Dolores

Im Mondenschein gehen sie durch eine Gasse

Selbander in dem nächtigen Florenz.

Hier steht in wirrem Kreis die Häusermasse,

Ohn’ Plan gesetzt, und ohn’ Intelligenz.

Schaut, sagt Mephisto, der ein wenig trunken,

Schaut diese wüsten, nächtigen Spelunken.

Die kennt ihr nicht, mein grundgelehrter Mann,

Doch ich hab’ da recht meine Freude dran!

Wie kunstgemäß in langem, schlanken Kreise

Das Höllennest gefügt auf seine Weise:

Wie es sich klüglich in einander windet,

Und eine Schlange, die den Schwanz sich beißt,

Sich in sich selber schließlich wieder mündet!

Seht jenes Haus, es gleichet allermeist

Dem platten, breitgedrückten Schwanze,

Und dieses hier, die ganz vulgäre Pflanze,

Ist recht zu Jedermanns Erbauen

Als wie ein kluger Schlangenkopf zu schaun.

Lobsinget, wem ihr wollt, in salbungsreicher Weise,

Daß wir hierher gelangt auf uns’rer Reise.

Ihr schweigt verächtlich, o! Ich hör’ euch flüstern,

“Nach solchem Oertlein war ich lange lüstern!”

Florenz! Florenz! Du kleine Höllenwelt,

Ich bitt’ den Teufel, daß er dich erhält!

Faust

O siehst du dort den hübschen jungen Knaben?

Sein Antliß ist besond’rer Weise schön!

Mephisto

Gar schön und liebenswürdig; doch sie haben,

und kannst noch selbst die grassen Spuren sehn,

Das süße Herz ihm aus der Brust geschnitten.

Er hat nichts mehr als nur ein feines Leibchen,

Priap’sche Lüsternheit und freche Sitten.

Faust

Die Augen sind zwar sanft als wie die Täubchen,

Doch soll’n sie mich wahrhaftig nicht berücken,

Mir ekelt schier vor diesen Bettlerblicken!

Mephisto

Doch denket auch, der hat als Ideal

Als Prosopopoeie all’ Fehler auf einmal.

Faust

So find ich dich ein Schild an Kneipenthüren,

O Eros! Eros!

Mephisto

Laßt’s euch nur nicht rühren:

Auch so ist er charmant in seiner Art,

Und zupft und zaust euch kecklich euren Bart. —

Doch wohl merkt auf, mein tiefgelehrter Mann

Ich führ’ euch jetzt, die Gunst ist nicht geringe,

Und bitt’ ich, daß ihr öfters denkt daran,

Zu ‘nem erotischen, besondern Dinge:

Wenn die eur Herzlein nicht bestrickt,

So saget dreist, mir sei noch nichts geglückt! —

Wißt, daß sie ein grundaus verdorben Ding,

Wenn ich das sag’, so scheints euch nicht gering.

Doch wett’ ich, mein erfahrener Geselle,

Erzählt sie ihre rührende Geschichte

Die wunderbaren, seltnen Schicksalsfälle;

Es gleichet einem euerer Gedichte;

Wie sie in dieses kleine Haus gekommen;

Sie hat euch gleich mit Sturm genommen.

Doch denkt zur Vorsicht noch daran,

Wie sie es euch erzählt, erzählt sie’s Jedermann.

Faust

Ich leugn’ es nicht, sie interessirt mich schon,

Und mich verlangt’s den Lebenslauf zu hören

Durch den, wie ihr es meint mit keckem Hohn,

Sie so gewißlich werde mich bethören.

Doch wißt ihr, wie so blöd ich auf Visiten

Und an den Eingangsformeln nicht zu reich,

Um mir Verlegenheiten zu verhüten,

Sagt mir des Kindleins Namen allsogleich.

Daran schließt sich für mich vielleicht ein Wort

Von hoher Ahnung, kurz ein Kompliment,

Leicht spinnt sich dann die Unterhaltung fort,

In der ihr oft mich schrecklich fade nennt.

Mephisto

Den Namen werd’t ihr früh genug erfahren,

Sie wird euch selbst die Frage danach sparen.

Auf ihren schönen Namen hält sie sehr,

Und treibt damit ein ungeheu’res Wesen,

Zu Tode quält sie einen mit der Begehr,

Man soll ihn gar auf ihrer Stirne lesen.

Sie find’t ihn gar so hübsch so weich,

Und wie sich selbst vor Weh und Schwermuth bleich.

Hier klopft —

sie klopfen an ein niedres Haus:

Zum Guckloch blinzt ein altes Weib heraus,

Sie weiß die Herr’n und ihren Wunsch zu ehren,

Und öffnet ihnen schleunigst nach Begehren.

Zween Thüren fliegen auf: im blauen Zimmer,

Sitzt schöne Donna auf dem Sophaende,

Den Lockentopf gestützt in beide Hände,

Umglänzt von heimlich matten Kerzenschimmer.

Faustus tritt ein: indeß im Corridor

Im Haus verwandt, Mephisto sich verlor.

Das Weib ist schön: ein orientalisch Kleid

Verhüllt des Leibes schlanke Zierlichkeit,

Das Auge schwimmend wie in ew’gen Thränen,

Der Busen halb entblößt, und üppig weich,

Erklingend oft vom Ach! In tiefem Sehnen.

Die Stirne rein, die Wange schmachtend bleich.

Faust neiget sich gar höflich und galant,

Und weiß, mit schönen Damen unbekannt,

Im Anfang sich nicht gleich zu fassen,

Den tölpisch langen Arm zu lassen. —

Die Donna dankt: ein Lächeln überfliegt

Die Züge, die die Schwermuth so besiegt,

Als träumt sie ewiglich von düsterm Leid,

Entbehrend jeder Luft und Freudigkeit.

Doch nöthigt sie mit vieler Gratie

Den guten Doctor auf das Kanapee

Sie schaut ihm lang’ in Aug’ und Angesicht:

Sennor, sagt sie: verdammt mich nicht,

Weil ihr in diesem Raum mich findet,

Habt ihr mein Leid mein Weh’ ergründet?

Errathet ihr nicht meines Namens Laut?

Ich bin die ewig kummervolle Braut.

Faust

O sicherlich, daß ich’s errathe,

Du himmlisch schönes Weib! Du heißt Agathe!

Madonna

Agath’ ist gar ein schwermuthssüßer klang

Ein schöner Name, den ihr wohl gewählt.

Ich denk’ Agathen bleich und liebeskrank,

Doch ist’s nicht der, den Ahnung mir vermählt.

Ich heiß’ Dolores — — an dem Felsenstrande,

Daran Granadas schönes Meer zerrann,

Erstand, sein Name war La stella grande,

Des Vaters Schloß, in dem mein Sein begann,

Ein weiter Bau, gefüget sonder Regel

Von vielen Meistern, die verband kein Plan. —

Hier hob ein Thurm sich ründlich wie ein Kegel

Mit halben Mond, und welche ragten hier

Mit einer Spitz’ geschliffen scharf wie Nägel.

Saht von dem fernen Berg das Bauwerk ihr,

Mit all’ den Monden und den Kreuzeszeichen:

Hättet gerufen ihr in das Gewirr:

Dort unten auf dem Meeressand, dem bleichen.

Dort liegen Türken still und reuevoll

Vor Kreuzen aus des Heilands heil’gen Reichen.

In diesem wundersamen, reichen Baue,

Welches nach vorn das Mittelmeer umfing,

Und das die Sierra bis zum fernsten Blaue

Des Horizonts im Hintergrund umging,

Verlebt’ ich meine Jugend: und ich schaue

In stiller Wehmuth auf den schönen Ring

Der Augenblicke, die mir dort verstrichen.

Ich war so schön und froh, und an mir hing

Ein Mutterherz, o wär’s es nie verblichen!

Und Saïd! Schöner Maure — doch vergebet,

Ist mir der Faden aus der Hand gewichen!

Und du mein Vater! wehe, weh! vergräbt

Denn nimmer Erde diese blut’gen Hände

Wie sich das stolze Löwenauge hebt,

Es nagt der Zahn die väterliche Lende —

O Gott! Verleih mir Kraft — in unser Haus

Kam als ich eben überschritt, die Wende

Des Mädchenthumes: und in Grabesgraus

Schon längst der Mutter Busen sich gekühlet,

Ein schöner Sklave, Saïd — — seht hinaus

Schaut hin, wo an der Scheib’ der Vorhang spielet,

Es ist sein Antlitz, o! So bleich entstellt!

Und seine dunkeln Bärte sind zerwühlet,

Ich schwärme, träum!, ach! diese kleine Welt

Von mädchenhaften, simpelen Gedanken,

Vor diesem Angesicht in Trümmern fällt.

Die Augensterne sind es diese blanken,

In die ich an des Meeres Felsenstrand

Geschauet lange Stunden: bis sie sanken

Zu stillem Traum: o! er war zu galant!

Und bald verband uns innig süße Liebe.

Wenn ich mich so in seinen Armen wand,

Von Himmel strahlt der Stern der zarten Triebe!

Mein Vater sorgte wenig nur für mich.

Es war ein hoher, ernster, stummer Mann.

Sein düstres Auge war oft fürchterlich,

Die langen Tage saß er still und sann,

In einem Zimmer, zu dem Meer gekehrt.

Das Fenster, das vom Boden schon begann,

War schwarz verhängt, vom Lichte abgesperrt,

Und dennoch wußt’ er alles was geschah

Im weiten Schloß: auch hat’s nicht lang gewährt,

Daß ich mit Saïd mich verrathen sah.

O wenn die Worte sich in wahnsinnsbleiche

Weibsbilder mit zerfleischten wilden Haaren

Verwandelten: und mit bachant’scem Streiche

Die Brüste geißelten! Seht ihr sie fahren

Die Jungfrau in dem Kahn dem flügelleichten.

Ein Jüngling sitzt am Ruder: und sie waren

Schon außerhalb der Brandung: schwer umkeuchten

Gestades: es ist Saïd, der die Pinne

Des Steuerruders lenkte, und mir neigten

Sich die Antennen: in der glatten Rinne

Lief flink das Seil, so flohen wir die Rache

Des Vaters, und die mondumstrahlte Zinne;

Denn unter afrikan’schem Palmendache

Gedachten wir als Mann und Frau zu leben,

Und freuten uns zum sel’gen Laubgemache.

Die Gondel flog in mächtig wall’ndem Heben

Und Senken: voll das Segel, und ich hatte

Zum Steuer neben Saïd mich begeben,

Umschlang den Hals ihm: und mein treuer Gatte

Hielt sanft das Haupt auf meine Bruste geneiget,

Und da! — — o unterstütze mich die matte,

Daß meine Zung’ dem werthen Herrn nicht schweiget,

O gnäd’ger Allah, der du’s so beschlossen,

Allmächtiger Gott! Dem sich der Maure beuget —

Ein Strom von Blut kömmt gluthenheiß geflossen,

Auf meine Brust ein harscher Knall erdröhnet,

Und Saïd war tief in die Stirn geschossen. —

Am dunkeln Fels das Echo heiser stöhnet.

Und als ich rückwärts zu dem Schloß geblicket,

War mir’s, als wenn der Vorhang, der erwähnet,

Am hohen Bogenfenster sich gerücket

Aus seinen Falten; und ich hab’ gesehen

Den letzten Streif des Antlitz’s — — und genicket

Hat mir das schwarze Aug: — — indeß im Blähen

Der immer kühlern, abendlichen Brise

Flog jäh der Kahn: und bald darauf vergehen

Des Schlosses letzte Schatten: o nun fließe

Du Thräne, die die kalte Hand der Leiche

Mir frei nicht gab, die mir der Schmerzens-Riese

Verhielt: es war als ob der purpurreiche

Blutstrom in seiner königlichen Fülle

Beschämt’ die Thrän, die schwesterliche bleiche.

Weh diese Nacht, da in der dumpfen Stille

In wilderregter, schaumgekrönter Welle

Gedankenleerem, träumerischen Spiele

Die Leich’ im schwanken Arm mit Geisterschnelle

Ich durch das afrikan’sche Meer gejagt;

Und seine Hand hielt fest noch an der Stelle

Des Steuergriffs da hab ich mir gesagt,

Es ist der Tod Dolores! der dich führet;

Habt ihr ein Herz von solchem Weh zernagt,

Und eine Brust, drin solche Gluth geschürt!

Am Segel hatt’ ich wenig nur zu rücken,

Ein schwerer Traum in tödtlicher Gestalt

Verwebte sich vor meinen trüben Blicken.

Und als der Morgen frisch heraufgewallt,

Da ich erhob die schweren Augenliede,

Machte mein Kahn schon auf dem Strande Halt,

Im Arme ruht’ mir noch der todesmüde

Saïd: Saïd, wir sind an Ort und Stell,

Am flachen Strand spielt Schwesterchen Zaïbe!

Doch Saïd schwieg, und ich besann mich schnell.

Das Ufer war gar seltsam anzuschauen,

Als wenn das Thier dort mit dem schwarzen Fell,

Das riesige Gebirg sich auf der grauen

Düne gewälzt — denn Brandung war hier nicht;

Die Wogen rollten sich in langen, blauen

Streifen zur Küste. So im Morgenlicht

Saß einsam ich auf afrikanschem Strande,

Und hielt aus Leid die Hand mir vor’s Gesicht.

Die Sonne ruht schon auf dem höchsten Rande

Der Zacken des Gebirges: wie ein Mohr

Gezeugt in diesem afrikanschen Lande.

Ein tiefgefärbter, unterthän’ger Mohr

Eilet herab zu mir sein finstrer Schatten.

Ich sitze schaudernd: wage kaum empor

Zu schaun und dränge fest mich an den Gatten. —

So war von Tod und Schatten ich umringt;

Doch als die Dunkel sich zerstreuet hatten,

Lös’ ich die Hand, die ihn noch fest umschlingt,

Vom Steuergriff, und glaubet ihr’s, ich lade,

Wenn tausendmal auch in die Knie sinkt

Mein schwanker Leib, den Todten auf und bade

Ihn in den Armen durch den feuchten Sand. —

Und laß ihn nieder landwärts vom Gestade,

Wo eine halb verdorrte Tanne stand.

Es war gluthheiß, ich sinke hin daneben,

Und mein Bewußtsein bald im Schlummer schwand.

Da träumte mir wie nimmer noch im Leben!

Die Sonne stand im glühenden Zenith:

Und nach ihr sah den rothen Mond ich schweben,

Die schönste Blum’ in ihrem Strahl verglüht;

Der Stengel wurzelt in dem Meeresgrunde

So lang und schwank; da trat zu mir Saïd:

Einen Löwen führt er an dem Turbanbunde,

Dem blutbesprützten: sah mich liebreich an,

Und sprach zu mir aus seinem schönen Munde:

“Mein Bruder und mein Rächer!” drauf begann

La stella grande meinem Blick zu zeigen

Die wüsten Formen: o und was ersann

Mein Traum! vielfältiglich sah ich den Löwen steigen

Auf jeden Thurm, am Hals das Tuch, ein Drehn,

Ein Tanz begann, ein ungestümer Reigen;

Als wie ein Wetterhahn im Sturmeswehn

Umhergeworfen, und mein Vater nickte,

Am Fenster stehnd den Takt in das Gedröhn.

Darauf erwach ich: als ich um mich blickte

Da kauert sich ein Löwe bei der Leiche,

Wie der im Traum: ich seh das unverrückte

Gluthaug’ geheftet auf mich starre, bleiche;

Und aus dem Hals hing ihm die Flammenzunge.

Ich fasse Muth, und als ich ihn erreiche,

Mit einem wild verzweiflungsvollen Sprunge

Schling um den Hals ich ihm die beiden Hände, —

Und seufze tief aus schwer beengter Lunge:

Mein Trost! Mein Traum! Der du für mich elende

Von ihm gesandt zum Rächer bist: verlasse

Mich arme nicht: gnadenvoll dich wende!

Hier trink aus meinem Mund von meinem Hasse! —

— So sprach ich zu dem königlichen Thier,

Und jammervoll geberdet’ ich die Glieder.

Mit solch inbrünstig lodernder Begier

Nach der Erhörung sank noch niemand nieder.

Und auch kein Büßer den Triumph errang,

Daß solche Gnad’ ihm dafür wurde wieder. —

Als ihn mein Arm so eng und fest umschlang,

Schloß er das Aug’ in schweigendem Gefallen,

Und reckte sich und machte sich so lang,

Ich ließ nicht nach: an niemand wohl von Allen

Verschwendet’ ich belohnter meine Zier.

Ich sehe noch die hohe Mähne wallen.

Und wie auf Knien den hehren Fürst vor mir.

— — Drauf dacht ich, daß wohl Zeit es zu bestatten

Meinen Saïd in dem Vaterlande hier;

Und nähert’ also trauernd mich dem Gatten,

Und hob ihn auf und will ihn mühsam fort

Landeinwärtts tragen, aber meine matten

Glieder gehorchen nicht: und als ich dort

Zu Boden sink’, und mir die Hände beben

Und ich zu Gott mich wend’ der Gläubigen Hort:

Steht wiederum der Löwe dicht daneben,

Und beugt den schlanken Leib, als wenn er sagt;

Mir kannst Du ja die Leich’ zu tragen geben

Ich heb sie nun und wo die Mähne ragt,

Da, bind ich fest den Kopf des theuren Mauren:

Mit seinem Turbantuch: als wenn es tagt,

So hell war’s in den Oeden: um uns kauern

Sich tausend Schatten: doch bedächtig geht

Der wüste Leichenzug: erblaßt von Schauern

Gedenk’ ich sein: ich geh’ voran, im Winde weht

Mein aufgelöstes Haar: die Schatten alle

Der dürren Bäume neben mir: als steht

Ein Chor von Nonnen um mich aus der Halle

Des finstern Domes, und es folgt zuletzt

Der Löwe mit dem theueren Gemahle. —

Graut Euch vor diesem Zug: wie er gesetzt

Voll Majestät im stillen Mondenscheine

Dahin gewallet: sehet vor uns jetzt

Höhlt sichs in einem dunklen Felsensteine

Als wie zur Nisch’: ich winke und im Nu

Steht still der Löw, ich löse die Gebeine

Und bring sie sorglich in dem Stein zur Ruh.

Nach Osten blickt das Angesicht des Mohren,

Wo seine Kaaba steigt dem Himmel zu:

Die Schatten schwanden; und vor meinen Ohren

Lispelt der Wind, der dürres Laub durchregt:

Der Löwe starrt als in sich selbst verloren,

Und an die Dün’ die lange Woge schlägt — —

— Monde verstrichen, und ich lebte dort

Genährt von Muscheln und von Vogeleiern:

Des Löwen Treu währt unverändert fort,

Und einsam so gedenkend an den theuren

Gemahl am Strand in düstrer Abendstunde

Web ich den Rachetraum den ungeheu’ren,

Zur Seit’ den Löwen, in dem Herzensgrunde.

Wie hab’ ich oft in’s wilde Meer gesprochen

Bald gellend laut und bald mit leisem Munde! —

Kein Ungewitter war seit jenen Wochen

Wo ich mit Saïds Leiche hier gelandet

Ob Libyas dürren Oeden ausgebrochen,

Es war mein Kahn mir unzerschellt gestrandet. —

Einst steh’ ich auf in stiller Mitternacht,

Als über mir ihr Sterne flammend standet!

Ich seh’ mich um: des Kahnes Segel flaggt,

Ein weiß Gespenst, erregt von einem Winde,

Der sich im lauen Süden aufgemacht. —

Nun tret ich in die Barke; und geschwinde

Folgt mir der Löw’: mit einer Ruderstange

Lös’ ich den Kiel vom Sand’ dreh’ an der Winde

Des Seegeltau’s, daß sich der Zug mir fange.

Fort rauscht der Kahn, ich schau zum weißen Strande,

Und in das flammende Geleise, lange

Verschwand er schon; ich streichle mit der Hand

Den Löwen der zu meiner Seite stand.

— Und wieder ist es Abend und ich sitze

Mit meinem Freund, dem väterlichen Schlosse

Zur Rechten, auf der hohen Felsenspitze.

Drin war kein Licht und nur im Erdgeschosse

Des mächtigsten aus dieser Thürme Runde,

Der dastand wie ein König in dem Trosse

Des Vaters Schlafgemach, brennt Licht um diese Stunde. —

Ich flechte rasch’ an meinen wirren Haaren

Und schmücke mich mit Saïds Türkenbunde.

Wie Kinder thun, die in der Fremde waren,

Und nun eh’ sie den letzten Weg durcheilen,

Zu seiner Zier die lichten Locken schaaren.

Und drauf verlass’ den Felsen ich den steilen.

Der Löwe wandelt stumm; doch mit dem Schwanze

Schlägt er gar wunderlichen Ring; und Pfeilen

Gleich ich den Blick: jetzt sind wir in dem Glanze,

Der hellen Scheib’: jetzt an der hohen Thür

Und jetzt o Gott! — — — in einem lichten Kranze

Von goldnen Leuchtern steht in heil’ger Zier

Ein offner schwarz umflorter Sarg: und drinnen

Da liegt mein Vater — — o Saïd! — — ich wink dem Thier

Fast unwillkührlich, und wie ohne Sinnen. —

Es stürzt drauf hin! Die matte, schlaffe Leiche

Packt’s in die Kehl: — — ich seh’ es und von hinnen

Stürz’ ich, und flieh, und flieh von wo der bleiche

Vater im Sarge liegt, sein starres Blut

Den Löwen netzt! Wie ich den Strand erreiche,

Werf’ ich hinab mich in die Meeres Fluth. —

Doch da ich wieder zu mir selbst gekommen,

Lieg’ ich auf einem Lager, warm und gut,

Ein kreuzend Schiff hatt’ mich an Bord genommen.

Wie konnt’ ich, Herr, noch wider’s Schicksal streiten

Ich war entnervt, geschwächt bis in den Tod:

Für meinen Gram mußt ich mir Ruh’ bereiten,

Und in Florenz ergriff ich was sich bot!

Ihr find’t mich hier als wie bei Anverwandten,

Im Schmerzenstraum von schwerer Sorg’ befreit,

Ich denke nur an Saïd den galanten,

Obgleich auch Ihr mir gar willkommen seid!

Ihr habt mir so aufrichtig zugehört,

Ich las es wohl in euren offnen Mienen;

Wißt denn daß meine Gunst euch ganz gehöret,

Ihr seid ein lieber — lieber Fremdling mir erschienen. —

Sie schwieg verschämt: in loderndem Entzücken

Greift Faust nach ihrer marmorweißen Hand,

Er darf sie, wie er mag, mit Feuer drücken:

Auch einem Kuß findt er nicht Widerstand,

Auf ihrem holden, himmlisch süßen Munde — —

Und eine lange selige Minute

Ward diesem armen Träumer nun zu Gute —

Er schwatzte schwärmend von dem stolzen Leu’n

Der tief im Herzen heiße Liebeswunde

Gedienet so gehorsam und so rein.

Er leb’ der starke Wächter dieser Holden.

Wo ist das Kloster, das den Nimbuskranz

Um’s stolze Haupt ihm flechte rein und golden

Und schmücke seiner Mähnen dunkeln Glanz!

Die Heiligsprechnung, die Apotheose

Verlang ich fürs das wundersame Thier,

Das diese welke, schmachtend weiße — Rose

Mit Treu bewahrt ein frommer Diener ihr;

Ja dieses Aug’ so glimmt es in Kastilien.

Ein Flammenmeer, aus dem der reine Sinn,

Des Mädchenthumes aphroditengleich

Empor sich schwingt: der Busen wie die Lilien,

Die auf der marmornen Balkone Zinn’

In milder Nacht erblühen himmlisch bleich!

Also der Doktor in extat’schem Courtoisiren

Bis fast die Nacht verdampfet, und es stand

Der Mond schon in des Westens dunkeln Thüren.

In schwarzer Nebel flatterndem Gewand.

Da steht Dolores von den seidnen Pfühlen

Führt zu dem Fenster den entzückten Mann

Den Vorhang, drin die lauen Lüfte spielen,

Zieht sie nach rechts und links zu sich heran.

Und zu dem Mond sie mit dem Finger zeiget:

“O Schwärmerin,” spricht Faustus: “ja sie schwebt,

Die weiße Taub’ an deiner Hand und neiget

Sich wie der zarte Faden, der erbebt!”

Mephisto plötzlich neben ihm sagt leise:

“O Thor, das ist hier nicht die rechte Weise

Du kämest auf der Mimik Deutung nie!

Ich lehr’ dich andere Astronomie.

Die Dein’ge der Sennora nicht entspricht.

Jetzt gilt der Mond ihr nur einen Dukaten,

Und ähnelt, sag’, das Nebelangesicht

Nicht ganz dem Brustbild eines Potentaten,

Wenn auch schon abgegriffen das Gepräge?

Sieb du dein Gold und gehn wir unserer Wege!”

Faust: Ein Gedicht · 第 4 / 19 题