Am Weidenbusch im stillen Dämmerthal
Geht Faust am schwülen Abend ganz alleine
Verfunken ernst in seiner Leiden Qual,
Verdumpfet und erstarret wie zum Steine.
Am Felsengipfel flammen stumme Blitze,
Aus schwarzen, schweren Wolken angefacht,
Der Gießbach fällt aus wild geborstner Ritze,
Und murmelnd schwätzt die Weide in die Nacht.
Im Grase drüben weiden dunkle Pferde,
Ihr Hirte streicht den Hund beim Laubwerkfeur.
“Ach wie!” spricht Faust und stampfet auf die Erde,
“Wie graut mir vor dem Höllenungeheuer!
Wie lockt er mich! Verflucht sei diese Gluth,
Die er in meiner Brust zu zünden wußte,
Der list’ge Bube kannte mich zu gut,
Und war’s gewiß, daß ich ihm folgen mußte
Wie war die Nacht so wild verführerisch
Und reizend lag im Mondenschein die Welt,
Ein Wollufthauch umfing mich köstlich frisch:
Mein einsam Leben war mir gleich vergällt —
Verflucht sei mir die ungeheure Nacht,
Verflucht der träumerisch milde Mondenschein,
Der Sünde Fluch, des Teufels Macht,
Verflucht dies schwanke menschliche Gebein!
Mir pocht das Herz, es wird mir dumpf zu Sinnen,
Und meine thränenlosen Augen glühn,
Ich muß der schauderhaften That entrinnen,
Ich muß in dieser Nacht entfliehen!
Er sprichts und deckt die Augen mit der Hand,
Da flammt blitzhell ein Bündel Laub empor,
Sein wüster Schatten färbt sich auf dem Land,
Und rings der schwanken Bäume nächt’ger Chor.
Sein wildes Denken treibt ihn ab und auf,
Er athmet rasch, da scheint’s ihn wild zu fassen,
Zur Wiese nimmt er seinen Lauf,
Wo um den Hirten her die Pferde fraßen.
Er schwingt sich auf ein Roß mit Sturmesschnell
Ob sich’s auch bäumt, fest hält er in den Mähnen:
Den großen Hund hetzt nun der Hirte schnell,
Das schwarze Thier mit blendend weißen Zähnen,
Der heult und hascht, das Pferd jagt wild davon,
Der Hund ist auf dem Tritte hinterdran.
Von ferne rauscht des Donners dumpfer Ton,
Doch nichts erschrekt den Reitersmann.
Die Mähne wirbelt, seine Haare fliegen
Jetzt sprengt er wild den Fels hinan,
Den kaum ein kund’ger Ziegenhirt erstiegen,
Er spornet blutig, und es ist gethan. —
Fort saust es auf dem steilen Felsenrücken,
An dessen Fuß der Gießbach wild entbrennt, —
Der Hund verschwand — da fühlt er ihn umdrücken
Zween magre Arme, welche wohl er kennt.
Er kennt die Finger, die ihn so umkrallen,
“Weh mir!” ruft er: “er ist’s der grause Wicht,
“Hinfort! Hinfort!” und seine Sporen fallen
Dem Gaul ins Fleisch mit eisernem Gewicht,
Die Wolke fliegt, die Mähre stürzt dahin.
Allein Mephisto weiß so fest zu sitzen,
Das rothe Mäntlein sieht man glühn,
Es schwirrt die Feder auf der gelben Mützen;
Da fehlt das Roß, geblendet von den Blitzen.
Es fällt und stürzt hinab die Felsenwand,
Es überschlägt sich und die Wellen sprützen
Hoch über Faustus und den Höllenbrand. —
Die Fluth reißt wild das Pferd von Fall zu Fall,
Die beiden stehn geborgen auf dem Stein.
“Ihr wilder Doktor, Teufel noch einmal,
Wohin so toll? Kaum holt’ ich euch noch ein!
Dankt mir’s, daß ich en croupe bin aufgestiegen,
Sonst würd’t zerschmettert ihr im Trümmergrunde liegen.”
Faust seufzet tief in Traurigkeit
Und ringet aus das schwer durchnäßte Kleid.
Der Sturm tos’t fort, die Blitze werden dichter,
Vielfält’ger Donner tönt den Blitzen nach;
“Schneid’ mir nur nicht so gräßliche Gesichter,”
Spricht der: “und suchen wir ein heimlich Dach!”
Sie kam’n zu einer Hütte, die im Grunde
Am einem dunklen Röhrichtteiche liegt;
Im kleinen Fenster glänzt um diese Stunde
Ein matter Strahl, der sich im Teiche wiegt,
Mit grasser Blitze hohem Widerscheine —
Der Donner brüllt, und wie sie näher treten,
Gewahren sie bei einer Lampe Scheine
Zwei junge Mädchen, welche innig beten.
Das bunte Heiligenbild klebt an der Thür,
Marias Bild mit goldner Gloria,
Bestaubt, geschwärzt vom Rauch, ohn’ alle Zier,
Die beiden liegen tiefer Andacht da.
Und wenn die Blitze sengend niederglühen,
Dann zucken sie entsetzlich zum Erbarmen,
Und heben sich empor auf ihren Knieen,
Als wollten sie das heilige Weib umarmen. —
Wie eifrig murmelte ihr süßer Mund;
Wie fieb’risch greift zum Küglein ihre Hand,
Wie seufzen innig sie aus Herzens Grund,
Daß im Gebet der Athem schier entschwand. —
Zerrollet ist der Locken reiche Fluth,
Zum holden Busen wallt sie frei hernieder,
Ihr Aug’ blickt wirr in ihrer Andacht Gluth,
Die jeder Donner neu erreget wieder. —
“Sieh!” flüstert Faust, der unverwandt geblicket
Ins Fensterlein, “das wäre meine Wahl!
diese hier, wie hat sie mich berücket,
Die hierher kniet, am Lid das dunkle Maal!
Wie schwärmt der holde Blick in lichten Flammen,
Und senkt sich dann so still bescheidentlich.
Die Wimpern schließen friedlich sich zusammen,
Sie übergiebt der milden Göttin sich! —
Ja! Die ist schön! Ich fühl’s, daß ich sie ehre,
O schau! Wie sie die weiße Hand zerringt;
Nun komm! Nun komm! Daß ich nicht mehr begehre,
Und mir der tolle Busen nicht zerspringt!”
“Wollt ihr sie Doktor, ‘s ist zwar nicht Kleinigkeit,
Ich scheue das Gepinsel an der Thür;
Doch bin zu allem euch ich gern bereit,
Sobald’s nur thunlich ist und mit Manier!”
Faust schweigt; sein Herz pocht laut und ungestüm,
Er schaut das Mädchen starren Blickes an,
Und seufzet tief; nun lacht das Ungethüm,
“Nur nicht so toll: sollt ja die Dirne ha’n!
Da gehe drüben auf die Felsenplatte,
Und warte bis ich komme mit dem Mädel;
Doch daß dich nicht die Langweil’ ermatte,
Nimm mit dir diesen schönen frischen Schädel!
Er ist der mein’ nach aller forma juris,
Ich schlepp, ihn eine Weile schon herum,
Ihr präparirt den nervus facialis,
Dazu meintwegen den Trigeminum!
“Nein,” redet Faust, “heut laß den Schädel sein,
“Im Herzen lebet mir das holde Bild
Der schönen Betenden: von Lust und Pein
Ist meiner Seele tiefster Grund erfüllt!
O könnt’ ich wie das holde Mädchen büßen!”
Er spricht’s und steigt zum Felsgeröll,
Die Hütte liegt zu seinen Füßen,
Und drum herum hinkt nun der Teufel schnell —
Faust senkt den Kopf und spielt in seinen Träumen,
Ihm hats die schöne Büß’rinn angethan,
Er weilt mit ihr in lieblich klaren Räumen,
Ihr Athem wehet seine Wangen an.
Da tönt ein wüst Geräusch im Felsenthal,
Er schaut hinab: die Hütte steht in Brand;
Im finstern Teiche spiegelt sich der Strahl
Der Flamme, die hoch auf gewandt.
Dann beugt sie sich des Sturmes wilder Last,
Der schwer und ungeheuer auf ihr wieget;
Bald an der glüh’nden Wurzel sie erfaßt,
Bald rechts und links von oben sie zerbieget —
Die Ziegen blöken und ein bänglich Schrei’n
Von Menschenstimmen hört er matt erklingen;
Er schauert: angstvoll zittert sein Gebein;
Nicht all das kann er niederringen;
Unmächtig seiner Sinne sinkt er nieder,
Wenn auch noch lohe Blitze schießen,
Die Flammen fast bis an den Fuß ihm sprießen,
Und wilder Donner hallt von jedem Berge wieder. —
Als Faust erwacht am Morgen trüb und kalt,
Find’t er nicht mehr sich auf der Felsenplatte,
Er ist in einem wilden Fichtenwald,
Den er noch nie zuvor gesehen hatte.
Mephisto kauert wachend dicht daneben,
Noch häßlicher sieht er heut Morgen aus. —
Er ist verdrüßlich: ungeheuer heben
Die schwell’nden Lippen sich in Hohn und Graus.
Der, ob vor Kälte schaudernd, spricht
“Und nun, wo ist die schöne Magd?
Was du versprachst, du hältst es nicht,
Und warst doch gar so eifrig auf der Jagd!”
“O frag mich nicht,” sagt jener mit Verdruß
“Für diesmal ist das Wildpret mir entgangen, —
Zum wenigsten ward mir doch der Genuß,
Daß sie im Teich ersoffen, diese Rangen! —
Doch laß nur das, laß die verfluchte Dirne,
Mein Wort, daß ich dich reichlich schadlos halt’:
Drauf trink den Becher hier von edler Firne
S’ist diesen Morgen gar so höllisch kalt!”