Während Gackeleia diese Worte theils mit tiefer Rührung, so daß ihr

die Thränen in die Augen traten, theils lächelnd mit gutmüthigem

Muthwill aussprach, drehte sie den Ring immer schneller, denn sie

ward immer ungeduldiger, wieder ein Kind zu seyn. Kronovus hängte

sich an ihren Arm, er war ordentlich bang, sie würde ganz klein

werden und ihm endlich gar verschwinden; weil sich aber in seiner

Seele alles zugleich mit ihr veränderte, merkte er keinen Unterschied.

--Das verschiedene Betragen aller Gäste war lustig anzusehen, einigen

sehr soliden Standespersonen aus Gelnhausen war gleich anfangs schon

nicht recht wohl bei dem Handel zu Muthe, sie waren froh, die

Kinderschuhe ausgetreten zu haben, sie fürchteten, sie müßten wieder

in die Schule und besonders in die Kinderlehre gehen und würden sehr

beschämt werden, weil sie den Katechismus ganz vergessen hatten.

--Einige Damen dachten auch, man könne sich das Verjüngen bis auf

einen gewissen Grad wohl gefallen lassen, dann aber wollten sie sich

unter irgend einem Vorwand zurückziehen; so kam es dann, daß vielen

gleich anfangs übel ward, daß sie Nasenbluten bekamen, heftig zu

husten anfiengen und sich aus dem Staube machten. Andere, welche

tüchtig gegessen und getrunken hatten, begannen zu gähnen und

schliefen ein oder fiengen an zu tändeln und zu spielen und ganz

kindisch vertraut allerlei Neckereien mit ihren Nachbarn zu treiben.

--Es kam viele Natur, viele Art und Unart, aber auch gar viel

verstecktes Liebes an den Leuten zu Tag.--Da nun Gackeleia mit ihrem

Wunsche fertig war, zog sie den Ring ab und legte ihn auf den Teller,

um ihn für immer dem Kronovus zu überreichen, aber Alektryo, der

neben ihr auf der Schulter Gockels saß, zuckte mit dem Schnabel

hervor nach dem Ringe und verschluckte ihn wieder, in demselben

Augenblicke gieng der Wunsch Gackeleias plötzlich in seine ganze

Erfüllung.--Die großmächtige Schottländerin hatte noch gerade so viel

Zeit, das große Tagebuch der Ahnfrau unter den Arm zu klemmen und ihr

Kinderstühlchen zu erwischen, denn sonst hätte sie mit den andern

Kindern auf der Erde sitzen müßen.--Mehr als drei dutzend Personen

waren gerade noch übrig, und diese waren auch richtig in eben so

viele gesunde vergnügte Kinder verwandelt, die auf einem schönen,

blumigen Grasplätzchen am Rande eines Kornfeldes um den Hahn Alektryo

herumsaßen, der ihnen die Geschichte erzählte, die ein altes Mährchen

war, welches er in seiner Kindheit von einem italienischen

Schokolademacher gehört, und um das sie ihn schon lange gequält

hatten. Als er nun eben fertig war, kam das Beste zuletzt, nicht die

Puppe, sondern nur die allerschönste Kunstfigur war in eine wohl

aprobirte Gouvernante verwandelt und trippelte mit einem

Präsentirteller, worauf ein großer, schon getheilter Kuchen lag,

mitten unter die Kinder und ließ sich auf ein Knie nieder und setzte

den Kuchen auf den Rasen zwischen die Kinder. Da war der Jubel

allgemein, die Kinder drängten sich um sie, umarmten sie,

schmeichelten ihr, setzten ihr Kränze auf, machten Musik, schrien

Vivat, und jedes that nach seiner Art, gesellt oder einsam; es waren

auch Kinder da, die schliefen, die gähnten, die aufwachten, die sich

neckten, versteckten, liebkosten, Kränzchen aufsetzten.--Sie hatten

ihre Lämmchen, Hündchen, Vögelchen u.s.w. bei sich.--Unter allen

diesen lustigen Kindern saß Eines ein wenig abgesondert, etwas

ernsthafter auf einem Kinderstühlchen, es hatte ein großes Buch unter

dem Arm, ein Schmetterling lebte und starb ihm auf dem Händchen. Es

schien ein Bißchen tiefsinnig, wie träumend, als sey es einmal eine

sehr große breite Figur gewesen und könnte sich noch nicht in Alles

recht finden. Ein Knabe auf dem Steckenpferd wollte es vorwärts

reißen, wodurch es sich noch mehr zusammennahm. Es sah auf den

Kuchen hin, auf welchem seine Vorältern, als Hollundermännchen um

eine Puppe herumpurzelten.--Es lächelte kaum, denn es hörte in der

Ferne die ernsten Psalmen des Schnitters, es hörte das Wogen der

Aehren Welle auf Welle, und wenn es gleich freudig mit den andern

Kindern auf der Schwelle des Erndtefestes saß, so spielte es doch

nicht mit den blauen und rothen Blumen, die vom Thau des letzten

Tages schimmerten, sondern es gedachte dieses Tages und sah die Boten

der Erndte, zwei Engel aus dem Weizen hervortreten; der eine führte

ein armes verwaistes Kind, das lange keine Freude gehabt, hin auf die

Schwelle, wo die freudig frommen Kinder spielten, und zu dem Kuchen,

der da ausgetheilt ward.--Da sagte das nachdenkliche Mädchen auf dem

Kinderstühlchen vor sich: "ach und das Leben ist doch so ernst!

"--Gleich darauf sah es den zweiten Engel, sich aus dem Korn

hervorbeugend, mit einem andern Kinde in das Nest der Gallina schauen,

welche dort brütete; da sprach das ernste Kind:

"Engel, die Gott zugesehn,

Sonn und Mond und Sterne bauen,

Sprechen: "Herr, es ist auch schön,

Mit dem Kind ins Nest zu schauen!"

Darüber dachte es nun wieder nach, als der Knabe auf dem Steckenpferd

vorüber reitend es an der Schürze zupfte.

Als nun Alles so voll Freude und Jubel über die wohlaprobirte

Gouvernante und ihren Kuchen war, sagte diese, dem Ungestümm der

Kinder wehrend: "bitte, bitte, artig seyn, jetzt will ich austheilen."

Da patschten Alle so freudig in die Hände, und ich vor allen so

unmäßig, daß mir die Hände noch brennen, denn ich war auch dabei,

sonst hätte ich die ganze Geschichte ja nie erfahren und hätte keinen

Kuchen erhalten von der Puppe--nein der nur allerschönsten Kunstfigur

u.s.w.

***

Alle patschten in die Hände

Und das Mährchen schien am Ende

Selbst ganz artig zugespitzt,

Ja ein kleines Sternchen blitzt

Unten an der Himmelsleiter

Unter einem--und so weiter;

Und dies heißt: der kleine Stern

Plauderte noch gar zu gern;

Denn, wie sichs versteht am Rande,

Hat die edle Gouvernante

All die Kinder heimgeführt,

Und dann, wie es sich gebührt,

Gleich die Schaar, daß sie gedeihe,

Rein gewaschen, nach der Reihe

Umgekleidet und gepflegt,

Wie ins Bett man Kinder legt;

Und weil Alles auf ein Härchen

Mußte sein ein artig Mährchen,

Kämmt' und flocht den Kinderköpfchen

Allen sie die linden Zöpfchen,

Sprengte dann mit Wassertröpfchen

Noch die lieblichen Geschöpfchen,

So wie Blumen man erquickt,

Die man in die Kirche schickt,

Und nun ist sie fromm mit Allen

Auf die Kniee hingefallen,

Hat mit ihnen süß gesungen,

Daß zum Himmel es gedrungen:

"Müde bin ich, geh zur Ruh,

Schließe beide Aeuglein zu,

Vater, laß die Augen dein

Ueber meinem Bette seyn;

Hab ich Unrecht heut gethan,

Sieh es, lieber Gott, nicht an,

Deine Gnad und Jesu Blut

Macht ja allen Schaden gut;

Vater hab mit mir Geduld

Und vergieb mir meine Schuld,

Wie ich Allen auch verzeih,

Daß ich ganz in Liebe sey.

Alle, die mir sind verwandt,

Herr laß ruhn in deiner Hand,

Alle Menschen groß und klein

Sollen dir befohlen seyn.

Kranken Herzen sende Ruh,

Nasse Augen schließe zu,

Laß den Mond am Himmel stehn,

Und die stille Welt besehn!"--

Alle sagten dann gut Nacht,

Haben lieb sich angelacht,

Zu einander nach der Reihe

Sprachen sie: "verzeih, verzeihe,

Morgen, läßt uns Gott erwachen,

Wollen wir es besser machen."

All ins Bettchen dann gesteckt

Hat sie und hübsch zugedeckt.

Als sie dann in sich gekehrt

Suchte, was ihr Gott bescheert,

Trat ihr Engel ihr entgegen

Und gab ihr den Kindersegen,

Und, was Alles sie geträumt,

War mit Himmelsgold gesäumt.

Nicht lang nach dem Abendlied,

Als die Gouvernante schied,

Alle Kinder einen tiefen

Traum-durchblümten Schlummer schliefen;

Eines nur verließ das Pfühlchen,

Mit dem Buch und Kinderstühlchen

Wollt's zum Mond in's Freie gehn

Und die stille Welt besehn.

Und ich folgt' ihm, sah im Traum,

Wie es an der Aehren Saum

Zwischen Lilien in dem Feld

Vor Sankt Eduards Thronstuhl dicht

Hat sein Stühlchen hingestellt.

Aus dem Thronstuhl sind von Licht

Dann zwei Pflanzen aufgeschossen,

Blatt vor Blatt gleich Leitersproßen

Waren wie das Blatt des Mohns

Und des Siegels Salomons,

Und sie wuchsen bis zum Mond.

Oben in dem Strauße thront

Mild ein Weib in ernster Feier,

Thront die Nacht in weiter Hülle,

Schauet, thauet durch den Schleier

Mutterstille, Mutterfülle

Träumerisch vom blauen Zelt

Auf das goldne Aehrenfeld.

Ihr zur Rechten, ihr zur Linken

Auf des Mohnes Blumen winken

Sterne, Kinder aller Launen,

Die da sinnen, harren, staunen,

Beten, sehnen, prophezeihen,

Wenig wohl um uns bekümmert

Schweigen und ins Herz uns schreien.

Während oben es so schimmert,

Blättert unten in dem Düstern

Still das Kind im großen Buche,

"Find' nicht," sprach es, "was ich suche,

Hör, doch alle Blätter flüstern

Von des Jakobs Schlummerstein

Und Rebeckas Edelstein,

Was zu lesen ich so lüstern;

Stiegen doch die Engel wieder

Auf der Himmelsleiter nieder,

Brächten mir ein Bischen Licht!

Denn trotz Mond und Sterngefunkel

Ist's zum Lesen doch zu dunkel.

Sieh, als kaum das Kind so spricht,

Nahen auf der lichten Bahn

Gleich zwei Engel sich geschwinde

Mit zwei Sternlein und dem Kinde

Zünden sie die Lilien linde

Zu des Thronstuhls Seiten an,

Und nun ist es hell zum Lesen

Wie in einem Chor gewesen,

Wo man wechselnd singt die Psalmen,

Als das Kind hat intoniret,

Haben auf des Mohnes Halmen

Gleich die Sterne respondiret:

"Stern und Blume, Geist und Kleid,

Lieb, Leid, Zeit und Ewigkeit."

Und den ganzen Wiederhall

Sang das Lied der Nachtigall,

Die da auf dem Thronstuhl saß

Und kein Wörtchen je vergaß,

Das das Kind im Buche las.

Und ich sah das Kind im Singen

Sich zum höhern Chor erschwingen,

Wie es so emporgestiegen,

Ließ sein Buch es unten liegen,

Hat zu mir sich umgeschaut,

Und sprach milde, wie es thaut:

"War in Schottland einst geboren,

Irrt in Irland lang verloren,

Geh ins wahre Engelland

An der lieben Engel Hand;

Gieb mir Acht auf meine Sachen,

Wenn die Kinder all erwachen,

Lese ihnen aus dem Buch

Von dem Segen, von dem Fluch,

Von des Kleinods Heil und Noth,

Von der Fahne weiß und roth,

Von dem Wolfbrand Hammelstutz

Und dem Hego von Vadutz;

Jetzt gut Nacht, auf Wiedersehn!"

Und da war's um mich geschehn,

Kind gieng in den Himmel ein,

Und ich blieb allein, allein!

Rings die weite, weite Nacht

Und der Sterne ernste Pracht,

Keiner hat an mich gedacht,

Keiner hat mich angelacht.

In der Lilien Wunderlicht

Sitz ich gleichsam vor Gericht,

Und das liebe Kinderstühlchen

Ward mein Armesünderstühlchen;

In die Nacht hab ich gedichtet,

Was gen Morgen wird gelichtet,

Und gesichtet und gerichtet;

Vor mir ruht das große Buch,

Und ich harre auf den Spruch.

Horch, wie ernst die Aehren wogen,

Horch, der Schnitter kömmt gezogen!

Träume thauen von dem Mohn

Und vom Schlafe übermannt

Sinkt das müde Haupt mir schon

Auf des Thronstuhls harten Rand,

Und mir träumt, wie zwei Jungfrauen

Aus der frühen alten Welt

Durch das reiche Aehrenfeld

Mild zu mir herüberschauen;

Und die Junge fragt die Alte:

"Vreneli, was macht das Büblein?"

"Amey," sprach die, "dicht am Grüblein

Schläft es, o daß Gott sein walte!

Seine Sache hats vollbracht,

Und daß, wenn der Tag erwacht,

In der Erndte es nicht darbe,

Leg ihm milde in den Arm

Eine kleine feine Garbe,

Hart liegt's jetzt, daß Gott erbarm!"

Und so that die liebe, gute,

Daß mein Haupt nun friedlich ruhte,

Flocht dann bei der Sterne Glanz

Aemsig an dem Erndtekranz,

Neben ihr die andere kniete,

Betend: "Büblein ruh in Friede!"

Aber ach! es wehrt nicht lange,

Horch! es rührt sich auf der Stange

Bei der Henne schon der Hahn;

Morgenthau rührt mir die Wange

Weckend, bald zerrinnt der Wahn;

Und der erste Hahnenschrei,

Wenn die Kinder auferstehen,

Bricht den lieben Traum entzwei;

Und sie werden dann verstehen,

Wie mir also ist geschehen.

Dann wird Alles vorgelesen,

Und wird das, was es gewesen,

Tretend aus dem trüben Schein

Auch in vollem Lichte seyn;

Ja dann ist selbst auf ein Härchen

Dieses Mährchen mehr kein Mährchen;

Und bis so das Mährchen aus,

Sing ich in die Nacht hinaus:

"O Stern und Blume, Geist und Kleid,

Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

End of Project Gutenberg's Gockel, Hinkel und Gackeleia, by Clemens Brentano

Gockel, Hinkel und Gackeleia · 第 16 / 16 段