Monat mit der Wiese,
auf welcher Purtscheller stand, in gleicher Höhe gelegen hatte.