Später Abend. Faust und Mephisto
am Fenster einer Klosterkirche.
Faust
O sieh Mephisto, sieh dort wandelt sie,
Lucretia Frangimani,
Und traurig ist sie: Wesen hochgeliebt
Sag’ mir; wer hat so tödtlich dich betrübt?
Vor jedem Heil’gen kniet sie betend nieder,
Und lispelt reuig die latein’schen Lieder.
Lucretia! höre! Dein Geliebter sieht,
Wie du dich Gott zu sühnen bist bemüht!
Jetzt nimmt die trauernde das heilige Mahl!
Den langen Schatten, der sich zu mir stahl,
Möcht’ ich an meinen heißen Busen legen,
Gleicht er auch einem häßlichen Phantom,
Verzerrt und schwarz; erhörte milder Seegen
Das fromme Kind im düstern Klosterdom!
Mephisto
Du phantasirst. Doch ich als echter Teufel
Ich hasse diese Magd mit ihrem Zweifel. —
Was hat sie dir gar Großes denn gewährt,
Daß sie also nach reu’ger Sühne lechzet,
Die eklen feuchten Keller spät durchstört
So jämmerlich geberdet sich, und krächzet?
Faust
Schweig höhn’scher Spötter! Diese Büßerin
Ist schön! Mir rauscht es wild durch Herz und Sinn!
O ich bereu! — mich faßt ein fiebernd Sehnen
Nach ihren reinen göttergleichen Thränen!
O eine jed’ ist ein Strom der Himmelsgnade
Näßt ich doch meine Lippen in dem Bade!
Lucretia, ich habe dich gekränkt, mein Leben,
Mein ist die Schuld! dir ist schon lang’ vergeben!
Mephisto
Du armer Schwärmer! — sie gleicht einem Kind,
Das wurd’s nur ein klein wenig kastigirt,
Erbärmlich schreit und heult und toll und blind
Unsinnig jämmerlichen Lärm vollführet.
Dann spricht der Vater: hör! du ringst danach,
Ich geb dir was zu weinen Schlag auf Schlag!
Um das, was du ihr thatst, solche Lamente
Ein Kuß ein Blick; sie braucht wohl noch die Sakramente.
Faust
Weh! Weh! Jetzt langt sie das Flagell hervor,
Nein, dies ertrag ich nicht!
Mephisto
So geh’ zu ihr
Dort hinten an dem kleinen Gitter Chor
Steht halb geöffnet der Sakristei Thür. —
Mephisto sagt’s; Faust folgt dem guten Rath,
Eilt in den Dom, kniet vor Lukretien nieder,
Und spricht: vergieb, daß ich so zu Dir trat,
Doch nimmer treff die Geißel deine Glieder!
Lucretia
Ich soll nicht sühnen, was ich schwer gefehlt,
Mir hast du’s bös im Sinn, in stiller Stunde
Stört weltlich mich das Wort aus deinem Munde!
Laß mich, bis ich zur Tugend mich gestählt,
Und rein mich ring in meiner Schwestern Bunde,
Die sich mit mir dem Himmelsfürst vermählt. —
Faust
Hier öffne meiner Adern glüh’nde Rinnen,
Laß mich zu Tode bluten: dich verschone
Dir, Dir gebührt die Himmelskrone!
Und dich zu geißeln — schreckliches Beginnen!
Hier meine Hand und hier mein bloßer Arm!
Hier lösche sich dein wilder, heißer Harm! — —
So redet dieser, und noch immer sieht
Mephistos häßlich Antlitz durch die Scheiben
Er höhnt und lacht, wie sich das ziert und zieht,
Und trotz dem allerliebsten, närrschen Sträuben
Spielt in dem Aug’ der roth: Wiederglanz
Der Luft, die in des Herzens Gründen sprüht!
Hier meine Hand — hier mein entblößter Arm —
Ja! hättst du nicht ein Herzchen roth und warm!
Er sagt’s und reibet sich die gelben Hände,
Ich kenn’ den Anfang und ich kenn’ das Ende. —
Die bleiche Büßerin hält Faustens Hand,
“Nein geh!” spricht sie und lasse mich alleine
Ich liebte dich und hab’ es dir bekannt.
Doch jetzt — doch jetzt, bin ich nur noch die Seine!
Faust
Ich geh’, gehorch dir: doch dies eine
Mußt du gewähren, heil’ge, himmlisch reine!
Gieb mir das Lämpchen dort: und laß mich gehn,
Und jene Laub’ im Klostergarten sehn,
In der ich dich erblickte und dich liebte,
Und dir die ernste Himmelsandacht trübte!
Ich seh den stillen, wundersüßen Ort,
Häng’ drin das Lämpchen an, und schleich mich fort.
Lucretia
Dein frommes, kindlich reines Resigniren
Hat mich gar tief gerührt, nein laß mich mit Dir gehen,
Ich will dich zu der stillen Laube führen,
In der du mich zum ersten Mal gesehn.
Ich fühl mich stark! was kann mir dann geschehn?
Sie langt das Lämpchen von der Säulenblende,
Nimmt Faustum an die Hand; in ernster Majestät
Durchwandelt sie die Gänge die ohn’ Ende,
Und in einander wunderlich gedreht.
Wie war sie schön im dunklen Kleid der Nonne:
So bleich: doch diese klare Blässe glich,
Des Todten nicht, und auch nicht der Madonna,
Der Schmerzensmutter, als der Sohn verblichen
Nicht Marmors Blaß: es war erblaßte Gluth,
Zu streng gefacht vom rothen Herzens-Flügel.
Und ihrer Augen aufgeregte Fluth,
Durchflimmerte ein Wolkenheer ohn’ Zügel,
Der wilde Zug der wogenden Gedanken.
Der Schwärmer Faustus schreitet still daher;
In der Ergebung fromm bescheidnen Schranken
Nun dreht die Thür sich auf der Angel schwer. —
Bald decket sie der Laube dunkles Dach.
Aus des Jasmines schwanenweißer Blüthe
Strömt dumpfig süßer Hauch in das Gemach.
Erbauet war die lieblich stille Hütte,
Aus dieser Blume, die im Ost gezeuget
Im weichen Orient, und seltner Bau!
Von ihr umranket, ernst und düster steiget
Die trauernde Cypress’ ins nächt’ge Grau.
An einen Zweig hängt sie die düstre Leuchte:
So traulich schwebt am finstern Grün ihr Schein!
Sie schweigen, matter Zug des Nachtwinds scheuchte
Die Blätter, Faust fährt auf: “hier warst Du mein!
Ich danke dir, ich habe sie gesehen,
Die Laube meiner selig stillen Träume.
Leb’ wohl! ich geh! jetzt will und muß ich gehn,
Lebt wohl, ihr heil’gen vielgeliebten Bäume! —
Ich fliehe: sinkt der Tag in deiner Zelle,
Gedenk in dämmerlicher Einsamkeit
Des düstern Freund’s: er irrt auf finstrer Welle
Des öden Schicksals: unbegrenztes Leid
Verschleiert seiner Phantasie Gestalten:
Du lebe fort in deinem keuschen Walten!
Bet’ nie für mich: Bet’ nie für mich; es schreit,
Und krächzt ein Höhner das Gebet für mich.
Leb’ wohl! Leb wohl! ich denk gar oft an Dich.
Lucretia deckt die Augen mit der Hand,
Von ihren Fingern fließen heiße Zähren.
Faust wollte gehn; schon hat er sich gewandt:
Sie sagt nicht: bleib! möcht doch zu gehn ihm wehren.
“Nicht Lebewohl! Ich hab’ dich so geliebt.
Ohn’ Lebewohl soll ich verlassner scheiden!
Lucretie! Was hab’ ich denn verübt? —
Sie schweigt in übermäßgem, stummen Leiden
Seufzt tief; Faust greift nach ihren Händen.
Sie spricht nicht, wankt nicht; als mit wilden Küssen
Er sie bedeckt in flammendem Genießen.
Sie ächzt, und ihre Thränen woll’n nicht enden,
Doch spricht sie nicht; sie weint: und wanket nicht,
Tritt nicht zurück, und eilt zum Kloster nicht.
Als er sie wie unbändig an sich ziehet,
Weint sie: Doch tritt sie nicht zurück und schweigt, —
Als Kuß auf Kuß auf ihre Lippen glühet,
Weint sie, doch wankt sie nicht; flieht nicht und schweigt.
Plötzlich vergeht am Zweig die kleine Leuchte,
Gelöscht mit einem pfeifend scharfen Hauch;
Kein Fünkchen mehr, daß es gebrannt, bezeugte;
Auf einmal todt, und schwarz ohn’ Dampf und Rauch.
Die Zweige schütteln duftig schaudernd sich;
Indeß am Tannen-Busch einfältiglich
Die Arm’ auf seiner dürren Brust verschränket
Geht still vergnügt Mephisto ein und aus,
Lächelt behaglich für sich hin und denket:
Er ist der Herrgott bei dem Apfelschmauß.
———
Faust und Mephisto auf einer Hochebene.
Morgendämmerung.
Mephisto
Siehst du, ich habs gesagt! Sie ringt danach,
Nun hat sie was zu weinen Schlag auf Schlag!
Faust
O nicht doch! wiß! mir ist es eine Schmach
Und ärgert mich und dauert mich herzinnig:
Dar arme Kind so schön, so zart, so sinnig!
O wo mag jetzo sie alleinsam weilen
Und beten, jammern und verzweifelt heulen.
Mephisto! hör! Ich fürcht’ es gar zu sehr:
Das überlebt sie nun und nimmermehr.
Noch tönt der grasse Schrei zu meinen Ohren,
Als sie zu spät sich meinem Arm entwand:
Weh’ mir! ich bin auf immerdar verloren,
Es bleibt nur Tod, so sagt sie und verschwand. —
Mephisto
Es kömmt anders als du denkst — doch weißt du wohl
Bei Wasser ist leicht zu verzagen:
So nun, daß dich kein Vorwurf treffen soll,
Rath ich dir diesen Krug ihr hinzutragen.
Der Wein ist schön, und es wird mir gar schwer
Daß ich ihn geb’! alt ist er wie das Feuer
Und stammt mit jenem von der Schöpfung her:
Doch weißt du ja: Du bist mir gar zu theuer!
Ein Trunk: sie ist gerettet, ist befreit:
Das Blut mit lohem Flügel durch die Ader
Gehetzt, erfrischt der Seel’ Lebendigkeit,
Von Nerv’ zu Hirn mit üpp’ger Kraft; der Hader
Verdampft: und reuemüthige Moral
Setzt nimmermehr auf’s warme Herz den Stahl.
Faust
Ich bring’s ihr gern: wie komm ich jetzt hinein?
Mephisto
An ihrem Fenster baumelt eine Leiter:
Sie harrt auf dich, und hält sich ganz allein;
Doch sei auch du zum Morgengruße heiter,
Und schau nicht gar so kummervoll darein
Nun geh! sei klug und laß dich Niemand sehn,
Sonst ist es um das arme Ding geschehn.
Faust geht und nimmt den Krug im Arm in Acht,
Rings um ihn liegt noch tiefe Dämmernacht.
Jetzt steigt empor aus düstrem Nebelgrunde
Bleich und gigantisch, seltsam anzuschaun,
Der Klosterbau, die leuchtende Rotunde.
Laut tönt sein Schritt durch’s nächt’ge Graun.
Im nahen Garten rauscht belebter Zug
Des Dämmerwindes — sonst ist tiefe Stille.
Schwarz sind die Fenster all’, und keinen Flug
Von Schatten bringt die Nacht: denn düstre Hülle
Umflatterte des Himmels Lichtgestalten.
Hier hängt das Seil: Faust stieget keck hinan,
Sein Fuß ist sicher und die Schnüre halten.
Jetzt langt er dem Fenster oben an.
Es ist geöffnet, doch kein Licht erhellt
Den dunklen Raum: Faust ruft Lucretia!
Lucretia um Alles in der Welt
Erwach! dein armer Freund ist wieder da,
Lucretia schweigt, als wenn sie ruhig schliefe.
Faust bebet vor dem hohl erklungnen Laut
Des eignen Rufs, und vor der dumpfen Tiefe
Der bodenlosen Nacht ihm schrecklich graut.
Da seufzt’ es vor ihm: schrecklich seufzt es da,
Wie fährt er auf, als stäch ihn eine Natter
Tief in sein Herz; vernichtend seufzt es da,
Noch einmal und noch einmal todtenmatter;
Ihm schweigt der Puls, und eh’ er sichs versah,
Ist ihm der schwere Krug hinabgeschossen,
Zerspringt am Stein, und eine Flamme schnellt
Sich gelb empor: ersteigt die schwanken Sprossen
Der Leiter und die Zelle wird erhellt.
Er sieht Lucretian auf den nackten Dielen
Dicht an dem Fenster, rothe Tropfen stocken
Am Busentuch, die weißen Hände wühlen
Unmerklich noch in ihren braunen Locken.
Es nagt blitzschnell die Flamm von Sproß zu Sprosse
Und leckt an seinen Sohlen, er erbebt,
Ruft Hülfe, daß es klingt durch die Geschosse
Des stummen Hauses, Glockenruf belebt
Die öde Nacht herab vom Wächterthurm.
Bald läuten näh und ferne Glocken Sturm.
Faust sieht ringsum — er fühlt sich ohn’ Besinnen —
Halbnacktes Volk, mit klagender Gebehrde, —
Gewalt’ge Ströme Wassers rinnen
Aus Haar und Bart ihm und er fällt zur Erde.
———
In eines Kerkers dumpfigen Gemäuer,
Liegt einsam Faust in stiller Mondesnacht;
Er sieht verstört und blaß, ein Ungeheuer
Von Traum umschwebt ihn, und er weint und lacht. —
Im Hof vollendet sich ein großer Bau,
Ein dürrer Scheiterhaufen ist errichtet,
Die Hölzer sind gezimmert, und genau
Und kunstgemäß ist Alles aufgeschichtet.
Nicht in der Mitte fehlt der lange Pfahl.
Der Mond, der volle, seltsam aufgeregte,
Blickt in des Fensters längliches Oval,
Und wie sich der Gefangene bewegte,
Im Traum die Arme senket und erhebt,
Ein tiefgefärbter Schatten macht’s ihm nach,
Und jeder Laut, den seine Stimme belebt,
Sich vielfach an dem Kreuzgewölbe brach.
Oft seufzt er schwer und ruft “Lucretia,
Du vielgeliebte! bleibe nur da!
Komm nicht zu mir, ich werd dich künftig brauchen,
Bleib still, bleib still und spar dein süßes Blut,
Und wenn ich in der Hölle werde rauchen,
Koch mir davon ein Tränklein kühl und gut!
Siehst du den hagern Greis mit dürrem Arm,
Der harrt auf mich und wird schon ungeduldig,
Leb woht! leb wohl! du meine Lust, mein Harm,
Faustus muß fort, er ist’s dem Alten schuldig!
Hu! wie du blaß wirst, und dein Lockenhaar
Lucretia! Ist eine Wolkenschaar!”
— So faselt Faust, da klopft es an die Thür,
Mit streng gebieterischem Ungestüm
Ernst und gesetzt mit sittsammer Manier
Tritt Freund Mephisto ein, in dem Kostüm
Welches die Herrn Großinquisitoren tragen,
Es fehlt ihm nichts zu dem vollkommnen Staat,
Auch nicht ein Fältchen und nicht Knopf nicht Kragen,
Und die Perück’ vollendet den Ornat.
Faust läßt nicht ab vom wilden Deliriren,
Und spricht so rasch und so veränderlich,
Wie eine Flamme sich im Sturme dreht,
“O Doktor höret auf zu phantasiren”!
Beginnet der: wär nicht Mephisto ich,
Ich selber würd’ von diesem Zeug verdreht!
Du armer Knab’ sitzst erst zehn Tag gefangen,
Dein Bart ist armlang wie mein Pferdeschweif,
Läss’st immer du sobald die Flügel hangen,
Bist du zur Hölle lang noch nicht reif!”
Faust schlägt die trüben Augen auf, erblickt
Die seltsame possierliche Figur,
Die große Kraus’ in Falten fein geknickt
Und der Perücke ungeheure Schur.
Ihm schwand zum andern Mal der schwache Sinn.
Und wieder spricht er wilde Phantasie’n;
Mephisto zupft ihn bei dem welken Kinn;
“Nun, steh nur auf, ich bin ja nur der Teufel,
Nimm hier dies Kleid, drin kannst du leicht entfliehn,
Und überlaß mir alle fern’ren Zweifel!”
Faust seufzet sich besinnend, steht vom Lager,
Und ziehet aus das arme Sünderkleid,
“Verdammt! speicht der, “wie bist du schon so hager;
Wie ruinirt dich noch die Traurigkeit!
Also verwechseln ihre Kleider beide,
Mephisto soll den armen Sünder machen,
Faust sieht sich an, trotz allem seinem Leide,
Muß er als Inquisitor sich belachen.
Und in dem braunen, här’nen Büßerkleide
Des Teufels niederträchtiges Gesicht.
“Nun geh’ spricht der, du ausgedorrter Wicht,
Erwart du auf dein Hügel mich da drüben,
Da kannst du ruhig schlafen nach Belieben!
So geht dir Jedermann gern aus dem Wege
Du hübscher Kerl von der Justizpflege!”
Faust schleicht davon mit frohem Angesicht:
Im schaurig stummen, dumpfen Frohngelaß,
Spaziert Mephisto ruhig hin und wieder.
Am Fenster steht er in dem Mondenlicht,
Sieht zu dem dürren Scheiterhaufen nieder,
Und schwatzt und lacht und treibet tausend Spaß.
Die Spindelmütz von weißer Leinewand,
Zieht grüßend er, als nickten ihm Bekannte,
Er wirft Kußhände mit der langen Hand,
Als recommandirt’ er sich ‘ner alten Tante.
So wie es dämmert wird’s im Kloster helle,
Ein Lämpchen zündet sich in jeder Zelle
Man wickelt Fackeln in der Morgenfrüh
Und zupfet Werg, als wäre es Charpie. —
Und Faustus steht allein,
Auf des einsamen Berges sand’gem Gipfel.
An eines Grabes frisch aufgeworf’nem Rain.
Schwarz ist der Himmel, Sturm durchbraust die Wipfel
Er sieht den Hügel ohne Schmuck und Zier,
“O!” ruft er aus: “Die Ahnung sagt es mir,
Hier ruht Lucretia, mein theures Leben!
Seh’ ich dies arme Grab sich nicht erheben,
So sorglos aufgeworfen und geründet,
Als wie der Wandersack dem ungeliebten Kind,
Geschnüret und gepacket ist geschwind!
Ja hier ruhst Du, für die mein Herz entzündet!
Ich möchte Dich umarmen noch als Leiche!
Vergöttert Dich so ewig meine Liebe?
Wie oft wenn ich beschaut das starre, bleiche
Reliquium der wunderbar’n Getriebe
Im stillen Saale der Anatomie,
O so entgöttert, so entblättert waren sie!
Und nimmer Schauer ich empfand,
Wenn ich erfasset ihre kalte Hand!
Dort hab’ ich viele Nächte zugebracht,
Ohn’ daß die Wimpern zuckten: unvergessen
Blieb mir der Zweck der stillen Forschungsnacht.
Ich bebte nie und war frivol, vermessen!
Und sah nur träge, dumme, dumpfe Masse.
Ein wild Gewirr von Nerven und Gefäßen,
Und nicht entsinn’ ich mich, daß ich zum Hasse
Zu Abscheu, Liebe wär’ geneigt gewesen!
Doch Dich Lucretie! Dir möcht’ auch so ich sehen,
In Dein geliebtes Angesicht das bleiche:
Umlispelt mich nicht Deines Athems Wehen,
Wär’ es genug, daß ich die Hand Dir reiche!
— — Doch weh mir! Daß der kalten fünfe Zahl,
Die Flamme noch in meinen Pulsen zündet,
Aus Grabesnacht ein geisterheller Strahl,
Der Lieb’ den Weg in meinen Busen findet.
Soll ich Dich ewig lieben! wird Dein Leib
Mir nie zur Leiche und bleibt ewig Weib?”
———
Da tönt ein ungeheueres Geheule,
Empor zu Faustus aus dem Klosterthal,
Und eine riesenmäß’ge Feuersäule,
Flammt hoch empor mit blendend hellem Strahl.
Wie jauchzten unten die im Henkermuth!
Doch sieh! Da wächst ein ries’ger Priapus
Ein glühender Colossus aus der Gluth
Bis an die Wolken fast in schnellem Schuß.
Die Klosterfrauen fliehen durcheinander,
Und jammern schrecklich ob der Zauberei; —
Da steht so frisch als wie ein Salamander,
Mephisto neben Faustus frank und frei.
Er will zerbersten schier vor tollem Lachen;
“Sahst du,” sprach er: “sahst du den Priapus,
O den verkohl’n sie nie, wie sie’s auch machen,
Und was war’s mir für höllischer Genuß,
Wie sie so schuldbewußt die Augen wandten,
Und in einander floh’n in Angst und Graun,
All’ dieses Volk, und viele Vettern, Tanten
Der Klerisei, die hier, sich zu erbaun
An deines Leibes süßem Fettgeruch
Versammelt waren mit dem Singebuch. —
Der Lärm tos’t fort, die Flamme jagt im Sturm,
Die Asche sinket, man beginnt zu läuten
Die Glocke zum Gebet vom alten Thurm,
Den bösen Spuk zu ban’n für ew’ge Zeiten.
Halb wach liegt Faustus in der nächsten Nacht,
Den Rücken an den Eichenstamm gelehnet;
Mephisto schwatzet für sich hin und lacht,
Und lauter Sturm im dürren Blatte stöhnet;
Und Faust verstehet folgende Zwiesprach
Die jener hält mit einem Unsichtbaren:
“Nun geh!” sagt er: “mach mir nicht Ungemach,
Verdammter Sturm zu deinen Wolkenschaaren,
Was quälst du mich? für dies Auto da Fè,
Das deinem Gaum’n ich diese Nacht entzogen,
Mußt du aus seinen Aug’ noch eine See
Von Thränen trocknen? hab’ ich dich betrogen?
Und dieses Stöhnen seiner bangen Lunge,
Du kannst es ja mir nie genug beloben.
Dies Alles halte schadlos deine Zunge,
Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben!”
Da brüllts daß sich die alten Eichen biegen;
Faust schauert, und ihm stockt des Herzens Schlag,
Doch bald wird’s still auf seinen bleichen Zügen;
Süß schläft er ein, ob es auch tosen mag.
Wie wogt der Flug von Wolken und von Geiern,
Von düstern Raben durch den Eichenhain,
Wie krächzt der wilde Zug von Ungeheuern,
Und zornig jagt der Sturmwind hinterdrein.
———
Es scheint kein Mond: im schwarzen Tannenhain
Ging Faustus auf und ab, still und allein.
Die Nacht sie schwieg so wie die Nächte schweigen,
Ein dumpfig Flüstern: ein wahnsinnig Spiel,
Von schwärzlichen Gestalten, dieses Neigen
Der Gipfel und der Nadeln an dem Stiel.
Und Fausto schaudert nicht: tief in Gedanken,
Die Arm’ auf seinem Rücken eng verschränkt,
Durchschweifet er der wirren Schatten Schwanken,
Redt mit sich selber, meditirt und denkt
Das Mäntlein und die dunklen Locken wehen
Im mitternächtig aufgeregten Wind,
Fest auf dem Boden bleibt sein Auge stehen,
Wie er sich der Vergangenheit besinnt.
Das war ein Strom von Denken und von Fühlen
Der ihn zu stiller Stunde so umrauscht!
In so viel Blättern kann der Wind nicht spielen,
Als er der flüsternden Gestalten lauscht:
So viele Wolken nicht den Mond umjagen,
Als da Gesicht ihm auf Gesicht enttaucht:
Und sind nicht Blätter, dran die Winde nagen,
Nicht todte Wolke die den Mond umraucht.
Es sind Gestalten frisch an Glut und Licht.
Hell wie der Stern, der durch die Wolke bricht. —
Und wie er geht im düsteren Gehäg’,
Das Nadelhölzer jeder Art durchwinden
Wird plötzlich in der Fern’ ein Schimmer reg,
D’ran tausend Schatten eifrig Leben zünden.
Er geht drauf zu, bei einer Fackel Lichte
Dem halb verglommenen, ein Jüngling kniet,
An einem Bild, das an die schlanke Fichte
Genagelt, ähnlich einem Weibe sieht.
Es ist zerlumpt, verwittert und zerrissen,
Und eben nur siehts noch dem Weibe gleich.
Doch fromm liegt ihm der junge Mann zu Füßen,
Er ist so hübsch, und doch auch gar so bleich. —
Wild fliegt sein Lockenhaar in dunkeln Wirren,
Und schwärmend ist des blauen Auges Sinn!
Der Wamms zerrissen: und wie einem Irren,
Tönt ihm das Wort von seiner Lippe hin.
Er kniet gebeugten Haupts, und in der Hand,
Hält er ein rostig Messer, das er schwenket
Und aufwärts wendet wo das Bildniß stand:
“O wenn sie mein, o wenn sie mein gedenket,
Als ihres Mörders herz’ges Mütterlein
Des hohen Sohnes, o verschone mein!
Misericordia! Misericordia!
Ich war’s, ich war’s, barmmüthige Dolorosa,
Ich war es allerheiligste Madonne
Der Dir erstach die wunderschöne Nonne,
Lucretia: ich hab nicht Ruh, nicht Rast
Eh’ also ich entbürdet mich der Last;
Gebüßet Dir und Deinem hohen Kinde
Den Mord der Eifersucht, die schmutz’ge Sünde;
O sie schwur mir, daß sie so treu mich liebte,
Ich sprach sie an des Klostergartens Zaun,
Und bracht’ ihr Rosen, die ihr vielgeliebte
Lilie, in offnem, herzlichen Vertrau’n.
Noch öfter sprach ich sie in ihrer Zelle,
In stummer und alleinsam tiefer Nacht.
Ihr Flammenkuß — weh’ ich vergaß der Stelle
Vor deinem Bild — du keusche Himmelsmacht! —
So hielt sie lange mich an ihrer Kette
Doch als ich einstens Abends ganz allein
Für sie die Saiten stimmte, und Sonnette
Auf ihren Namen machte, fiel’s mir ein
Zu zweifeln an der schönen Nonne Treue,
Das kam mir angeweht als wie ein Zug,
Und ob ich gleich mich vor dem Dunkel scheue,
Eil ich in’s Thal zum Garten: o genug
Weißt Du, Du Heilige! Ich sah
Mit einem Mann deine Lucretia!
Wie wogte diese Brust, als ich’s erblickt,
Wie schnürte sich zusammen diese Kehle,
In eines andern Arm, was mich beglückt:
Und was entzücket meine arme Seele!
Ja heil’ge Mutter, ja ich hab’s gethan,
O ich armseliger elender Mann!
Und du hast keinen Segen mehr für mich!
Du schweigst! Du gehst mit mir in das Gericht!
Nicht Gratia! Gratia! Es ist fürchterlich!
Vergieb mir Mutter und verstoß mich nicht!”
Da überfliegt ein gelber, greller Schein
Das nächt’ge Laub in diesem düstern Hain,
Das heil’ge Bild, das Schmerzensangesicht,
Des Fackelbrands schwermüthig Licht.
„Ich bin erhört! o! bin erhört durch dich
Du Holde, himmlisch Hochgebenedeite!
Der helle Tag der Gnade strahlt für mich,
Der meines Kummers öde Nacht zerstreute.
Es war ein Leuchten deines goldnen Blickes!
Es war ein Winken deiner weißen Hände,
O was es war! Ein Zeichen meines Glückes
Daß es sich wieder zu mir Armen wende!
Triumph! Triumph! der Sieg ist nun erstritten,
Und stiller fiebert mir dies kranke Herz!
O heil’ges Licht ich habe ausgelitten,
In Wonne wandelt sich der Schmerz!
Verflogen war der wilde, gelbe Schein,
Die stille, düstre Fackel glimmt allein.
Der Büßer sprach’s: und drauf als im Entzücken
Jauchzt er empor, und stürzet fort mit Hast
Himmelhoch warf er das Messer, das zu Stücken
Zerschlug den dürren Zacken an dem Ast. —
Ein alter Rabe flattert schwer empor,
Schlaftrunken kreis’t er über diesen Bäumen,
Und krächzt zerreißend für ein menschlich Ohr,
Ein Schauerlied aus seinen wüsten Träumen.
Wie klang das! so sind zu besingen
Die Galgen und die Sünder auf den Rädern.
Verschlafen regte der die alten Schwingen
Und zupfte mürrisch in den dunklen Federn.
Und nun war’s still, das Messer lag am Boden,
Nachdem’s hinabgetanzt von Ast zu Ast.
Der Rabe schwieg, der Jüngling außer Oden,
War weithin in den tiefen Wald gerast.
Faust steht in sich verloren, wie im Traum,
Die Stirn gelehnt an einen Fichtenbaum
Den Blick gewendet wo das Bildniß hing
In düstrer Gluth der Fackelbrand zerging.
“So also liebte mich Lucretia!”
Da rauscht’s im Zweig, der schrickt empor und da
Kommt langsam Freund Mephisto herspazirt!
“Was stehst du hier, du gar zu stiller Thor?
Ich hab’ mich eben köstlich amüsirt:
Ich war verschnupft, es summte mir vor’m Ohr
Und gar zu gräßlich brannte mir die Nase:
Da hab’ ich solchen nächt’gen ungezognen Rangen
Den man ‘nen Irrwisch heißt mir eingefangen:
Wie spiel’nde Knaben eine Seifenblase,
Ihn vor mir hergejagt durch Stock und Stein.
Gewahrtest du des Buben gelben Schein?
Im Waldbach drüben hab’ ich ihn ertränkt,
Die Jagd hat mich mir wieder eingerenkt!”
———
Nach ein’gen Tagen wandern jene beide
Im milden, frommen Abendsonnelicht,
Einen Berg entlang nicht fern von jener Haide,
An dessen Fuß die Wog’ sich brandend bricht.
Des Mittelmeeres Woge lang gewallt,
Die unermüdlich am Gestad zerfällt;
Wie es im Meer am stillen Abend schallt
Und drüben aus der Nacht der Nebel schwellt!
Es schwebt der Sonne glühend rothes Licht
Auf weißen langen unendlichen Wogen,
Hier drüben des Mondes stilles Gesicht
Von dumpfen Nebeln schattenhaft umflogen:
Unausgedachter, unausdenkbar hoher
Melancholie, wie drüben in dem Thal,
Er ob dem Kirchthurm wandelt, und dann loher
Im Bogenfenster brennt den Silberstrahl!
Des Herzens Schmachten und des Busens Sehnen,
Der ird’schen Lyrik Tand, der vielgestalte,
Der Pulse Fiebern und die wehen Thränen
Dies all’s strahlt aus seines Antlitz’s Falte.
Da waren sie an eine Schlucht getreten,
An eine wüste Tiefe, daß ohn Graun
Mephisto selbst kaum kann hinunterschaun
Und für den Augenblick erscheint betreten.
Da unten schäumt das Meer an tausend Spitzen,
Der starren Felsen weiß und wild empor,
Und jeder Wellenschlag, es ist ein Sprützen
Der jähen Brandung, die verdröhnt das Ohr.
Es war schon Nacht, und Faustus schaut hinab
Als er gewahret auf der Felsen Zacken
Ein Leiche die gefunden hier ihr Grab.
Er kennt den Leib und kennt den Locken-Nacken
Der hier sich brach, er sieht es und erschrickt,
“O du,” begann er; “liegest hier zertrümmert,
Dem, wie du meinst, die Göttin zugeblicke
Dem himmlischer Erhörung Strahl geschimmert,
Du liegst am Fels zerschmettert und zerstückt,
Hier hast du die Entzückung ausgewimmert! —
O! so verwirrt das himmlische Erhören
Ist’s auch nur Lug und Trug und Teufelschein
Wir tragens nicht; wir müssen uns zerstören,
Und in den Abgrund stürzen wir hinein!
Es macht uns trunken, o! es macht verrückt,
Und es verführet uns in Nacht und Tod,
Da liegt er an dem Felsen, liegt zerstückt,
Der arme Knab’, der Meeresraben Brot.
Und so verstummt sein göttliches Entzücken,
So schweiget der Begeist’rung Flammengluth:
Wie jauchzt er hin! da liegt auf dem Rücken,
Und aus dem Mund wäscht ihm das Meer sein Blut.
Verfluchter Teufel! deine nächt’ge Jagd,
Hat mir das arme Kind zu nicht gemacht!”
Mephisto lacht: doch Faust blickt wild und stier,
Und drauf faßt’s ihm mit rasender Begier,
Er greift den dürren Teufel bei dem Schooß
Und schleudert nieder ihn zum Meerestoß. —
Drauf steht er einen Augenblick allein;
Doch bald stellt sich Mephisto wieder ein,
“Ich danke dir,” spricht er mit höhn’schem Munde:
“Ein Bad bekömmt gar gut zur Abendstunde.”
Sie schwiegen beid’, als Faustus drauf begann,
“Du sage mir! wie hat es sich gebühret,
Daß in der Nacht als ich Lucretien gewann,
Und sie zu schlimmer Sünde mir verführet;
Der da geahndet, was sich würd’ begeben,
Zum Garten kam und mich mit ihr entdeckte.”
Mephisto gähnte, daß sich Faust erschreckte
Und sprach: “das hat der Teufel ihm eingegeben.”
———
So schwiegen sie, und stierten in die Nacht,
Und in das finstre Meer, als wie man schauet
In ein hinsterbend Feuer ohn’ Bedacht,
Und so gedankenlos daß einem grauet. —
Im Abgrund drunten, in dem Trümmergrabe
Kämpft um des Jünglings starre, düstre Leiche
Mit weißer Wog der schwarze Rabe.
Dazu erstrahlt mit geisterhafter Bleiche
Das kranke, sieche Mondes Angesicht.
Ein so wahnsinnig Zucken in den Zügen,
Als trüg’ er seine Phantasieen nicht
Und müßte schier dem irren Wahn erliegen.
Die beiden schwiegen, stierten in die Nacht,
Es wird jetzt lauter: wilder wird der Hauch
Der Brise, daß die schäum’ge Woge kracht,
Und ungeberdig flieht der Wolke Rauch.