Beim Schwanenwirth

Drin in der Schenk’, d’ran sie vorübergehn,

Braust frech und toll ein rasend Lustgedröhn.

Es rauschet von der weinverstimmten Zunge,

Ein wüstes Lied in fieberhaftem Schwunge.

Beim flotten Wirth am Schwanengraben,

Da dröhnt Musik, da wirbelt Tanz,

Da greifen die heißen Mädel die Knaben,

Beim Schwanenwirth am Unkengraben

Da raschelt’s dürr im Jungfernkranz.

Es heult der Sturm, der Regen fallt,

An’s Fenster scharf, daß er ergellt.

Und wie erschütternder der Wald erbraust,

Da drinnen es gewaltiger ersaust.

Wie hart die Schlossen an die Fenster schnalzen,

Dreht frischer, in dem Saale sich das Walzen.

“Siehst du” spricht der: das Volk da auf der Flur

Wie’s gern zusammenklingt mit der Natur.

Sie treiben gern solch’ fesselloses Schweifen

Stößt sie in ihre tollsten, schrillsten Pfeifen.

Trägt in die weite Ferne solche Rede

Der Sturm ankeuchend aus der Waldesöde.

Du glaubst es nicht, wie sehr es mir geneigt,

Das Völkchen, das da drinnen wogt und reigt

Was wetten wir, Doctoren nicht allein,

Verschreiben sich den ew’gen Teufelein.

Was wetten wir, in einer halben Stunde

Sind insgesammt die drin mit mir im Bunde!

Die roh’ste Leidenschaft nur brauch ich zu entzügeln,

Daß gleich den ew’gen Packt sie untersiegeln.

Nicht so viel Umschweif macht’s als mit Doctoren

Davon für mich nur der und der geboren:

Nicht kümmert hier das Wogen weißer Brüste,

Nicht eines Mund’s versengendes Gelüste,

Nicht rothe Rosen, süßes Gluthverlangen,

Die in der Unschuld kühlem Schnee entsprangen.

Mit diesen Kuben ohne Wiederhall

Stürzt in den Arm mir gleich der ganze Schwall.

Die Hoffnung auf Besitz das allgewalt’ge Locken,

Macht diesem rohen Volk die tollen Pulse stocken.

Vivat der Doktor der um den Genuß

Verzücket schwimmt im raschen Höllenfluß!

Mit diesen Kuben die man Würfel nennt,

Die ganze Schaar mir in den Rachen rennt.

Sie saugen fest und tief sich in mein Bein,

Als hielt ich’s Egeln in den Teich hinein” —

Faust höret ihn und auf der Schenke Bank,

Gleich an der Thür in tiefen Schlaf er sank.

In seinem Haar der nasse Sturmwind weht,

Auf seiner Stirn der Regentropfe steht,

Fern braust’s im Wald, die gelle Fidel leiert,

Die Volke jagt von Ost nach West gesteuert,

Wie’s in des Schläfers Traum so unerquicklich schwirrt,

So hat’s die wilde Nacht entsetzensreich durchirrt.

In seines Traumes Geist scheint sich der Sturm zu zeugen,

Dess’ Wehn erdrückend schwer wiegt auf den Tannenzweigen.

Ein schreiend Volk stürzt aus des Hauses Thür

Mit fahler Wang’ im Blicke stiere Gier:

Die Augenhöhl’ so tief: Die wilden gelben Züge

Krampfig verzerrt, Gefild zum Teufelssiege. —

Der hält die Faust an die zerrissne Stirn,

Der schlägt verzweifelt sich ans trunk’ne Hirn,

Der nagt in stillem Ingrimm an dem Daume,

Dem bleicht der Mund von weißem gift’gen Schaume.

So ras’t das Volk; Mephisto hinterdran,

Den Fußsteg lang, die sumpf’ge Wiesenbahn.

Der Wald brüllt dumpf, das schwarze Ungeheuer.

Noch tönt das alten Fiedelers Geleier,

Des blinden Mann’s, der in dem wüsten Saal,

Still sitzen blieb, bei diesem Mordscandal.

Er geiget fort und fort die alte Melodei,

Ohn’ Sorge wo die Schaar der Tänzer sei.

In diesen mißgepaarten, üblen Tönen

In dieser Klänge wild zerrung’ner Fluth,

Ersteh’n ihm Ideale; alles Schönen,

Urbild, wie es in seiner Seele ruht,

Er spielet fort und fort, was ihn erhebt, erwärmt,

Vergaß den Buben-Tert, der rings gelärmt

Sein Seufzer ist es, seinem Schmerz enthoben,

Nicht wie’s zum frechen Bubenwort verschoben.

Jetzt lauscht er länger nicht der Heller Klang,

Darauf gehorcht er ängstiglich und bang’;

Wieviel des Volkes Generosität

Ihm in den wettergelben Filz geweht,

Er geiget fort, er denket nach und sinnt,

Bis dem geschloss’nen Aug’ die Thrän’ entrinnt,

Die sich darinn wie in aparter Welt

Von eignem Jammer, schmerzlicher Idee

Erzeugt, und auf die Wange niederfällt,

Gelockt von dieser Töne stillem Weh.

So tönt die ew’ge, melancholsche Klage,

Die er verkauft zum frechen Festgelage,

Noch lange fort an diesem wüsten Orte,

Dieweil der Wind braust in die ofine Pforte.

Dieweil der Staub in dicker schwarzer Schicht,

Sich ringelt um der Ampel düstres Licht.

Und mit Mephiston kämpft um Hab’ und Gut,

Im Grund das Volk mit der Verzweiflung Muth:

Der steht und krächzt: “es ist verspielt verloren,

Keck wie ein Fürst den reines Blut geboren.

Es ist verspielt, so spricht er zu den Bauern,

Die voll Betrübniß seh’n die üpp’gen Schauern,

Es ist verspielt, so spricht er zu den Weibern,

Verworren hingekniet mit nackten Leibern;

Das harsche Wort, er spricht es zu den Kleinen,

Die voller Schlaf ihm heiße Thränen weinen.

Und wie die Bauern drauf mit harter Faust,

Ihn schwer umsteh’n, daß ihm das Ohr ersaust:

Da geht das Dorf in hellem Feuer auf,

Mit lautem Jammer schauet es der Hauf.

Faust steht erschrocken von der Schenke Bank,

Der Wirth, die Wirthin liegt im Schlaf schon lang,

Um jener Leute Schicksal unbekümmert,

Was ihr’s ist, in dem schweren Kasten schimmert:

Drum steht das Wirthshaus immer so allein,

Daß ihm kein Theil von seinen Teufelein.

Laut heult des Volkes vielgemischter Chor,

Hoch steht die Flamme in die Luft empor,

Mephisto jauchzt, und Teufel, Nacht und Flamme,

Umarmen sich, entsprossen einem Stamme.

Faust blickt hinab in diesen Flammensee,

Den Wogensturz von Armuth, Elend, Weh,

Wie er heran sich wälzt ein Siegessturm,

Wie er sich krümmt als ein zertretner Wurm.

Das Wolkenbild in schleppendem Gewand

Vorüberzieh’nd versengt sich in dem Brand.

Es fliegt zur wilden Waldeseinsamkeit

Mit tiefdurchglühtem, angebrannten Kleid.

Und wen der Sturm der mächtig schürt,

Den blutig rothen Brand entführt,

Und ihn auf eine hag’re Fichte jagt,

Da ist es rings so hell als wenn es tagt.

Die Eule flattert knarrend schwer empor,

Das Käuzlein mit dem scharfgespitzten Ohr

Dem Teufel gleicht es in dem gelben Lichte,

Das sich genistet auf der trocknen Fichte.

Dann wie sie wild entsetzet höher fliegt,

Daß um den Leib die Flammenwolke liegt,

Der purpurröth’re, matt’re Wiederschein,

Schaut sie wie ein verklärtes Engelein.

So schwebt von Baum zu Baum der tolle Brand,

So fliegt’s Gewölk im schimmernden Gewand:

Und um sie Myriaden von Gestalten,

Von dunkeln Vögeln finstern Hirngespinnsten,

Ob diesen Bäumen die wie Wogen wallten,

Ein toll Gemisch von Leben und von Dünsten.

Wo nun zuletzt der Sturm die Brunst verhallt,

Da machen die gespenst’gen Schaaren Halt.

Und in des tiefsten Waldesthales Schweigen,

Darin die schwarzen Aeste träumend beben,

Erwecken sie zum Hassen und zum Neigen,

Ein allgewaltig, mächtig, lautes Leben.

Die Wolk’ verraucht, der Brand verlischt im Sumpf,

Nicht mehr getragen von der Windesbraut.

Die Eul’ verfällt in Schlaf so schwer und dumpf,

Und wieder liegt der Wald ohn’ Ton noch Laut.

Faust: Ein Gedicht · 第 15 / 19 题