Bei seiner Lampe finsterm Trauerscheine,
Sitzt Faust in seinem Zimmer heut alleine;
Wie schwoll die Brust ihm als er es betrat,
Das er seit manchem Jahr verlassen hat. —
Hier schwand der Tag’ und Nachte lange Kette,
Ohn’ daß ein einz’ger Menschentritt erklang:
Die Schatten nur der mageren Skelette
Mal’n sich in düster’n Reih’n die Wand entlang.
Wie wilde Nächte wurden hier gefeiert
Als Faustus der Bewohner dieser Räume
In Näh und Ferne wild geabentheuert,
Des Weib’s genoß und aller Erdenträume.
So wüst und graß, war es hier hergegangen,
So toll wie’s keine Menschenbrust begreift.
Wie wild auch in unbändigem Verlangen
In mancher Nacht hier Faustus ausgeschweift;
Wenn übermächt’gen Sinns sein Aug’ gestieret,
Und in der tollen Unersättlichkeit
Nach der Erkenntniß er malediciret
Den starren Schellen seiner Menschlichkeit.
Zu dem gespenst’gen, geisterhaften Treiben,
Das in den Räumen, seit er war geschieden,
Lugte die Nacht durch all’ die runden Scheiben,
Glich das im Menschenbusen mildem Frieden.
Das bleichende Gebein in dunkler Nische,
Der alte Mond von Hirngespinnsten trunken,
Verzerrten Blicks: die Schädel auf dem Tische:
Und aus dem feuchten Bogengang die Unken:
Betrieben ein gar schauderhaftes Spiel
Im Raum, da kein Gedank’ mehr kam zur Sprache,
Und nicht pulsirt ein menschliches Gefühl;
Wenn so der Mond, der alte Flammendrache
Die Unken quälte, die am Fenster kauern,
Und die nun schrecklich schrei’n und lamentiren,
Die dürren Knochen wecken an den Mauern,
Dem Mond, dem Feind, entgegen sie zu führen.
Manch’ wüster Wurm, der in dem Holze pickt,
Die in den Knochen bohret die Monade,
Und manche Spinn’ die ihr Gewebe strickt,
Nimmt Theil an dem gespenstigen Blutbade.
Dazu der tolle Wandel noch der Schatten
Die einem Menschen schier das Hirn verdreht:
So tost es ohne Rasten, ohn’ Ermatten,
Bis an dem Dom der Mond herniedergeht.
In dieses Zimmer kehrte Faustus heut,
Aus weiten Fernen und auf kurze Zeit,
Das Herz schlägt wild an seines Busens Wand,
Als er im alten Raume plötzlich stand. —
Die Schreiberei liegt noch auf ihrem Platz,
Wie er’s verließ, da ihn der Teufel lockte.
Und unbeendet ist der letzte Satz,
Wo ungeduldig ihm die Feder stockte.
Ja! unbeendet ist das letzte Wort,
Der letzte Buchstab’ ist ihm halb geblieben,
Da warf er seine müde Feder fort,
Und stürzte hin zu leben und zu lieben!
Rings an den Wänden steh’n noch die Krystalle
Mit theuren, edlen Säften angefüllt:
Farblos’ und farbige; er find’t sie alle
Damit er manchen Menschen-Schmerz gestillt:
Damit er übergoß des Fiebers Gluth,
Damit des Herzens Flammensturm er beugte,
Den sich die Seele in wahnsinn’ger Wuth
Der Selbstzertrümm’rung spielend tollkühn zeugte.
Entfesselt ras’t der wilde Feuersturm
Von seinem Königssitz den Geist zu heben,
Daß der sich krümmt als wie ein blöder Wurm
Und bang’ und schwächlich zaget für sein Leben. —
Die armen Kinder seiner Phantasieen
Die wüste, tolle mißgezeugte Brut,
Wirft er zerschmetternd in die Fluth
Schiffbrüchiger so rettend sich, zu fliehen.
“O! rufet Faust, als er so alles fand,
Wie er’s verlassen in dem dunklen Raume,
Als selbst der Salamander an der Wand
Noch immer ruht im seel’gen Flammentraume;
Der seltsamliche, räthselhafte Mohr,
Lang hingestreckt die dunkelfarbnen Glieder
Im klaren Glas auf leuchtendem Phosphor,
Gleich wie auf bleichem Meeressand die Hyder.
“O! rufet der: “Skelette ihr bliebt treu,
“Die wie ich mit dem Finger euch berühr’,
In Staub zerfliegt, des Todes lustge Spreu,
Auf dieser Welt ergeben einzig mir. —
Denn so zerfiel in meiner finstern Brust
Die Sehnsucht nach dem rasch bewegten Leben,
Die Sehnsucht, diese stürmisch wilde Luft,
Die wie in mir, in keinem mochte beben!
O ich war glücklich als ich nicht mehr Blut,
In meinem kind’schen Herzen konnte spüren,
Als eure Carotiden pulsen Fluth,
Gewiß euch nimmermehr zu extasiren!
Da war ich glücklich als in dem Erkennen,
Das tausende vor mir beglückt;
Ich noch verstand in Hochmuth zu entbrennen,
Und wie ein Irrer Fühlte mich entzückt!
Wie regte sich allmählig die Begier,
An diesen immer höher schwell’nden Rippen
Und brannte lodernd aus den Augen mir,
Aus der Erkenntniß Born, allein zu nippen!
Die Kenntniß, die sich mir einmal entzündet
Nachdem sie freud’ge Klarheit mir verkündet,
Gleich einem licht gefachten Feuerbrand,
Sollt’ immerdar aus meiner Hand,
In tiefer Fluth zu dunkler Nacht vergehen,
Daß niemand säh, was ich allein gesehen!
Aus diesen ausgezischten todten Bränden,
Geschaut von aller Menschheit mit stupider
Bewunderung sollt sich ein Thron vollenden
Ein hehrer Thron für meine Königsglieder!
Aus diesen Kohlen, wie aus Ebenholz,
Zu unausdenklichem Triumph und Stolz.
Doch gleich verhungerten und magern Hunden,
An einem Bein mit anderen zu nagen,
Das wir auf irgend einem Weg gefunden;
Verflucht ich! wenn das länger ich ertragen!
Mit Ihm wollt’ ich in hoher Eintracht leben,
Mit Ihm dem Hehren, Unermeßlichen
Mir sollt Er sein Geheimniß übergeben
Mir, mir allein von den Verweslichen!
Dem Priester steht auf heil’gem Hochaltare
Des Hehren klarer, ernster Schmerzenssohn,
Das Zauberbildniß der Religion,
Mir unverkündet bleibt das theure Wahre,
In keinem Bild von Erze oder Thon. —
Dazu der Sinne herzzuschnürend Sehnen,
Welches in schlangengleichem Zerrn und Dehnen,
Hinauf sich an des Lebens Stamm gewunden
Und mich zerrissen, mich zerschunden!” —
Das Klagewort von Faustens ew’ger Pein,
Rauscht in der ew’gen Nacht gigant’sche Flucht,
Bis endlich die um Morgenrothes Schein
Ein Todtengeier ihre Felsen sucht. —