In der Kindheitsphantasie Leonardos repräsentierte uns das Element des
Geiers den realen Erinnerungsinhalt; der Zusammenhang, in den Leonardo
selbst seine Phantasie gestellt hatte, warf ein helles Licht auf die
Bedeutung dieses Inhaltes für sein späteres Leben. Bei fortschreitender
Deutungsarbeit stoßen wir nun auf das befremdliche Problem, warum
dieser Erinnerungsinhalt in eine homosexuelle Situation umgearbeitet
worden ist. Die Mutter, die das Kind säugt -- besser: an der das Kind
saugt --, ist in einen Geiervogel verwandelt, der dem Kinde seinen
Schwanz in den Mund steckt. Wir behaupten, daß die »Coda« des Geiers
nach gemeinem substituierenden Sprachgebrauch gar nichts anderes als
ein männliches Genitale, einen Penis, bedeuten kann. Aber wir verstehen
nicht, wie die Phantasietätigkeit dazu gelangen kann, gerade den
mütterlichen Vogel mit dem Abzeichen der Männlichkeit auszustatten, und
werden angesichts dieser Absurdität an der Möglichkeit irre, dieses
Phantasiegebilde auf einen vernünftigen Sinn zu reduzieren.
Indes wir dürfen nicht verzagen. Wieviel scheinbar absurde Träume haben
wir nicht schon genötigt, ihren Sinn einzugestehen! Warum sollte es bei
einer Kindheitsphantasie schwieriger werden als bei einem Traum!
Erinnern wir uns daran, daß es nicht gut ist, wenn sich eine
Sonderbarkeit vereinzelt findet, und beeilen wir uns, ihr eine zweite,
noch auffälligere, zur Seite zu stellen.
Die geierköpfig gebildete Göttin ~Mut~ der Ägypter, eine Gestalt von
ganz unpersönlichem Charakter, wie ~Drexler~ in ~Roschers~ Lexikon
urteilt, wurde häufig mit anderen mütterlichen Gottheiten von
lebendigerer Individualität wie ~Isis~ und ~Hathor~ verschmolzen,
behielt aber daneben ihre gesonderte Existenz und Verehrung. Es
war eine besondere Eigentümlichkeit des ägyptischen Pantheons,
daß die einzelnen Götter nicht im Synkretismus untergingen. Neben
der Götterkomposition blieb die einfache Göttergestalt in ihrer
Selbständigkeit bestehen. Diese geierköpfige mütterliche Gottheit
wurde nun von den Ägyptern in den meisten Darstellungen phallisch
gebildet;[35] ihr durch die Brüste als weiblich gekennzeichneter Körper
trägt auch ein männliches Glied im Zustande der Erektion.
Bei der Göttin ~Mut~ also dieselbe Vereinigung mütterlicher und
männlicher Charaktere wie in der Geierphantasie Leonardos! Sollen
wir dies Zusammentreffen durch die Annahme aufklären, Leonardo habe
aus seinen Bücherstudien auch die androgyne Natur des mütterlichen
Geiers gekannt? Solche Möglichkeit ist mehr als fraglich; es scheint,
daß die ihm zugänglichen Quellen von dieser merkwürdigen Bestimmung
nichts enthielten. Es liegt wohl näher, die Übereinstimmung auf ein
gemeinsames, hier wie dort wirksames und noch unbekanntes Motiv
zurückzuführen.
Die Mythologie kann uns berichten, daß die androgyne Bildung, die
Vereinigung männlicher und weiblicher Geschlechtscharaktere, nicht nur
der ~Mut~ zukam, sondern auch anderen Gottheiten wie der Isis
und Hathor, aber diesen vielleicht nur, insofern sie auch mütterliche
Natur hatten und mit der ~Mut~ verschmolzen wurden.[36] Sie lehrt
uns ferner, daß andere Gottheiten der Ägypter, wie die ~Neith~
von ~Sais~, aus der später die griechische ~Athene~ wurde,
ursprünglich androgyn, dihermaphroditisch aufgefaßt wurden, und daß
das gleiche für viele ~der griechischen~ Götter besonders aus
dem Kreise des Dionysos, aber auch für die später zur weiblichen
Liebesgöttin eingeschränkten ~Aphrodite~ galt. Sie mag dann die
Erklärung versuchen, daß der dem weiblichen Körper angefügte Phallus
die schöpferische Urkraft der Natur bedeuten solle, und daß alle
diese hermaphroditischen Götterbildungen die Idee ausdrücken, erst
die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem könne eine würdige
Darstellung der göttlichen Vollkommenheit ergeben. Aber keine dieser
Bemerkungen klärt uns das psychologische Rätsel, daß die Phantasie der
Menschen keinen Anstoß daran nimmt, eine Gestalt, die ihr das Wesen der
Mutter verkörpern soll, mit dem zur Mütterlichkeit gegensätzlichen
Zeichen der männlichen Kraft zu versehen.
Die Aufklärung kommt von seiten der infantilen Sexualtheorien. Es hatte
allerdings eine Zeit gegeben, in der das männliche Genitale mit der
Darstellung der Mutter vereinbar gefunden wurde. Wenn das männliche
Kind seine Wißbegierde zuerst auf die Rätsel des Geschlechtslebens
richtet, wird es von dem Interesse für sein eigenes Genitale
beherrscht. Es findet diesen Teil seines Körpers zu wertvoll und zu
wichtig, als daß es glauben könnte, er würde anderen Personen fehlen,
denen es sich so ähnlich fühlt. Da es nicht erraten kann, daß es noch
einen anderen, gleichwertigen Typus von Genitalbildung gibt, muß es
zur Annahme greifen, daß alle Menschen, auch die Frauen, ein solches
Glied wie er besitzen. Dieses Vorurteil setzt sich bei dem jugendlichen
Forscher so fest, daß es auch durch die ersten Beobachtungen an den
Genitalien kleiner Mädchen nicht zerstört wird. Die Wahrnehmung sagt
ihm allerdings, daß da etwas anders ist als bei ihm, aber er ist
nicht im stande, sich als Inhalt dieser Wahrnehmung einzugestehen,
daß er beim Mädchen das Glied nicht finden könne. Daß das Glied
fehlen könne, ist ihm eine unheimliche, unerträgliche Vorstellung,
er versucht darum eine vermittelnde Entscheidung: das Glied sei auch
beim Mädchen vorhanden, aber es sei noch sehr klein; es werde später
wachsen.[37] Scheint sich diese Erwartung bei späteren Beobachtungen
nicht zu erfüllen, so bietet sich ihm ein anderer Ausweg. Das Glied
war auch beim kleinen Mädchen da, aber es ist abgeschnitten worden, an
seiner Stelle ist eine Wunde geblieben. Dieser Fortschritt der Theorie
verwertet bereits eigene Erfahrungen von peinlichem Charakter; er hat
unterdeß die Drohung gehört, daß man ihm das teure Organ wegnehmen
wird, wenn er sein Interesse dafür allzu deutlich betätigt. Unter dem
Einfluß dieser Kastrationsandrohung deutet er jetzt seine Auffassung
des weiblichen Genitales um; er wird von nun an für seine Männlichkeit
zittern, dabei aber die unglücklichen Geschöpfe verachten, an denen
nach seiner Meinung die grausame Bestrafung bereits vollzogen worden
ist.
Ehe das Kind unter die Herrschaft des Kastrationskomplexes geriet,
zur Zeit, als ihm das Weib noch als vollwertig galt, begann eine
intensive Schaulust als erotische Triebbetätigung sich bei ihm zu
äußern. Es wollte die Genitalien anderer Personen sehen, ursprünglich
wahrscheinlich, um sie mit den eigenen zu vergleichen. Die erotische
Anziehung, die von der Person der Mutter ausging, gipfelte bald in der
Sehnsucht nach ihrem für einen Penis gehaltenen Genitale. Mit der erst
spät erworbenen Erkenntnis, daß das Weib keinen Penis besitzt, schlägt
diese Sehnsucht oft in ihr Gegenteil um, macht einem Abscheu Platz, der
in den Jahren der Pubertät zur Ursache der psychischen Impotenz, der
Misogynie, der dauernden Homosexualität werden kann. Aber die Fixierung
an das einst heiß begehrte Objekt, den Penis des Weibes, hinterläßt
unauslöschliche Spuren im Seelenleben des Kindes, welches jenes Stück
infantiler Sexualforschung mit besonderer Vertiefung durchgemacht hat.
Die fetischartige Verehrung des weiblichen Fußes und Schuhes scheint
den Fuß nur als Ersatzsymbol für das einst verehrte, seither vermißte
Glied des Weibes zu nehmen; die »Zopfabschneider« spielen, ohne es zu
wissen, die Rolle von Personen, die am weiblichen Genitale den Akt der
Kastration ausführen.
Man wird zu den Betätigungen der kindlichen Sexualität kein richtiges
Verhältnis gewinnen und wahrscheinlich zur Auskunft greifen,
diese Mitteilungen für unglaubwürdig zu erklären, solange man den
Standpunkt unserer kulturellen Geringschätzung der Genitalien und der
Geschlechtsfunktionen überhaupt nicht verläßt. Zum Verständnis des
kindlichen Seelenlebens bedarf es urzeitlicher Analogien. Für uns
sind die Genitalien schon seit einer langen Reihe von Generationen
die ~Pudenda~, Gegenstände der Scham, und bei weiter gediehener
Sexualverdrängung sogar des Ekels. Widerwillig fügen sich die heute
Lebenden in ihrer Mehrheit den Geboten der Fortpflanzung und fühlen
sich dabei in ihrer menschlichen Würde gekränkt und herabgesetzt.
Was an anderer Auffassung des Geschlechtslebens unter uns vorhanden
ist, hat sich auf die roh gebliebenen, niedrigen Volksschichten
zurückgezogen, versteckt sich bei den höheren und verfeinerten als
kulturell minderwertig und wagt seine Betätigung nur unter den
verbitternden Mahnungen eines schlechten Gewissens. Anders war es in
den Urzeiten des Menschengeschlechtes. Aus den mühseligen Sammlungen
der Kulturforscher kann man sich die Überzeugung holen, daß die
Genitalien ursprünglich der Stolz und die Hoffnung der Lebenden waren,
göttliche Verehrung genossen und die Göttlichkeit ihrer Funktionen auf
alle neu erlernten Tätigkeiten der Menschen übertrugen. Ungezählte
Göttergestalten erhoben sich durch Sublimierung aus ihrem Wesen, und
zur Zeit, da der Zusammenhang der offiziellen Religionen mit der
Geschlechtstätigkeit bereits dem allgemeinen Bewußtsein verhüllt war,
bemühten sich Geheimkulte, ihn bei einer Anzahl von Eingeweihten lebend
zu erhalten. Endlich geschah es im Laufe der Kulturentwicklung, daß
so viel Göttliches und Heiliges aus der Geschlechtlichkeit extrahiert
war, bis der erschöpfte Rest der Verachtung verfiel. Aber bei der
Unvertilgbarkeit, die in der Natur aller seelischen Spuren liegt, darf
man sich nicht verwundern, daß selbst die primitivsten Formen von
Anbetung der Genitalien bis in ganz rezente Zeiten nachzuweisen sind,
und daß Sprachgebrauch, Sitten und Aberglauben der heutigen Menschheit
die Überlebsel von allen Phasen dieses Entwicklungsganges
enthalten.[38]
Wir sind durch gewichtige biologische Analogien darauf vorbereitet,
daß die seelische Entwicklung des Einzelnen den Lauf der
Menschheitsentwicklung abgekürzt wiederhole, und werden darum nicht
unwahrscheinlich finden, was die psychoanalytische Erforschung der
Kinderseele über die infantile Schätzung der Genitalien ergeben hat.
Die kindliche Annahme des mütterlichen Penis ist nun die gemeinsame
Quelle, aus der sich die androgyne Bildung der mütterlichen Gottheiten
wie der ägyptischen ~Mut~ und die »Coda« des Geiers in Leonardos
Kindheitsphantasie ableiten. Wir heißen ja diese Götterdarstellungen
nur mißverständlich hermaphroditisch im ärztlichen Sinne des
Wortes. Keine von ihnen vereinigt die wirklichen Genitalien beider
Geschlechter, wie sie in manchen Mißbildungen vereinigt sind zum
Abscheu jedes menschlichen Auges; sie fügen bloß den Brüsten als
Abzeichen der Mütterlichkeit das männliche Glied hinzu, wie es in
der ersten Vorstellung des Kindes vom Leibe der Mutter vorhanden
war. Die Mythologie hat diese ehrwürdige, uranfänglich phantasierte
Körperbildung der Mutter für die Gläubigen erhalten. Die Hervorhebung
des Geierschwanzes in der Phantasie Leonardos können wir nun so
übersetzen: Damals, als sich meine zärtliche Neugierde auf die Mutter
richtete, und ich ihr noch ein Genitale wie mein eigenes zuschrieb. Ein
weiteres Zeugnis für die frühzeitige Sexualforschung Leonardos, die
nach unserer Meinung ausschlaggebend für sein ganzes späteres Leben
wurde.
Eine kurze Überlegung mahnt uns jetzt, daß wir uns mit der Aufklärung
des Geierschwanzes in Leonardos Kindheitsphantasie nicht begnügen
dürfen. Es scheint mehr in ihr enthalten, was wir noch nicht verstehen.
Ihr auffälligster Zug war doch, daß sie das Saugen an der Mutterbrust
in ein Gesäugtwerden, also in Passivität und damit in eine Situation
von unzweifelhaft homosexuellem Charakter verwandelte. Eingedenk der
historischen Wahrscheinlichkeit, daß sich Leonardo im Leben wie ein
homosexuell Fühlender benahm, drängt sich uns die Frage auf, ob diese
Phantasie nicht auf eine ursächliche Beziehung zwischen Leonardos
Kinderverhältnis zu seiner Mutter und seiner späteren manifesten,
wenn auch ideellen Homosexualität hinweist. Wir würden uns nicht
getrauen, eine solche aus der entstellten Reminiszenz Leonardos zu
erschließen, wenn wir nicht aus den psychoanalytischen Untersuchungen
von homosexuellen Patienten wüßten, daß eine solche besteht, ja daß sie
eine innige und notwendige ist.
Die homosexuellen Männer, die in unseren Tagen eine energische
Aktion gegen die gesetzliche Einschränkung ihrer Sexualbetätigung
unternommen haben, lieben es, sich durch ihre theoretischen
Wortführer als eine von Anfang an gesonderte geschlechtliche Abart,
als sexuelle Zwischenstufen, als »ein drittes Geschlecht« hinstellen
zu lassen. Sie seien Männer, denen organische Bedingungen vom Keime
an das Wohlgefallen am Mann aufgenötigt, das am Weibe versagt
hätten. So gerne man nun aus humanen Rücksichten ihre Forderungen
unterschreibt, so zurückhaltend darf man gegen ihre Theorien sein,
die ohne Berücksichtigung der psychischen Genese der Homosexualität
aufgestellt worden sind. Die Psychoanalyse bietet die Mittel, diese
Lücke auszufüllen und die Behauptungen der Homosexuellen der Probe
zu unterziehen. Sie hat dieser Aufgabe erst bei einer geringen
Zahl von Personen genügen können, aber alle bisher vorgenommenen
Untersuchungen brachten das nämliche überraschende Ergebnis.[39]
Bei allen unseren homosexuellen Männern gab es in der ersten, vom
Individuum später vergessenen, Kindheit eine sehr intensive erotische
Bindung an eine weibliche Person, in der Regel an die Mutter,
hervorgerufen oder begünstigt durch die Überzärtlichkeit der Mutter
selbst, ferner unterstützt durch ein Zurücktreten des Vaters im
kindlichen Leben. ~Sadger~ hebt hervor, daß die Mütter seiner
homosexuellen Patienten häufig Mannweiber waren, Frauen mit energischen
Charakterzügen, die den Vater aus der ihm gebührenden Stellung drängen
konnten; ich habe gelegentlich das gleiche gesehen, aber stärkeren
Eindruck von jenen Fällen empfangen, in denen der Vater von Anfang an
fehlte oder frühzeitig wegfiel, so daß der Knabe dem weiblichen Einfluß
preisgegeben war. Sieht es doch fast so aus, als ob das Vorhandensein
eines starken Vaters dem Sohne die richtige Entscheidung in der
Objektwahl für das entgegengesetzte Geschlecht versichern würde.
Nach diesem Vorstadium tritt eine Umwandlung ein, deren Mechanismus
uns bekannt ist, deren treibende Kräfte wir noch nicht erfassen.
Die Liebe zur Mutter kann die weitere bewußte Entwicklung nicht
mitmachen, sie verfällt der Verdrängung. Der Knabe verdrängt die
Liebe zur Mutter, indem er sich selbst an deren Stelle setzt,
sich mit der Mutter identifiziert und seine eigene Person zum
Vorbild nimmt, in dessen Ähnlichkeit er seine neuen Liebesobjekte
auswählt. Er ist so homosexuell geworden; eigentlich ist er in den
Autoerotismus zurückgeglitten, da die Knaben, die der Heranwachsende
jetzt liebt, doch nur Ersatzpersonen und Erneuerungen seiner eigenen
kindlichen Person sind, die er so liebt, wie die Mutter ihn als
Kind geliebt hat. Wir sagen, er findet seine Liebesobjekte auf dem
Wege des ~Narzißmus~, da die griechische Sage einen Jüngling
~Narzissus~ nennt, dem nichts so wohl gefiel wie das eigene
Spiegelbild, und der in die schöne Blume dieses Namens verwandelt
wurde.
Tiefer reichende psychologische Erwägungen rechtfertigen die
Behauptung, daß der auf solchem Wege homosexuell Gewordene im
Unbewußten an das Erinnerungsbild seiner Mutter fixiert bleibt. Durch
die Verdrängung der Liebe zur Mutter konserviert er dieselbe in seinem
Unbewußten und bleibt von nun an der Mutter treu. Wenn er als Liebhaber
Knaben nachzulaufen scheint, so läuft er in Wirklichkeit vor den
anderen Frauen davon, die ihn untreu machen könnten. Wir haben auch
durch direkte Einzelbeobachtung nachweisen können, daß der scheinbar
nur für männlichen Reiz Empfängliche in Wahrheit der Anziehung, die
vom Weibe ausgeht, unterliegt wie ein Normaler; aber er beeilt sich
jedesmal, die vom Weibe empfangene Erregung auf ein männliches Objekt
zu überschreiben und wiederholt auf solche Weise immer wieder den
Mechanismus, durch den er seine Homosexualität erworben hat.
Es liegt uns ferne, die Bedeutung dieser Aufklärungen über die
psychische Genese der Homosexualität zu übertreiben. Es ist ganz
unverkennbar, daß sie den offiziellen Theorien der homosexuellen
Wortführer grell widersprechen, aber wir wissen, daß sie nicht
umfassend genug sind, um eine endgültige Klärung des Problems zu
ermöglichen. Was man aus praktischen Gründen Homosexualität heißt, mag
aus mannigfaltigen psychosexuellen Hemmungsprozessen hervorgehen, und
der von uns erkannte Vorgang ist vielleicht nur einer unter vielen und
bezieht sich nur auf einen Typus von »Homosexualität«. Wir müssen auch
zugestehen, daß bei unserem homosexuellen Typus die Anzahl der Fälle,
in denen die von uns geforderten Bedingungen aufzeigbar sind, weitaus
die jener Fälle übersteigt, in denen der abgeleitete Effekt wirklich
eintritt, so daß auch wir die Mitwirkung unbekannter konstitutioneller
Faktoren nicht abweisen können, von denen man sonst das Ganze der
Homosexualität abzuleiten pflegt. Wir hätten überhaupt keinen Anlaß
gehabt, auf die psychische Genese der von uns studierten Form von
Homosexualität einzugehen, wenn nicht eine starke Vermutung dafür
spräche, daß gerade Leonardo, von dessen Geierphantasie wir ausgegangen
sind, diesem einen Typus der Homosexuellen angehört.
So wenig Näheres über das geschlechtliche Verhalten des großen
Künstlers und Forschers bekannt ist, so darf man sich doch der
Wahrscheinlichkeit anvertrauen, daß die Aussagen seiner Zeitgenossen
nicht im Gröbsten irre gingen. Im Lichte dieser Überlieferungen
erscheint er uns also als ein Mann, dessen sexuelle Bedürftigkeit und
Aktivität außerordentlich herabgesetzt war, als hätte ein höheres
Streben ihn über die gemeine animalische Not der Menschen erhoben.
Es mag dahingestellt bleiben, ob er jemals und auf welchem Wege er
die direkte sexuelle Befriedigung gesucht, oder ob er ihrer gänzlich
entraten konnte. Wir haben aber ein Recht, auch bei ihm nach jenen
Gefühlsströmungen zu suchen, die andere gebieterisch zur sexuellen
Tat drängen, denn wir können kein menschliches Seelenleben glauben,
an dessen Aufbau nicht das sexuelle Begehren im weitesten Sinne,
die Libido, ihren Anteil hätte, mag dasselbe sich auch weit vom
ursprünglichen Ziel entfernt oder von der Ausführung zurückgehalten
haben.
Anderes als Spuren von unverwandelter sexueller Neigung werden wir
bei Leonardo nicht erwarten dürfen. Diese weisen aber nach einer
Richtung und gestatten, ihn noch den Homosexuellen zuzurechnen. Es
wurde von jeher hervorgehoben, daß er nur auffällig schöne Knaben und
Jünglinge zu seinen Schülern nahm. Er war gütig und nachsichtig gegen
sie, besorgte sie und pflegte sie selbst, wenn sie krank waren, wie
eine Mutter ihre Kinder pflegt, wie seine eigene Mutter ihn betreut
haben mochte. Da er sie nach ihrer Schönheit und nicht nach ihrem
Talent ausgewählt hatte, wurde keiner von ihnen: Cesare da Sesto, G.
Boltraffio, Andrea Salaino, Francesco Melzi u. a., ein bedeutender
Maler. Meist brachten sie es nicht dazu, ihre Selbständigkeit vom
Meister zu erringen, sie verschwanden nach seinem Tode, ohne der
Kunstgeschichte eine bestimmtere Physiognomie zu hinterlassen. Die
anderen, die sich nach ihrem Schaffen mit Recht seine Schüler nennen
durften, wie ~Luini~ und ~Bazzi~, genannt ~Sodoma~, hat er
wahrscheinlich persönlich nicht gekannt.
Wir wissen, daß wir der Einwendung zu begegnen haben, das Verhalten
Leonardos gegen seine Schüler habe mit geschlechtlichen Motiven
überhaupt nichts zu tun und gestatte keinen Schluß auf eine sexuelle
Eigenart. Dagegen wollen wir mit aller Vorsicht geltend machen, daß
unsere Auffassung einige sonderbare Züge im Benehmen des Meisters
aufklärt, die sonst rätselhaft bleiben müßten. Leonardo führte ein
Tagebuch; er machte in seiner kleinen, von rechts nach links geführten
Schrift Aufzeichnungen, die nur für ihn bestimmt waren. In diesem
Tagebuch redete er sich bemerkenswerter Weise mit »du« an: »Lerne bei
Meister Luca die Multiplikation der Wurzeln.«[40] »Laß dir vom Meister
d'Abacco die Quadratur des Zirkels zeigen.«[41] -- Oder bei Anlaß einer
Reise:[42] »Ich gehe meiner Gartenangelegenheit wegen nach Mailand
.... Lasse zwei Tragsäcke machen. Lasse dir die Drechselbank von
Boltraffio zeigen und einen Stein darauf bearbeiten. -- Lasse das Buch
dem Meister Andrea il Todesco.«[43] Oder, ein Vorsatz von ganz anderer
Bedeutung: »Du hast in deiner Abhandlung zu zeigen, daß die Erde ein
Stern ist, wie der Mond oder ungefähr, und so den Adel unserer Welt zu
erweisen.«[44]
In diesem Tagebuch, welches übrigens -- wie die Tagebücher anderer
Sterblicher -- oft die bedeutsamsten Begebenheiten des Tages nur mit
wenigen Worten streift oder völlig verschweigt, finden sich einige
Eintragungen, die ihrer Sonderbarkeit wegen von allen Biographen
Leonardos zitiert werden. Es sind Aufzeichnungen über kleine Ausgaben
des Meisters von einer peinlichen Exaktheit, als sollten sie von einem
philiströs gestrengen und sparsamen Hausvater herrühren, während die
Nachweise über die Verwendung größerer Summen fehlen und nichts sonst
dafür spricht, daß der Künstler sich auf Wirtschaft verstanden habe.
Eine dieser Aufschreibungen betrifft einen neuen Mantel, den er dem
Schüler Andrea Salaino gekauft:[45]
Silberbrokat 15 Lire 4 Soldi
Roten Samt zum Besatz 9 " -- "
Schnüre -- " 9 "
Knöpfe -- " 12 "
Eine andere sehr ausführliche Notiz stellt alle die Ausgaben zusammen,
die ihm ein anderer Schüler[46] durch seine schlechten Eigenschaften
und seine Neigung zum Diebstahl verursacht: »Am Tage 21 des April
1490 begann ich dieses Buch und begann wieder das Pferd.[47] Jacomo
kam zu mir am Magdalenentage tausend 490, im Alter von 10 Jahren.
(Randbemerkung: diebisch, lügnerisch, eigensinnig, gefräßig.) Am
zweiten Tage ließ ich ihm zwei Hemden schneiden, ein Paar Hosen und
einen Wams, und als ich mir das Geld beiseite legte, um genannte Sachen
zu bezahlen, stahl er mir das Geld aus der Geldtasche, und war es
nie möglich, ihn das beichten zu machen, obwohl ich davon eine wahre
Sicherheit hatte (Randnote: 4 Lire ...).« So geht der Bericht über die
Missetaten des Kleinen weiter und schließt mit der Kostenrechnung: »Im
ersten Jahr, ein Mantel, Lire 2; 6 Hemden, Lire 4; 3 Wämser, Lire 6; 4
Paar Strümpfe, Lire 7 u. s. w.«[48]
Die Biographen Leonardos, denen nichts ferner liegt, als die Rätsel im
Seelenleben ihres Helden aus seinen kleinen Schwächen und Eigenheiten
ergründen zu wollen, pflegen an diese sonderbaren Verrechnungen eine
Bemerkung anzuknüpfen, welche die Güte und Nachsicht des Meisters
gegen seine Schüler betont. Sie vergessen daran, daß nicht Leonardos
Benehmen, sondern die Tatsache, daß er uns diese Zeugnisse desselben
hinterließ, einer Erklärung bedarf. Da man ihm unmöglich das Motiv
zuschreiben kann, uns Belege für seine Gutmütigkeit in die Hände zu
spielen, müssen wir die Annahme machen, daß ein anderes, affektives
Motiv ihn zu diesen Niederschriften veranlaßt hat. Es ist nicht leicht
zu erraten, welches, und wir würden keines anzugeben wissen, wenn nicht
eine andere unter Leonardos Papieren gefundene Rechnung ein helles
Licht auf diese seltsam kleinlichen Notizen über Schülerkleidungen u.
dgl. würfe:[49]
Auslagen nach dem Tode zum Begräbnis der Katharina 27 florins
2 Pfund Wachs 18 "
Katafalk 12 "
Für das Tragen und Aufrichten des Kreuzes 4 "
Leichenträger 8 "
An 4 Geistliche und 4 Kleriker 20 "
Glockenläuten 2 "
Den Totengräbern 16 "
Für die Genehmigung -- den Beamten 1 "
-------------
Summa 108 florins
Frühere Auslagen:
Dem Arzte 4 florins
Für Zucker und Lichte 12 " 16 "
-------------
Summa Summarum 124 florins.
Der Dichter ~Mereschkowski~ ist der einzige, der uns zu sagen
weiß, wer diese Katharina war. Aus zwei anderen kurzen Notizen
erschließt er, daß die Mutter Leonardos, die arme Bäuerin aus Vinci,
im Jahre 1493 nach Mailand gekommen war, um ihren damals 41jährigen
Sohn zu besuchen, daß sie dort erkrankte, von Leonardo im Spital
untergebracht, und als sie starb, von ihm unter so ehrenvollem Aufwand
zu Grabe gebracht worden sei.[50]
Erweisbar ist diese Deutung des seelenkundigen Romanschreibers nicht,
aber sie kann auf so viel innere Wahrscheinlichkeit Anspruch machen,
stimmt so gut zu allem, was wir sonst von Leonardos Gefühlsbetätigung
wissen, daß ich mich nicht enthalten kann, sie als richtig
anzuerkennen. Er hatte es zu stande gebracht, seine Gefühle unter
das Joch der Forschung zu zwingen und den freien Ausdruck derselben
zu hemmen; aber es gab auch für ihn Fälle, in denen das Unterdrückte
sich eine Äußerung erzwang, und der Tod der einst so heiß geliebten
Mutter war ein solcher. In dieser Rechnung über die Begräbniskosten
haben wir die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Äußerung der Trauer
um die Mutter vor uns. Wir verwundern uns, wie solche Entstellung zu
stande kommen konnte, und können es auch unter den Gesichtspunkten
der normalen seelischen Vorgänge nicht verstehen. Aber unter den
abnormen Bedingungen der Neurosen und ganz besonders der sogenannten
~Zwangsneurose~ ist uns ähnliches wohlbekannt. Dort sehen wir
die Äußerung intensiver, aber durch Verdrängung unbewußt gewordener
Gefühle auf geringfügige, ja läppische Verrichtungen verschoben.
Es ist den widerstrebenden Mächten gelungen, den Ausdruck dieser
verdrängten Gefühle so sehr zu erniedrigen, daß man die Intensität
dieser Gefühle für eine höchst geringfügige einschätzen müßte;
aber in dem gebieterischen Zwang, mit dem sich diese kleinliche
Ausdruckshandlung durchsetzt, verrät sich die wirkliche, im Unbewußten
wurzelnde Macht der Regungen, die das Bewußtsein verleugnen möchte.
Nur ein solcher Anklang an das Geschehen bei der Zwangsneurose kann
die Leichenkostenrechnung Leonardos beim Tode seiner Mutter erklären.
Im Unbewußten war er noch wie in Kinderzeiten durch erotisch gefärbte
Neigung an sie gebunden; der Widerstreit der später eingetretenen
Verdrängung dieser Kinderliebe gestattete nicht, daß ihr im Tagebuche
ein anderes, würdigeres Denkmal gesetzt werde, aber was sich
als Kompromiß aus diesem neurotischen Konflikt ergab, das mußte
ausgeführt werden, und so wurde die Rechnung eingetragen und kam als
Unbegreiflichkeit zur Kenntnis der Nachwelt.
Es scheint kein Wagniß, die an der Leichenrechnung gewonnene Einsicht
auf die Schülerkostenrechnungen zu übertragen. Demnach wäre auch dies
ein Fall, in dem sich bei Leonardo die spärlichen Reste libidinöser
Regungen zwangsartig einen entstellten Ausdruck schufen. Die
Mutter und die Schüler, die Ebenbilder seiner eigenen knabenhaften
Schönheit, wären seine Sexualobjekte gewesen -- soweit die sein Wesen
beherrschende Sexualverdrängung eine solche Kennzeichnung zuläßt
--, und der Zwang, die für sie gemachten Ausgaben mit peinlicher
Ausführlichkeit zu notieren, wäre der befremdliche Verrat dieser
rudimentären Konflikte. Es würde sich so ergeben, daß Leonardos
Liebesleben wirklich dem Typus von Homosexualität angehört, dessen
psychische Entwicklung wir aufdecken konnten, und das Auftreten
der homosexuellen Situation in seiner Geierphantasie würde uns
verständlich, denn es besagte nichts anderes, als was wir vorhin von
jenem Typus behauptet haben. Es erforderte die Übersetzung: Durch diese
erotische Beziehung zur Mutter bin ich ein Homosexueller geworden.[51]