Am wilden Strom stand die Anatomie,
Des alten Klosters graues, dunkles Haus,
Ehmals benannt zur weinenden Marie.
Wie schaut der melanchol’sche Bau hinab,
In dieses düstern Stromes Sturmeswelle,
Ein Mönch, der dumpfem Grame sich ergab!
Und in dem Wald am Felsenstrande drüben,
Wie rauscht’s in seinen ewig düstern Wipfeln
Schwermuth und Tod, Verlangen so wie Lieben.
Es sind Cypressen, Tannen, Trauerweiden,
Dazu die starre, wüste Riesenfichte
Sinnbilder aller Menschenherzen-Leiden.
So steht das Klosterhaus am dunkeln Strome,
Und es war schön, wenn schwere Schauernacht,
Darüber schwebte mit dem Mondphantome.
Wo ernste Mönche weilten in den Zellen,
Mit nassen Augen und mit blut’gem Herzen,
Gemartert von den schrecklichen Flagellen.
Wo sie dem eingebornen Kreuze knieten
Und klagend ihre Hände sich zerrangen,
Wenn stumme Sterne durch die Scheiben glühten:
Wo Martyrkronen, der Apotheosen
Ringscheine glänzten und am Hochaltare
Zum Frohnleichnam die jungfräulichen Rosen.
Da lagern jetzt die ewig stummen Leichen,
Gebrochnen Auges mit zerrissner Stirne,
Und als geknickt von einer Geissel Streichen.
Ja unermess’ner Andacht hingesunken
Liegen sie da verstummet und erstarret,
Von heil’ger Entzückung himmlisch trunken.
Der stille Mond der manchen Schmerz gefacht,
Der mancher Sehnsucht Pulse hier entzündet,
Keinen Herzschlag weckt er dieser Todesnacht. —
Das frömmste Kloster ist dies nun geworden,
Es ist das Kloster der Abstraction,
Niemals entzweite Sinnlichkeit den Orden.
Die Glocke ruft zur heiligen Vesperfeier,
Und ihre Schläge sind fast ausgeklungen,
Ein wilder Sturm ertobt, ein Ungeheuer.
Es schäumt im Strom, es wüthet in den Forsten,
Die Wolken flattern um den Glockenthurm,
Wie Raubgevögel aus den wildsten Horsten.
Da schwanket Doktor Faust zu diesem Haus,
Der ernste Lehrer der Anatomie,
Der hier manch’ Jahr gegangen ein und aus.
Als er in einer engen, dumpfen Zelle
Vor einer Leiche steht, o!” ruft er aus:
“Wie wird mir doch so wohl an dieser Stelle!
Der unbekannte, dieser bleiche, trübe,
Der hingestreckt auf dunklem Brette liegt
Ich weihe nicht ihm Haß und auch nicht Liebe!
Ich weih’ ihm nicht Triumph, weih’ ihm nicht Thräne.
Gleichgültig schau ich seine blassen Wangen,
Such’ trocknen Aug’s nach Nerve und nach Sehne!
Gesegnet sei mir die Verlassenheit,
Die so uns allen Schrecknissen entfremdet,
Und Hohn dem Tode wie dem Unglück beut!
Man wage nicht zu hassen noch zu lieben,
Geliebter stirbt, Gehasster triumphirt.
O wär ich ewig so abstrakt geblieben.
Jetzt laßt genießen mich die Seeligkeit,
Ich fühl mich wohl in den verschwiegnen Räumen,
Wie auch der Sturmwind durch die Föhren schreit;
Wie auch er durch des Hauses Gänge krächzt
Und an der Fenster ries’ge Kreuze klopft,
Vom alten Thurm die tolle Eule ächzt.
Ein schwacher Hauch als wie aus Todtenmunde,
Ein Hauch der Stille weht durch meine Seele,
So schwermuthsvoll aus tiefem Herzensgrunde,
An dieser Leiche ruh ich heute aus,
Von dem bewegten, teuflisch wilden Leben,
Von meines Neigens, meines Hassens Graus;
So wie ein Wandrer, der die Schlange fliehet,
Die riesige, baumstarke Abgottsschlange
Und die Savane schreckensvoll durchziehet:
Dann todesmüde von der jähen Flucht
Kreisend zur selben endlich wiederkehret,
Und in dem Schlafe, den er eifrig sucht,
Zum Kopffühl wählt die gift’ge Mißgestalt,
Daß er erwacht zu neuer Flucht erschrecket,
Und flieht zum andern Mal ohn’ Rast noch Halt.”
So redet Faustus zu der nackten Leiche,
Die vor ihm auf dem schwarzen Tische liegt,
Der Sturm tost fort, der grasse, schreckensreiche
Wie sich die schwarzen Wipfel drüben neigen,
Als wenn sein Wort sie feierlich bejahten,
In wortelosem, ehrfurchtsvollen Beugen.
Da tönt’s im Hof von raschen Rosseshufen,
Von ungebändigten, und ungestümen,
Schon klingt’s zur Zell’ herauf die schwarzen Stufen.
Faust schaut hinaus; es sind zwei gelbe Mähren,
Ein lust’ger Handbub’ reitet auf der einen,
Die Ausgeburt der närrischsten Chimären.
Da klopft es an die Bogenthür der Zelle,
Mephisto tritt herein in bester Laune,
O sag mir was verziehst du deine Braune
So sonderlich du düsterer Geselle!
Ein Mägdlein hab ich dir ausspioniret,
Ein Himmelskindlein voller Sitt’ und Zieren
Will nun auch ich einmal so ekstasiren,
Wie du es schrecklich oft an mir probiret.
O sei doch nicht so fürchterlich blasiret
Und schau dem Balg da in die Augenlöcher;
Komm trink’ hier eins aus diesem Kummerbrecher,
Der Flasch’ die an der Hüft’ mir balanciret.
Sie ist der Schönheit treue Märtyrin,
Vernimmst du dies, und macht’s dich nicht zum Narren?
Zween Gaule hab’ ich unten: hör’ sie scharren,
O komm Kind schwachen Will’ns und wilder Sinn’!
Eh’ noch der Mond von Himmel ist verschwunden
Ha’n wir sie in Venetia angebunden
Am Marcusplatz Tavern zum rothen Thurm
O komm, o komm du alter Leichenwurm!
———
Im öden widerhalln’den Hofesraume,
Besteigen sie die beiden scharr’nden Gäule,
Die ungeduldig spiel’n mit weißem Schaume.
Der Bube, der die Pferde hält am Zügel,
Ein loser Bursch’ mit einem blinden Auge,
Hilft beiden gar manierlich in die Bügel.
Und wie sie schallnder wilder Flucht enteilen,
Wie brausend sie, mit mir sturmgeschwellter Mähne,
Des aufgeregten Flusses Welle theilen.
Winket der Handbub’ einem alten Raben,
Der niedersaß auf einem Cruzifixe
In den Basalt der Klosterwand gegraben.
Den sattelt sich der wilde Teufelsknabe,
Schwingt sich darauf mit troz’gem Ungestüme,
Hoch überflattert schon den Thurm der Rabe;
Hoch überflattert er die Riesenfichte,
Wie ihn der Bube mit dem Sporne stachelt
Zum Monde fort dem fiebrischen Gesichte!
Wie kriecht der Schatten als ein schwarzer Wurm,
So klein und krüpplig über Berg und Thal
Ein dürres Blatt gehetzt von einem Sturm!
Die sprengen durch den echolauten Wald.
Um Mitternacht bei einem Hochgerichte,
Auf dürrem Hügel schickt man sich zum Halt.
Und wie sie zügeln ihrer Gäule Hufe,
Harrt ihrer schon der flinke Rabenreiter,
Halb eingenickt auf des Suppliciums Stufe,
Der alte Rabe kauert stumm verdrossen,
Mit mürr’schen Blicken bei den abgenagten,
Gebleichten Beinen auf des Rades Sprossen.
Wie beide nah’n, erwacht der Bub’ geschwinde,
Er nimmt die schäum’gen Rosse von den Reitern
Und führt sie auf und ab im kühlen Winde.
Faust und Mephisto sitzen auf dem Sand
Und sprechen schnell und eifrig aber leise,
Daß es der Teufelsbube nicht verstand.
———
Wie schon der Mond in das Gebirge geht.
Farbt sich Venetias vielgestalter Schatten
Auf stummem Meer, in stummer Majestät.
Ein schart’ger Felsen ragt er in die Welle
Ein leis’ gehobnes düstres Geisterschiff:
Allnächtig festgeankert an der Stelle. —
In phantasienreichem, schwanken Gange,
Geht Faustus auf und ab am schönen Meere,
Das ihm die Brust erfüllt mit heißem Drange.
Am schönen Meer, deß Steigen und deß Neigen
Des Menschen Blick in stierem Schauen fesselt,
Wie in dem Wald das Spiel von Laub und Zweigen.
Wie wenn man Aug’ in Auge sich besiehet,
Die Seel’ in Seel gedankenlos versinket,
Und in bewustlos dumpfem Traum entfliehet.
Gefährlich ist’s in solchem wüsten Stieren
Sich unermessne Wünsche zu entzünden,
Und bänglich sich den Busen zu umschnüren.
Wir schrecken aus dem selbstvergess’nen Traume,
Wir wissen diese Sehnsucht nicht zu nennen,
Wie gleichet uns’re Seel so einem Baume; —
Deß Zweig’ im Nachthauch schwanken, beben, wehen,
Er dauert uns, als hätt’ auch er Gedanken,
Als könnten sein Verlangen wir verstehen.
Fort rauscht es in den leis’ erregten Zweigen,
Die düster sich bis an den Boden senken,
Doch ohn’ Erwiedern bleibt das stumme Neigen,
Nicht tauchet aus des Mond’s geschwelltem See
Ein lichtes Weib, die um den Stamm sich schlänge,
Um zu genügen dem sprachlosen Weh.
Dies dachte Faust am Meer um diese Stunde,
Am sand’gen Lido von Venetia
Der Mond entschwand lang’ zu der Alpen Grunde.
Da wandelt über einer Brücke Bogen,
Die zween Palläste mit einander einigt,
Hoch hingewölbet ob der Brenta Wogen,
Wohl sah es Faust, ein Mensch in schwarzem Kleide,
Zerrung’nen Haars, todtbleichen Angesichts,
Und wie zerknickt von einem Riesenleide.
Dann schien es ihm, als wär’s ein leerer Schatte,
Von irgend einer närr’schen Nachtgestalt,
O toller Stern! der ihn geworfen hatte.