Der Morgen graut, es regt sich in dem Meere
Das in der stummen Nacht so dumpf geschwiegen.
Am Strand zerrol’n der Wellen weiße Heere.
Als hätt’ ein Zauber ihm die Brust versiegelt,
In der gewalt’gen finstern Schattennacht,
So freudig rauscht’s am Morgen nun entzügelt.
Wie hier noch Faustus auf und ab spazieret,
Tritt zu ihm an Mephisto, der indessen
Zum rothen Thurm, vergnüglich poculiret.
Er stolpert ein klein wenig in dem Sande,
Doch unverrückt sind seine gelben Züge,
Die Trunkenheit bringt dem nicht Schimpf noch Schande.
“Willst du sie seh’n?” spricht er zum düstern Träumer
“Die schönste Magd, die ich dir je erkoren,
“Wenn sie’s nicht ist, so geb’ ich ein Paar Eimer:
“Die dorten segelt in dem schwarzen Kahne,
Das blasse Kind, bei ihr der kleine Mohr,
“Das ist die wunderniedliche Diane.
“Sie fährt auf’s Land nach ihrer Inselville,
“So wie du willst, kannst ihr dahin du folgen,
“Gekleidet als venetischer Nobile.
“Ja dies ist schön,” spricht Faustus ganz versunken,
“In dieser schwarzen Gondel Wellentanz,
“Die macht zum letztenmal mich liebetrunken!
“Noch einmal Liebe, und noch einmal lieben!
“Dann stürmisch zu den anderen Genüssen,
“Im Höllenboden wuchernd aufgetrieben!
“Noch einmal Liebe! — die ist zum Entzücken —
“Ich liebe dieses Schmachten auf den Wangen,
“Und diese Gluth in wunderschönen Blicken!
“Die Bleiche, die ein jegliches Empfinden,
“Als träufelt Blut auf’s Blatt der Myrthenblüthe,
“In wunderschönen Gluthen kann entzünden.”
“Ich liebe diese tiefen Augensterne,
“Bei Angst und Schreck von dunklem Ring umfurchet,
“O schönes Weib in lichter Meeresferne!”
Verschwunden ist der dunkle Segelkahn,
Es rauscht empor die hehre Morgensonne,
Da fängt Mephisto so zu reden an:
“Ich weiß noch nicht,” sagt er: “wird’ es gelingen,
“Sie ist an Tugend, an Erziehung reich,
“Und matt regt noch ihr Herzchen seine Schwingen;
“Doch bis du gut! wenn wir sie nur erst kennen,
“Oft schafft uns ein zerbrochen Lieblingsglas
“Mit einem Mal, wonach wir lange brennen!
“Der schrille, harsche Klang, die armen Scherben:
“Das hallt im Herzchen gar so seltsam wieder,
“Der Wehmuth folgt so treulich das Verderben.
“Die soll dir nicht entgehn im dunklen Kahne,
“Sie unverzagt, Mephisto ist dein Freund,
“Und auch ein Weibername ist Diane!”
Er schwätzt ins Meer, das ihm die Füße netzet,
Er hinkt und taumelt auf und ab im Sande,
Von seinen Frevelplänen still ergötzet.
———
Die beiden schleichen um die Inselville,
Auf San Pietras Strand, dort schäumen Strudel,
So wirbelnd und gefräßig wie die Scylle.
Auf wogenüberwölbendem Altane,
Sitzt in der abendlichen Meereskühle,
Im Mondenschein die schmachtende Diane.
Und wie die Wog’ sich träumend hebt und senket,
Singt sie ein sehnsuchtsvolles, süßes Lied:
“Ob er wohl meiner, meiner noch gedenket!”
“Ob er wohl meiner, meiner noch gedenket,
Wie, redet Faust, so hast du mich betrogen,
Und um die schöne Hoffnung mich gekränket,
“Du hast das reinste Wesen mir versprochen,
Das noch nicht Neigung und nicht Sehnsucht fühlte,
Ist nicht recht schurkenhaft dein Wort gebrochen?”
“Ha!” lachte jener, muß dich ich es lehren,
Hochedelster Schatzmeister der Gefühle
Die euer Herz zernagen und verzehren?
Begreifst du nicht die Unermeßlichkeiten,
Des Nichts, in die solch üppig Abendlied
Das Mädchen lockt, das weißt du nicht zu deuten!
Noch keinem Mann hat sie ins Aug gesehen,
Um keines Jünglings Brust den Arm geschlungen,
Und will vor Lieb’ und Zärtlichkeit vergehen!
Du Thor! um solche närrische Gefühle,
Die fern und fern, verhallen und zerschellen,
Als du’s gesehn im Meer beim Wellenspiele:
Plagst du dich schon mit eifersücht’gen Grillen,
O wisse diese nicht’gen Gaukeleien,
Die machten schon gar manchen mir zu Willen!
Da selbst — du selbst!” o schweig beredter Schuft
Ruft Faust, ich hab’s nun völlig eingesehen,
Wenn du so sprichst, benimmt’s mir Muth und Luft!
Ich weiß, ich habe wenig widerstanden,
Da’s mich verlockt in der Unendlichkeiten
Grundlose Wirbel, die nun schon versanden.
Was mahnst du mich an dieses dunkle Ringen,
Fluch der Gedanken tollen Wolkenjagd,
Umdüsternd mich mit ihren finstern Schwingen!”
Mephisto lacht: “sag’ nur, was sprichst du wieder,
Das hört ich öfters als das Lied der Raben,
Die an dem Galgen hüpfen auf und nieder.
“Doch nun zu ihr, ich schwör’s zum letzten Male,
“Singt sie wie heut: ob er wohl mein gedenkt,
“So sittsamlich bei dieses Mondes Strahle”!
———
Es war zur Zeit der dumpfen Mitternacht,
Im tiefen Vollmond schauert’s geisterhaft,
Und Wog’ und Strudel brüllt und tobt mit Macht.
Der weiße Schaum tanzt auf den Wellenhügeln,
Er wogt und wallet blinkend auf und nieder,
Als wär’s ein Schwan mit blüthenweißen Flügeln!
Ein Kahn rauscht durch der Insel wilde Strudel,
Kein Segel glänzt vom dürren, kahlen Maste,
Danebenher schwimmt ein kohlschwarzer Pudel.
Im Kahn sitzt Faust, zu Seiten ihm Diane:
Wild stürmt es fort, als heult in tausend Segel,
Der aufgeregt’ste tollste der Orcane.
Dian’ ist bleich, ihr Auge roth geweinet,
Zur Welle hangt die aufgelöste Locke,
Von keiner Kunst geebnet und geeinet.
Die Blicke Faustus leuchten wild entzündet,
Und wie er redet, zittert seine Stimme,
Daß er zuerst fast keine Worte findet.
Als käm er von dem üppigsten Bankette,
So pocht es in den Adern seiner Stirne,
Hoch weht die dunkle Feder vom Barette.
Er schwatzt von seiner heißen Brust Verlangen,
Von Furcht und Sehnsucht, und von Tod und Thränen
Wie allgewaltig ist sein zärtlich Bangen!
Wie rauscht die Barke durch der Woge Schaum,
Sturmrasch schwimmt nebenher der tolle Pudel.
Faust ist beglückt im Meer, im Liebestraum.
Doch wie er aufblickt zu dem Vollmondhimmel
Gewahrt er vieler höllischen Gestalten,
Verrücktes, schwarzes, teuflisches Gewimmel.
Den Mast umtanzt ein scheußliches Gelichter
Von schwarzen Buben, die die Barke treiben,
Verzerrte, grasse, höhnende Gesichter.
Das war ein wirres, ekelhaftes Regen,
Wie sie unzählig an dem Holze klammern,
Gleich Fledermäusen an der Kirchthür Schlägen.
Schon dämmert immer näher von dem Strande
Des riesigen Gebirges starr Gewinde,
Die finstern Bäume auf dem Felsenrande.
———
Wie sie’s gemacht, die Magd sich zu gewinnen,
Deß kann die Kund sich nicht besinnen,
Ihr Aug’ ist trüb, ihr Blick ist weich,
Das Haar gelöst, die Wange bleich,
Faust ist entflammet, extasiret,
Sein Blick ist wild, sein Blut pulsiret.
Auf dem Altan, da Diana saß
Liegt um der Tisch mit vielem Glas.
Manch schön Geräth ins Meer versank,
Ein Schleier fliegt den Strand entlang.
Die Laute liegt zerschellt am Boden,
Der Mohr dabei ohn’ Hauch und Oden;
Es war ‘ne wüste, nächt’ge Stunde,
Doch was geschah, verschweigt die Kunde.
———
Auf Lotterbetten sitzen sie beim Mahl,
Im dämmerlichen, wunderschönen Saal,
Wie strahlet von Dianens holder Wange,
Das milde Roth im Sonnenniedergange.
Noch röther glänzt’s, wo Faustus sie geküßt
Der Liebe ganz und ganz Entzücken ist.
Schön ist die Dämmerung, schön der Felsentrümmer
Dran niedersteigt der letzte lichte Schimmer.
Leis’ weht der Abend in der Trauerweide
Im stillen See und in der Tannenhaide.
Da schwirrt es an die Glasthür vom Balkon,
Ein schauriger, gespensterhafter Ton.
Es zerret an den blanken, goldnen Ringeln,
Es dränget an die Scheiben wie mit Flügeln,
Dian’ erbleicht, doch Faust eilt keck hinaus,
Zu schaun, was ihm bedroht der Liebe Haus.
Als einen großen Geier er erblickt,
Der gar verständig an den Riegeln rückt.
Ein Blatt Papier halt er im Klauenfange,
Faust nimmt’s und liest’s, es bleichet seine Wange.
Mit Ungestüm schwingt er sich auf den Geier,
Und aufwärts steigt mit ihm das Ungeheuer;
Wie schweben die im bleichen Sternenlichte,
Wie ächzt des Thiers bleischwerer Flügelschlag.
Verzweiflung wühlt auf seinem Angesichte,
Er blickt zur Erde, wo der Pallast lag,
Und länger kann er’s nicht ertragen,
Wie er der Liebsten fernen Schatten sieht.
Er sieht sie weinen, sich die Brust zerschlagen;
Er flucht und wild sein Auge glüht.
Aus seinem Busen zieht er eine Schneide,
Durchsticht des Unthiers Hals mit rascher Wuth,
Das sinket flatternd in die dunkle Heide,
Und wälzt sich sterbend in dem heißen Blut.
— Doch Faustus eilt mit sturmesschneller Hast
Zu seinem Weib im leuchtenden Pallast.
“O komm,” spricht er mit gramumwölkter Stirne,
Zu der in Aengsten hingesunknen Dirne:
“O komm,” spricht er: “o komm laß uns entfliehn,
“Du süßes Kind, wo sie uns nicht mehr finden.”
“Mein Lebenslicht, o weine nicht, sei kühn!
“Fort! fort! aus diesem Höllenhaus der Sünden!”
Er schlingt ums Mädchin seinen Arm mit Macht,
Und stürzt hinaus in Wald und Nacht.
———
Als sie gegangen, trat Mephisto ein:
Er lacht und zecht von dem Burgunderwein,
Bespiegelt in dem Kerzenglanz,
Den Ziegenbart, den schwarzen Schwanz.
“Nein;” höhnet er: “das ist zu toll.
“Wie ist der Geckenwicht befangen,
“Er kennt mich lang, er kennt mich wohl,
“Entgeht mir nicht, und ist mir nie entgangen.
“Nun stürzt er mit der Dirne fort,
“Die ich, ich selbst, ihn lehrt verführen
“Mit tollem Abscheu gegen diesen Ort,
“Voll Teufelshaß, voll sittlicher Begieren,
“Der Geier kam zum falschen Augenblick:
“Es ward ihm wohl an ihrem Munde:
“Er träumt sich schuldlos, wohl verdient sein Glück,
“Und fluchet unserm freundschaftlichen Bunde.
“Ich kenn’ dies schlechte Tugendwähnen,
“Die Exaltation der Dämmerstunde:
“Die Wehmuth und das Himmelssehnen
“Ich kenn’ dies wirrste, menschliche Gefühl
“Die ganze Leerheit in dem Höllenspiel:
“Ich schuf’s — der kluge Mann ließ sich bethören,
“In Teufelsangst rennt er durch Feld und Wald,
“Ich lass’ ihn unbesorgt gewähren:
“Es ruft mich doch sein holdes Liebchen bald.
“Und wär’ ich auf viel tausend Stunde,
“Es zöge mich unwiderstehlich hin,
“Er küsset mich von ihrem Munde,
“In jedem Pulsschlag fühlt er mich erglühn.”
Er sprach in seinem Höllengrimme
Die Worte mit erhobner Stimme.
Und wie er auf und nieder keucht,
Flackert die Kerz’ vom Zug gescheucht.
———
Im dämmerlichen, wilden Eichenwald,
Sitzt Faustus bei der schlafenden Diane,
Und wie’s im Baume mächtig rauscht und hallt,
So rauscht’s und hallt’s im nahen Oceane.
Tiefstummen Schlafes schläft das schöne Kind,
Kein Traum pulsirt das Blut in ihre Wangen,
Des Lides Schleier, der ihr Aug’ umspinnt,
Zuckt nicht verrathend Hassen oder Hangen.
Und wie vom Schlafe so entseelt sie ruht,
Ganz regungslos und ohne Lebenszeichen,
So scheint auch Faust ein Mann ohn Hauch und Blut
Und er wie sie, sie ähneln zween Leichen.
So starr blickt er ihr in das Angesicht,
So hält er fest umspannet ihre Hände,
Lebendig wankt im schwanken Dämmerlicht,
Um sie ihr Schatten hurtig und behende.
Mephisto kommt, der Höllenbrand,
Ein lohes Fackelstümpflein in der Hand,
Naht er sich aus des Waldes tiefstem Grunde,
Und Hohn und Spott verzerret seinen Mund.
Als wenn man trocknes Reiserholz zerbricht,
So knackt sein Schritt: “o du wortbrüch’ger Wicht,
Was kommst du nicht, wenn ich dich mahne;
Verdammt das schnöde Weibsgebild Diane!
Um was erstachest du mein Leiblingsthier,
Das ich zum Ritt gesendet dir!
Jetzt eile nur, sie werden ungeduldig,
Du bist es mir, bist es den andern schuldig!
Ich habe viel, gar viel bei dir zu gut;
Quält’ ich dich je um einen Tropfen Blut?
Nicht einen Buchstab und kein Blatt Papier,
Verlangt’ ich je zur Sicherheit von dir!
Um all’ den amüsanten Zeitvertreib,
Ist dir kein Haar gekränkt an deinem Leib!
Jetzt aber brauch ich dies, und brauch noch mehr,
Du zögre nicht, sie peinigen mich sehr!
Bald bring ich wieder auf die Erde dich;
Du bist wie sonst, verliebt und liederlich.
Faust hört ihn an in glüh’nder Herzensqual,
Wie schläft die Dirn’, sein schönes Bettgemahl!
“Bis sie erwacht, laß mich, ein Abschiedswort
Von ihr, dann will ich, wie du forderst fort!”
“Du ruhest nicht, als bis ich zornig werde,”
Sagt der mit einer häßlichen Geberde,
“Küss’ sie ins Teufelsnamen noch einmal,
Dann komm’, und sei mir nicht zu Hohn und Qual!”
Wie sie nun gehn, erwacht Diane,
Und sieht den Teufel mit dem glimmen Spahne,
An seinem Arme den geliebten Mann,
Um den sie so viel Sündliches begann.
Sie zweifelt noch, ihr Aug vom Schlaf verwirret
Beredt sie nicht, daß sie sich nicht geirret;
Sie sammelt sich, dann springt sie plötzlich auf,
Und stürzet hin in wahnsinnsraschem Lauf.
Wie ihr es dünkt, so eilen nicht die beiden,
Gemess’nen Schritts durchwandeln sie die Haiden,
Doch mag Diane jagen, daß sie sinkt,
Nicht naht sie dem, der ruhig vor ihr hinkt. —
Ihr Busen klopft, und ihre Pulse tosen,
Dem Kranz im Haar entrollen Band und Rosen,
Der Athem keucht, vertrocknet ist ihr Mond,
Oft fällt sie hin und schlägt die Stirne wund.
Gekommen sind sie zu den tiefsten Gründen,
Des finstern Waldes, in häßlichen Gewinden,
Verfaulet hier ein ungeheurer Moor,
Darin sich schon manch Menschenkind verlor.
Hier war es grausenhaft und fürchterlich,
Daß Sterblichen der Lebensmuth entwich,
Wie auf des Oceanes Abgrund-Riffen
Die Schreckniß wohnt, von Menschen unbegriffen.
Der Schauderhaufen von geschwollnen Leichen,
Verfall’n den Mächtigsten in diesen Reichen,
Noch namenloser Ungeheuer Spiel,
Ein zauberhaftes, schreckliches Gewühl:
So starren hier in greller Irrlicht Scheine,
Viel weiße, dürre, menschliche Gebeine,
Zerrupft Gefieder treibt im nächt’gen Wind,
Im Moor verwest der Balg von Schaaf und Rind.
Wie bieget sich als unter Steingewicht
Der Eichenast, der fast zu Boden bricht;
So sitzt auf ihm in schwarzen, finstern Schaaren
Der wüste Hauf von Geiern und von Aaren.
Die beiden gehn gelassnen Schrittes hin,
Noch siehet man Mephistos Fackel glühn.
Um diesen Brand viel Irrwisch fliegen
In unabsehbar langen Feuerzügen;
Um ihre Kön’gin schwärmen so die Bienen,
Ergötzend sich am Sonnenschein im Grünen.
Diana schauert, wilder Wahnsinn sprüht
Aus ihrem Aug’ die Stirne klopft und glüht.
Noch stürzt sie fort, den Boden kaum sie streift,
Von ihrem Haare schauerlich umschweift.
Mit hoch erhobnem Arm am Meeresrand
Sinkt sie hin und stirbt, laut lacht der Höllenbrand
Mephisto, daß es durch die Eichen gellt,
Drauf er mit Faust sich in die Wolken schnellt.
———
Und wie sie schweben, brauset hinterdran
Der alte Sturm, der zornesmüth’ge Mann,
Emporgetauchet aus dem Grund der Eichen,
Die düster bebend von einander weichen.
Wie schüttelt er das ries’ge Wolkenheer,
Und jagt sie närrisch in die Kreuz und Queer,
Zerraufend sie, wie man ein Tuch zerreißt,
Der arme Faustus und sein böser Geist,
Sind ganz in dumpfe Nebel eingehüllet,
Und dunkler Thau aus ihren Haaren quillet.
“Mephisto” braust der Sturm: “geh nicht so schnell
“Du weißt, heut komm’ ich mit an Ort und Stell.”
“So komm nur, komm!” entgegnet der: “und eil,
“Wie ichs gesagt, heut kriegst du auch dein Theil.”
Wie tostt’s im Meer, ob dem sie grade schweben,
Als solche Antwort er dem Sturm gegeben;
Wie brandet’s weiß am Strand, dem klippenreichen,
Als wär’ es Schimmer von viel tausend Leichen.
———
In dumpfer, melanchol’scher Regennacht,
Steht schauerlich das Haus Sanktae Marie,
In seiner Schwermuth mitternächtger Pracht,
Am Waldesstrome die Anatomie. —
Wie rauscht es zum Entsetzen öd’ und bang
Hinauf, hinab, den langen Bogengang:
Und was da wirbelt, in des Zuges Spiel
Hinauf, hinab, ein schwirrendes Gewühl!
Der schöne Engel, der geglänzt im Bilde,
Der hehren Weihnacht süßer Himmelsmilde
Der sich geneigt dem schönen Jesuskinde
Als wüster Fetzen flattert er im Winde,
Wie ein lichtscheuer Schmetterling der Nacht
Sich hurtig wirbelnd in der wilden Jagd.
Und an der Säule hängt der leere Rahmen,
Erwünscht den Fledermäusen, die erlahmen.
———
Wie nun in dieser Nacht vom schwarzen Thurme
Der zwölften Stunde hohler Klang verschollen
Ferne verhallend in dem Waldessturme.
Was schleicht da durch die Wolken ob der Eichen,
So matt und sacht, als wie ein Zug von Todten,
Die aus dem Grab um diese Stund’ entweichen!
Faust ist es, welcher wallet in der Mitte
Zur Zeit geneigt das bleiche Angesicht,
Verloschnen Aug’s mit todtenmattem Schritte.
Geführt von zween häßlichen Gesellen
Welche den schwachen an der Achsel stützen.
Sie haben Mäntel um aus rothen Fellen.
So nähern sie sich in trübseel’gem Schleichen
Hoch wandelnd in dem Sturme in den Wolken,
Und wie sie wandeln, beugen sich die Eichen.
Zum Klosterhofe steigen sie hernieder
Und in der weißen Nische am Gewölbe,
Da lassen sie den armen Faustum nieder,
Und aufwärts steigen wieder sie geschwinde
Und Hand in Hand sind sie im Sturm entschwunden,
Die grasse, wilde Bettelbrut der Sünde.
Allein sitzt Faust im dumpfen Hofesraume.
In schweren Schlaf ist seine Seel’ versunken,
Ersinnend kein Gebild zum Schauertraume.
Also verrauschet eine finstre Stunde
Der bleiche Mensch schläft in der Bogennische
Der Regensturmwind braust im Waldesgrunde.
Da naht Mephisto aus der dunklen Weite,
Er lacht dem Schläfer spöttisch ins Gesichte.
“Das also, spricht er, war zu viel Dir heute!
Und doch hab’ ich noch wohl für Dich gestritten,
Manch lüstern Höllenweib schlng ich zu Boden,
Doch bei dem alten Sturmwind half kein Bitten.
Doch nun vergiß das Galgennest die Hölle,
Deine Natur ist gut, dein Puls ist stark,
Bald wird’s vor Hirn und Augen wieder helle.
Ich weiß für Dich die herrlichste Blondine,
So was ist Dir noch nicht zu Theil geworden,
Fern an des deutschen Meeres rauher Düne.
Du freutest Dich bisher an schwarzen Dirnen.
An Welschlands dunkelfarbigem Geschlechte,
Versuch’ es nun einmal mit schnee’gen Stirnen.
O die ist schön! so recht für Dich mein Junge!”
Mephisto beugt zu seinem Ohr sich nieder,
Und schwatzt und schwatzt mit sturmgeschwinder Zunge.
Daß Fausti todtenbleiche Mange glühet.
Der Busen tönt in wildem Herzenschlage,
Zu üppigem Lächeln sich der Mund verziehet
Und wie der Sturm enthüllt das Mondgesichte.
Da wandeln schon sie in der weiten Ferne
Im lauten Wald, im Schatten und im Lichte.