Schön Hertha

Faust wandelt auf und ab im Corridor:

In prachtvoll mondeslichter Abendstunde:

Des Nordmeers Stimme schlägt zu seinem Ohr

Und still und zärtlich seufzt’s aus seinem Munde,

Sein Blick ist friedlich, seine Stirne rein,

Das Haar geregelt, neu sein Mäntelein;

Die blankste Feder wallt vom sammtbarette,

Und um das Wamms hangt eine goldne Kette.

Die felsumgränzte helle Meeresbay

Strahlt ihm in wunderhellem Wiederscheine

Das Trümmerschloß erhöht so keck und frei,

Auf starrer Felsen schwarz bemoostem Steine.

Und wie der volle Mond dann höher wallt,

Und statt der zarten goldnen Lichtgestalt,

Die in dem Meeresgrund sich sanft gewiegt,

Der wüste Schatten trübe niederkriecht!

Faust schauert in der Einsamkeit

Da hoch und höher sich sein Busen hebet.

Er hört ihr Klingen das ihn oft erfreut

Dies ernste Säuseln, wies sein Ohr umbebet.

Was tönet dieser Laut der trüben Nacht,

Dies Fächeln wie von vielen, vielen Zweigen,

O unbegriffen und unausgedacht,

Dies schwirre Plaudern in dem tiefsten Schweigen.

Es ist kein stürmisch Herze das so schlägt

Nicht Meer nicht Baum vom Nachtwind aufgeregt.

Es ist kein Lispeln einer scheuen Lippe,

Kein schrecklich Zittern wachender Gerippe.

Allein den Geist versetzt dies dunkle Schwirren,

In eben solche räthselhafte Wirren

Und es versenkt in bängliche Gefühle,

Gleich wie der Wellen und der Zweige Spiele.

Da winkt’s ihm durch der Scheiben rundes Glas,

Mephisto steht auf einem spitzen Stein

Der dürre Wicht so häßlich und so graß

Und murmelt heiser: “jetzo geh’ hinein!”

Faust sieht der zween Finger dürre Knochen

Die ihm so altverständig lüstern winken:

Er fühlet bänglich seinen Busen pochen,

Und seine Keckheit scheint ihm zu entsinken.

Doch schreitet er mit Fassung Sitt’ und Ziere

Gesetzten Schrittes auf die nächste Thüre.

Drin sitzt am rauhen Tische von Basalt,

Bei dumpfen Lämplein eine Weibsgestalt

Ein bleiches Wesen, hager, knochendürr

So still und starr, als hätt’ es keine Seele,

Das blonde Haar zerrupft und schrecklich wirr,

Das blöde Aug’ in tiefer, finstrer Höhle.

Die Wang’ ist dürr und blässer als der Tod,

Die blut’ge Lippe färbt den Busen roth.

Und wie sie in das trübe Flämmchen schauet,

Und an den trocknen Spindelfingern kauet,

Murrt sie in kläglich jammervollem Laut

Schwer aus dem tiefsten Busen: “Braut!”

Dann küßt sie heftig die verdorrte Hand,

Und zuckt es in der Leuchte trübem Brand,

Vor ihrem Hauch, dann schreckt sie wild zusammen,

Und wirft sich wüthend auf den kalten Boden,

Flucht grasse Flüche, die der Höll’ entstammen,

Und reißt und fetzt vom Leib’ die schwarzen Loden.

Und als verlosch das Lämpelein

Traf sie wie Blitz der Vollmondschein.

Da tobt sie noch unmenschlicher, und wilder,

Was sah in diesem Licht ihr Geist für Bilder

Die noch vor Menschenauge nicht geschwebt,

Bis sie erstarrt zur grausen Leich entstellt,

Ganz wie man auf dem Kirchhof sie begräbt,

Ein schrecklich Unding auf den Boden fällt.

Faust sah mit starrem Blick das wilde Spiel.

Es fesselt ihn, einschläfernd sein Gefühl,

Und sein Besinnen, doch wie er erwacht,

Erfaßt’s ihn selber mit des Wahnsinns Macht,

Er stürzt hinaus als Hertha eben,

Der arme, bleiche, nackte Wurm,

Gepeitscht von ihres Wahnes Sturm

Emporstieg an des Fensters Eisenstäben.

Hin zu Mephisto, der an weicher Düne sitzt

Und seinen Kopf im Arme schläfrig stützt.

“Verfluchtes Thier, ruft er zum Feinde Gottes

Was machst Du mich zum Spielwerk deines Spottes?

Was machst Du mich zu dem wahnsinn’gen Kinde

Verheitzend mir des Himmels Seeligkeit

Da ich ein arm, unglücklich Scheusal finde

Zerknickt Gott weiß! von welchem Herzeleid!

“Ihr hattet ich so baar und kahl gemacht,

Ich war so todtenmatt und dumpf befangen!

Du Teufel hast Dir’s wieder angefacht

Das dir gehorchet dieses Gluthverlangen.

Was ließt du’s nicht als eine Leiche,

Wie es in meinem Busen lag begraben,

Nun wars nicht klug, da ich die Hand dir reiche

Also mich jetzt zum Narrn zu haben!

Einen kurzen Sonnenblick von Illusion,

Ein Blumenbett an dem Abgrunde,

Wohl noch einmal verdient ich schon,

Von Dir dem widerspenst’gen Hunde!”

Wie so er sprach, steigt an dem Eisenstab

Die arme bleiche Hertha auf und ab.

Sie regt sich sacht’ als ob im süßen Traume

Sie schweb’ am Zweig vom Lebensbaume,

Daran die schönsten Früchte lächeln,

Deß’ Blätter seelig sie umfacheln.

Wem der Gedank’ in stillem Kreis sich regt,

Wem Tag auf Tag gleichsinnig sich bewegt

Von keinem Leid und Gram gerührt,

Von keinen Wonnen exaltirt

Der ahnet nichts von solchen unermess’nen

Abgründen, in dem felsenfesten Herzen:

In welche die zerrung’nen und zerfreßnen,

Gefühle, schneidend wilde, bange Schmerzen,

Herniederzieh’n in ihre Todtenhöhle

Das Ich, den heil’gen Götterhauch der Seele.

Ein dumpfes Echo nur darf noch erklingen

Im Grunde liegt es mit gebrochnen Schwingen. —

Mephisto der sich kurz besinnt,

Zu dem erzürnten Doktor so beginnt:

“Thu mir’s zur Liebe, sei nicht böse!

Von solchen Kleinigkeiten kein Getöse.

Es thut mir leid ich habe Dich gequält!

Mich trifft nicht Schuld, wenn das Gedächtniß fehlt.

Ich irrte mich blos um ein halbes Jahr

Da war beim Teufel Alles wahr,

Was gestern ich Dir an der Magd gelobt,

Die dorten so gar unverständig tobt!

Der Satan hol’s, vergaß ich’s eben

Zween Prinzen hatt’ ich sie zum Bräutlein schon gegeben.

Dem Prinz von Wales, und dem von Turindur,

Zween Herrn wie sie zu wünschen nur!

Doch bis nur still — schau nicht so kummervoll

Wir finden wohl noch eine die nicht toll!

Ein holdes Täubchen soll Dir nicht entgehn.

Ich weiß schon was, — — doch laß mich’s noch bedenken,

Und sollt ein Fürstenkind zum Teufel gehn,

Glück auf! Dir Faust und Deinen Liebesschwänken!”

Faust: Ein Gedicht · 第 11 / 19 题