Die Nacht ruht auf dem Tannenwald,
Und schauerlich Gewölke wallt
Wie flügellahme Raben todtenmatt,
Dem Monde nach, der sich erhoben hat.
Die schwarze Brut schleicht traurig, müd’ und schwer
Ein unabsehbar langes, düstres Heer:
Als müßten sie mit blutigem Gefieder,
Von Zweig zu Zweige hüpfend sinken nieder:
Und Faustus liegt das Haupt in seiner Hand,
An eines tiefen Waldsees moos’gem Rand:
In dessen Wog’ die volle Mondesgluth
Entzückend schönen Schimmers ruht:
In dessen Wog’ der finstre Tannenbaum
Den Schatten wirft in seinem wanken Traum.
— — Und er erglüht in seinen Phantasien,
Die ihm allmächtig durch den Busen fliehen,
Der lindste Laut der geistervollen Nacht
Gedanken in der regen Seele facht.
— “Ich seh’ dich Schwermuth! ruft er ganz entzückt:
Ans Herz der wunderschönen Nacht gedrückt.
O himmlisch seid ihr liebliche Geschwister
Die ihr bei dieser Bäum’ Geflüster
In dieses See’s tiefdunkler Fluth
Im Wiederglanz des Mondes schlummernd ruht.
Von mir laßt Schläferinnen euch begrüßen,
Laßt diesen Anblick meine Seel’ genießen:
Ich sprach zu Euch so oft als nie,
Ein Mensch in seiner Leiden Phantasie!”
Die Woge wallt, die Tanne flüstert,
Der Mond bald hell und bald verdüstert,
Das wirre Spiel der Schattenschaar,
So zahllos wie die Sterne war. — —
Wie kein verfinsternd Wolkenbild,
Den blendend glimmen Mond verhüllt,
Der als ein sinnverwirr’nder Zauberspiegel
Hoch fluthet über Waldesgrund und Hügel,
Als stumm die dürre Tanne steht
Im starren See die Well’ nicht geht,
Gleich war die Nacht so schweigend, so entbrannt,
Auf immerdar und ewig festgebannt:
Der hohe Mond so ewig klar,
Ohn’ Regung und unwandelbar:
“Nein, ruft er in den dunkeln, stummen See,
Zu sanft schaut ihr für meinen kranken Busen,
Für meines Herzens tief empfunden Weh,
O Nacht! o Schwermuth! glichet ihr Medusen,
Die mich erstarr’nd zu kaltem, wüsten Stein
Vertrockneten die Adern im Gebein:
Nicht wie ihr dorten so beseeligt ruht,
In dieses Himmels nächt’ger Wiedergluth,
Das schwarze Haar so schwesterlich verschlungen,
Von euren Armen liebevoll umdrungen,
Zartinnig Lipp’ an Lippe festgesaugt,
Vom Athemzug die Stirne mild umhaucht,
Nein! stürzt von Felsen blutig nieder,
Verwachs’nes Zwillingspaar, das hassend ringt,
Und seinen Arm so glatt als Schlang und Hyder
Erstickend um der Schwester Nacken schlingt!
Ich trag’ euch nicht in dieser Engelsmilde,
Erscheinet mir in einem finstern Bilde!”
Und er springt auf, und in dem Mondesschein,
Dringt in den Wald noch tiefer er hinein
Durch wilden Busch, durch dorniges Geheg’,
Bahnt ohne Rast er seinen finstern Weg.
Sein Sinn verwildert und sein Haar wird wirre
In dieser unermess’nen Waldesirre.
Und wie er nun so lange fortgestürmt,
Da Abends sich die rothe Wolke thürmt,
Gelangt er an des Schauerwaldes Rand,
In ein geöffnet wunderschönes Land:
Ein Kloster steht auf milder Au,
Ein Haus, zernagt vom Altersgrau:
Am Wald ringsum nicht mehr die finstern Bäume,
Die bebenden der dumpfsten Schwermuth Träume,
Die in dem Sturm so herzerstickend wehn,
In Windesstill’ so todtenschweigend stehn.
Ein junger Wald von Weiden, Sycomoren,
Umsäuselt sanft des Klosters Bau:
Wie betend zu dem Herren, und der Frau
Der Allbarmherzigen, die ihn geboren. —
Wie neigen sie in stiller Andacht Feier,
Des Gipfels Laub, als wär’s ein schwarzer Schleier,
Wie sind sie von der Abendgluth umwallt,
Als trüge Kerzen eine Bußgestalt:
So steht der junge, milde Baum,
Am wüsten, öden Waldessaum.
Und dieses Kloster in der Abendsonne
Erschimmerte wie in extat’scher Wonne:
Es gleicht so weiß, und engelgleich
Der Märtyrin, die welk und bleich
Erblickt das grasse Opferfeuer,
Entflammt vom Heidenungeheuer.
Schon walln die Flammen immer gelber,
“Bist du die Tochter Christi, hilf dir selber!”
Und wie die Sonne, tiefer, dunkler Gluth
Schon auf des fernsten Berges Gipfel ruht,
Da ist sie wie der hehre Hochaltar,
Umstellt von einer flamm’nden Rosenschaar:
Hier spricht man heilig diese Märtyrin,
Der bittern Leiden milde Dulderin:
In Mondslicht, das drüben sich erhebt
So weiß und bleich ihr Geist vorüberschwebt. —
Im Garten unter einer schlanken Weide
Da saß ein Abt, im ersten, schwarzen Kleide.
Ein wundermilder, hoher, greiser Mann,
Der über einem alten Buche sann.
— Faust war ergriffen, diese stille Milde
Des schönen Greisen freut ihn.
Nicht so las er, wenn er zum Steingebilde,
Dem Götzen Flamm’n im Busen glühn,
Bei seinem Buch erstarrend sich vergaß,
Daß er wie Hyacinthus an der Quelle,
Sein eigen Bild anstierend in der Welle
Der Geisterfluth als eine Leiche saß.
Gebietend den Gedanken, den Gestalten,
Ein Engel Gottes schwebt der Geist des Alten.
Die Mönche sang’n ein sanftes heiliges Lied,
Den süßen Gruß: o salve Paraclete!
Verglommen ist die Abendröthe
In ferner Bäume dunkelem Gebiet. —
———
O salve sancte Paraclete
O lux beata trinitas,
Miraculosa unitas!
Vos dulces angeli salvete!
Et o viri mysteriosi,
Qui conspexistis gloriosi,
Aeternum et sanctissimum
In facie nostrum dominum.
Lux ecce cadit aurea,
Portamus lilia nitida!
Cantamus dulcia cantica,
Dum surgit nox mirifica!
Plasmator! des, ut resistamus
Malefico, et ut vincamus
In tuam ipsam gloriam!
Plasmator misericordiam!
O salve sancte Paraclete!
O lux beata trinitas,
Miraculosa unitas!
Vos dulces angeli salvete!
———
An diesem Abend zu der schönen Stunde
Stehn Faustus und Mephisto hier beisammen,
Und solch Gespräch ertönt aus ihrem Munde,
Da dunkle Wolken um das Mondbild schwammen,
Da in dem Schein des Klosters Fenster glühten,
Als wären’s Blätter eines Buchs voll Mythen,
Das für die Nacht in ernster Andacht Trieben
Mit goldner Schrift der fromme Mond geschrieben.
So redet Faust, sein Auge glüht begeistert,
Und süße Wehmuth hat sich sein bemeistert.
“O sage mir, hast du ihn je gesehn?
Ihn, weicher jetzt mit seines Geistes Wehn,
Als hört ich nie die Hölle und ihr Lied,
Allmächtig, unabwendbar mich umflieht!
— Die Wehmuth ist es, die mich so errettet,
Und mich an ihn auf Augenblicke kettet! —
Wie sahst du ihn, als welch elender Wurm,
Verkrochst du dich vor seiner Stimme Sturm,
In banger Dumpfheit, sie nicht zu verstehn?
In welches Thal versenget und entblättert
Verbargst du dich, von seinem Blick zerschmettert?
Mephisto
Wie schwatzest du gleich einem irren Pater
So wenig als wie du sah ich des Weltalls Vater,
Und wie bei euch auf der verdrehten Welt,
Ist es damit im Höllenreich bestellt!
Es geht von ihm, auch solche frost’ge Sag,
Doch fragen gar zu wenig wir danach,
Und ohne Macht ist der verschollne Klang,
Der ausgesungne, echolose Sang.
Faust
Du sahst ihn nie! nie hat er seine Hand,
Zerknickend dir um deinen Hals geschlungen,
Sein Fuß trat nie dich in des Kraters Sand!
Am Abgrund hat er nie mit dir gerungen?
Mephisto
Ich krieche kecklich durch die Erd’ und Hölle,
Und hab’ mich nie an ihn gekehrt,
So wenig als an eine Kirchenschwelle,
Und niemals hat er meiner auch begehrt.
Die alte gute Mutter Natur,
Ich brauche sie gar oft als meine Hur’,
Das wirst du wohl an ihren Gaben,
Ohn’ sondre Müh’ empfunden haben. —
Er sprach’s und schwieg, darauf hub er wieder an:
“Doch eins drängts mich dir noch zu sagen
Von dem, was ich dir offenbaren kann,
Der Rolle, die mir übertragen,
Des ganzen Spiels bin ich oft herzlich müde,
Und sehn’ mit Schmerzen mich nach Tod und Friede!
Schwer ists verdammt, stets Humorist zu sein!
Voll Tück und List und lust’gen Teufelei’n.
Auch wird der Weinkrug einem leer zuweilen,
Dann möcht’ ich gar wie alle schrein und heulen!
— — Hätt ich die Macht, als der, der es erschuf,
Hätt’ seines Armes Kraft mein Pferdehuf,
Mich trieb es nicht blos zu zernagen,
Als blöder Wurm, nein zu zerschlagen
Die schlechte Welt mit einem Mal,
Und zu vernichten Luft wie Qual.
Jed’ Leben, jed’ Bewußtsein zu zerstören,
Zuletzt Ihn und mich selbst wär mein Begehren!
— So gut wie ihr hab ich oft meine Stunden,
Wo ich die ganze Leerheit schwer empfunden!
Was ist das nun sich mit ‘nem armen Herrn,
Von Doktor, als wie Ihr, herumzuzerrn!
Ich ließ euch gern in Gottes Namen gehn,
Es ist mir Pflicht! mir Drang! ich kann nicht widerstehn!
O sei verflucht! erbärmlich Hundeleben!
Ich kann nicht mal wie ihr, dem Teufel mich ergeben!
— Nennt mich ‘nen Hurensohn nennt mich ‘nen schlechten Affen,
Ich sei nun, wer ich will, ich habe nicht geschaffen!
Doch still, damit ich nicht aus dem Charakter falle!
Und vorwärts, frisch in meiner Rolle!
Eins nach dem andern, so erliegen Alle!
Ist diesmal doch ein Faustus die Parole!”