Am Ocean

Sie stehn am Meer dem sturmzerrissnen wilden,

Dess’ Wogen sich zu gräulichen Gebilden

Verzerrn, zu schwermuthsvollen finstern Fratzen,

Ein wildes Heer von brunstentflammten Katzen. —

Und wieder strahlt der Mond in falbem Licht,

Ein abgezehrtes kränkelndes Gesicht,

Der gern erscheint die Nacht da Faustus irrt,

durch Wald und Dün’ mit seinem Seelenhirt.

Der wilde Sturm hat endlich ausgebraus’t,

Die krampfig fesgeballte Riesenfaust,

Von Wog’ und Wolke löst sich allgemach.

Unheil die Schlang’ die ihren Nerven stach,

Enteilt zur finstern Fern’ in langen Ringen,

Die weit sich mit der Nebelnacht verschlingen.

Faust athmet kaum, er stiert ins Element,

Darin er seines Lebens Bild erkennt.

Wie Unheil der gewaltge Drach

Die Spiegelfluth der See durchbrach,

Daß sie am Fels verspritzt, verschäumt,

Hyänenhaft emporgebäumt,

Sich selbst zerriß, die klar und licht

Des Himmels Gluth, des Mondes Licht

Im Schoß empfing: nun wild zertrümmert,

Laut heulend ihren Schmerz verwimmert:

So war durch seines Herzens helle Fluth,

Unheil gerast in Bachanal’scher Wuth,

Und hat an ödem Strande sie verspritzt,

Des Himmels Bild zerworfen und zerritzt.

Im Mondenlicht das glüh’nder jetzt erstrahlt,

Des Faustus Bildung in der See sich malt,

Zu ihr gepaart die von dem Seelenhirt

Der dumpf und schläfrig auf den Boden stiert.

Und auf der Düne liegt ihr finstrer Schatte,

So lang als wie von Tod gestreckt: der matte

Nachtwind weht durch ihr Mäntelein

Und zerrt und zieht am schwarzen Wiederschein.

Faust ist so bleich: die Stirne hochgewölbt,

So klar und hell ist nun verwelkt, vergelbt,

Von einer tiefen Falte schwer durchzogen

Hoch über seiner Augenbraunen Bogen.

Die hat das Ansehn ganz, die hat die Farbe

Als ob sie eine wüste, tiefe Narbe.

“Was sagtest Du, spricht er nach langem Schweigen

Da er geblickt zum wüsten Wellenreigen:

Was sagtest Du, schieb ich in diesen Sand,

Zur Ebbezeit: “hier Doctor Faustus stand,

Der sich mit seiner Seele Seeligkeit

Dem allerbesten Teufel hat geweiht;”

Oder gleich in dem sonderen Idiom

Das mit Gewicht der Prister spricht zu Rom,

Der heil’gen Sprache der vier Fakultäten

Die wie gemacht zum Richten, Heilen, Beten,

Zum andern Irrsal menschlichen Verstandes

Im süßen Gaue dieses deutschen Landes.

“Hoc stetit Doctor Faustus littore

Qui sese pro aeterno tempore

Addicavit malo diabolo

Cum corpore divino animo.”

Was sagtest Du, braust nun heran die Fluth

Und läßt mir stehn das Stücklein Uebermuth,

Und steh’ts so ewig, weckt wie ein Gerippe

Ein Stoßgebet auf jedes Schiffers Lippe; —

Wenn hier die Wog’ als schwebt sie über Gründen

Deren Boden unermessen nicht zu finden

In ew’gem, wahnsinnsraschen Kreis sich dreht,

So daß mir nie die grasse Schrift verweht.

Hier steht im Sonnen: steht im Mondenschein

Was ich gezeichnet in den Flugsand ein.

Die Striche flöh’ das Meergevögel

Und mehr als Fels verscheuchten sie ein Segel!”

“O Thor” sagt der “hörst Du nur meine Lehren

Sie mir im Mund willkührlich umzukehren.

Ihr tolles Volk begehet keinen Mord

Ohn daß ihr meint, es tob’ dazu der Nord

Ihr möget nicht erröthen, nicht erbleichen,

Ohn’ daß der Wang’ die Himmel sich euch gleichen. —

Nicht schreib Du’s in den trocknen flücht’gen Sand,

Daß seinen Freund im Teufel Faustus fand

Actz’ Du’s in einen Eichenstamm auf’s Mark,

Natur bedeckt’s: sie ist so gut und stark:

Umspülend es mit frischem, kräft’gem Saft,

Der Narben bald der scharfen Wunde schafft.

Nicht schreib Dus in den irren, losen Sand,

Hier wußt’ dem Bösen Faust nicht Widerstand

Schreib’s mit dem Meissel in den Felsen dort,

Und Regen, Wog’ verlöschen Dir das Wort.

Und klingt’s auch der Philisterinn

Wie Grabesschrift in seinem Frevelsinn,

Sie schont es drum nicht mehr als die Millionen

So sie verlöscht im Laufe der Aeonen.

Ihr Moos hüpft gern auf einen Leichenstein

Und ranket sich wie an dem Holzspalier,

An solche Schrift: voll edeler Begier

Zernagt mit Luft der Wurm das Todtenbein.

An euers Leibes schmerzlicher Verkohlung

Sich sättigend, in eigensinn’gem Hohn,

Ersteht sie jung in ew’ger Wiederholung,

Streng fesselnd euch in sklavenhafter Frohn;

Verflucht dies eigennütz’ge schlechte Weib,

Das eurer Seel geboten solchen Leib.

Ich aber ruf’ ins Meer, ruf’ himmelan,

Erlöser ist, und bleibet euch Satan!

Der tollen Rausch durch dies Geäder hetzt:

Und euch belehrt wie ihr euch widersetzt.”

Faust hört das Wort: doch weiß er nicht,

Sprach er dies selbst, sprachs sein Begleiter,

Der seelenlose Höllenwicht.

Die Woge klingt es fort und fort und weiter

Es tropft der Mond ins Meer um diese Stunde:

So roth und schwer wie Blut aus einer Wunde:

Geschmolzen Gold, das in der Menschen Sinn

Den unersättlichen, Gebieterinn

Die siegesreiche Königinn Schwermuth träuft,

Den nimmer satten in den Tod ersäuft.

Mephisto schweigt: auf glimmer Wog’ im West.

Hintreibt ein Wrack: ein dunkler, kleiner Rest

Dem dürren Blatt vergleichbar, das zernagt,

In wüstem Wind auf öden Fluren jagt.

Faust: Ein Gedicht · 第 10 / 19 题