Gebrochner Leib

Die Vesper klingt der Glocken Feierlauten

Vom Dom, der rechts am Platz Ambrosius war,

Zur Winterszeit: rings aus den dicht beschneiten

Gebäuden fließt der Beter dunkle Schaar.

Das reine Haus, das sich der Jesu: Glaube

In hehren, ernsten Wölbungen verträumt,

Dem Falken gleicht es mit der bunten Haube,

Wie ihm die Zinn das Dämmrungsroth umsäumt:

Er steht so kühn als höb’ er schon die Schwingen,

Doch er erblindet von der goldnen Blende. –

Drin in dem Tempel hebt es an zu klingen,

Des Weihrauchs Ring umflieht die Nischenwände.

Es klingt des Priesters ernst Rezitativ,

Wie rauscht’s, da all’ in ihre Kniee fallen,

Wenn sie des rothen Knaben Schelle rief:

“Der Herre hab’ Erbarmen mit euch allen!”

Bei der Kirchthür steht eine hölzerne Bank,

An einem Pfahl, so ‘n Kästlein trägt,

Wer nun dem Herrn bezeugen will den Dank,

Thut wohl daß drin er einen Pfennig legt.

Darum, daß drüber es ist angeschrieben:

“Wer mich recht aus des Herzens Grund mag’ lieben,

Wer will einen Schatz im Himmel erwerben

In dieses Kästlein leg’ er einen Scherben,

Sei’s auch wohl gering, und sei’s wohl klein,

Mir wird es lieb und euch nützlich sein.

Geht zu wie ich sprech’ im Evangelisten,

So thut nach meinem Wort ihr lieben Christen!”

Besetzt das Bänklein ist von Krüppeln, Alten

Mit greisem Haar, mit langen schwarzen Krücken,

Die wohl mit Andacht ihre Hände falten

Und sich in Demuth vor dem Herren bücken.

Und einer kauert an des Bänkleins Ende,

Der sitzet stumm und ernst für sich allein.

Der faltet nicht die magern, gelben Hände,

Und in kein euge mater! Stimmt er ein.

Sein Aug’ ist blöd’, Gicht frißt in feinen Gliedern,

Die Brust geknickt: ein gar zu kranker Mann;

Er sitzt entfernt von seinen Leidensbrüdern,

Und blickt von ihnen keinen einz’gen an. –

Es ist ein fressender, unbänd’ger Schmerz

Der ihm das Mark durchwühlet und durchbraust;

Er betet nicht, er schlägt sich nicht ans Herz,

Der blöde Krüppel ist der wilde Faust. –

Die Orgel schweigt und ite missa est!

Erklingt’s beschwicht’gend aus des Priesters Munde:

Beendet ist der Andacht stilles Fest,

Und weithin schallt der Thurm es in die Runde.

Der fromme Beter steht vom kalten Boden,

Drei Ave’s noch spricht er in einem Odem,

Auf Herz und Stirn des Kreuzes reines Zeichen,

Verbeugend sich vor all dem stummen bleichen

Gebild an jedem leuchtenden Altar,

Dann taucht er in des Beckens heil’ge Fluth,

Unfern der Säul, wo’s Armenbänkchen war

Drei Finger, und empfiehlt sich Gottes Huth.

So wall’n sie rauschend aus des Domes Halle

Im Herzen, in dem Antlitz milden Frieden:

Und auch die Krüppel, Kranken gehen alle,

Hinaus zur Thür, die armen Lebensmüden

Da draußen stürmt es durch die schwarze Nacht,

Der Schnee treibt lange, hochgethürmte Wogen.

Es donnert an die Pforten, daß es kracht,

Und an der Fenster steile Riesenbogen.

Nur Faustus bleibt, der arme finstre Kranke

Er überschauet blöden Aug’s den Dom;

Verfolgt bewußtlos, was der matte schwanke

Schatten hinmalt vom nächtigen Phantom:

Des Lämpchens Schatten, dess’ umwölkter Schein,

Am Weihebecken flimmert noch allein.

Und später noch, es war nach Mitternacht,

Da hinkt der Krüppel durch die Straßen sacht;

Hoch liegt der Schnee: harsch fegt der Sturm,

Es schau’rt den armen Menschenwurm.

Todt liegt der Biebelhäuses Gang,

Kein Licht erstrahlt die Reih’ entlang:

Die Nacht ist Herrin, und sein Lämpelein

Stört sie mit seines Irrlichts schwankem Schein.

Sie blickt durch der Scheiben schwarzen Kreis,

Tanzt auf dem Thurm in sonderer Weis’

Hat ihre Luft am Wolkenzug,

Und an des Sturms gewalt’gem Spruch.

Drei trockne Fichten stehn dort oben,

Wo man das Hochgericht erhoben.

Von Rabennestern schwarz umwunden

Vom Sturm zerpeitschet und zerschunden.

So raget es ein Bild voll Schauer

Hoch ob der dumpfen Reichsstadt Mauer.

Faust keucht hinan den Babelthurm der Sünder,

“Hier find’ ich ihn, hier wohnen seine Kinder!”

Und drauf: “o meine Brust! Mein krankes Bein!”

Er setzet sich auf einen schwarzen Stein

Von dem der Sturm gefegt den Schnee,

Er ruhet sich, das Herz schlägt ihm so weh;

“Mephisto!” ruft er drauf gewaltig laut,

Den Ruf entführt die Windesbraut,

Doch Niemand kömmt, er bleibt allein,

Auf seinem schwarzen Ruhestein.

“Mephisto!” ruft er oft und zahllos oft,

Daß ihm die Ader pocht und klopft.

Er stehet auf, er ruft was oft er rief. – –

Der Sturm fegt gleichen Tons die dunkeln Fichten

Er sinkt zurück zum Stein und ächzet tief,

Und als er sucht sich wieder aufzurichten,

Ist seine Krück’ ihm in den Schnee geschlüpft.

Da schallt es, wo die Fichtengruppe stand:

Der Rabe krächzt, es kommt was angehüpft,

Und drückt die Krück’ ihm in die welke Hand.

Faust: Ein Gedicht · 第 19 / 19 题