Und der entschlummert an dem Waldesrand,
Daran vorher er mit dem Bösen stand:
Sein mattes Haupt lehnt an der Hangeweide,
Allmächtig weht es in der tiefen Haide,
Verklingend in die dumpfe, schwarze Ferne,
Allmächtig strahlt der Mond, so wie die Sterne.
Das Kloster liegt im sonnenhaften Schein,
Gleich eines Engels heilig Fleisch und Bein.
Da naht dem Schläfer an der schönen Weide
Der ernste Greis im dunklen Klosterkleide.
Wie Faust ihn in dem Garten heut erblickt,
Der ihn im Buche lesend so entzückt.
Gleich einem Geist mit himmlischem Gefieder,
Schwebt er dahin, und beugt sich zu ihm nieder:
“Nimm,” flüstert er, du armer, müder Knabe,
Ich gebe dir das Beste, das ich habe
Erlösen wird es dich, wird dich befrein,
Und du wirst glücklich, dauert dein Bereun!
Das, was du dir aus heißer Brust begehrt:
Du hast’s! Triumph! es ist gewährt.
Dein glühend Sehnen, dein allmächtig Bangen
Dein Feuerwunsch, dein loderndes Verlangen!
Von Stern zu Sterne mögen sie es hören:
Faust ist ein Mensch! gestillt ist sein Begehren.
Triumph! mein Sohn! ich legs in deine Hand,
Leb wohl! es sprach der Alte und entschwand.
Und jener hielt ein kleines dunkles Glas,
Durchstrahlt von einem feuerfarbnem Naß.
Er schaut es an verwundert und entzückt,
Da ist er seinem Lager schnell entrückt.
Und als ihm wiederkehret das Besinnen,
Von seiner Stirn fühlt heißen Schweiß er rinnen.
In öder Wildniß sieht er sich gebettet,
Rings dürren Sand und Felsen starr verkettet.
Hier war nicht Nacht, hier schimmerte kein Tag,
Bleischwere Dämmrung auf der Oede lag.
Es rauscht kein Laut von Woge, Baum und Strauch,
Die Wolke scheint der wildsten Flamme Rauch,
Und Faustus heißer Mund vertrocknet schier,
Die Pulse pochen und sein Aug’ ist stier.
Die Zunge gleicht dem dürren Blatt,
Sein Athem keucht und röchelt todtenmatt.
Da naht Mephisto schleppend mühsam schwer
Die Centnerlast von einem Krug daher.
Gebückter Brust, als trüg er tausend Ohm,
Im Kruge gleich an einem ganzen Strom.
Er lagert sich in einer Felsenspalt,
Und löst den Pfropf, der gar ergötzlich knallt.
Er zecht vergnügt, und trinkt sich satt und schwer,
Und singt ein Lied, und tanzt im Kreis’ umher.
“Gieb mir,” ächzt Faust in seiner Todesqual,
“Du schlimmer Wicht, o gieb mir auch einmal!”
“Dir,” sagt Mephisto “ich zu trinken dir,
“Du lechzest noch nach einem Trunk von mir!
“Und drückst ein Himmelskleinod an dein Herz;
“Zu trinken dir! o treibe keinen Scherz!”
Und wieder tanzt er lustig rings umher,
Sein tolles Haupt wankt wüst und schwer.
Und Faust verkommt in Todespein,
Die Flamme wühlt zernagend durchs Gebein:
Das Kleinod selbst glüht als ein Feuerbrand,
In seiner welken und versengten Hand.
“O! röchelt er in ärgster Qual und Angst:
Mephisto nimm, o nimm, was du verlangst.”
Rasch langt die dürre, scharfe Teufelstatz,
Das Fläschen ihm von seinem Busenlatz.
En reicht ihm den gewalt’gen schweren Krug,
Der trinkt und trinkt in tiefem, tiefen Zug.
Drauf schleudert er, in wilder Wuth entbrannt,
Den großen Krug an eine Felsenwand.
Hoch sprüßt empor der rothe dunkle Wein,
Verzischend auf dem glühenden Gestein.
Der Teufel stürmt von dannen wie besessen,
Im Schlaf hat wieder Faustus sich vergessen.
———
Wild schäumt in schwarzer Mitternacht das Meer,
Die Wog zerollt am Strande lang und schwer,
Anstürmend aus der dumpfen Ferne Grab,
Gewaltig nahend schwankend auf und ab.
Der Sturmwind keucht im dünnen, dürren Rohr,
Und wiegt der müden Vögel schwarzen Chor.
Mephisto aber wandelt an dem Strand,
Des Mönches Fläschlein haltend in der Hand:
Und wie die Well’ an öder Dün zerfließt,
Ein Tröpflein er aufs schäum’ge Haupt ihr gießt.
So lange, lange hat das Spiel gewährt,
Bis langsam er das Gläslein ausgeleert. —
Die Welle mächtig endlos rollt,
Das Röhricht rauscht, der Sturmwind tollt.
Drauf knieet er an einem schwarzen Stein,
Zermalmt das Glas zu einem Pulver fein,
Und bläst dann rasch mit seines Athems Braus
In alle Welt den trocknen Staub hinaus. —
Er triumphirt, er schwatzet laut und lacht;
Entsetzlich wild ist solche Teufelsnacht. —
Hoch schäumt das aufgeregte schwarze Meer,
Die Wog’ zerrollt am Strande lang und schwer,
Anstürmend aus der dumpfen Ferne Grab,
Gewaltig nahend, schwankend auf und ab.
———
Faust steht so traurig in der Nacht allein,
Wo er entschlief, am dunkeln Waldesrain;
Mephisto ist nicht bei ihm, doch er spricht,
Als säh er wohl das grinsende Gesicht;
Sei’s in dem Mond, der in den Zweigen ruht,
Sei’s in des Irrwisch’s feurigrother Gluth:
“O höre! sagt er: “ich verdamme dich!
Treff’ dich mein Fluch auf ewig, fürchterlich!
Ich rief dich nicht, du kamst von selbst gegangen,
Um mich, den irren Zweifeler, zu fangen!
Ich gab mich dir! doch was gabst du dafür
Nicht einer schönen Blume holde Zier!
— Ein wild Gewühl von frevelnden Gestalten,
Sah ich mir Aug’ und Sinn berückend walten!
Ich stürzte hin in zehrendem Genießen,
Da mich die Himmel spöttisch von sich stießen!
Nicht drücktest du die Rose weiß wie Schwäne
Mit ihrem Dorn, im bleichen Kelch die Thräne,
Der Liebe Ros’, mir an die welke Brust,
Daß mich’s entflammt zu menschlich reiner Luft,
Daß ich verging in Sehnen und in Schmachten,
Ein Sklav’ mich bückt gekränket im Verachten,
Ein König mich erhob und triumphirt,
Von der Erhörung Zauberrei; verführt. —
Kein Tropfen Blut in solchen Liebeshadern
Von solchem Dorn versprützt, entquoll den Adern!
Um was allein war denn ich dir ergeben,
So manches Jahr im wüsten Bubenleben?
Um einen Wurm, den mit bemalten Flügeln
Du ausgeschmückt, das Blut mir aufzuwiegeln,
Um jenen Wurm bin ich dir nachgejagt,
Der mir so lang das eigene Herz zernagt!
Wie oft hat er in öder Mitternacht,
Wenn ich das stille Lämplein angefacht,
Durchstört der Kerze süßen, matten Schein,
Der glüh’nden Seele lichte Träumerein:
Mit seines halb zerrissnen Fittichs Trümmer,
Vernichtet in und um mich jeden Schimmer!
Wie du mich bübisch so verlockt,
Wovor in Luft und Lieb erglüht,
Daß mir das Blut im Busen stockt,
In Andacht still ich hingekniet;
Wonach ich rang von Herzen inniglich,
War ich erhört, ich fand’s so schlecht als mich!”
So spricht er zu den närrischen Gesichtern
Der wirren Nacht, den Schatten und den Lichtern
Im finstern Busch, da rauscht’s wie im Triumphe
“Noch nicht enttäuscht der arme, dumme, dumpfe!
Noch schwebt vor seinen halb verloschn’n Blichen
Der Sehnsucht Land, ein leuchtendes Entzücken!”
Doch starren Blickes Faustus sieht,
In das Gesicht: das durch die Fichten glüht,
“Vergißt du,” flüsterts: “unsere Königsmaid,
Schwarz Haar, blau Aug’ im goldgewebten Kleid!
So was hast du noch nie erschaut,
O Thor zur vielgeliebten Braut,
Komm, eh’ der Morgen graut!”
Die Stimm’ verklinget zischelnd im Gebüsch,
Der Nachtwind wehet unbehaglich frisch.
Das dürre Blatt reißt sich vom Zweige los,
Und schwirret raschelnd in dem finstern Moos.
Gleich solchem Blatt, durchschwirrt die Brust, die kranke
Der liebeleere, düstere Gedanke,
Die Menschenbrust, sich sehnend nach dem Tod.
Nur lebend noch, weil Gott es ihr gebot:
Wie fallen diese Blätter ohne Zahl,
Von solcher Seele Baum, der trüb und fahl,
Ohn’ seines Gleichen in der Welt zu haben,
Dasteht ein Stamm, besat von finstern Raben!
Wild weht der Sturm der öden Leidenschaft,
Verschmähte Liebe trinkt den Herzenssaft!
Wie schaut der Mann, der solche Seele hat,
So gern, so stumm auf jedes gelbe Blatt,
Das in dem Wald, im kalten Winde weht,
Bis ihm die Thrän’ im finstern Aug’ zergeht.
O süße Schwermuth, wie verlockst du mich,
O dürres Blatt, wie schwirrst du wonniglich!