Unter den Eintragungen in den Tagebüchern Leonardos findet sich eine,
die durch ihren bedeutsamen Inhalt und wegen eines winzigen formalen
Fehlers die Aufmerksamkeit des Lesers festhält:
Er schreibt im Juli 1504.
»Adi 9 di Luglio 1504 mercoledi a ore 7 mori Ser Piero da Vinci,
notalio al palazzo del Potestà, mio padre, a ore 7. Era d'età d'anni
80, lasciò 10 figlioli maschi e 2 femmine.«[66]
Die Notiz handelt also vom Tode des Vaters Leonardos. Die kleine Irrung
in ihrer Form besteht darin, daß die Zeitbestimmung »a ore 7« zweimal
wiederholt wird, als hätte Leonardo am Ende des Satzes vergessen, daß
er sie zu Anfang bereits hingeschrieben. Es ist nur eine Kleinigkeit,
aus der ein anderer als ein Psychoanalytiker nichts machen würde.
Vielleicht würde er sie nicht bemerken, und auf sie aufmerksam gemacht,
würde er sagen: Das kann in der Zerstreutheit oder im Affekt jedem
passieren und hat weiter keine Bedeutung.
Der Psychoanalytiker denkt anders; ihm ist nichts zu klein als Äußerung
verborgener seelischer Vorgänge; er hat längst gelernt, daß solches
Vergessen oder Wiederholen bedeutungsvoll ist, und daß man es der
»Zerstreutheit« danken muß, wenn sie den Verrat sonst verborgener
Regungen gestattet.
Wir werden sagen, auch diese Notiz entspricht, wie die Leichenrechnung
der Catarina, die Kostenrechnungen der Schüler, einem Falle, in dem
Leonardo die Unterdrückung seiner Affekte mißglückte und das lange
Verhohlene sich einen entstellten Ausdruck erzwang. Auch die Form
ist eine ähnliche, dieselbe pedantische Genauigkeit, die gleiche
Vordringlichkeit der Zahlen.[67]
Wir heißen eine solche Wiederholung eine Perseveration. Sie ist ein
ausgezeichnetes Hilfsmittel, um die affektive Betonung anzuzeigen.
Man denke z. B. an die Zornesrede des heiligen Petrus gegen seinen
unwürdigen Stellvertreter auf Erden in ~Dantes~ Paradiso:[68]
»Quegli ch'usurpa in terra il luogo mio
Il luogo mio, il luogo mio, che vaca
Nella presenza del Figliuol di Dio,