Als wie durch nächt’gen Zauber festgebannt,
Steht regungslos und ohne Lebenszeichen
Hier Faust an eines schwarzen See’s Rand.
Der rings von finstern Felsen starr umwunden:
An diese stoßen schwere, schwarze Wolken,
In solcher düstern Nacht gewalt’gen Stunden.
Doch mögen sich die grausen Schatten spalten
An dieser Felsen frechen, festen Stirne,
Mag über Haid’ und Flur der Sturmwind walten:
Nicht trifft’s den See im schwarzen Felsengrunde,
Ihn jagt kein Sturm, daß ihm die Wogen rollen,
Er scheint nur mit der Unterwelt im Bunde. —
Denn oftmals, da das Mondlicht freundlich lacht
Und ihn durchglühet in die tiefsten Gründe,
Wenn stumm der Sturm in milder Liebesnacht:
Dann, dann beginnt’s sich in dem See zu regen,
Dann schäumt die Wog’ in schreckenhafter Bildung:
Ein einsam nächt’ges tobendes Bewegen!
Und wie sie sich bis in die Wolken bäumt,
Die wilde Fluth in trunkener Entzündung,
Wie Berg und Thal toll durch einander schäumt,
Ist sie auch schnell in wenigen Sekunden,
Gleich einem Becher, der jäh ausgeleert,
Bis auf den Grund in wildem Braus entschwunden.
Und wie wenn sie zum Himmel aufgeschwollen
Die Wellen gräßliche Gebilde zeugen,
Die weißen Spitzen in einander rollen.
So zeigt der Fluthen wunderlich Verschwinden
Ein grass’ Gewimmel schrecklicher Gestalten,
In diesen unermessnen Felsengründen.
Der Schlangenproteus diese Räthselform;
In wunderbar bizarrer Zwiegestaltung,
Ganz abgewichen von der Schöpfung Form.
Und andre viele seltene Gestalten,
Die durch einander auf dem schwarzen Grunde
Sich freundlich wirren, und sich feindlich spalten.
Erstiegest du der Felsen steile Höh’
Das hochgereckte, schwärzliche Gerüste,
Daß dir zu Füßen liegt der dunkle See.
Dann sahst du nichts, so weit dein Auge reichte,
Als dürren Sand bis in die Wolkensterne,
Der deinem Blick auch keinen Halmen zeigte.
Nicht einer Fichte trauernde Figur,
Nicht eines Schilfes winddurchsäuselt Rohr
Kein armes Moos auf dieser todten Flur.
Der Sturm, der hier entfesselt seine Zügel,
Kein trocknes Blatt und keine dürre Nadel
Trägt er auf seinem ungeduld’gen Flügel.
Der trockne Staub ist hier der Blüthenschnee
Die blüh’nden Bäume jene Felsensäulen;
Getränket von dem schwarzen todten See.
Und Wolken sind die Vögel die hier fliegen,
Die schwarzen finstern geisterhaften Schaaren,
Die sich in dieser Bäume Laub vergnügen.
Versank dir, da du irrst auf solchem Raum,
Allein in öder mitternächt’ger Stunde,
Die bange Seel’ in einen stummen Traum:
Dann scheint dir wohl im Phantasien-Tanze
Wenn auf den Grund der See just ausgeflossen,
In solchem Bild das schauerliche Ganze:
Es ist die Hand die einem Becher hält,
Der dem die Hand, er hat ihn ausgeleert,
Daß er auch keinen Tropfen mehr enthält.
Nun schleichet er, ein schmachtendes Gerippe,
Noch immer schleppend jenen leeren Becher,
doch wie auch dürstet seine dürre Lippe,
Er kann ihn nicht mit einem Tropfen füllen:
Ihn zu dem heißen gier’gen Mund zu führen
Um den gewalt’gen Fieberdurst zu stillen.
Schau hier, wie die fünf Furchen meilenlang
Verlaufen diesen Felsensee umklammernd,
Fünf krampf’ger Finger zuckend wilder Drang:
Solch Gleichniß hätte Faustus wohl erkannt,
Doch starr stand der am gräulichen Gestade,
Als wie durch Höllenschwüre festgebannt. —
Wie ob des todten Meers schwermüth’gen Wogen,
Kein Vogel fliegt ohn’ daß er niedersinke,
Vom giftgen Hauch erstickend angezogen:
So stirbt in Faustus Seele jedes Bild,
Das sonst verklärend seinem Gram erstanden,
Durchstürmt er Fluren noch so öd’ und wild:
Wär’s ihm vergönnt an Träumen sich zu weiden,
Die angeglüht von flamm’ger Phantasie
Umflatterten die Schwärme seiner Leiden.
Er stehet auf des schroffen Vorsprungs Rand,
Als einer der etwas hinabgeschleudert,
Tief in den See vom schwarzen Felsenstrand.
Noch ringelt sich ein riesenhafter Ring,
Rings nach den Ufern wohl die einz’ge Regung,
So diese Fluth von Menschenhand empfing.
Und wie die ersten Ringe fast verwallt,
Da bilden sich noch einmal klein’re Ringe,
Hinrollend nach dem starren Strandbasalt.
Und jedesmal durchschimmert es die Fluth,
Als wie vom Roth der Gluthenabendsonne,
Und jedesmal war es von Menschenblut:
Das erstemal war es ein Mädchenleib
Den er hinabgerollet in den See,
Auf ihren Knieen lag das arme Weib:
Die Hände streckt sie flehend ihm entgegen,
Die bitten starr gefaltet um das Leben,
Denn ihre Lippen kann sie nicht bewegen.
Bleich ragen in die stumme, trübe Nacht,
Von Fleisch und Beine die fünf Krucifixe,
So starr als wie aus weißem Stein gemacht:
Doch er ergriff die Schneide, die Satan,
Sorgsamer Bursch’, ihm in den Gürtel steckte:
Wild rollt sein Aug’, laut knirscht er mit dem Zahn:
Laut pocht sein Herz, als donnert es Triumph,
Daß dieser Geist begehe blut’gen Frevel,
Wie schlägt es an die Rippen höhnisch dumpf:
Als ob es spräch’ nun hab’ ich’s bald errungen,
Daß ich der dunkle Sklave mich befreie,
In dieses Geistes schweren Dienst gezwungen.
Daß ich erhole mich von solchem Werke,
Drin ich gehorcht so viele Stunden, Tage,
Arbeitend bald mit Schwäche, bald mit Stärke.
So spricht das Herz: und als ein Hochverräther
Zieht strammer es die rothen wirren Schnüre,
Die seinem Herrn gelegt der Uebelthäter.
Das Aug’ steht still: auf einen Punkt gerichtet,
Schaut’s unverwendlich fest und starr hernieder,
Durchzuckt von einem Strahle der vernichtet;
Und wie in ihm die finstre Gluth sich facht:
So schwell’n auf seiner Stirn die dunklen Adern
So wird’s in seiner Seele stumme Nacht;
Das Mägdlein sinket auf den schwarzen Stein,
Kein weh, kein Ach ertönt aus ihrem Munde
Es dehnet sich und reckt sich das Gebein:
Das Blut still rieselnd fließet aus der Munde,
Die sich am Halse weit und klaffend öffnet,
Schwer ist und schaurig diese nächt’ge Stunde:
Dann schleudert er noch in des Zornes Gluth
Das arme rasch verblutende Geschöpf
Zuerst hinnieder in die schwarze Fluth.
Und dann wie schon der Busen sich ihm engt,
Von schreckenhafter wilder Qual bestürmet,
Die Lippe von dem Athem schier versengt.
Da schleudert er das Messer in die Fluth,
Und beidemal glimmt’s wie vom Sonnenroth
Und beidemal war es vom Menschenblut.
“Ich morde dich, so rufet der Verruchte
Weil ich dich liebe, wie ich nie noch liebte
Und mehr als lieben sollte der Verfluchte,
Und da ich meinen Wankelmuth wohl kenne,
Daß ich so irr’ von der zu jener schwanke,
Weil ich im Teufel für euch alle brenne,
Und weil ich wahr geliebt dich, dir gelebt,
Ein sanft’rer Klang aus meinen reinen Tagen,
In deiner Brust mein tiefstes Herz durchbebt.
Und weil wenn ich vom Satan angetrieben,
Mich stürzend in der andern Dirnen Arme
Zuerst dich würde schmerzlich tief betrüben:
Und du darauf um dich an mir zu rächen,
Auch einem andern Manne würdest fröhnen,
Mußt’ diese Schneide deine Brust zerbrechen,
Ich mochte nicht, noch konnt’ ich von dir lassen:
Unwiderstehlich werd’ ich fortgetrieben.
Doch durfte dich kein andrer Mann umfassen,
Mocht’ ich zuhöchtst von allem Weib dich leiden,
So treibt es mich bis in die tiefste Seele
Um dich die Männer alle zu beneiden!”
So redet er, erkaltend von dem Grimme,
So lautete sein klügelnd Raisonniren;
Und endlich stirbt ihm zitternd seine Stimme.
Er blickt mit Schaudern in den Höllenteich,
Der fest und starr als ein Gestorbner ruht,
Die Wolk’ umbraust den Stern so weiß und bleich.