II.

Ein einziges Mal, soviel mir bekannt ist, hat Leonardo in eine seiner

wissenschaftlichen Niederschriften eine Mitteilung aus seiner Kindheit

eingestreut. An einer Stelle, die vom Fluge des Geiers handelt,

unterbricht er sich plötzlich, um einer in ihm auftauchenden Erinnerung

aus sehr frühen Jahren zu folgen.

»Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, mich so gründlich

mit dem Geier zu befassen, denn es kommt mir als eine ganz frühe

Erinnerung in den Sinn, als ich noch in der Wiege lag, ist ein Geier

zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und

viele Male mit diesem seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen.«[25]

Eine Kindheitserinnerung also, und zwar höchst befremdender Art.

Befremdend wegen ihres Inhaltes und wegen der Lebenszeit, in die sie

verlegt wird. Daß ein Mensch eine Erinnerung an seine Säuglingszeit

bewahren könne, ist vielleicht nicht unmöglich, kann aber keineswegs

als gesichert gelten. Was jedoch diese Erinnerung Leonardos behauptet,

daß ein Geier dem Kinde mit seinem Schwanz den Mund geöffnet,

das klingt so unwahrscheinlich, so märchenhaft, daß eine andere

Auffassung, die beiden Schwierigkeiten mit einem Schlage ein Ende

macht, sich unserem Urteile besser empfiehlt. Jene Szene mit dem Geier

wird nicht eine Erinnerung Leonardos sein, sondern eine Phantasie,

die er sich später gebildet und in seine Kindheit versetzt hat. Die

Kindheitserinnerungen der Menschen haben oft keine andere Herkunft;

sie werden überhaupt nicht, wie die bewußten Erinnerungen aus der

Zeit der Reife vom Erlebnis an fixiert und wiederholt, sondern erst

in späterer Zeit, wenn die Kindheit schon vorüber ist, hervorgeholt,

dabei verändert, verfälscht, in den Dienst späterer Tendenzen gestellt,

so daß sie sich ganz allgemein von Phantasien nicht strenge scheiden

lassen. Vielleicht kann man sich ihre Natur nicht besser klar machen,

als indem man an die Art und Weise denkt, wie bei den alten Völkern

die Geschichtschreibung entstanden ist. Solange das Volk klein und

schwach war, dachte es nicht daran, seine Geschichte zu schreiben; man

bearbeitete den Boden des Landes, wehrte sich seiner Existenz gegen die

Nachbarn, suchte ihnen Land abzugewinnen und zu Reichtum zu kommen.

Es war eine heroische und unhistorische Zeit. Dann brach eine andere

Zeit an, in der man zur Besinnung kam, sich reich und mächtig fühlte,

und nun entstand das Bedürfnis zu erfahren, woher man gekommen und wie

man geworden war. Die Geschichtschreibung, welche begonnen hatte, die

Erlebnisse der Jetztzeit fortlaufend zu verzeichnen, warf den Blick

auch nach rückwärts in die Vergangenheit, sammelte Traditionen und

Sagen, deutete die Überlebsel alter Zeiten in Sitten und Gebräuchen

und schuf so eine Geschichte der Vorzeit. Es war unvermeidlich, daß

diese Vorgeschichte eher ein Ausdruck der Meinungen und Wünsche der

Gegenwart als ein Abbild der Vergangenheit wurde, denn vieles war von

dem Gedächtnis des Volkes beseitigt, anderes entstellt worden, manche

Spur der Vergangenheit wurde mißverständlich im Sinne der Gegenwart

gedeutet, und überdies schrieb man ja nicht Geschichte aus den Motiven

objektiver Wißbegierde, sondern weil man auf seine Zeitgenossen wirken,

sie aneifern, erheben oder ihnen einen Spiegel vorhalten wollte.

Das bewußte Gedächtnis eines Menschen von den Erlebnissen seiner

Reifezeit ist nun durchaus jener Geschichtschreibung zu vergleichen,

und seine Kindheitserinnerungen entsprechen nach ihrer Entstehung

und Verläßlichkeit wirklich der spät und tendenziös zurechtgemachten

Geschichte der Urzeit eines Volkes.

Wenn die Erzählung Leonardos vom Geier, der ihn in der Wiege besucht,

also nur eine spätgeborene Phantasie ist, so sollte man meinen, es

könne sich kaum verlohnen, länger bei ihr zu verweilen. Zu ihrer

Erklärung könnte man sich ja mit der offen kundgegebenen Tendenz

begnügen, seiner Beschäftigung mit dem Problem des Vogelfluges

die Weihe einer Schicksalsbestimmung zu leihen. Allein mit dieser

Geringschätzung beginge man ein ähnliches Unrecht, wie wenn man das

Material von Sagen, Traditionen und Deutungen in der Vorgeschichte

eines Volkes leichthin verwerfen würde. Allen Entstellungen und

Mißverständnissen zum Trotze ist die Realität der Vergangenheit doch

durch sie repräsentiert; sie sind das, was das Volk aus den Erlebnissen

seiner Urzeit gestaltet hat, unter der Herrschaft einstens mächtiger

und heute noch wirksamer Motive, und könnte man nur durch die Kenntnis

aller wirkenden Kräfte diese Entstellungen rückgängig machen, so

müßte man hinter diesem sagenhaften Material die historische Wahrheit

aufdecken können. Gleiches gilt für die Kindheitserinnerungen oder

Phantasien der Einzelnen. Es ist nicht gleichgültig, was ein Mensch aus

seiner Kindheit zu erinnern glaubt; in der Regel sind hinter den von

ihm selbst nicht verstandenen Erinnerungsresten unschätzbare Zeugnisse

für die bedeutsamsten Züge seiner seelischen Entwicklung verborgen. Da

wir nun in den psychoanalytischen Techniken vortreffliche Hilfsmittel

besitzen, um dies Verborgene ans Licht zu ziehen, wird uns der Versuch

gestattet sein, die Lücke in Leonardos Lebensgeschichte durch die

Analyse seiner Kindheitsphantasie auszufüllen. Erreichen wir dabei

keinen befriedigenden Grad von Sicherheit, so müssen wir uns damit

trösten, daß so vielen anderen Untersuchungen über den großen und

rätselhaften Mann kein besseres Schicksal beschieden war.

Wenn wir aber die Geierphantasie Leonardos mit dem Auge des

Psychoanalytikers betrachten, so erscheint sie uns nicht lange

fremdartig; wir glauben uns zu erinnern, daß wir oftmals, z. B.

in Träumen, ähnliches gefunden haben, so daß wir uns getrauen

können, diese Phantasie aus der ihr eigentümlichen Sprache in

gemeinverständliche Worte zu übersetzen. Die Übersetzung zielt dann

aufs Erotische. Schwanz, »coda«, ist eines der bekanntesten Symbole

und Ersatzbezeichnungen des männlichen Gliedes, im Italienischen

nicht minder als in anderen Sprachen; die in der Phantasie enthaltene

Situation, daß ein Geier den Mund des Kindes öffnet und mit dem Schwanz

tüchtig darin herumarbeitet, entspricht der Vorstellung einer Fellatio,

eines sexuellen Aktes, bei dem das Glied in den Mund der gebrauchten

Person eingeführt wird. Sonderbar genug, daß diese Phantasie so

durchwegs passiven Charakter an sich trägt; sie ähnelt auch gewissen

Träumen und Phantasien von Frauen oder passiven Homosexuellen (die im

Sexualverkehr die weibliche Rolle spielen).

Möge der Leser nun an sich halten und nicht in aufflammender Entrüstung

der Psychoanalyse die Gefolgschaft verweigern, weil sie schon in ihren

ersten Anwendungen zu einer unverzeihlichen Schmähung des Andenkens

eines großen und reinen Mannes führt. Es ist doch offenbar, daß diese

Entrüstung uns niemals wird sagen können, was die Kindheitsphantasie

Leonardos bedeutet; anderseits hat sich Leonardo in unzweideutigster

Weise zu dieser Phantasie bekannt, und wir lassen die Erwartung -- wenn

man will: das Vorurteil -- nicht fallen, daß eine solche Phantasie wie

jede psychische Schöpfung, wie ein Traum, eine Vision, ein Delirium,

irgend eine Bedeutung haben muß. Schenken wir darum lieber der

analytischen Arbeit, die ja noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat,

für eine Weile gerechtes Gehör.

Die Neigung, das Glied des Mannes in den Mund zu nehmen, um daran zu

saugen, die in der bürgerlichen Gesellschaft zu den abscheulichen

sexuellen Perversionen gerechnet wird, kommt doch bei den Frauen

unserer Zeit -- und, wie alte Bildwerke beweisen, auch früherer

Zeiten -- sehr häufig vor und scheint im Zustande der Verliebtheit

ihren anstößigen Charakter völlig abzustreifen. Der Arzt begegnet

Phantasien, die sich auf diese Neigung gründen, auch bei weiblichen

Personen, die nicht durch die Lektüre der Psychopathia sexualis von

v. ~Krafft-Ebing~ oder durch sonstige Mitteilung zur Kenntnis

von der Möglichkeit einer derartigen Sexualbefriedigung gelangt

sind. Es scheint, daß es den Frauen leicht wird, aus Eigenem solche

Wunschphantasien zu schaffen.[26] Die Nachforschung lehrt uns

denn auch, daß diese von der Sitte so schwer geächtete Situation

die harmloseste Ableitung zuläßt. Sie ist nichts anderes als die

Umarbeitung einer anderen Situation, in welcher wir uns einst alle

behaglich fühlten, als wir im Säuglingsalter (»essendo io in culla«)

die Brustwarze der Mutter oder Amme in den Mund nahmen, um an ihr zu

saugen. Der organische Eindruck dieses unseres ersten Lebensgenusses

ist wohl unzerstörbar eingeprägt geblieben; wenn das Kind später das

Euter der Kuh kennen lernt, das seiner Funktion nach eine Brustwarze,

seiner Gestalt und Lage am Unterleib nach aber einem Penis gleichkommt,

hat es die Vorstufe für die spätere Bildung jener anstößigen sexuellen

Phantasie gewonnen.

Wir verstehen jetzt, warum Leonardo die Erinnerung an das angebliche

Erlebnis mit dem Geier in seine Säuglingszeit verlegt. Hinter dieser

Phantasie verbirgt sich doch nichts anderes als eine Reminiszenz

an das Saugen -- oder Gesäugtwerden -- an der Mutterbrust, welche

menschlich schöne Szene er wie so viele andere Künstler an der Mutter

Gottes und ihrem Kinde mit dem Pinsel darzustellen unternommen hat.

Allerdings wollen wir auch festhalten, was wir noch nicht verstehen,

daß diese für beide Geschlechter gleich bedeutsame Reminiszenz von dem

Manne Leonardo zu einer passiven homosexuellen Phantasie umgearbeitet

worden ist. Wir werden die Frage vorläufig bei Seite lassen, welcher

Zusammenhang etwa die Homosexualität mit dem Saugen an der Mutterbrust

verbindet, und uns bloß daran erinnern, daß die Tradition Leonardo

wirklich als einen homosexuell Fühlenden bezeichnet. Dabei gilt es uns

gleich, ob jene Anklage gegen den Jüngling Leonardo berechtigt war oder

nicht; nicht die reale Betätigung, sondern die Einstellung des Gefühls

entscheidet für uns darüber, ob wir irgend jemand die Eigentümlichkeit

der Homosexualität zuerkennen sollen.

Ein anderer unverstandener Zug der Kindheitsphantasie Leonardos nimmt

unser Interesse zunächst in Anspruch. Wir deuten die Phantasie auf das

Gesäugtwerden durch die Mutter und finden die Mutter ersetzt durch

einen -- Geier. Woher rührt dieser Geier und wie kommt er an diese

Stelle?

Ein Einfall bietet sich da, so fernab liegend, daß man versucht wäre,

auf ihn zu verzichten. In der heiligen Bilderschrift der alten Ägypter

wird die Mutter allerdings mit dem Bilde des Geiers geschrieben.[27]

Diese Ägypter verehrten auch eine mütterliche Gottheit, die geierköpfig

gebildet wurde oder mit mehreren Köpfen, von denen wenigstens einer

der eines Geiers war.[28] Der Name dieser Göttin wurde ~Mut~

ausgesprochen; ob die Lautähnlichkeit mit unserem Worte »Mutter« nur

eine zufällige ist? So steht der Geier wirklich in Beziehung zur

Mutter, aber was kann uns das helfen? Dürfen wir Leonardo denn diese

Kenntnis zumuten, wenn die Lesung der Hieroglyphen erst François

~Champollion~ (1790-1832) gelungen ist?[29]

Man möchte sich dafür interessieren, auf welchem Wege auch nur

die alten Ägypter dazu gekommen sind, den Geier zum Symbol der

Mütterlichkeit zu wählen. Nun war die Religion und Kultur der Ägypter

bereits den Griechen und Römern Gegenstand wissenschaftlicher

Neugierde, und lange, ehe wir selbst die Denkmäler Ägyptens lesen

konnten, standen uns einzelne Mitteilungen darüber aus erhaltenen

Schriften des klassischen Altertums zu Gebote, Schriften, die teils

von bekannten Autoren herrühren, wie ~Strabo~, ~Plutarch~,

~Aminianus Marcellus~, teils unbekannte Namen tragen und unsicher

in ihrer Herkunft und Abfassungszeit sind wie die Hieroglyphica des

~Horapollo Nilus~ und das unter dem Götternamen des ~Hermes

Trismegistos~ überlieferte Buch orientalischer Priesterweisheit.

Aus diesen Quellen erfahren wir, daß der Geier als Symbol der

Mütterlichkeit galt, weil man glaubte, es gäbe nur weibliche Geier und

keine männlichen von dieser Vogelart.[30] Die Naturgeschichte der Alten

kannte auch ein Gegenstück zu dieser Einschränkung; bei den Skarabäen,

den von den Ägyptern als göttlich verehrten Käfern, meinten sie, gebe

es nur Männchen.[31]

Wie sollte nun die Befruchtung der Geier vor sich gehen, wenn sie alle

nur Weibchen waren? Darüber gibt eine Stelle des ~Horapollo~[32]

guten Aufschluß. Zu einer gewissen Zeit halten diese Vögel im Fluge

inne, öffnen ihre Scheide und empfangen vom Winde.

Wir sind jetzt unerwarteter Weise dazu gelangt, etwas für recht

wahrscheinlich zu halten, was wir vor kurzem noch als absurd

zurückweisen mußten. Leonardo kann das wissenschaftliche Märchen, dem

es der Geier verdankt, daß die Ägypter mit seinem Bild den Begriff

der Mutter schrieben, sehr wohl gekannt haben. Er war ein Vielleser,

dessen Interesse alle Gebiete der Literatur und des Wissens umfaßte.

Wir besitzen im Codex atlanticus ein Verzeichnis aller Bücher, die er

zu einer gewissen Zeit besaß,[33] dazu zahlreiche Notizen über andere

Bücher, die er von Freunden entlehnt hatte, und nach den Exzerpten,

die Fr. ~Richter~[34] aus seinen Aufzeichnungen zusammengestellt

hat, können wir den Umfang seiner Lektüre kaum überschätzen.

Unter dieser Zahl fehlen auch ältere wie gleichzeitige Werke von

naturwissenschaftlichem Inhalte nicht. Alle diese Bücher waren zu jener

Zeit schon im Drucke vorhanden, und gerade Mailand war für Italien die

Hauptstätte der jungen Buchdruckerkunst.

Wenn wir nun weiter gehen, stoßen wir auf eine Nachricht, welche

die Wahrscheinlichkeit, Leonardo habe das Geiermärchen gekannt, zur

Sicherheit steigern kann. Der gelehrte Herausgeber und Kommentator

des ~Horapollo~ bemerkt zu dem bereits zitierten Text (p. 172):

Caeterum hanc fabulam de vulturibus cupide amplexi sunt Patres

Ecclesiastici, ut ita argumento ex rerum natura petito refutarent eos,

qui Virginis partum negabant; itaque apud omnes fere hujus rei mentio

occurit.

Also die Fabel von der Eingeschlechtigkeit und der Empfängnis der Geier

war keineswegs eine indifferente Anekdote geblieben wie die analoge

von den Skarabäen; die Kirchenväter hatten sich ihrer bemächtigt, um

gegen die Zweifler an der heiligen Geschichte ein Argument aus der

Naturgeschichte zur Hand zu haben. Wenn nach den besten Nachrichten

aus dem Altertum die Geier darauf angewiesen waren, sich vom Winde

befruchten zu lassen, warum sollte nicht auch einmal das gleiche mit

einem menschlichen Weibe vorgegangen sein? Dieser Verwertbarkeit wegen

pflegten die Kirchenväter »fast alle« die Geierfabel zu erzählen, und

nun kann es kaum zweifelhaft sein, daß sie durch so mächtige Patronanz

auch Leonardo bekannt geworden ist.

Die Entstehung der Geierphantasie Leonardos können wir uns nun in

folgender Weise vorstellen. Als er einmal bei einem Kirchenvater oder

in einem naturwissenschaftlichen Buche davon las, die Geier seien alle

Weibchen und wüßten sich ohne Mithilfe von Männchen fortzupflanzen,

da tauchte in ihm eine Erinnerung auf, die sich zu jener Phantasie

umgestaltete, die aber besagen wollte, er sei ja auch so ein Geierkind

gewesen, das eine Mutter, aber keinen Vater gehabt habe, und dazu

gesellte sich in der Art, wie so alte Eindrücke sich allein äußern

können, ein Nachhall des Genusses, der ihm an der Mutterbrust zu teil

geworden war. Die von den Autoren hergestellte Anspielung auf die jedem

Künstler teure Vorstellung der heiligen Jungfrau mit dem Kinde mußte

dazu beitragen, ihm diese Phantasie wertvoll und bedeutsam erscheinen

zu lassen. Kam er doch so dazu, sich mit dem Christusknaben, dem

Tröster und Erlöser nicht nur des einen Weibes, zu identifizieren.

Wenn wir eine Kindheitsphantasie zersetzen, streben wir danach, deren

realen Erinnerungsinhalt von den späteren Motiven zu sondern, welche

denselben modifizieren und entstellen. Im Falle Leonardos glauben

wir jetzt den realen Inhalt der Phantasie zu kennen; die Ersetzung

der Mutter durch den Geier weist darauf hin, daß das Kind den Vater

vermißt und sich mit der Mutter allein gefunden hat. Die Tatsache der

illegitimen Geburt Leonardos stimmt zu seiner Geierphantasie; nur darum

konnte er sich einem Geierkinde vergleichen. Aber wir haben als die

nächste gesicherte Tatsache aus seiner Jugend erfahren, daß er im Alter

von fünf Jahren in den Haushalt seines Vaters aufgenommen war; wann

dies geschah, ob wenige Monate nach seiner Geburt, ob wenige Wochen vor

der Aufnahme jenes Katasters, ist uns völlig unbekannt. Da tritt nun

die Deutung der Geierphantasie ein und will uns belehren, daß Leonardo

die entscheidenden ersten Jahre seines Lebens nicht bei seinem Vater

und seiner Stiefmutter, sondern bei der armen, verlassenen, echten

Mutter verbrachte, so daß er Zeit hatte, seinen Vater zu vermissen.

Dies scheint ein mageres und dabei noch immer gewagtes Ergebnis der

psychoanalytischen Bemühung, allein es wird bei weiterer Vertiefung

an Bedeutung gewinnen. Der Sicherheit kommt noch die Erwägung der

tatsächlichen Verhältnisse in der Kindheit Leonardos zu Hilfe. Den

Berichten nach heiratete sein Vater Ser Piero da Vinci noch im Jahre

von Leonardos Geburt die vornehme Donna Albiera; der Kinderlosigkeit

dieser Ehe verdankte der Knabe seine im fünften Jahre dokumentarisch

bestätigte Aufnahme ins väterliche oder vielmehr großväterliche Haus.

Nun ist es nicht gebräuchlich, daß man der jungen Frau, die noch auf

Kindersegen rechnet, von Anfang an einen illegitimen Sprößling zur

Pflege übergibt. Es mußten wohl erst Jahre von Enttäuschung hingegangen

sein, ehe man sich entschloß, das wahrscheinlich reizend entwickelte

uneheliche Kind zur Entschädigung für die vergeblich erhofften

ehelichen Kinder anzunehmen. Es steht im besten Einklang mit der

Deutung der Geierphantasie, wenn mindestens drei Jahre, vielleicht

fünf, von Leonardos Leben verflossen waren, ehe er seine einsame Mutter

gegen ein Elternpaar vertauschen konnte. Dann aber war es bereits zu

spät geworden. In den ersten drei oder vier Lebensjahren fixieren sich

Eindrücke und bahnen sich Reaktionsweisen gegen die Außenwelt an, die

durch kein späteres Erleben mehr ihrer Bedeutung beraubt werden können.

Wenn es richtig ist, daß die unverständlichen Kindheitserinnerungen und

die auf sie gebauten Phantasien eines Menschen stets das Wichtigste

aus seiner seelischen Entwicklung herausheben, so muß die durch

die Geierphantasie erhärtete Tatsache, daß Leonardo seine ersten

Lebensjahre allein mit der Mutter verbracht hat, von entscheidendstem

Einfluß auf die Gestaltung seines inneren Lebens gewesen sein. Unter

den Wirkungen dieser Konstellation kann es nicht gefehlt haben, daß

das Kind, welches in seinem jungen Leben ein Problem mehr vorfand

als andere Kinder, mit besonderer Leidenschaft über diese Rätsel zu

grübeln begann und so frühzeitig ein Forscher wurde, den die großen

Fragen quälten, woher die Kinder kommen, und was der Vater mit ihrer

Entstehung zu tun habe. Die Ahnung dieses Zusammenhanges zwischen

seiner Forschung und seiner Kindheitsgeschichte hat ihm dann später den

Ausruf entlockt, ihm sei es wohl von jeher bestimmt gewesen, sich in

das Problem des Vogelfluges zu vertiefen, da er schon in der Wiege von

einem Geier heimgesucht worden war. Die Wißbegierde, die sich auf den

Vogelflug richtet, von der infantilen Sexualforschung abzuleiten, wird

eine spätere, unschwer zu erledigende Aufgabe sein.

Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci · 第 7 / 14 题