Auf diesen Ruf schwebte Ornitogalia, ein Kränzlein des Kräutleins

Hühnermilch auf den blonden Locken und ein schönes Huhn in einem

Körbchen tragend, zwischen den Sarg und Gackeleia. Sie verbeugte

sich gegen den Geist der Ahnfrau, küßte dann knieend den Orden, den

der Leichnam im Sarge trug. Hierauf erhob sie sich wieder, lehnte

ihr Haupt gegen das Kleinod der rechten Achselspange Gackeleias,

setzte sodann ihren Korb mit dem Hirtenhuhn zu ihren Füßen nieder und

nahm ihn wieder unter den Arm, worauf sie das erste der acht

amaranthfarbenen Bänder ergriff und ruhig an ihrer Stelle stehen

blieb.--Hierauf rief Gackeleia nach der Reihe die sieben folgenden

Fräulein auf. Alle trugen sie Kränze von Kräutern ihres Namens und

den Orden der freudig frommen Kinder, und jede that wie Ornitogalia.

--Osterluzia lieferte für ein am 1. Mai empfangenes Stück Wald ein

Waldhuhn.--Kretellina brachte für das am 7. Mai erhaltene Recht, im

Wald zu grasen, ein Grashuhn.--Serpoleta gab für den am 14. Mai

verliehenen jährlichen Holzbedarf ein Rauchhuhn.--Morgelina hatte am

21. Mai das Recht erhalten, im Walde Laub zu sammeln und brachte ein

Laubhuhn.--Moskatellina entrichtete für ein am 28. Mai empfangenes

Kornfeld ein Aehrenhuhn.--Kornelia leistete ihre Lehnspflicht für

einen am 4. Juni empfangenen Rosengarten mit einem Gartenhuhn.

--Esparsetta entrichtete für ein am 13. Juni, Pfingstdienstag,

empfangenes Feldgut ein Pfingsthuhn.--Als alle Ordensgespielinnen

ihre Pflicht gelöst und die acht Bänder anfassend, zur Rechten und

Linken des Blumensarges standen, erhoben Gackeleia und Kronovus die

beiden vorderen, Gockel und Hinkel die beiden hinteren Stangen der

Tragbahre und zogen mit dem Blumensarge der Kapelle zu.--Der Geist

der Ahnfrau folgte seinem eignen Leibe zu Grab.--Es war ein Anblick

von der rührendsten Erhabenheit.--Hinter dem von den acht

Ordensgespielinnen umgebenen bunten Blumensarg, in welchem das

bleiche, arme Kind von Hennegau in tiefrothem Gewand gleich einem

elfenbeinernen ernsten Jungfräulein zu schlummern schien, schwebte

dessen eigner Geist zwischen den drei weißen Klosterfrauen, welche

Lilien trugen--selbst eine Lilie--in unaussprechlich rührender

Einfachheit, in schneeweißem, langem Gewand, Spindel und Brod tragend,

das verschleierte Haupt mit weißen Rosen bekränzt, mit lieblichem

Frieden im Angesicht über die Blumen und Grasspitzen dahin. Eine der

drei Klosterjungfrauen, welche sie mehr, als die beiden andern zu

lieben schien, trug ihr demüthig die Schleppe.--Alle drei sangen:

"Die reine Lilie prangt mit größrer Herrlichkeit,

Als jemals Salomo in seinem Königskleid,

Du trägst dies Brautgewand seit deiner Tauf' auf Erden,

Du konntest herrlicher niemals geschmücket werden."

Worauf der Geist der Ahnfrau mit wehmüthiger Innigkeit wieder sang:

"O Stern und Blume, Geist und Kleid,

Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Nun aber folgte der ganze Zug der Geister der dankbaren Armen, welche

den Sarg geschmückt hatten, sie trugen die schimmernden Fahnen von

Röckchen, Hemdchen, Schürzchen, Jäckchen, Mützchen, die guten Werke

des armen Kindes von Hennegau. Wer aber kam ganz, ganz zuletzt, so

daß gar nichts mehr hinter ihm kam?--Niemand Anders, als jene alte

Frau mit einer blauen Schürze, welche bei allen Prozessionen und

Leichenzügen zuletzt kommen muß--jene gesetzte, solide Person, die

nicht im Himmel ist, nicht auf der Erde ist und die selber nicht weiß,

wo sie ist und wer sie ist. Alle Nachforschungen der so

ausgezeichneten geheimen Polizei von Gelnhausen haben doch keine

entschiedenere Auskunft über sie zu Stande gebracht, als, es heiße,

sie solle ein buckliches Fragezeichen hinter einer Leichenrede seyn,

man halte sie für eine Art Nachrede, sie gebe sich für ein gewisses

Gewissen aus u. dgl. mehr.--Man suchte ihrer auf alle Weise habhaft

zu werden, man stellte bei allen Blaufärbern Spionen auf, um sie zu

ergreifen, wenn sie etwa ihre Schürze neu wolle färben lassen; aber

sie ließ sie nicht färben. Endlich ward sie von der

Verschönerungskommission, als geschmacklos und die künstlerische

Würde solcher Prachtzüge störend, und von der Aufklärungskommission

als ein abgeschmackter alter Aberglauben für null und nichtig in

Contumaziam erklärt.--Der Oberhof-Osterhaas schrieb eine gekrönte

Preisschrift gegen sie, worin er sie für eine optische Täuschung,

oder höchstens für das fünfte Rad am Wagen erklärte, welches, so oft

man seiner auch erwähne, doch eigentlich niemals da sey.--Unter der

Regierung des Kronovus aber ward, weil er sie selbst trotz aller

Null--und Nichtigkeits-Erklärung hinter dem Leichenzug seines Herrn

Vaters Eifrasius allerhöchstaugenscheinlich herschleichen gesehen,

alles Schreiben über sie verboten und eingeführt, bei ihrem Anblick

immer einem Armen eine neue blaue Schürze zu schenken; man hat

bemerkt, daß sie seitdem immer eine neue blaue Schürze trägt, und daß

die Blaufärberei in Gelnhausen einen solchen Aufschwung gewonnen hat,

daß sie der Bäcker--und Fleischerzunft gar nichts nachgiebt.

So nun kam der Zug in die Kapelle, wo unter dem Vortritt Alektryos

und Gallinas alles anwesende Federvieh sich tiefneigend Spalier

machte. Als sie mit dem Sarg vor den Altar kamen, drehte Gackeleia

den Ring, das Grab Urgockels öffnete sich, da sahen sie das Gerippe

des alten Herrn auch im reichen Grafenornat gar ehrbar unten ruhen.

Nun legten die acht Ordensgespielinnen, die acht Bänder in die Hand

der Ahnfrau im Sarge zurück und ergriffen die ähnlichen Bänder, die

zum Gürtel Gackeleias gehörten, und standen eine Weile um sie her.

Man senkte den Sarg neben den Sarg des Urgockels hinab, das Grab

schloß sich, die Jungfrauen stellten ihre Körbchen mit den Hühnern

darauf und legten alle ihre Kränze umher.--Der Geist der Frau

Urhinkel schwebte licht gegen den Grabstein Urgockels, die drei

Klosterfrauen mit den Lilien standen zu dessen Füssen. Eine

Lichtwolke erfüllte die Kapelle und zog sich oben wie in einen offnen

Himmel hinauf, dahin schwebte der Geist der lieben Gräfin Amey von

Hennegau zwischen den drei Klosterfrauen.--Gackeleia sprach zu den

acht Jungfrauen um sich her: "segne euch Gott, liebe Gespielen, ich

danke eurer Treue, folget dem liebsten Herzen dahin, wo es noch

besser ist als hier in Gockelsruh!" da neigten sie sich gegen ihre

rechte Schulter und schwebten in die Lichtbahn des ersten Kindes von

Hennegau hinan, und die ganze Prozession der Armen zog hinten nach

und man hörte den Gesang:

"O Stern und Blume, Geist und Kleid,

Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

immer leiser und leiser, bis er zuletzt ganz verstummte und Alles in

der Kapelle wie vorher war; da sah man das Steinbild der Frau

Urhinkel mit der Urgallina auf der Schulter neben dem des Urgockels

an der Wand und unter demselben schauten drei weiße Lilien über dem

Altare hervor. Auf dem Grab vor dem Altar hatten die Kränze der

Ordensgespielen Wurzel geschlagen und grünten alle die Kräuter, aus

denen sie bestanden.--Gackeleia übergab die verehrten Hühner dem

Alektryo, der sie sogleich in Eid und Pflicht nahm und nebst der

übrigen Hühnergemeinde in den Hühnerhof führte, wo ihnen ein

Hochzeitsschmaus von Waitzenkörnern, Brodsamen, allerlei Grünem,

Maikäfern, Regenwürmern und andern Delikatessen zubereitet war.

--Während allem diesem wurden fortwährend die Glocken geläutet, lief

die Kunstfigur immer mit dem Klingelbeutel umher und endeten der

Organist und die Primadonna ihre Fuge nicht.--Hierauf setzte sich der

Zug in Bewegung, den Wappenfahnen folgten die blumentragenden Knaben,

die blumenstreuenden Mägdlein, die Jünglinge mit den Geschenken

Salomos;--dann Kronovus und Gackeleia, welche die Kunstfigur im Arm

trug, und zuletzt Gockel und Hinkel, welchen, als sie die Thüre

verließen, Alektryo und Gallina auf die Schulter flogen.--So kam der

Zug in den herrlichen Raugräflich-Gockelschen Speisesaal, wo eine

vortreffliche Mahlzeit aufgetragen war. Im ganzen Schlosse gieng es

lustig zu, viele gute Leute aus Gelnhausen, die sich damals über

Gockels Pallast so verwundert hatten, waren Extrapost hergefahren.

Der Herr Postmeister hatte nichts zu thun, als einzuspannen, der Herr

Schirrmeister schmierte unerschöpflich, die Herrn Postillone bliesen

sich schier den Athem aus. Alles was in Gelnhausen kurfähig war,

wurde zur gräflichen Tafel gezogen, und sogar der geheime

Oberhof-Osterhaas, alle Ritter und Ritterinnen des hohen Eierordens;

auch viele reisende Künstler und Gelehrte und Standespersonen, welche

gerade zu der Frankfurter-Messe durchpassirten, benutzten die seltene

Gelegenheit, alle die Herrlichkeit mit anzusehen.--Es wurden der

Gäste so viel, daß Gackeleia alle Augenblicke den Ring drehen mußte,

um den Tisch zu verlängern. Einen großen Tisch allein bedurfte der

Oberhof-Osterhaas, denn er hatte eine ihm empfohlene großmächtige,

breite Schottländerinn bei sich, deren Gefolge aus einem lebensgroßen

Lebkuchenfiguren-Kabinet und einem Leib-Lebküchler bestand, die Alle

mit ihr an einer Tafel saßen.--Der Oberhof-Osterhaas stellte sie den

hohen Herrschaften mit den Worten vor: "die sehr honorable Kounteß

Samsonia Molle Gothol, Meisterinn von St. Eduards Stuhl, auf welchem

die Könige von England gesalbt werden, eine Nachkomminn der

schottischen Könige, Gothol, Simon Breach, Fergus, Kenneth u.s.w.,

welche schon Jahrhunderte vor christlicher Zeit, auf jenem Steine

gethronet haben, auf dem Jakob bei Bethel Luz schlief und der jetzt

in St. Eduards Stuhl bewahrt wird, dessen Pflege ihr anvertraut ist.

Diese hohe Dame ist mir von der Akademie der old druidical

Superstitions dringend empfohlen, sie hat sich eine schwarze

Melancholie durch zu urälterliche und altvorderliche Studien

zugezogen, indem sie schon auf ihrem Kinderstühlchen vor St. Eduards

Stuhl bei dem darin bewahrten Steine Jakobs anfangs mit der Puppe

spielend zur Wache gesessen und dann durch stätes Brüten über die

Herkunft dieses Steins vor lauter Kindern Gottes und der Menschen und

den vielen Kindern Israels die eigne Kindheit verloren hat. Nun aber

reist sie mit ihrem Kinderstühlchen umher, dieselbe wieder zu finden

und darauf zu setzen. Da sie Alles vom Ei an ergründen muß, und von

meinen geringen Verdiensten als unwürdigem Oberhof-Osterhaas gehört

hat, hat sie gehofft, vielleicht in einem Osterei, den wahren

Kindskopf zu finden, aber leider vergebens!--Es ist ihr bei längerem

Aufenthalt in der Grafschaft Vadutz bekannt geworden, daß die

Lehnshuldinnen dieser Grafschaft die Achselspangen Rebekkas auf den

Schultern tragen, und weil sie weiß, daß diese Kleinode mit dem Stein

Jakobs zusammenhängen, so wünscht sie für ihre Studien eine nähere

Kenntniß dieser Alterthümer aus schriftlichen, gleichzeitigen

Urkunden zu erlangen.--Die bei ihr befindlichen Lebkuchen sind ihre

theils noch heidnische Vorfahren, die schottischen Könige Gothol,

Breach, Fergus, Kenneth und dergleichen. Der sie begleitende

Leib-Lebküchler arbeitet mit lauter Honig aus dem Rachen des Löwen

Samsons, und da sie eine Vorstellung dieses ihres Namenspatrons, wie

er seine Feinde mit dem Eselskinnbacken erschlägt, in

Honigkuchenteich poussiren lassen will, hat sie ihn mitgenommen, um

Studien zu skitziren, was sehr unterhaltend ist; er hat mich schon

portraitirt, und es gleicht, wie kein Osterei dem andern.--Diese

würdige Märtyrin der Ernsthaftigkeit empfehle ich nun der

theilnehmenden Kind--und Kinds-Kindlichkeit der königlichen und

gräflichen Familie, allerunterthänigster, unwürdiger

Oberhof-Osterhaas." Gackeleia empfand eine große Theilnahme für die

honorable Kounteß und wollte sie umarmen, sie war aber zu groß und zu

breit und wollte sich nicht bücken, da half sich Gackeleia mit dem

Ring und drehte die Kounteß herunter, daß sie gerade groß genug war

und schloß sie herzlich in ihre Arme, wobei dieser sehr wohl zu Muthe

ward, so daß sie lächelnd sagte: "Euer Kindlichkeit können auch mehr

als Brod essen!"-Gackeleia lächelte und drehte die Kounteß wieder in

ihre große, breite Gestalt zurück, worauf sich Alles zu Tisch

niedersetzte.--Daß Gackeleia mehr als Brod essen konnte, bewies der

Küchenzettel der hochzeitlichen Mahlzeit; denn aus Achtung für die

Kounteß verwandelte Gackeleia durch den Ring Salomonis die ganze

Gelnhausische Mahlzeit in eine Schottländische, und die Verwunderung

der auftragenden Bedienten und die Verlegenheit der Gelnhauser Gäste,

die nicht wußten, wie sie die fremden Gerichte anfassen sollten,

erlustigte das ganze Fest.--Besonders viel zur allgemeinen Freude

trug der Leib-Lebküchler der Kounteß Gothol bei. Sie saß zwischen

den Bildern ihrer Vorältern, er neben dem Oberhof-Osterhaas unten an

und war in stäter Arbeit, daß ihm der Schweiß ausbrach, er hatte

einen großen Kübel Honigteich neben sich, und indem er mit großen

Appetit zu essen schien, knetete er mit Löffel, Messer und Gabel, das

Bild irgend eines Anwesenden aus Teig auf den Boden seines Tellers,

dann begehrte er einen frischen Teller und ließ den andern am Tische

von Hand zu Hand gehen, was ein großes Aufsehen unter allen Gästen

machte. Als nun Gackeleias Bild zu Kronovus und des Kronovus Bild zu

Gackeleia kam, fanden diese sich so getroffen, daß sie sich freßlieb

gewannen, und das wurde auf einmal Mode am Tisch, Einer aß des Andern

Bild auf. Da drehte Gackeleia, die melancholische Kounteß auch

wieder durch eine Artigkeit zu erheitern, den Ring Salomonis, daß

alle ihre Lebzelten-Vorältern neben ihr leben und mit ihr sprechen

möchten und eben so möchten die neugeformten Gesichter mit dem

Lebküchler thun. Das gab nun einen seltsamen Spaß, die alten

Schottischen Könige fiengen an mit der Kounteß, und dann unter

einander von dem Stein Jakobs zu disputiren und zwar sehr heftig, die

Gesichter, welche der Künstler auf die Teller formte, schnitten

Gesichter und streckten ihm die Zunge heraus, er wurde unwillig

darüber, knetete ihnen die Mäuler zu, da bliesen sie dann die Backen

auf, kurz es ward eine stäte Abwechslung von Grimassen. Da nun alle

die Könige anfiengen, dem Meth und Aepfelwein tüchtig zu zusprechen

und auch dem Lebküchler häufig zutranken, gab es Streit und sie

warfen sich die Teller ins Gesicht und modellirten sich ganz grandios

mit den Humpen auf den Köpfen herum. Diese alten Schotten-Könige

hatten eine Art Bauernkrieg unter einander und bald war dieser bald

jener Trumpf,--und dazwischen wurde immer vom Stein Jakobs geschrieen,

ohne daß sie irgend einig werden konnten. Alles das ward der guten

Kounteß ein Stein des Anstoßes, sie wußte gar nicht mehr, was sie von

ihren Altvorderen halten sollte, sie kam zitternd und bebend mit

ihrem Kinderstühlchen zu Gackeleia gelaufen und lehnte ihren großen

Kopf Hilfe suchend, da Gackeleia, um dem Streite zu zusehen, auf den

Stuhl gestiegen war, ganz bequem gegen das Achselband ihrer rechten

Schulter mit den Worten: "o mein Gott, welch ein Greul, o wo seyd ihr

hin, ihr schönen Tage meiner Kindheit!"--Gackeleia aber drehte den

Ring mit dem Wunsche, alle die Streitenden möchten sich in

unschuldige, belustigende Gegenstände verwandeln und alsbald wurden

die Könige und der Lebküchler zu Hollundermännchen, welche sich

einander auf den Kopf stellten und wieder auf die Füße purzelten, was

allgemeinen Beifall fand. Die Ueberreste der Lebkuchen-Bilder wurden

theils von den Originalen, theils von Alektryo und Gallina verzehrt.

--Selbst die Kounteß lächelte darüber und sagte: "seit ich die

Achselspange der Rebecka berührt habe, ist mir ein solcher kindlicher

Friede, eine solche Lust ins Herz gekommen, daß es mir lächerlich

vorkömmt, wie ich so entsetzlich über den Stein Jakobs habe studieren

können, o jetzt habe ich keinen Wunsch mehr, als daß ich noch, wie

einst auf meinen Kinderstühlchen neben St. Eduards Stuhl sitzen und

meine Puppe darauf stellen könnte."--Diese Rede gefiel der ganzen

gräflichen Familie so wohl, daß Gockel ihr Kinderstühlchen auf den

Tisch und die Puppe daraufstellte, worauf er ihr den eignen Orden der

Kinderei, Kronovus den Orden des goldnen Ostereis mit zwei Dottern,

und Gackeleia den Orden der freudig frommen Kinder umhängten, sie

rückten zusammen und nahmen sie in die Mitte und tranken Gesundheiten

und Alles war voll Lust und Herrlichkeit.--Gockel aber nahm nun das

große Tagebuch der Ahnfrau, das vor ihnen bei den Geschenken Salomos

und der Königin von Saba auf dem Tische lag und überreichte es der

Kounteß mit der Bitte, da sie sich so sehr für schriftliche Urkunden

interessire und eine so schöne Aussprache habe, möge sie mit der

Vorlesung die Mahlzeit beschließen; wahrscheinlich werde dort zu

ihrer Freude auch etwas von den Spangen der Rebecka und dem Steine

Jakobs verzeichnet seyn.--Sie nahm das Buch, blätterte ein wenig

darin hin und her, wie ein Kind, das keine Lust zu lesen hat, und

sagte: "es sind gar keine Bilder darin, das ist Schade, es ist mir

auch jetzt ganz unleserlich zu Muthe; mir ist so lustig und kindisch,

daß ich mich ordentlich zusammennehmen muß, um mich nicht da auf den

Tisch hinauf auf mein Kinderstühlchen zu setzen und mit den Füßen zu

pampeln. So lächerlich, ja unmöglich dieses bei meiner allzu

großmächtigen Figur nun scheint, muß ich dennoch leiblich dagegen

kämpfen; denn mein Seelchen sitzt wirklich schon darauf und läßt

jedermann seine schönen, neuen, rothen Schuhe bewundern. Nein, jetzt

lese ich nicht--ich habe eine große Angst, wieder in die

Untersuchungen alttestamentarischer Antiquitäten zu fallen, mir ist,

als verstünde ich jetzt erst den Stein Jakobs recht, mir ist, als

stiege ich mit den Engeln auf der Himmelsleiter, die er auf diesem

Steine schlafend im Traume gesehen, auf und nieder, und wir spielten

zusammen und einer von ihnen hat mir gesagt: "sey ein frommes Kind,

laufe nicht in alle Gassen hinein, halte dich hübsch fest an der

Schürze der Mutter und trau den falschen Ammen nicht--die treuen

Kinder wird die Mutter gewiß zum lieben Vater bringen, und da giebt

es Kuchen und Herz, was verlangst du?"--seht, so ist mir--ich will

mir keine neuen Skrupel in den Kopf setzen; aber ich will Euch

hernach doch aus dem Buche lesen--jetzt nun hätte ich vor mein Leben

gern, daß die liebe Gackeleia mir und uns Allen das wünsche, was ihr

das Liebste und uns Allen das Nützlichste und Gott das

Wohlgefälligste, am Ende aber ein wenig plaisirlich für jedermann

wäre.--Wünsche, Gackeleia, wünsche, bitte, bitte, bitte!"--Die große

majestätische Schottländerin sagte dies so von ganzen Herzen, so ganz

wie ein unschuldiges Kind, das erst der Flamme des Lichtes mit den

Händchen winkt, und weil sie nicht gleich naht, unbesorgt hinein

greift, ja so ganz von Herzen, daß sie in ihrer jetzigen Aeußerung

einem schönen, schimmernden Schmetterling glich, der sich aus der

finsteren Hülle einer Puppe, wie aus einem Kerker hervorwindet; die

Flügel träumend entfaltet, und rührt und ruft: o Blumen her, Rosen,

Lilien, mich zu schauckeln!--o es war rührend, leicht hätte er das

Licht selbst für eine in der Nacht leuchtende Lilie halten und den

Tod darin finden können.--Gackeleia fühlte das Alles so tief, daß sie

die gute Samsonia Molle Gothol ans Herz drückte, mit den Worten:

"gewiß, gewiß, du bist die erste liebste Ordensgespielin des armen

Kindes von Hennegau!"--Da blickte Gackeleia den Kronovus und Vater

und Mutter und alle Gäste gar lieblich, schlau und kindlich lächelnd

der Reihe nach an und hob den Ring an dem Finger mit der Frage empor:

"wollt ihr von Herzen mit Allem zufrieden seyn, was ich wünsche?" und

alle riefen einstimmig: "ja, ja, von Herzen zufrieden, wünsche

Gackeleia, wünsche!"

Nun umarmte Gackeleia Vater und Mutter und den Kronovus und drückte

die schöne Kunstfigur ans Herz und reichte allen Gästen der Reihe

nach die Hand--dann schaute sie rings um aber das fröhliche Volk,

über Schloß, Hof und Garten, über die ganze freudige Umgegend und

sprach: "o wie ist Alles so einig und freudig umher! nur Eines bleibt

zu wünschen übrig--ich wünsche es," da drehte sie den Ring Salomonis

am Finger und sprach:

"Salomo, du weiser König,

Dem die Geister unterthänig,

Setz' uns von dem stolzen Pferde,

Ohne Fallen sanft zur Erde,

Führ uns von dem hohen Stuhle

Bei der Nachtigall zur Schule,

Die mit ihrem süßen Lallen

Gott und Menschen kann gefallen,

Laß, das hohe Lied zu singen,

Uns aufs Kinderstühlchen schwingen,

Führ uns nicht in die Versuchung

Unfruchtbarer Untersuchung;

Nicht der Kelter ew'ge Schraube,

Nein die Rebe bringt die Traube.

Mach' einfältig uns gleich Tauben,

Segne uns mit Kinderglauben.

Lasse uns um jede Gnade

Kindlich bitten, kindlich danken

Und durch Dorn und Blumenpfade

Treu gepflegt sie ohne Wanken,

Freudig, doch mit frommem Zagen,

Hin zum lieben Vater tragen.

Laß die Engel bei uns wachen,

Daß wir wie die Kinder lachen,

Daß wir wie die Kinder weinen,

Laß uns Alles seyn, nichts scheinen.--

Mache uns zu Kindern Alle,

Jedes sey nach seiner Art,

Wie's dem lieben Gott gefalle,

Einsam oder treu gepaart.

Bricht ein Herz am andern Herzen,

Mach ihm Blumen aus den Schmerzen,

Daß mit duftendem Gewinde

Seine Wunde es verbinde,

Roth, wie Amaranthen blühe,

Bis in Schmerzen es verglühe.

Wessen Herz ein Anderes spiegelt,

Der sey rein und stark geflügelt,

Daß er heil empor es trage

Zur Befriedung aller Klage,

Zur Erlösung aller Frage,

Aus der Nacht zum Herrn der Tage.

Zieh'n schon Engel durch die Halmen,

Wogt das Korn schon Well auf Welle,

Naht der Schnitter unter Psalmen,

Spielen Kinder auf der Schwelle

Doch mit Blumen roth und blau,

Die des letzten Tages Thau

Bräutlich schmückt mit mildem Glanz

Für des Festes Erndtekranz,

Und sie singen: Uns liebt morgen,

Der uns heut so treu geliebt,

Ein fromm Kind braucht nicht zu sorgen,

Wenn's noch Heut und Morgen giebt;

Und kömmt erst die Ewigkeit,

Halt ich reinlich nur mein Kleid,

Bin ich fertig und bereit

Und geh ein zur Herrlichkeit.

Darum liebster Salomo!

Mach uns heute groß und klein

Gleich zu solchen Kinderlein,

Knaben derb und Mägdlein fein,

Die im Grase frisch und froh

All in Kleidchen nett und rein

Rings um den Alektryo

Glücklich bei einander sitzen

Und die Ohren horchend spitzen.

Mach, daß Alles auf ein Häärchen

Nichts ist, als ein altes Mährchen,

Das der Hahn uns hübsch erzählt,

Den wir lang darum gequält,

Und die Puppe, nein--die nur

Eine schöne Kunstfigur,

Sey gleich eine ganz scharmante,

Aprobirte Gouvernante,

Schmeidig, wie ein Seidenfädchen,

Zierlich, wie ein Silberdräthchen,

Die mit zimperlichen Schritten

Einen Kuchen schon zerschnitten,

Weil das Beste kömmt zuletzt,

Lächelnd vor uns niedersetzt.

Und wir drängen uns um sie,

Herzen und bekränzen sie,

Und sie stimmet mit uns ein:

"Bitte, bitte, artig seyn!"

Und wir patschen in die Hände,

Und das Mährchen hat ein Ende;

Ringlein, Ringlein, dreh dich um,

Mach es so, ich bitt dich drum!"

Gockel, Hinkel und Gackeleia · 第 15 / 16 段