Die alten Zecher

Wie sie vorübergehn am Meeresschlosse,

Schaun sie ins Fenster in dem Erdgeschosse.

Es ist erhellt, vom gothischen Oval

Liegt schwanken Lichts der helle Wiederstrahl,

Auf schönen, langgestreckten Wellen,

Die brüllend an dem Felsenrand zerschellen.

Von drinnen braust ein gleich gewaltig Lärmen,

Als wie von Zechern, die beim Glase schwärmen

Ihr Singsang tobt so brüllend laut

Als wie die tolle Sturmesbraut,

Wie Wellen wild entsetzlich klingt,

Wenn in den Händen ein Pokal zerspringt.

Die übernächt’gen, wüsten Schlemmer waren

Drei dürre Greise mit schneeweißen Haaren!

Sie füll’n das Glas aus hohem schwarzem Krug,

Und zechen frisch und wacker Zug um Zug.

Die Stirne schwillt, das Auge glüht und stieret.

Und bubenhaft die Zung extravagiret.

Der Teufel spricht: hörst du, so hab’ ichs gern

Das sind Gesellen von meinem Schlag und Kern,

Die so versaufen ihren Herzensgram,

Die bittre Reu’ die tiefgefühlte Schaam.

Solchen allein kann ich’s nach Wunsche machen,

Sie würden mich verhöhnen und verlachen,

Wenn ich sie nicht nach bester Möglichkeit

Bedacht mit Sorg’ und schwerem Herzeleid!

Für sie ist das nur Anlaß zur Erquickung,

Bei eines Bechers toll erschall’ndem Lärm,

“O Himmel! Himmel! welche finstre Schickung!

Schrein sie: o Trost! gießt Wein mir ins Gedärm!

Was thäten sie die lange, lange Zeit,

Hetzt’ ich sie nicht zu Luft und Heiterkeit.

Die Welt wünscht drum sie noch nicht zu den Teufeln.

Sie thun: so heißt’s damit sie nicht verzweifeln.

Sich, jene schmale, trockene Gestalt,

Die an die graue Säule sich gesetzt!

Horch, wie die schwere Zunge säuisch lallt,

Schau, wie er sich am süßen Safte letzt!

Sieh die verdorrte, gelbe Runzelwange!

Sein Schloß lag rechts dort an dem Felsenhange,

Es ist verbrannt und liegt in Asch’ und Staub,

Sein Sohn durchschweist Gebirg’ und Moer auf Raub!

Sein Weib ist Kupplerin, die Tochter Hur’!

Bewunderst du die himmlische Natur?

Und jener mit dem ausgezackten Bart,

Der in das Glas mit stierer Wonne starrt:

Dem auf der Stirn der Ader fast zerspringt.

Und dessen Lippe tolle Rede klingt:

Dem ward unlängst bei Hof das Schwerdt zerbrochen,

Der Herzog hat kein Wort mit ihm gesprochen.

Auf ewig ist befleckt sein alter Adel

Vom alten Gothen stammend ohne Tadel!”

Mephisto schweigt: er hat sich fast erhitzt

Und sondern Glanz sein fahles Auge blitzt.

Faust, der ihn gar gespannt gehört,

Mit solchem Wort sich wieder zu ihm kehrt:

“Nicht hast du mir erzählet von dem dritten

Der zwischen beiden sitzet in der Mitten?”

“Der, sagt Mephisto, mit der strupp’gen Stirn,

Der sich die Hand zerschlug am scharfen Splitter,

Der kleine Kerl ist Vater von der Dirn’

Die dorten balancirt am Eisengitter,

Wie ist das Thier von ganzer Seel’ vergnügt,

Da ihn die Wuth des Rausches toll durchfliegt.

Was schaust du mich so gar verzweifelt an?

Ich geh hinein zu dem charmanten Mann!

Du willst nicht mit! So bleib’ indeß hier draußen,

Du hörst so gern das Sturm: und Wellenbrausen.

Und find’st die Nacht am Meer so intressant,

So warte hier ein wenig an dem Strand.

Beschau des Mondes tief ergreifend Sinken

Ich gehe blos hinein, um mal zu trinken.

Sie leeren da ein Gläslein alt und gut,

Und die Gesellschaft hat mein muntres Blut!”

Er schlüpft sturmrasch durchs dunkele Portal,

Unmenschlich wilder Lärm erdröhnt im Saal:

“Auf du und du, auf ewiglich der deine!”

Das leere Glas zerklirrt am Säulensteine.

Gewalt’ger braus’t die Nacht, die Fluth,

Der Mond versinkt in voller blut’ger Gluth,

Faust nässt die Stirn in dunk’ler Welle

Da ihm vor Aug’ und Sinne nicht gar helle.

Faust: Ein Gedicht · 第 12 / 19 题