Es wäre vergeblich sich darüber zu täuschen, daß die Leser heute
alle Pathographie unschmackhaft finden. Die Ablehnung bekleidet
sich mit dem Vorwurf, bei einer pathographischen Bearbeitung eines
großen Mannes gelange man nie zum Verständnis seiner Bedeutung und
seiner Leistung; es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu
studieren, die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne.
Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als
Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie setzt sich
überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen Mannes verständlich
zu machen; man darf doch niemand zum Vorwurf machen, daß er etwas
nicht gehalten hat, was er niemals versprochen hatte. Die wirklichen
Motive des Widerstrebens sind andere. Man findet sie auf, wenn man in
Erwägung zieht, daß Biographen in ganz eigentümlicher Weise an ihren
Helden fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum Objekt ihrer Studien
gewählt, weil sie ihm aus Gründen ihres persönlichen Gefühlslebens
von vornherein eine besondere Affektion entgegenbrachten. Sie geben
sich dann einer Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt ist, den großen
Mann in die Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzutragen, etwa die
kindliche Vorstellung des Vaters in ihm neuzubeleben. Sie löschen
diesem Wunsche zuliebe die individuellen Züge in seiner Physiognomie
aus, glätten die Spuren seines Lebenskampfes mit inneren und äußeren
Widerständen, dulden an ihm keinen Rest von menschlicher Schwäche
oder Unvollkommenheit und geben uns dann wirklich eine kalte, fremde
Idealgestalt anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt verwandt fühlen
könnten. Es ist zu bedauern, daß sie dies tun, denn sie opfern damit
die Wahrheit einer Illusion und verzichten zu Gunsten ihrer infantilen
Phantasien auf die Gelegenheit, in die reizvollsten Geheimnisse der
menschlichen Natur einzudringen.[80]
Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitsliebe und seinem Wissensdrange
den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen Seltsamkeiten und Rätseln
seines Wesens die Bedingungen seiner seelischen und intellektuellen
Entwicklung zu erraten. Wir huldigen ihm, indem wir an ihm lernen.
Es beeinträchtigt seine Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren,
die seine Entwicklung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente
zusammentragen, die seiner Person den tragischen Zug des Mißglückens
eingeprägt haben.
Heben wir ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo niemals zu den
Neurotikern oder »Nervenkranken«, wie das ungeschickte Wort lautet,
gezählt haben. Wer sich darüber beklagt, daß wir es überhaupt wagen,
aus der Pathologie gewonnene Gesichtspunkte auf ihn anzuwenden, der
hält noch an Vorurteilen fest, die wir heute mit Recht aufgegeben
haben. Wir glauben nicht mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale
und Nervöse, scharf von einander zu sondern sind, und daß neurotische
Züge als Beweise einer allgemeinen Minderwertigkeit beurteilt werden
müssen. Wir wissen heute, daß die neurotischen Symptome Ersatzbildungen
für gewisse Verdrängungsleistungen sind, welche wir im Laufe
unserer Entwicklung vom Kinde bis zum Kulturmenschen zu vollbringen
haben, daß wir alle solche Ersatzbildungen produzieren, und daß nur
die Anzahl, Intensität und Verteilung dieser Ersatzbildungen den
praktischen Begriff des Krankseins und den Schluß auf konstitutionelle
Minderwertigkeit rechtfertigen. Nach den kleinen Anzeichen an Leonardos
Persönlichkeit dürfen wir ihn in die Nähe jenes neurotischen Typus
stellen, den wir als »Zwangstypus« bezeichnen, sein Forschen mit dem
»Grübelzwang« der Neurotiker, seine Hemmungen mit den sog. Abulien
derselben vergleichen.
Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen in Leonardos
Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätigkeit. Es ist uns
gestattet, zu diesem Zwecke zusammenzufassen, was wir über den Verlauf
seiner psychischen Entwicklung erraten konnten.
Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns versagt,
dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Umstände seiner Kindheit
eine tiefgreifende störende Wirkung ausüben. Seine illegitime Geburt
entzieht ihn bis vielleicht zum fünften Jahre dem Einflusse des Vaters
und überläßt ihn der zärtlichen Verführung einer Mutter, deren einziger
Trost er ist. Von ihr zur sexuellen Frühreife emporgeküßt, muß er
wohl in eine Phase infantiler Sexualbetätigung eingetreten sein, von
welcher nur eine einzige Äußerung sicher bezeugt ist, die Intensität
seiner infantilen Sexualforschung. Schau- und Wißtrieb werden durch
seine frühkindlichen Eindrücke am stärksten erregt; die erogene
Mundzone empfängt eine Betonung, die sie nie mehr abgibt. Aus dem
später gegenteiligen Verhalten, wie dem übergroßen Mitleid mit Tieren,
können wir schließen, daß es in dieser Kindheitsperiode an kräftigen
sadistischen Zügen nicht fehlte.
Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem kindlichen Übermaß
ein Ende und stellt die Dispositionen fest, die in den Jahren der
Pubertät zum Vorschein kommen werden. Die Abwendung von jeder
grobsinnlichen Betätigung wird das augenfälligste Ergebnis der
Umwandlung sein; Leonardo wird abstinent leben können und den Eindruck
eines asexuellen Menschen machen. Wenn die Fluten der Pubertätserregung
über den Knaben kommen, werden sie ihn aber nicht krank machen, indem
sie ihn zu kostspieligen und schädlichen Ersatzbildungen nötigen;
der größere Anteil der Bedürftigkeit des Geschlechtstriebes wird
sich Dank der frühzeitigen Bevorzugung der sexuellen Wißbegierde zu
allgemeinem Wissensdrang sublimieren können und so der Verdrängung
ausweichen. Ein weit geringerer Anteil der Libido wird sexuellen Zielen
zugewendet bleiben und das verkümmerte Geschlechtsleben des Erwachsenen
repräsentieren. Infolge der Verdrängung der Liebe zur Mutter wird
dieser Anteil in homosexuelle Einstellung gedrängt werden und sich
als ideelle Knabenliebe kundgeben. Im Unbewußten bleibt die Fixierung
an die Mutter und an die seligen Erinnerungen des Verkehres mit ihr
bewahrt, verharrt aber vorläufig in inaktivem Zustand. In solcher Weise
teilen sich Verdrängung, Fixierung und Sublimierung in die Verfügung
über die Beiträge, welche der Sexualtrieb zum Seelenleben Leonardos
leistet.
Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler, Maler und
Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen Begabung, die der
frühzeitigen Erweckung des Schautriebes in ersten Kinderjahren eine
Verstärkung schulden mag. Gerne würden wir angeben wollen, in welcher
Weise sich die künstlerische Betätigung auf die seelischen Urtriebe
zurückführt, wenn nicht gerade hier unsere Mittel versagen würden. Wir
bescheiden uns die kaum mehr zweifelhafte Tatsache hervorzuheben, daß
das Schaffen des Künstlers auch seinem sexuellen Begehren Ableitung
gibt, und für Leonardo auf die von ~Vasari~ übermittelte Nachricht
hinzuweisen, daß Köpfe von lächelnden Frauen und schönen Knaben, also
Darstellungen seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen
Versuchen auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo zunächst
ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußeren Lebensführung den
Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt er eine Zeit von männlicher
Schaffenskraft und künstlerischer Produktivität in Mailand, wo ihn die
Gunst des Schicksals im Herzog Lodovico Moro einen Vaterersatz finden
läßt. Aber bald bewährt sich an ihm die Erfahrung, daß die fast völlige
Unterdrückung des realen Sexuallebens nicht die günstigsten Bedingungen
für die Betätigung der sublimierten sexuellen Strebungen ergibt. Die
Vorbildlichkeit des Sexuallebens macht sich geltend, die Aktivität
und die Fähigkeit zu raschem Entschluß beginnen zu erlahmen, die
Neigung zum Erwägen und Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl
störend bemerkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der Technik das
Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht sich nun bei
ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen bei Neurotikern an die
Seite stellen kann. Die Pubertätsentfaltung seines Wesens zum Künstler
wird durch die frühinfantil bedingte zum Forscher überholt, die zweite
Sublimierung seiner erotischen Triebe tritt gegen die uranfängliche,
bei der ersten Verdrängung vorbereitete, zurück. Er wird zum Forscher,
zuerst noch im Dienste seiner Kunst, später unabhängig von ihr und von
ihr weg. Mit dem Verlust des den Vater ersetzenden Gönners und der
zunehmenden Verdüsterung im Leben greift diese regressive Ersetzung
immer mehr um sich. Er wird »impacientissimo al pennello«, wie ein
Korrespondent der Markgräfin Isabella d'Este berichtet, die durchaus
noch ein Bild von seiner Hand besitzen will.[81] Seine kindliche
Vergangenheit hat Macht über ihn bekommen. Das Forschen aber, das ihm
nun das künstlerische Schaffen ersetzt, scheint einige der Züge an
sich zu tragen, welche die Betätigung unbewußter Triebe kennzeichnen,
die Unersättlichkeit, die rücksichtslose Starrheit, den Mangel an
Fähigkeit, sich realen Verhältnissen anzupassen.
Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten fünfziger Jahren, zu einer
Zeit, da beim Weibe die Geschlechtscharaktere bereits rückgebildet
sind, beim Manne nicht selten die Libido noch einen energischen Vorstoß
wagt, kommt eine neue Wandlung über ihn. Noch tiefere Schichten
seines seelischen Inhaltes werden von neuem aktiv, aber diese weitere
Regression kommt seiner Kunst zu gute, die im Verkümmern war. Er
begegnet dem Weibe, welches die Erinnerung an das glückliche und
sinnlich verzückte Lächeln der Mutter bei ihm weckt, und unter dem
Einfluß dieser Erweckung gewinnt er den Antrieb wieder, der ihn zu
Beginn seiner künstlerischen Versuche, als er die lächelnden Frauen
bildete, geleitet. Er malt die Monna Lisa, die hl. Anna selbdritt
und die Reihe der geheimnisvollen, durch das rätselhafte Lächeln
ausgezeichneten Bilder. Mit Hilfe seiner urältesten erotischen Regungen
feiert er den Triumph, die Hemmung in seiner Kunst noch einmal zu
überwinden. Diese letzte Entwicklung verschwimmt für uns im Dunkel
des herannahenden Alters. Sein Intellekt hat sich noch vorher zu
den höchsten Leistungen einer seine Zeit weit hinter sich lassenden
Weltanschauung aufgeschwungen.
Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt, was zu einer
solchen Darstellung des Entwicklungsganges Leonardos, zu einer
derartigen Gliederung seines Lebens und Aufklärung seines Schwankens
zwischen Kunst und Wissenschaft berechtigen kann. Sollte ich mit diesen
Ausführungen auch bei Freunden und Kennern der Psychoanalyse das Urteil
hervorrufen, daß ich bloß einen psychoanalytischen Roman geschrieben
habe, so werde ich antworten, daß ich die Sicherheit dieser Ergebnisse
gewiß nicht überschätze. Ich bin wie Andere der Anziehung unterlegen,
die von diesem großen und rätselhaften Manne ausgeht, in dessen Wesen
man mächtige triebhafte Leidenschaften zu verspüren glaubt, die sich
doch nur so merkwürdig gedämpft äußern können.
Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben sein mag, wir
können von unserem Versuche, sie psychoanalytisch zu ergründen,
nicht eher ablassen, als bis wir eine andere Aufgabe erledigt
haben. Wir müssen ganz allgemein die Grenzen abstecken, welche der
Leistungsfähigkeit der Psychoanalyse in der Biographik gesetzt sind,
damit uns nicht jede unterbliebene Erklärung als ein Mißerfolg
ausgelegt werde. Der psychoanalytischen Untersuchung stehen als
Material die Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung, einerseits die
Zufälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse, anderseits die
berichteten Reaktionen des Individuums. Gestützt auf ihre Kenntnis
der psychischen Mechanismen sucht sie nun das Wesen des Individuums
aus seinen Reaktionen dynamisch zu ergründen, seine ursprünglichen
seelischen Triebkräfte aufzudecken sowie deren spätere Umwandlungen
und Entwicklungen. Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten der
Persönlichkeit durch das Zusammenwirken von Konstitution und Schicksal,
inneren Kräften und äußeren Mächten aufgeklärt. Wenn ein solches
Unternehmen, wie vielleicht im Falle Leonardos, keine gesicherten
Resultate ergibt, so liegt die Schuld nicht an der fehlerhaften oder
unzulänglichen Methodik der Psychoanalyse, sondern an der Unsicherheit
und Lückenhaftigkeit des Materials, welches die Überlieferung für
diese Person beistellt. Für das Mißglücken ist also nur der Autor
verantwortlich zu machen, der die Psychoanalyse genötigt hat, auf so
unzureichendes Material hin ein Gutachten abzugeben.
Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das historische Material
und bei gesichertster Handhabung der psychischen Mechanismen würde
eine psychoanalytische Untersuchung an zwei bedeutsamen Stellen die
Einsicht in die Notwendigkeit nicht ergeben können, daß das Individuum
nur so und nicht anders werden konnte. Wir haben bei Leonardo die
Ansicht vertreten müssen, daß die Zufälligkeit seiner illegitimen
Geburt und die Überzärtlichkeit seiner Mutter den entscheidendsten
Einfluß auf seine Charakterbildung und sein späteres Schicksal übten,
indem die nach dieser Kindheitsphase eintretende Sexualverdrängung
ihn zur Sublimierung der Libido in Wissensdrang veranlaßte und seine
sexuelle Inaktivität fürs ganze spätere Leben feststellte. Aber diese
Verdrängung nach den ersten erotischen Befriedigungen der Kindheit
hätte nicht eintreten müssen; sie wäre bei einem anderen Individuum
vielleicht nicht eingetreten oder wäre weit weniger ausgiebig
ausgefallen. Wir müssen hier einen Grad von Freiheit anerkennen, der
psychoanalytisch nicht mehr aufzulösen ist. Ebensowenig darf man den
Ausgang dieses Verdrängungsschubes als den einzig möglichen Ausgang
hinstellen wollen. Einer anderen Person wäre es wahrscheinlich
nicht geglückt, den Hauptanteil der Libido der Verdrängung durch
die Sublimierung zur Wißbegierde zu entziehen; unter den gleichen
Einwirkungen wie Leonardo hätte sie eine dauernde Beeinträchtigung
der Denkarbeit oder eine nicht zu bewältigende Disposition zur
Zwangsneurose davongetragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos
erübrigen also als unerklärbar durch psychoanalytische Bemühung: seine
ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen und seine außerordentliche
Fähigkeit zur Sublimierung der primitiven Triebe.
Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das die Psychoanalyse
erkennen kann. Von da an räumt sie der biologischen Forschung den
Platz. Verdrängungsneigung sowie Sublimierungsfähigkeit sind wir
genötigt, auf die organischen Grundlagen des Charakters zurückzuführen,
über welche erst sich das seelische Gebäude erhebt. Da die
künstlerische Begabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimierung
innig zusammenhängt, müssen wir zugestehen, daß auch das Wesen der
künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch unzugänglich ist.
Die biologische Forschung unserer Zeit neigt dazu, die Hauptzüge
der organischen Konstitution eines Menschen durch die Vermengung
männlicher und weiblicher Anlagen im stofflichen Sinne zu erklären;
die Körperschönheit wie die Linkshändigkeit Leonardos gestatteten
hier manche Anlehnung. Doch wir wollen den Boden rein psychologischer
Forschung nicht verlassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis des
Zusammenhanges zwischen äußeren Erlebnissen und Reaktionen der Person
über den Weg der Triebbetätigung. Wenn uns die Psychoanalyse auch die
Tatsache der Künstlerschaft Leonardos nicht aufklärt, so macht sie uns
doch die Äußerungen und die Einschränkungen derselben verständlich.
Scheint es doch, als hätte nur ein Mann mit den Kindheitserlebnissen
Leonardos die Monna Lisa und die heilige Anna selbdritt malen, seinen
Werken jenes traurige Schicksal bereiten und so unerhörten Aufschwung
als Naturforscher nehmen können, als läge der Schlüssel zu all seinen
Leistungen und seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie vom Geier
verborgen.
Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen einer
Untersuchung, welche den Zufälligkeiten der Elternkonstellation einen
so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal eines Menschen einräumt,
das Schicksal Leonardos z. B. von seiner illegitimen Geburt und der
Unfruchtbarkeit seiner ersten Stiefmutter Donna Albiera abhängig
macht? Ich glaube, man hat kein Recht dazu; wenn man den Zufall für
unwürdig hält, über unser Schicksal zu entscheiden, ist es bloß ein
Rückfall in die fromme Weltanschauung, deren Überwindung Leonardo
selbst vorbereitete, als er niederschrieb, die Sonne bewege sich
nicht. Wir sind natürlich gekränkt darüber, daß ein gerechter Gott und
eine gütige Vorsehung uns nicht besser vor solchen Einwirkungen in
unserer wehrlosesten Lebenszeit behüten. Wir vergessen dabei gern, daß
eigentlich alles an unserem Leben Zufall ist, von unserer Entstehung
an durch das Zusammentreffen von Spermatozoon und Ei, Zufall, der
darum doch an der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit der Natur seinen
Anteil hat, bloß der Beziehung zu unseren Wünschen und Illusionen
entbehrt. Die Aufteilung unserer Lebensdeterminierung zwischen den
»Notwendigkeiten« unserer Konstitution und den »Zufälligkeiten« unserer
Kindheit mag im einzelnen noch ungesichert sein; im ganzen läßt sich
aber ein Zweifel an der Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinderjahre
nicht mehr festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig Respekt vor
der Natur, die nach Leonardos dunklen, an Hamlets Rede gemahnenden
Worten »voll ist zahlloser Ursachen, die niemals in die Erfahrung
traten« (La natura è piena d'infinite ragioni che non furono mai in
isperienza).[82] Jeder von uns Menschenwesen entspricht einem der
ungezählten Experimente, in denen diese ragioni der Natur sich in die
Erfahrung drängen.