Fatto ha del cimiterio mio cloaca.«

Ohne Leonardos Affekthemmung hätte die Eintragung im Tagebuch etwa

lauten können: Heute um 7 Uhr starb mein Vater, Ser Piero da Vinci,

mein armer Vater! Aber die Verschiebung der Perseveration auf die

gleichgültigste Bestimmung der Todesnachricht, auf die Sterbestunde,

raubt der Notiz jedes Pathos und läßt uns gerade noch erkennen, daß

hier etwas zu verbergen und zu unterdrücken war.

Ser Piero da Vinci, Notar und Abkömmling von Notaren, war ein Mann von

großer Lebenskraft, der es zu Ansehen und Wohlstand brachte. Er war

viermal verheiratet, die beiden ersten Frauen starben ihm kinderlos

weg, erst von der dritten erzielte er 1476 den ersten legitimen Sohn,

als Leonardo bereits 24 Jahre alt war und das Vaterhaus längst gegen

das Atelier seines Meisters Verrocchio vertauscht hatte; mit der

vierten und letzten Frau, die er bereits als Fünfziger geheiratet

hatte, zeugte er noch neun Söhne und zwei Töchter.[69]

Gewiß ist auch dieser Vater für die psychosexuelle Entwicklung

Leonardos bedeutsam geworden, und zwar nicht nur negativ, durch

seinen Wegfall in den ersten Kinderjahren des Knaben, sondern auch

unmittelbar durch seine Gegenwart in dessen späterer Kindheit. Wer

als Kind die Mutter begehrt, der kann es nicht vermeiden, sich an die

Stelle des Vaters setzen zu wollen, sich in seiner Phantasie mit ihm

zu identifizieren und später seine Überwindung zur Lebensaufgabe zu

machen. Als Leonardo, noch nicht fünf Jahre alt, ins großväterliche

Haus aufgenommen wurde, trat gewiß die junge Stiefmutter Albiera an

die Stelle seiner Mutter in seinem Fühlen, und er kam in jenes normal

zu nennende Rivalitätsverhältnis zum Vater. Die Entscheidung zur

Homosexualität tritt bekanntlich erst in der Nähe der Pubertätsjahre

auf. Als diese für Leonardo gefallen war, verlor die Identifizierung

mit dem Vater jede Bedeutung für sein Sexualleben, setzte sich aber

auf anderen Gebieten von nicht erotischer Betätigung fort. Wir hören,

daß er Prunk und schöne Kleider liebte, sich Diener und Pferde hielt,

obwohl er nach ~Vasaris~ Worten »fast nichts besaß und wenig

arbeitete«; wir werden nicht allein seinen Schönheitssinn für diese

Vorlieben verantwortlich machen, wir erkennen in ihnen auch den Zwang,

den Vater zu kopieren und zu übertreffen. Der Vater war gegen das

arme Bauernmädchen der vornehme Herr gewesen, daher verblieb in dem

Sohne der Stachel, auch den vornehmen Herrn zu spielen, der Drang

»to out-herod Herod,« dem Vater vorzuhalten, wie erst die richtige

Vornehmheit aussehe.

Wer als Künstler schafft, der fühlt sich gegen seine Werke gewiß als

Vater. Für Leonardos Schaffen als Maler hatte die Identifizierung mit

dem Vater eine verhängnisvolle Folge. Er schuf sie und kümmerte sich

nicht mehr um sie, wie sein Vater sich nicht um ihn bekümmert hatte.

Die spätere Sorge des Vaters konnte an diesem Zwange nichts ändern,

denn dieser leitete sich von den Eindrücken der ersten Kinderjahre ab,

und das unbewußt gebliebene Verdrängte ist unkorrigierbar durch spätere

Erfahrungen.

Zur Zeit der Renaissance bedurfte jeder Künstler -- wie auch noch

viel später -- eines hohen Herrn und Gönners, eines Padrone, der ihm

Aufträge gab, in dessen Händen sein Schicksal ruhte. Leonardo fand

seinen Padrone in dem hochstrebenden, prachtliebenden, diplomatisch

verschlagenen, aber unsteten und unverläßlichen ~Lodovico Sforza~,

zubenannt: il ~Moro~. An seinem Hofe in Mailand verbrachte er

die glänzendste Zeit seines Lebens, in seinen Diensten entfaltete er

am ungehemmtesten die Schaffenskraft, von der das Abendmahl und das

Reiterstandbild des Francesco Sforza Zeugnis ablegten. Er verließ

Mailand, ehe die Katastrophe über Lodovico Moro hereinbrach, der als

Gefangener in einem französischen Kerker starb. Als die Nachricht

vom Schicksal seines Gönners Leonardo erreichte, schrieb er in sein

Tagebuch: »Der Herzog verlor sein Land, seinen Besitz, seine Freiheit,

und keines der Werke, die er unternommen, wurde zu Ende geführt.«[70]

Es ist merkwürdig und gewiß nicht bedeutungslos, daß er hier gegen

seinen Padrone den nämlichen Vorwurf erhob, den die Nachwelt gegen

ihn wenden sollte, als wollte er eine Person aus der Vaterreihe dafür

verantwortlich machen, daß er selbst seine Werke unvollendet ließ. In

Wirklichkeit hatte er auch gegen den Herzog nicht Unrecht.

Aber wenn die Nachahmung des Vaters ihn als Künstler schädigte, so

war die Auflehnung gegen den Vater die infantile Bedingung seiner

vielleicht ebenso großartigen Leistung als Forscher. Er glich, nach

dem schönen Gleichnis ~Mereschkowskis~, einem Menschen, der in

der Finsternis zu früh erwacht war, während die anderen noch alle

schliefen.[71] Er wagte es, den kühnen Satz auszusprechen, der doch

die Rechtfertigung jeder freien Forschung enthält: ~Wer im Streite

der Meinungen sich auf die Autorität beruft, der arbeitet mit seinem

Gedächtnis, anstatt mit seinem Verstand.~[72] So wurde er der erste

moderne Naturforscher, und eine Fülle von Erkenntnissen und Ahnungen

belohnte seinen Mut, seit den Zeiten der Griechen als der erste,

nur auf Beobachtung und eigenes Urteil gestützt, an die Geheimnisse

der Natur zu rühren. Aber wenn er die Autorität geringschätzen und

die Nachahmung der »Alten« verwerfen lehrte und immer wieder auf

das Studium der Natur als auf die Quelle aller Wahrheit hinwies,

so wiederholte er nur in der höchsten, dem Menschen erreichbaren

Sublimierung die Parteinahme, die sich bereits dem kleinen,

verwundert in die Welt blickenden Knaben aufgedrängt hatte. Aus der

wissenschaftlichen Abstraktion in die konkrete individuelle Erfahrung

rückübersetzt, entsprachen die Alten und die Autorität doch nur dem

Vater, und die Natur wurde wieder die zärtliche, gütige Mutter, die ihn

genährt hatte. Während bei den meisten anderen Menschenkindern -- auch

noch heute wie in Urzeiten -- das Bedürfnis nach dem Anhalt an irgend

einer Autorität so gebieterisch ist, daß ihnen die Welt ins Wanken

gerät, wenn diese Autorität bedroht wird, konnte Leonardo allein dieser

Stütze entbehren; er hätte es nicht können, wenn er nicht in den ersten

Lebensjahren gelernt hätte, auf den Vater zu verzichten. Die Kühnheit

und Unabhängigkeit seiner späteren wissenschaftlichen Forschung setzt

die vom Vater ungehemmte infantile Sexualforschung voraus und setzt sie

unter Abwendung vom Sexuellen fort.

Wenn jemand wie Leonardo in seiner Kindheit der Einschüchterung durch

den Vater entgangen ist und in seiner Forschung die Fesseln der

Autorität abgeworfen hat, so wäre es der grellste Widerspruch gegen

unsere Erwartung, wenn wir fänden, daß derselbe Mann ein Gläubiger

geblieben ist und es nicht vermocht hat, sich der dogmatischen Religion

zu entziehen. Die Psychoanalyse hat uns den intimen Zusammenhang

zwischen dem Vaterkomplex und der Gottesgläubigkeit kennen gelehrt,

hat uns gezeigt, daß der persönliche Gott psychologisch nichts

anderes ist als ein erhöhter Vater, und führt uns täglich vor

Augen, wie jugendliche Personen den religiösen Glauben verlieren,

sobald die Autorität des Vaters bei ihnen zusammenbricht. Im

Elternkomplex erkennen wir so die Wurzel des religiösen Bedürfnisses;

der allmächtige, gerechte Gott und die gütige Natur erscheinen uns

als großartige Sublimierungen von Vater und Mutter, vielmehr als

Erneuerungen und Wiederherstellungen der frühkindlichen Vorstellungen

von beiden. Die Religiosität führt sich biologisch auf die lang

anhaltende Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit des kleinen

Menschenkindes zurück, welches, wenn es später seine wirkliche

Verlassenheit und Schwäche gegen die großen Mächte des Lebens

erkannt hat, seine Lage ähnlich wie in der Kindheit empfindet und

deren Trostlosigkeit durch die regressive Erneuerung der infantilen

Schutzmächte zu verleugnen sucht.

Es scheint nicht, daß das Beispiel Leonardos diese Auffassung der

religiösen Gläubigkeit des Irrtums überführen könnte. Anklagen, die ihn

des Unglaubens, oder, was jener Zeit ebensoviel hieß, des Abfalles vom

Christenglauben beschuldigten, regten sich bereits zu seinen Lebzeiten

und haben in der ersten Lebensbeschreibung, die ~Vasari~ von ihm

gab, einen bestimmten Ausdruck gefunden.[73] In der zweiten Ausgabe

seiner Vite 1568 hat ~Vasari~ diese Bemerkungen weggelassen.

Uns ist es vollkommen begreiflich, wenn Leonardo angesichts der

außerordentlichen Empfindlichkeit seines Zeitalters in religiösen

Dingen sich direkter Äußerungen über seine Stellung zum Christentum

auch in seinen Aufzeichnungen enthielt. Als Forscher ließ er sich

durch die Schöpfungsberichte der Heiligen Schrift nicht im mindesten

beirren; er bestritt z. B. die Möglichkeit einer universellen Sündflut

und rechnete in der Geologie ebenso unbedenklich wie die Modernen mit

Jahrhunderttausenden.

Unter seinen »Prophezeiungen« finden sich so manche, die das Feingefühl

eines gläubigen Christen beleidigen müßten, z. B.:[74] Die Bilder der

Heiligen angebetet.

»Es werden die Menschen mit Menschen reden, die nichts vernehmen,

welche die Augen offen haben und nicht sehen; sie werden zu diesen

reden und keine Antwort bekommen; sie werden Gnaden erbitten von dem,

welcher Ohren hat und nicht hört; sie werden Lichter anzünden für den,

der blind ist.«

Oder: Vom Klagen am Karfreitag (p. 297).

»In allen Teilen Europas wird von großen Völkerschaften geweint werden

um den Tod eines einzigen Mannes, der im Orient gestorben.«

Von Leonardos Kunst hat man geurteilt, daß er den heiligen Gestalten

den letzten Rest kirchlicher Gebundenheit benahm und sie ins

Menschliche zog, um große und schöne menschliche Empfindungen an ihnen

darzustellen. ~Muther~ rühmt von ihm, daß er die Dekadenzstimmung

überwand und den Menschen das Recht auf Sinnlichkeit und frohen

Lebensgenuß wiedergab. In den Aufzeichnungen, welche Leonardo in die

Ergründung der großen Naturrätsel vertieft zeigen, fehlt es nicht an

Äußerungen der Bewunderung für den Schöpfer, den letzten Grund all

dieser herrlichen Geheimnisse, aber nichts deutet darauf hin, daß er

eine persönliche Beziehung zu dieser Gottesmacht festhalten wollte.

Die Sätze, in welche er die tiefe Weisheit seiner letzten Lebensjahre

gelegt hat, atmen die Resignation des Menschen, der sich der ᾿Αναγκη,

den Gesetzen der Natur, unterwirft und von der Güte oder Gnade

Gottes keine Milderung erwartet. Es ist kaum ein Zweifel, daß Leonardo

die dogmatische wie die persönliche Religion überwunden und sich durch

seine Forscherarbeit weit von der Weltanschauung des gläubigen Christen

entfernt hatte.

Aus unseren vorhin erwähnten Einsichten in die Entwicklung des

kindlichen Seelenlebens wird uns die Annahme nahe gelegt, daß auch

Leonardos erste Forschungen im Kindesalter sich mit den Problemen

der Sexualität beschäftigten. Er verrät es uns aber selbst in

durchsichtiger Verhüllung, indem er seinen Forscherdrang an die

Geierphantasie knüpft und das Problem des Vogelfluges als eines

hervorhebt, das ihm durch besondere Schicksalsverkettung zur

Bearbeitung zugefallen sei. Eine recht dunkle, wie eine Prophezeiung

klingende Stelle in seinen Aufzeichnungen, die den Vogelflug behandeln,

bezeugt aufs Schönste, mit wie viel Affektinteresse er an dem Wunsche

hing, die Kunst des Fliegens selbst nachahmen zu können: »Es wird

seinen ersten Flug nehmen der große Vogel, vom Rücken seines großen

Schwanes aus, das Universum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem

Ruhme füllen und ewige Glorie sein dem Neste, wo er geboren ward.«[75]

Er hoffte wahrscheinlich, selbst einmal fliegen zu können, und wir

wissen aus den wunscherfüllenden Träumen der Menschen, welche Seligkeit

man sich von der Erfüllung dieser Hoffnung erwartet.

Warum träumen aber so viele Menschen vom Fliegenkönnen? Die

Psychoanalyse gibt hierauf die Antwort, weil das Fliegen oder Vogel

sein, nur die Verhüllung eines anderen Wunsches ist, zu dessen

Erkennung mehr als eine sprachliche und sachliche Brücke führt.

Wenn man der wißbegierigen Jugend erzählt, ein großer Vogel, wie

der Storch, bringe die kleinen Kinder, wenn die Alten den Phallus

geflügelt gebildet haben, wenn die gebräuchlichste Bezeichnung der

Geschlechtstätigkeit des Mannes im Deutschen »vögeln« lautet, das

Glied des Mannes bei den Italienern direkt l'uccello (Vogel) heißt,

so sind das nur kleine Bruchstücke aus einem großen Zusammenhange,

der uns lehrt, daß der Wunsch, fliegen zu können, im Traume nichts

anderes bedeutet als die Sehnsucht, geschlechtlicher Leistungen fähig

zu sein. Es ist dies ein frühinfantiler Wunsch. Wenn der Erwachsene

seiner Kindheit gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit,

in der man sich des Augenblickes freute und wunschlos der Zukunft

entgegenging, und darum beneidet er die Kinder. Aber die Kinder selbst,

wenn sie darüber Auskunft geben könnten, würden wahrscheinlich anderes

berichten. Es scheint, daß die Kindheit nicht jenes selige Idyll ist,

zu dem wir es nachträglich entstellen, daß die Kinder vielmehr von

dem einen Wunsch, groß zu werden, es den Erwachsenen gleich zu tun,

durch die Jahre der Kindheit gepeitscht werden. Dieser Wunsch treibt

alle ihre Spiele. Ahnen die Kinder im Verlaufe ihrer Sexualforschung,

daß der Erwachsene auf dem einen rätselvollen und doch so wichtigen

Gebiete etwas Großartiges kann, was ihnen zu wissen und zu tun versagt

ist, so regt sich in ihnen ein ungestümer Wunsch, dasselbe zu können,

und sie träumen davon in der Form des Fliegens oder bereiten diese

Einkleidung des Wunsches für ihre späteren Flugträume vor. So hat also

auch die Aviatik, die in unseren Zeiten endlich ihr Ziel erreicht, ihre

infantile erotische Wurzel.

Indem uns Leonardo eingesteht, daß er zu dem Problem des Fliegens

von Kindheit an eine besondere persönliche Beziehung verspürt hat,

bestätigt er uns, daß seine Kinderforschung auf Sexuelles gerichtet

war, wie wir es nach unseren Untersuchungen an den Kindern unserer

Zeit vermuten mußten. Dies eine Problem wenigstens hatte sich der

Verdrängung entzogen, die ihn später der Sexualität entfremdete; von

den Kinderjahren an bis in die Zeit der vollsten intellektuellen

Reife war ihm das nämliche mit leichter Sinnesabänderung interessant

geblieben, und es ist sehr wohl möglich, daß ihm die gewünschte Kunst

im primären sexuellen Sinne ebensowenig gelang wie im mechanischen, daß

beide für ihn versagte Wünsche blieben.

Der große Leonardo blieb überhaupt sein ganzes Leben über in manchen

Stücken kindlich; man sagt, daß alle großen Männer etwas Infantiles

bewahren müssen. Er spielte auch als Erwachsener weiter und wurde auch

dadurch manchmal seinen Zeitgenossen unheimlich und unbegreiflich.

Wenn er zu höfischen Festlichkeiten und feierlichen Empfängen die

kunstvollsten mechanischen Spielereien verfertigte, so sind nur

wir damit unzufrieden, die den Meister nicht gern seine Kraft an

solchen Tand wenden sehen; er selbst scheint sich nicht ungern mit

diesen Dingen abgegeben zu haben, denn ~Vasari~ berichtet, daß

er ähnliches machte, wo kein Auftrag ihn dazu nötigte: »Dort (in

Rom) verfertigte er einen Teig von Wachs und formte daraus, wenn er

fließend war, sehr zarte Tiere, mit Luft gefüllt; blies er hinein,

so flogen sie, war die Luft heraus, so fielen sie zur Erde. Einer

seltsamen Eidechse, welche der Winzer von Belvedere fand, machte er

Flügel aus der abgezogenen Haut anderer Eidechsen, welche er mit

Quecksilber füllte, so daß sie sich bewegten und zitterten, wenn sie

ging; sodann machte er ihr Augen, Bart und Hörner, zähmte sie, tat sie

in eine Schachtel und jagte alle seine Freunde damit in Furcht.«[76]

Oft dienten ihm solche Spielereien zum Ausdruck inhaltschwerer

Gedanken: »Oftmals ließ er die Därme eines Hammels so fein ausputzen,

daß man sie in der hohlen Hand hätte halten können; diese trug er

in ein großes Zimmer, brachte in eine anstoßende Stube ein paar

Schmiedeblasebälge, befestigte daran die Därme und blies sie auf, bis

sie das ganze Zimmer einnahmen und man in eine Ecke flüchten mußte,

so zeigte er, wie sie allmählich durchsichtig und von Luft erfüllt

wurden, und indem sie anfangs auf einen kleinen Platz beschränkt sich

mehr und mehr in den weiten Raum ausbreiteten, verglich er sie dem

Genie.«[77] Dieselbe spielerische Lust am harmlosen Verbergen und

kunstvollen Einkleiden bezeugen seine Fabeln und Rätsel, letztere in

die Form von »Prophezeiungen« gebracht, fast alle gedankenreich und in

bemerkenswertem Maße des Witzes entbehrend.

Die Spiele und Sprünge, die Leonardo seiner Phantasie gestattete, haben

in einigen Fällen seine Biographen, die diesen Charakter verkannten, in

argen Irrtum gebracht. In den Mailänder Manuskripten Leonardos finden

sich z. B. Entwürfe zu Briefen an den »Diodario von Sorio (Syrien),

Statthalter des heiligen Sultan von Babylonia«, in denen Leonardo sich

als Ingenieur einführt, der in diese Gegenden des Orients geschickt

wurde, um gewisse Arbeiten auszuführen, sich gegen den Vorwurf der

Trägheit verteidigt, geographische Beschreibungen von Städten und

Bergen liefert und endlich ein großes Elementarereignis schildert, das

dort in Leonardos Anwesenheit vorgefallen ist.[78]

J. P. ~Richter~ hat im Jahre 1881 aus diesen Schriftstücken zu

beweisen gesucht, daß Leonardo wirklich im Dienste des Sultans von

Ägypten diese Reisebeobachtungen angestellt und selbst im Orient die

mohammedanische Religion angenommen habe. Dieser Aufenthalt sollte in

die Zeit vor 1483, also vor der Übersiedlung an den Hof des Herzogs von

Mailand fallen. Allein der Kritik anderer Autoren ist es nicht schwer

geworden, die Belege für die angebliche Orientreise Leonardos als das

zu erkennen, was sie in Wirklichkeit sind, phantastische Produktionen

des jugendlichen Künstlers, die er zu seiner eigenen Unterhaltung

schuf, in denen er vielleicht seine Wünsche, die Welt zu sehen und

Abenteuer zu erleben, zum Ausdruck brachte.

Ein Phantasiegebilde ist wahrscheinlich auch die »Academia Vinciana«,

deren Annahme auf dem Vorhandensein von fünf oder sechs höchst

künstlich verschlungenen Emblemen mit der Inschrift der Akademie

beruht. ~Vasari~ erwähnt diese Zeichnungen, aber nicht die

Akademie.[79] ~Müntz~, der ein solches Ornament auf den Deckel

seines großen Leonardowerkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an

die Realität einer »Academia Vinciana« glauben.

Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos in seinen

reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forschertätigkeit

einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung seiner

Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung kann uns

lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit losreißt, wer in seinen

Kinderzeiten die höchste, später nicht wieder erreichte, erotische

Seligkeit genossen hat.

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci · 第 11 / 14 题