Calvari

Aus finsterm Wald, am schwarzen dumpfen See,

Erhebt’s sich nackt zu eines Berges Höh’:

Dort oben bleichen alte Kloster-Ruinen:

Es sind zerspaltne Marmorsteine;

Zerfetzt Gebild von Himmelsköniginnen,

Und halb verkohlte, schwarze Heiligenschreine. —

Von Allem, blieben noch drei dunkle Säulen

Auf hon’n basaltnen Fußgestellen, —

Doch oben abgebrochen, dreien Pfeilen

Vergleichbar, die das ferne Ziel verfehlen,

Die mit den Spitzen in dem Boden stecken;

Und von hier oben war zu überschau’n

Der düstre See mit seinen Tannenhecken; —

Als nun gradüber aus dem nächt’gen Graun

Der Mond sich hob ob schwarzer Wolken Rand,

Ein Todtenkopf auf düsterm Grabessand;

Und über See und Wald sein Schimmer strich,

Am Fuß des Bergs ein einsam Pärchen schlich,

Faust und Mephisto: dieser unverdrossen

Doch jener matt und unentschlossen

Der Teufel geht vorauf, sein Mäntelein

Fliegt in dem Wind, und stolpernd hinterdrein

Gesenkten Hauptes mit getrübtem Blick,

Kommt Doctor Faust: ihm brechen fast die Knie,

Er flucht in seinem Barte dem Geschick,

Gott und dem Teufel: “o Mephisto sieh

Das schöne Moos,” spricht er, wohin wir gehen,

Gelangen wir noch immer allzufrüh:

Ich dächte besser blieben hier wir stehen;

Und ruhten uns im Moos: Mephisto blickt

Sich lachend um und spricht: “Du armer Gecke,

Oft hast du unter deines Bettes Decke

In heimlich stillen Räumen ganz entzückt

Von solcher Nacht gesprochen, als wie diese,

Hast Raum und Schlaf verfluchtet: Dich gesehnet,

Daß rege Welt sich deinem Blick erschließe,

Mit solcher Inbrunst, daß dein Aug’ gethränet!”

Der hatte schon sich in das Gras gedehnet,

Er war zu müd’, der arme wilde Knabe,

Wie so er lag’: und in begier’gen Zügen

Einsog des Schlafes Wunder: Labe! —

— Der Teufel, ließ ihn dorten liegen,

Auf zu dem Berge stieg er aus dem Hain,

Und setzte sich auf einem Trümmerstein.

— Weithin erstrahlt im Mondlicht die Mantille:

Und wie er mit den scharfen, blanken Sporen

Am Steine hämmert, schwirrt es durch die Stille;

Ein Rauschen tönt zu seinen Ohren. —

Ein dunkler Ring von flatternden Gestalten,

Umweht von langem, wirren, schwarzen Haar,

Wind’t sich empor aus der Ruine Spalten

Zahlloser Menge, Paar auf Paar. —

Schon ist der Teufel mitten unter ihnen,

Er führet das gespenst’ge, wilde Heer;

Sie rauschen nieder von den Bergruinen,

Und jagen ob dem See wild umher.

Wie sich nun da entspinnt ein seltsam Regen!

Im schwarzen Spiegel des Gewässers flechten,

Sie sich das wirre Haar, und zierlich legen

Die reichen Zöpf’ sie an den magern Kopf.

Wenn nun aus den unzähligen, Geflechten,

Der müden Hand entrollte sich ein Zopf,

Da ring’n sich in des Waldsee’s dumpfen Wellen,

Zahllose Kreise die am Strand zerschellen. —

Zurück zum Berge rauscht das wilde Heer,

Zum Boden lassen sie vom Flug sich nieder,

Ein ungestümer Tanz beginnt nunmehr,

Wie er sich mag begeben nimmer wieder;

So viele Paare, so unendlich viel;

Als Flocken Schnee der Nordwind je getrieben:

Und immer steigt das schaurige Gewühl,

Von nah’ und fern, von hüben und von drüben

Mephisto ist von ganzer Seel’ vergnügt:

Die mittelste von den drei Trümmersäulen

Steigt er hinan; wie er sich äffisch schmiegt

Um das Gestein, gleich einem Jesus, eilen

Flugs zu den beiden seitlichen Basalten

Noch zween andre nächtige Gestalten.

So stellt das grasse Teufelskleeblatt dar

Die Schädelstätte von Calvar’,

Und höhnt mit schauderhaftem Spott

Den Menschensohn, den schmerzensreichen Gott.

So raset rastlos fort das wilde Spiel,

Wer es gesehn, dem wirbelten die Sinne.

Noch immer wächst das schreckliche Gewühl,

Im hellsten Mondlicht flimmt des Berges Zinne;

Und Faust verträumet all’ den Saus und Braus,

Er strecket sich, als läg er still zu Haus.

Faust: Ein Gedicht · 第 3 / 19 题