Im Mondenschein gehen sie durch eine Gasse
Selbander in dem nächtigen Florenz.
Hier steht in wirrem Kreis die Häusermasse,
Ohn’ Plan gesetzt, und ohn’ Intelligenz.
Schaut, sagt Mephisto, der ein wenig trunken,
Schaut diese wüsten, nächtigen Spelunken.
Die kennt ihr nicht, mein grundgelehrter Mann,
Doch ich hab’ da recht meine Freude dran!
Wie kunstgemäß in langem, schlanken Kreise
Das Höllennest gefügt auf seine Weise:
Wie es sich klüglich in einander windet,
Und eine Schlange, die den Schwanz sich beißt,
Sich in sich selber schließlich wieder mündet!
Seht jenes Haus, es gleichet allermeist
Dem platten, breitgedrückten Schwanze,
Und dieses hier, die ganz vulgäre Pflanze,
Ist recht zu Jedermanns Erbauen
Als wie ein kluger Schlangenkopf zu schaun.
Lobsinget, wem ihr wollt, in salbungsreicher Weise,
Daß wir hierher gelangt auf uns’rer Reise.
Ihr schweigt verächtlich, o! Ich hör’ euch flüstern,
“Nach solchem Oertlein war ich lange lüstern!”
Florenz! Florenz! Du kleine Höllenwelt,
Ich bitt’ den Teufel, daß er dich erhält!
Faust
O siehst du dort den hübschen jungen Knaben?
Sein Antliß ist besond’rer Weise schön!
Mephisto
Gar schön und liebenswürdig; doch sie haben,
und kannst noch selbst die grassen Spuren sehn,
Das süße Herz ihm aus der Brust geschnitten.
Er hat nichts mehr als nur ein feines Leibchen,
Priap’sche Lüsternheit und freche Sitten.
Faust
Die Augen sind zwar sanft als wie die Täubchen,
Doch soll’n sie mich wahrhaftig nicht berücken,
Mir ekelt schier vor diesen Bettlerblicken!
Mephisto
Doch denket auch, der hat als Ideal
Als Prosopopoeie all’ Fehler auf einmal.
Faust
So find ich dich ein Schild an Kneipenthüren,
O Eros! Eros!
Mephisto
Laßt’s euch nur nicht rühren:
Auch so ist er charmant in seiner Art,
Und zupft und zaust euch kecklich euren Bart. —
Doch wohl merkt auf, mein tiefgelehrter Mann
Ich führ’ euch jetzt, die Gunst ist nicht geringe,
Und bitt’ ich, daß ihr öfters denkt daran,
Zu ‘nem erotischen, besondern Dinge:
Wenn die eur Herzlein nicht bestrickt,
So saget dreist, mir sei noch nichts geglückt! —
Wißt, daß sie ein grundaus verdorben Ding,
Wenn ich das sag’, so scheints euch nicht gering.
Doch wett’ ich, mein erfahrener Geselle,
Erzählt sie ihre rührende Geschichte
Die wunderbaren, seltnen Schicksalsfälle;
Es gleichet einem euerer Gedichte;
Wie sie in dieses kleine Haus gekommen;
Sie hat euch gleich mit Sturm genommen.
Doch denkt zur Vorsicht noch daran,
Wie sie es euch erzählt, erzählt sie’s Jedermann.
Faust
Ich leugn’ es nicht, sie interessirt mich schon,
Und mich verlangt’s den Lebenslauf zu hören
Durch den, wie ihr es meint mit keckem Hohn,
Sie so gewißlich werde mich bethören.
Doch wißt ihr, wie so blöd ich auf Visiten
Und an den Eingangsformeln nicht zu reich,
Um mir Verlegenheiten zu verhüten,
Sagt mir des Kindleins Namen allsogleich.
Daran schließt sich für mich vielleicht ein Wort
Von hoher Ahnung, kurz ein Kompliment,
Leicht spinnt sich dann die Unterhaltung fort,
In der ihr oft mich schrecklich fade nennt.
Mephisto
Den Namen werd’t ihr früh genug erfahren,
Sie wird euch selbst die Frage danach sparen.
Auf ihren schönen Namen hält sie sehr,
Und treibt damit ein ungeheu’res Wesen,
Zu Tode quält sie einen mit der Begehr,
Man soll ihn gar auf ihrer Stirne lesen.
Sie find’t ihn gar so hübsch so weich,
Und wie sich selbst vor Weh und Schwermuth bleich.
Hier klopft —
sie klopfen an ein niedres Haus:
Zum Guckloch blinzt ein altes Weib heraus,
Sie weiß die Herr’n und ihren Wunsch zu ehren,
Und öffnet ihnen schleunigst nach Begehren.
Zween Thüren fliegen auf: im blauen Zimmer,
Sitzt schöne Donna auf dem Sophaende,
Den Lockentopf gestützt in beide Hände,
Umglänzt von heimlich matten Kerzenschimmer.
Faustus tritt ein: indeß im Corridor
Im Haus verwandt, Mephisto sich verlor.
Das Weib ist schön: ein orientalisch Kleid
Verhüllt des Leibes schlanke Zierlichkeit,
Das Auge schwimmend wie in ew’gen Thränen,
Der Busen halb entblößt, und üppig weich,
Erklingend oft vom Ach! In tiefem Sehnen.
Die Stirne rein, die Wange schmachtend bleich.
Faust neiget sich gar höflich und galant,
Und weiß, mit schönen Damen unbekannt,
Im Anfang sich nicht gleich zu fassen,
Den tölpisch langen Arm zu lassen. —
Die Donna dankt: ein Lächeln überfliegt
Die Züge, die die Schwermuth so besiegt,
Als träumt sie ewiglich von düsterm Leid,
Entbehrend jeder Luft und Freudigkeit.
Doch nöthigt sie mit vieler Gratie
Den guten Doctor auf das Kanapee
Sie schaut ihm lang’ in Aug’ und Angesicht:
Sennor, sagt sie: verdammt mich nicht,
Weil ihr in diesem Raum mich findet,
Habt ihr mein Leid mein Weh’ ergründet?
Errathet ihr nicht meines Namens Laut?
Ich bin die ewig kummervolle Braut.
Faust
O sicherlich, daß ich’s errathe,
Du himmlisch schönes Weib! Du heißt Agathe!
Madonna
Agath’ ist gar ein schwermuthssüßer klang
Ein schöner Name, den ihr wohl gewählt.
Ich denk’ Agathen bleich und liebeskrank,
Doch ist’s nicht der, den Ahnung mir vermählt.
Ich heiß’ Dolores — — an dem Felsenstrande,
Daran Granadas schönes Meer zerrann,
Erstand, sein Name war La stella grande,
Des Vaters Schloß, in dem mein Sein begann,
Ein weiter Bau, gefüget sonder Regel
Von vielen Meistern, die verband kein Plan. —
Hier hob ein Thurm sich ründlich wie ein Kegel
Mit halben Mond, und welche ragten hier
Mit einer Spitz’ geschliffen scharf wie Nägel.
Saht von dem fernen Berg das Bauwerk ihr,
Mit all’ den Monden und den Kreuzeszeichen:
Hättet gerufen ihr in das Gewirr:
Dort unten auf dem Meeressand, dem bleichen.
Dort liegen Türken still und reuevoll
Vor Kreuzen aus des Heilands heil’gen Reichen.
In diesem wundersamen, reichen Baue,
Welches nach vorn das Mittelmeer umfing,
Und das die Sierra bis zum fernsten Blaue
Des Horizonts im Hintergrund umging,
Verlebt’ ich meine Jugend: und ich schaue
In stiller Wehmuth auf den schönen Ring
Der Augenblicke, die mir dort verstrichen.
Ich war so schön und froh, und an mir hing
Ein Mutterherz, o wär’s es nie verblichen!
Und Saïd! Schöner Maure — doch vergebet,
Ist mir der Faden aus der Hand gewichen!
Und du mein Vater! wehe, weh! vergräbt
Denn nimmer Erde diese blut’gen Hände
Wie sich das stolze Löwenauge hebt,
Es nagt der Zahn die väterliche Lende —
O Gott! Verleih mir Kraft — in unser Haus
Kam als ich eben überschritt, die Wende
Des Mädchenthumes: und in Grabesgraus
Schon längst der Mutter Busen sich gekühlet,
Ein schöner Sklave, Saïd — — seht hinaus
Schaut hin, wo an der Scheib’ der Vorhang spielet,
Es ist sein Antlitz, o! So bleich entstellt!
Und seine dunkeln Bärte sind zerwühlet,
Ich schwärme, träum!, ach! diese kleine Welt
Von mädchenhaften, simpelen Gedanken,
Vor diesem Angesicht in Trümmern fällt.
Die Augensterne sind es diese blanken,
In die ich an des Meeres Felsenstrand
Geschauet lange Stunden: bis sie sanken
Zu stillem Traum: o! er war zu galant!
Und bald verband uns innig süße Liebe.
Wenn ich mich so in seinen Armen wand,
Von Himmel strahlt der Stern der zarten Triebe!
Mein Vater sorgte wenig nur für mich.
Es war ein hoher, ernster, stummer Mann.
Sein düstres Auge war oft fürchterlich,
Die langen Tage saß er still und sann,
In einem Zimmer, zu dem Meer gekehrt.
Das Fenster, das vom Boden schon begann,
War schwarz verhängt, vom Lichte abgesperrt,
Und dennoch wußt’ er alles was geschah
Im weiten Schloß: auch hat’s nicht lang gewährt,
Daß ich mit Saïd mich verrathen sah.
O wenn die Worte sich in wahnsinnsbleiche
Weibsbilder mit zerfleischten wilden Haaren
Verwandelten: und mit bachant’scem Streiche
Die Brüste geißelten! Seht ihr sie fahren
Die Jungfrau in dem Kahn dem flügelleichten.
Ein Jüngling sitzt am Ruder: und sie waren
Schon außerhalb der Brandung: schwer umkeuchten
Gestades: es ist Saïd, der die Pinne
Des Steuerruders lenkte, und mir neigten
Sich die Antennen: in der glatten Rinne
Lief flink das Seil, so flohen wir die Rache
Des Vaters, und die mondumstrahlte Zinne;
Denn unter afrikan’schem Palmendache
Gedachten wir als Mann und Frau zu leben,
Und freuten uns zum sel’gen Laubgemache.
Die Gondel flog in mächtig wall’ndem Heben
Und Senken: voll das Segel, und ich hatte
Zum Steuer neben Saïd mich begeben,
Umschlang den Hals ihm: und mein treuer Gatte
Hielt sanft das Haupt auf meine Bruste geneiget,
Und da! — — o unterstütze mich die matte,
Daß meine Zung’ dem werthen Herrn nicht schweiget,
O gnäd’ger Allah, der du’s so beschlossen,
Allmächtiger Gott! Dem sich der Maure beuget —
Ein Strom von Blut kömmt gluthenheiß geflossen,
Auf meine Brust ein harscher Knall erdröhnet,
Und Saïd war tief in die Stirn geschossen. —
Am dunkeln Fels das Echo heiser stöhnet.
Und als ich rückwärts zu dem Schloß geblicket,
War mir’s, als wenn der Vorhang, der erwähnet,
Am hohen Bogenfenster sich gerücket
Aus seinen Falten; und ich hab’ gesehen
Den letzten Streif des Antlitz’s — — und genicket
Hat mir das schwarze Aug: — — indeß im Blähen
Der immer kühlern, abendlichen Brise
Flog jäh der Kahn: und bald darauf vergehen
Des Schlosses letzte Schatten: o nun fließe
Du Thräne, die die kalte Hand der Leiche
Mir frei nicht gab, die mir der Schmerzens-Riese
Verhielt: es war als ob der purpurreiche
Blutstrom in seiner königlichen Fülle
Beschämt’ die Thrän, die schwesterliche bleiche.
Weh diese Nacht, da in der dumpfen Stille
In wilderregter, schaumgekrönter Welle
Gedankenleerem, träumerischen Spiele
Die Leich’ im schwanken Arm mit Geisterschnelle
Ich durch das afrikan’sche Meer gejagt;
Und seine Hand hielt fest noch an der Stelle
Des Steuergriffs da hab ich mir gesagt,
Es ist der Tod Dolores! der dich führet;
Habt ihr ein Herz von solchem Weh zernagt,
Und eine Brust, drin solche Gluth geschürt!
Am Segel hatt’ ich wenig nur zu rücken,
Ein schwerer Traum in tödtlicher Gestalt
Verwebte sich vor meinen trüben Blicken.
Und als der Morgen frisch heraufgewallt,
Da ich erhob die schweren Augenliede,
Machte mein Kahn schon auf dem Strande Halt,
Im Arme ruht’ mir noch der todesmüde
Saïd: Saïd, wir sind an Ort und Stell,
Am flachen Strand spielt Schwesterchen Zaïbe!
Doch Saïd schwieg, und ich besann mich schnell.
Das Ufer war gar seltsam anzuschauen,
Als wenn das Thier dort mit dem schwarzen Fell,
Das riesige Gebirg sich auf der grauen
Düne gewälzt — denn Brandung war hier nicht;
Die Wogen rollten sich in langen, blauen
Streifen zur Küste. So im Morgenlicht
Saß einsam ich auf afrikanschem Strande,
Und hielt aus Leid die Hand mir vor’s Gesicht.
Die Sonne ruht schon auf dem höchsten Rande
Der Zacken des Gebirges: wie ein Mohr
Gezeugt in diesem afrikanschen Lande.
Ein tiefgefärbter, unterthän’ger Mohr
Eilet herab zu mir sein finstrer Schatten.
Ich sitze schaudernd: wage kaum empor
Zu schaun und dränge fest mich an den Gatten. —
So war von Tod und Schatten ich umringt;
Doch als die Dunkel sich zerstreuet hatten,
Lös’ ich die Hand, die ihn noch fest umschlingt,
Vom Steuergriff, und glaubet ihr’s, ich lade,
Wenn tausendmal auch in die Knie sinkt
Mein schwanker Leib, den Todten auf und bade
Ihn in den Armen durch den feuchten Sand. —
Und laß ihn nieder landwärts vom Gestade,
Wo eine halb verdorrte Tanne stand.
Es war gluthheiß, ich sinke hin daneben,
Und mein Bewußtsein bald im Schlummer schwand.
Da träumte mir wie nimmer noch im Leben!
Die Sonne stand im glühenden Zenith:
Und nach ihr sah den rothen Mond ich schweben,
Die schönste Blum’ in ihrem Strahl verglüht;
Der Stengel wurzelt in dem Meeresgrunde
So lang und schwank; da trat zu mir Saïd:
Einen Löwen führt er an dem Turbanbunde,
Dem blutbesprützten: sah mich liebreich an,
Und sprach zu mir aus seinem schönen Munde:
“Mein Bruder und mein Rächer!” drauf begann
La stella grande meinem Blick zu zeigen
Die wüsten Formen: o und was ersann
Mein Traum! vielfältiglich sah ich den Löwen steigen
Auf jeden Thurm, am Hals das Tuch, ein Drehn,
Ein Tanz begann, ein ungestümer Reigen;
Als wie ein Wetterhahn im Sturmeswehn
Umhergeworfen, und mein Vater nickte,
Am Fenster stehnd den Takt in das Gedröhn.
Darauf erwach ich: als ich um mich blickte
Da kauert sich ein Löwe bei der Leiche,
Wie der im Traum: ich seh das unverrückte
Gluthaug’ geheftet auf mich starre, bleiche;
Und aus dem Hals hing ihm die Flammenzunge.
Ich fasse Muth, und als ich ihn erreiche,
Mit einem wild verzweiflungsvollen Sprunge
Schling um den Hals ich ihm die beiden Hände, —
Und seufze tief aus schwer beengter Lunge:
Mein Trost! Mein Traum! Der du für mich elende
Von ihm gesandt zum Rächer bist: verlasse
Mich arme nicht: gnadenvoll dich wende!
Hier trink aus meinem Mund von meinem Hasse! —
— So sprach ich zu dem königlichen Thier,
Und jammervoll geberdet’ ich die Glieder.
Mit solch inbrünstig lodernder Begier
Nach der Erhörung sank noch niemand nieder.
Und auch kein Büßer den Triumph errang,
Daß solche Gnad’ ihm dafür wurde wieder. —
Als ihn mein Arm so eng und fest umschlang,
Schloß er das Aug’ in schweigendem Gefallen,
Und reckte sich und machte sich so lang,
Ich ließ nicht nach: an niemand wohl von Allen
Verschwendet’ ich belohnter meine Zier.
Ich sehe noch die hohe Mähne wallen.
Und wie auf Knien den hehren Fürst vor mir.
— — Drauf dacht ich, daß wohl Zeit es zu bestatten
Meinen Saïd in dem Vaterlande hier;
Und nähert’ also trauernd mich dem Gatten,
Und hob ihn auf und will ihn mühsam fort
Landeinwärtts tragen, aber meine matten
Glieder gehorchen nicht: und als ich dort
Zu Boden sink’, und mir die Hände beben
Und ich zu Gott mich wend’ der Gläubigen Hort:
Steht wiederum der Löwe dicht daneben,
Und beugt den schlanken Leib, als wenn er sagt;
Mir kannst Du ja die Leich’ zu tragen geben
Ich heb sie nun und wo die Mähne ragt,
Da, bind ich fest den Kopf des theuren Mauren:
Mit seinem Turbantuch: als wenn es tagt,
So hell war’s in den Oeden: um uns kauern
Sich tausend Schatten: doch bedächtig geht
Der wüste Leichenzug: erblaßt von Schauern
Gedenk’ ich sein: ich geh’ voran, im Winde weht
Mein aufgelöstes Haar: die Schatten alle
Der dürren Bäume neben mir: als steht
Ein Chor von Nonnen um mich aus der Halle
Des finstern Domes, und es folgt zuletzt
Der Löwe mit dem theueren Gemahle. —
Graut Euch vor diesem Zug: wie er gesetzt
Voll Majestät im stillen Mondenscheine
Dahin gewallet: sehet vor uns jetzt
Höhlt sichs in einem dunklen Felsensteine
Als wie zur Nisch’: ich winke und im Nu
Steht still der Löw, ich löse die Gebeine
Und bring sie sorglich in dem Stein zur Ruh.
Nach Osten blickt das Angesicht des Mohren,
Wo seine Kaaba steigt dem Himmel zu:
Die Schatten schwanden; und vor meinen Ohren
Lispelt der Wind, der dürres Laub durchregt:
Der Löwe starrt als in sich selbst verloren,
Und an die Dün’ die lange Woge schlägt — —
— Monde verstrichen, und ich lebte dort
Genährt von Muscheln und von Vogeleiern:
Des Löwen Treu währt unverändert fort,
Und einsam so gedenkend an den theuren
Gemahl am Strand in düstrer Abendstunde
Web ich den Rachetraum den ungeheu’ren,
Zur Seit’ den Löwen, in dem Herzensgrunde.
Wie hab’ ich oft in’s wilde Meer gesprochen
Bald gellend laut und bald mit leisem Munde! —
Kein Ungewitter war seit jenen Wochen
Wo ich mit Saïds Leiche hier gelandet
Ob Libyas dürren Oeden ausgebrochen,
Es war mein Kahn mir unzerschellt gestrandet. —
Einst steh’ ich auf in stiller Mitternacht,
Als über mir ihr Sterne flammend standet!
Ich seh’ mich um: des Kahnes Segel flaggt,
Ein weiß Gespenst, erregt von einem Winde,
Der sich im lauen Süden aufgemacht. —
Nun tret ich in die Barke; und geschwinde
Folgt mir der Löw’: mit einer Ruderstange
Lös’ ich den Kiel vom Sand’ dreh’ an der Winde
Des Seegeltau’s, daß sich der Zug mir fange.
Fort rauscht der Kahn, ich schau zum weißen Strande,
Und in das flammende Geleise, lange
Verschwand er schon; ich streichle mit der Hand
Den Löwen der zu meiner Seite stand.
— Und wieder ist es Abend und ich sitze
Mit meinem Freund, dem väterlichen Schlosse
Zur Rechten, auf der hohen Felsenspitze.
Drin war kein Licht und nur im Erdgeschosse
Des mächtigsten aus dieser Thürme Runde,
Der dastand wie ein König in dem Trosse
Des Vaters Schlafgemach, brennt Licht um diese Stunde. —
Ich flechte rasch’ an meinen wirren Haaren
Und schmücke mich mit Saïds Türkenbunde.
Wie Kinder thun, die in der Fremde waren,
Und nun eh’ sie den letzten Weg durcheilen,
Zu seiner Zier die lichten Locken schaaren.
Und drauf verlass’ den Felsen ich den steilen.
Der Löwe wandelt stumm; doch mit dem Schwanze
Schlägt er gar wunderlichen Ring; und Pfeilen
Gleich ich den Blick: jetzt sind wir in dem Glanze,
Der hellen Scheib’: jetzt an der hohen Thür
Und jetzt o Gott! — — — in einem lichten Kranze
Von goldnen Leuchtern steht in heil’ger Zier
Ein offner schwarz umflorter Sarg: und drinnen
Da liegt mein Vater — — o Saïd! — — ich wink dem Thier
Fast unwillkührlich, und wie ohne Sinnen. —
Es stürzt drauf hin! Die matte, schlaffe Leiche
Packt’s in die Kehl: — — ich seh’ es und von hinnen
Stürz’ ich, und flieh, und flieh von wo der bleiche
Vater im Sarge liegt, sein starres Blut
Den Löwen netzt! Wie ich den Strand erreiche,
Werf’ ich hinab mich in die Meeres Fluth. —
Doch da ich wieder zu mir selbst gekommen,
Lieg’ ich auf einem Lager, warm und gut,
Ein kreuzend Schiff hatt’ mich an Bord genommen.
Wie konnt’ ich, Herr, noch wider’s Schicksal streiten
Ich war entnervt, geschwächt bis in den Tod:
Für meinen Gram mußt ich mir Ruh’ bereiten,
Und in Florenz ergriff ich was sich bot!
Ihr find’t mich hier als wie bei Anverwandten,
Im Schmerzenstraum von schwerer Sorg’ befreit,
Ich denke nur an Saïd den galanten,
Obgleich auch Ihr mir gar willkommen seid!
Ihr habt mir so aufrichtig zugehört,
Ich las es wohl in euren offnen Mienen;
Wißt denn daß meine Gunst euch ganz gehöret,
Ihr seid ein lieber — lieber Fremdling mir erschienen. —
Sie schwieg verschämt: in loderndem Entzücken
Greift Faust nach ihrer marmorweißen Hand,
Er darf sie, wie er mag, mit Feuer drücken:
Auch einem Kuß findt er nicht Widerstand,
Auf ihrem holden, himmlisch süßen Munde — —
Und eine lange selige Minute
Ward diesem armen Träumer nun zu Gute —
Er schwatzte schwärmend von dem stolzen Leu’n
Der tief im Herzen heiße Liebeswunde
Gedienet so gehorsam und so rein.
Er leb’ der starke Wächter dieser Holden.
Wo ist das Kloster, das den Nimbuskranz
Um’s stolze Haupt ihm flechte rein und golden
Und schmücke seiner Mähnen dunkeln Glanz!
Die Heiligsprechnung, die Apotheose
Verlang ich fürs das wundersame Thier,
Das diese welke, schmachtend weiße — Rose
Mit Treu bewahrt ein frommer Diener ihr;
Ja dieses Aug’ so glimmt es in Kastilien.
Ein Flammenmeer, aus dem der reine Sinn,
Des Mädchenthumes aphroditengleich
Empor sich schwingt: der Busen wie die Lilien,
Die auf der marmornen Balkone Zinn’
In milder Nacht erblühen himmlisch bleich!
Also der Doktor in extat’schem Courtoisiren
Bis fast die Nacht verdampfet, und es stand
Der Mond schon in des Westens dunkeln Thüren.
In schwarzer Nebel flatterndem Gewand.
Da steht Dolores von den seidnen Pfühlen
Führt zu dem Fenster den entzückten Mann
Den Vorhang, drin die lauen Lüfte spielen,
Zieht sie nach rechts und links zu sich heran.
Und zu dem Mond sie mit dem Finger zeiget:
“O Schwärmerin,” spricht Faustus: “ja sie schwebt,
Die weiße Taub’ an deiner Hand und neiget
Sich wie der zarte Faden, der erbebt!”
Mephisto plötzlich neben ihm sagt leise:
“O Thor, das ist hier nicht die rechte Weise
Du kämest auf der Mimik Deutung nie!
Ich lehr’ dich andere Astronomie.
Die Dein’ge der Sennora nicht entspricht.
Jetzt gilt der Mond ihr nur einen Dukaten,
Und ähnelt, sag’, das Nebelangesicht
Nicht ganz dem Brustbild eines Potentaten,
Wenn auch schon abgegriffen das Gepräge?
Sieb du dein Gold und gehn wir unserer Wege!”