Grinnus

Sie sitzen auf zerfallenem Altane

An der Ruine, deren Modersteine

Verworfen liegen auf dem dürren Plane,

Bis dort zu des Gebirges schwankem Haine.

Starr ragen mit den abgeschlagenen Jochen

Die Riesensäulen in die Finsterniß:

Der rothe Mond ist durch den Dunst gebrochen,

Durch schwerer Wolken jäh geborstnen Riß.

Wer sich dem mondesnächtigen Entzücken

Hingab, da diese Flur er überschauet,

Dem schienen die gebrochnen Brücken

Zu stillen Geisterwelten fortgebauet.

Der füget Stein an Stein der schwarzen Trümmer,

Fort und empor in die Unendlichkeit,

Bis ihm der Bau versank im Mondesschimmer,

In seines Träumens Unermeßlichkeit.

So bau’n der Seele schweifende Gefühle.

Das Aug’ schaut stier zum Schutt zur dumpfen Nacht.

Die Wogen rollen in dem ew’gen Spiele

Vom Hauch der wilden Finsterniß gefacht.

Die schwarzen Fichten neigen ihre Wipfel

Der wilde, düstre, mitternächt’ge Chor,

Daß durch die Schluchten brausend durch die Gipfel

Und durch die Trümmer wüst’ der Lärmen gohr.

Den Stolzen im Gebirg, die in dem Grimme,

Der sie erzürnt, die Gegend rings durchbrausen,

Antwortet der Gestrüppe heisere Stimme,

So in den Trümmern, an den Steinen hausen.

Das kleine, lump’ge, dürre Zwerggesindel:

Der schwarze Dorn, der auf den Steinen kriecht,

Die Atropa mit ihrer Wurzelspindel,

Die krötengleich in finst’rer Nische siecht.

Die Palma auch, die fremde, hagre, kranke

Von bösem Stern auf jenen Achitraven

Gepflanzt: es neigt sich matt der Stamm der schwanke;

Ein Emir, der im Sterben winkt den Sclaven.

Also verhallt, was die gewaltig zürnen,

Bis in des dürren Hafers schwatzend Blatt,

Tief in den Schutt, murrt’s nach was auf den Firnen

Des Berg’s, der Riesenstamm gemurmelt hat.

Und jene sitzen stumm auf den Altan:

Ein Krug mit Wein steht auf dem Trümmerschafte,

Sie schau’n einander fest und düster an

Und trinken rasch vom starken Flammen-Safte.

“Könnt’st du, so redet Faust nach langem Schweigen,

Gesenkten Blickes dumpf und monoton,

Könnt’st du mir nur noch einen Dienst erzeigen,

Du strupp’ger, harrzerzaus’ter Höllensohn!

Schaue die Unzahl Stein hier auf der Flur,

Dort bis zum Berg verstreut, hier bis zum Meere:

Der Macht, des Ruhmes letzte schlechte Spur,

Und dann vernimm, was ich von dir begehre!

Du kennst die Mähr’ aus lang entschwunden Jahren [2]

Im braunen Band steht sie in meinem Schrank,

Wie, da voll sünd’gen Trotz die Menschen waren,

In wilder Fluth der ganze Stamm versank.

Und wie es dann dem Einen ward gewährt,

Dem bess’ren, der gelebet unbescholten,

Der sich nicht widersetzet, nicht empört:

Damit die Gotteseinheit würd’ vergolten:

Daß, warf er Steine hinter seinen Rücken,

Die Menschheit aus dem Tod ihm auferstand;

So will auch ich mich zu den Steinen bücken,

Vom Berge drüben bis hierher zum Strand.

Wie jener Götterfreund ins Leben rief,

Was in die Nacht entsunken und verschwunden,

Was im Vergehen dumpf und qualvoll schlief,

Emporrief in des Daseins freie Stunden:

So wandle mein Gedank’, der Gott verblieb,

Die Trümmern, so ich heb’, in all’ die Jahre,

Da ich mit dir dies wilde Leben trieb.

Und nehm’ sie nach einander von der Bahre.

Daß ich mein Sein auf’s Neue mir erschaffe

Durch dieses Schutt’s beseligend Verwandeln,

Wo ich nicht mehr verzage, nicht erschlaffe,

Wo ich als Mann mag leben und mag handeln.”

Er schweigt und harrt, daß der erwidernd spricht,

Doch der sieht starr hinab und redet nicht.

Faust greift mit Hast zum schwarzen, vollen Krug

Und trinkt in einem langen, gieren Zug.

Und drauf, als er lechzend sich satt getrunken,

Ist wieder trüb’ er in sich selbst versunken.

Der Mond schwoll hoch, er steht ob der Ruine

Mit seines Antlitz’s Grabesmiene. —

Auf dem verwitterten kopflosen Bild

Der Cariatide, die zerstäubt, zerspillt,

Am Eingang steht, erhoben noch den Arm

Nach jener Last, die ihr zu Hohn und Harm:

Ein Rabe schläft, und lüftet matt die Flügel,

Es saust im Baum, es schäumt im Vogenhügel.

Da springet Faustus wild entsetzt empor,

“That ich nicht recht, schreit dem er in das Ohr

That ich nicht recht? Du mußt es mir bezeugen:

So ward sie mir auf immerdar zu eigen!

Sie sitzt auf meinem Schooß, trinkt meinen Wein

Sie denkt mit mir, sie ward mein Fleisch und Bein.

Am See, am See drin keine Woge wallt,

Verband ich ewig mir die blasse Weibsgestalt!”

Und wie er’s sagt, aus Meeresgrunde bricht

Das Morgenroth in glühndem Strahlenlicht:

Aus farb’ger Wog’ der goldne Tag ersteigt

Und seinem Blick sich eine Insel zeigt,

Die in der nächt’gen Fern verborgen,

Dem Meer enttaucht am lichten Morgen;

Auf ihr ein Hain aus Schlanken Pappelbäumen,

Die weben, beben in den Dämm’rungsträumen:

Im schwanken Laub erglänzt von Marmorstein:

Die hohe Säul im Morgensonnenschein,

Ein plattes Dach mit einem Götterbilde:

Hell schimmerts von dem Fittich, von dem Schilde.

Schön liegt der Tempel, üppig wallt der Hain

Im blauen Meer, im Morgensonnenschein:

Vergleichbar jenem Haine von Kolon

Zu dem der Theber blinder Fürst geflohn.

[2] Ovid. Metamorph. Lib. I. 245. sqq.

Faust: Ein Gedicht · 第 18 / 19 题