weiblichen Geschlecht eine traurige tiefsinnige Andachtsweise
eingerissen; das Ei wollte klüger seyn, als das Huhn, und die Hühner
sprachen erstaunlich viel über umgelegte Eier. Es war wie eine
Krankheit unter den Mägdlein des Landes geworden, aller weiblichen
Handarbeit und Pflege und ebenso aller Freude und Heiterkeit zu
entsagen und sich allein einem tiefsinnigen Hinbrüten zu ergeben,
wodurch manche auf sehr verkehrte Dinge kamen.--Da nun im Jahre 1310
Porette, eine Jungfrau aus Hennegau, welche die Gräfin Amey kannte,
durch diese Lebensweise auf so unsinnige Meinungen und Lehren kam,
daß sie in Paris zum Feuertode verurtheilt ward, nahm Gräfin Amey
sich dieses so zu Herzen, daß sie sich entschloß, dieser Verkehrtheit
durch ihr Beispiel entgegen zu arbeiten. Sie errichtete deswegen für
Jungfrauen den Orden der freudigen frommen Kinder, in welchem sie
alle ihre Freundinnen verbindlich machte, mit Arbeit und Pflege für
die Armen, kindliche Freude und Andacht zu vereinigen. Alles Gute
und Heilige hatte einen Altar in ihrem Herzen, alles Kindliche und
Heitere aber auch eine gastfreie Herberge darin; und so kam die liebe
Amey in ein recht liebes, natürliches Wesen. Sie ward der Trost der
Armen und die Freude der Kinder, sie selbst nannte sich als
Großmeisterinn des Ordens das arme Kind von Hennegau. Da begann eine
gute Zeit für die Kinder in Hennegau, welche durch die übertriebene
Selbstbeschauung ihrer Mütter und älteren Schwestern ganz
unbeobachtet, verwildert, schmutzig, zerrissen und zerlumpt geworden
waren. Die liebe Amey errichtete große Ordensfeste und jede ihrer
Ordensgespielinnen mußte eine Heerde Kinder sauber und reinlich
gekleidet auf die Wiese bringen, wo getanzt und gespielt, gegessen
und getrunken und auch Gott gedankt wurde. Alle edlen Jungfrauen
wollten in dem Orden der freudig frommen Kinder seyn, und die
weibliche Sitte erhielt eine neue schöne Wendung, so daß es ein
Sprichwort geworden: "Wie wohl wär mir, hätt' ich zur Frau ein' edle
Dirn aus Hennegau!" Um aber die Verbindung der freudigen Frömmigkeit
und Kindlichkeit zu bezeichnen, um auszudrücken, daß die tiefste
Betrachtung es eben nicht viel weiter bringt, als ein lallendes Kind,
so besteht das Ordenszeichen aus einer Figur, welche auf der einen
Seite ein zur Sonne auffliegendes Lerchlein als das Bild freudiger
Betrachtung und auf der anderen Seite ein kleines, lächelndes
Wickelkind, das sich geduldig von einem Arm auf den andern nehmen
läßt, vorstellt. Es wird dieser Orden aber an einem amaranthrothen,
mit allerlei Glöckchen und Quästchen und sieben Sächelchen behängten
Bande um den Hals getragen, weil die Amaranthe nicht verwelkt und
ihre tiefe, rothe Farbe auch getrocknet bewahrt. Die Amaranthe ist
das Sinnbild treuer, beständiger Gottes--und Menschenliebe, und ein
Schmuck geliebter Todten, und es ward dem armen Kind von Hennegau
hier im Blumenbettlein die schöne Amaranthenkrone aufgesetzt, weil es
recht gewandelt ist. Die Erde trägt eigentlich nur den Schatten
dieser Blume, der Himmel allein bringt sie in der Fülle ihrer ganzen
Bedeutung wirklich hervor, als ein unvergängliches, unbeflecktes,
unverwelkliches Erbtheil, das uns in ihm bewahrt ist.--Die Amaranthe
ist ein Sinnbild der unschuldigen Kindlein, weil diese durch das
Schwert vom Leben getrennt, in ihrem Blute im Himmel wie die
tiefrothen Amaranthen glühen, welche selbst von der Pflanze
abgeschnitten, ihre Farbe nicht verlieren.--Die Amaranthe ist das
Sinnbild der Beständigkeit, der treuen Ausdauer, und von ihr heißt es,
in Kälte und Hitze, auch getrennt beständig, nimmer welkend, in
Thränen erneuet.--Dieser Eigenschaften wegen trägt Gräfin Amey die
Amaranthen-Krone und den Orden am amaranthrothen Band; daß aber am
Saum dieses ernsten Bandes alle die kleinen artigen Spielsachen,
Quasten, Glöckchen, Troddeln hängen, deutet wieder auf unschuldige
Freude am Saum des ernsten Tagwerks, so wie die Beete eines Gartens,
den wir mühselig bauen, mit kleinen lieblichen Blumen eingefaßt sind.
Sieh Gackeleia, wegen der tiefen Bedeutung der Amaranthenfarbe hatte
die gute Ahnfrau auch wohl eine so tiefe Rührung bei ihrem Anblick,
denn sie konnte sich oft gar nicht zurückhalten, wenn sie diese Farbe
sah; oder entsprang die Macht dieser Farbe über sie aus einem
Vorgefühl des Schicksals, das ihr durch dieselbe bevorstand?--ich
kann es nicht entscheiden--nur muß ich dich ermahnen, liebe Gackeleia,
nie eine Hinneigung zu irgend einer Sache allzu heftig werden zu
lassen, damit sie dich nicht endlich überwältige; denn sieh--die gute
Ahnfrau wurde durch diese Farbe gefangen und aus Hennegau hieher nach
Gockelsruh entführt. Die Räuber, welche wußten, daß sie dieser Farbe
nicht wiederstehen konnte, breiteten auf einer grünen Wiese, auf der
sie oft spazieren gierig, eine amaranthfarbige, seidene Decke aus,
und sangen ein Lied in der Nähe, das sie sehr liebte:
"Feuerrothe Blümelein,
Aus dem Blute springt der Schein,
Aus der Erde dringt der Wein,
Roth schwing ich mein Fähnelein."
Dieses Lied lockte Amey ans Fenster und als sie den tiefrothen Fleck
im Abendschein auf der Wiese funkeln sah, konnte sie der Begierde
nicht wiederstehen; sie mußte hineilen, und sich auf die Decke
niedersetzen, und so entschlummerte sie. Da zogen die Räuber mit
verborgenen Schnüren plötzlich die Decke über ihr zusammen, banden
sie auf ein Pferd und entführten sie bis hieher unter die Hennenlinde,
wo Urgockel sie auf ihr Hülfsgeschrei befreite.--Sieh, sie ist ganz
in ein weites amaranthseidenes Gewand gehüllt, das deutet auf jene
Decke, in der sie entführt, gerettet und die Braut Urgockels ward.
"--"Es paßt recht schön," sprach nun Gackeleia, "daß sie diese Farbe
auch hier im Tode trägt, denn so ist sie auch in dieser Farbe von der
Erde entführt, und unter dem wahren Hennenkreuz gerettet, eine Braut
des Himmels und wie ein Küchlein unter die Flügel der Henne
versammelt worden.--Aber sage, warum haben denn die Räuber die liebe
Ahnfrau entführen wollen?--Sie sieht doch gar nicht so
reichgeschmückt aus wie andere Gräfinnen, die von funkelndem
Geschmeide strotzen, und ich habe mich schon über diese Armuth
verwundert, kannst du mir wohl sagen, warum hat sie denn gar keinen
andern Schmuck auf ihrem amaranthseidenen Brautkleid, als nur zwei
kleine Edelsteine auf den beiden Spangen, welche das weite Gewand auf
den Schultern zusammen fassen?"--Da schaute Gockel die Gackeleia
lächelnd an und sprach: "du bist ein rechter Schelm, du fragst mich
über Allerlei, was längst vergessen ist, und dann drehst du heimlich
den Ring Salomonis, damit mir Alles in den Sinn kommen soll, was ich
nie oder doch nur dunkel gewußt habe."--"Freilich mache ich es so,"
antwortete Gackeleia, "denn wie jede Speise ihr eigenthümliches Gefäß
hat, so sind solche alte Geschichten immer am schönsten, wenn sie der
Vater erzählt."--Da fuhr Gockel fort: "du fragst ganz recht wegen den
Räubern, die sie entführten und diesen einsamen Edelsteinen auf ihren
Achselbändern zugleich, denn wegen dieser wollten die Räuber, welches
böse Edelleute aus dem Turgau waren, sie entführen, und Kronovus mag
dich nur gut bewachen, sonst kann dir es auch so gehen; denn auch du
trägst solche zwei kleine Edelsteine auf den goldnen Spangen, welche
die Aermel deines amaranthfarbigen Brautkleides auf der Schulter
schürzen, und es sind diese Spangen deine eigentliche Morgengabe,
welche dir allein gehört. Es sind die sogenannten heiligen
Lehns-Kleinode der Grafschaft Vadutz, deren Wappen darauf eingegraben
ist. Vadutz mit seinen Felsenschlößern ist ein Frauenlehn und gehört
allen erstgebornen Gräfinnen von Hennegau, die mit diesen Spangen
auch alle Rechte einer Lehnshuldinn von Vadutz empfangen. Es ist
eine alte geheimnisvolle Sage mit diesen Steinen verbunden; es heißt,
die wahren, heiligen Gnaden-Kleinode, habe schon Rebecka auf ihren
Schultern getragen, sie seyen wunderthätig, die Ahnfrau habe sie mit
ins Grab genommen, um ihre Nachkommen vor Gefahren zu hüten, und jene,
welche diese trügen, seyen gewöhnliche Edelsteine; das mag wohl auch
so seyn, denn Mutter Hinkel trug diese Kleinode auch, seit sie Gräfin
von Vadutz ward, aber ich habe sie dadurch nie Wunder wirken sehen.
Jedoch sind die Kleinode, wodurch die Gräfin Amey ihre Tochter zur
Gräfin von Vadutz weihte und welche nun bis auf deine Schultern
gekommen sind, an die ächten Edelsteine angerührt worden und mögen so
einen Strahl ihres Segens empfangen haben. Die ächten heiligen
Lehns-Kleinode aber sehen wir hier auf den Spangen der lieben Ahnfrau,
und in dem großen Buche, welches hier neben ihr im Sarge liegt,
steht von dem Geheimniß dieser Steine, wir wollen es heute nach der
Hochzeitsmahlzeit lesen, jetzt aber sollt ihr mit der Nachricht
Vorlieb nehmen, wie diese Kleinodien und das Ländchen Vadutz an die
Gräfinnen von Hennegau gekommen sind.--Der Vater der lieben Ahnfrau
trug diese Kleinode selbst, er war ein Erb-Graf von Vadutz, vermählte
sich aber mit einer Gräfin von Hennegau, zog mit den Kleinoden nach
Hennegau und nahm dessen Namen an. Er sehnte sich lange nach einem
Töchterlein; als nun seine Gemahlin die liebe Amey gebohren, war es
gerade Neujahrstag, der Graf von Hennegau war in der Schloßkapelle
und im Augenblick als man sang:
"Uns ist geboren ein Kindelein,
Sein Reich lehnt auf den Schultern sein."
kam ein Edelknab gelaufen, er solle geschwind zu der Frau Gräfin
kommen, so eben habe ihr der Klapperstorch ein allerliebstes
Töchterchen gebracht. Da lief der Graf geschwind hinauf in das
Zimmer der Gräfin und sang den ganzen Weg:
"Mir ist geboren ein Töchterlein,
Sein Reich lehnt auf den Schultern sein,"
und als er hinauf kam, saß die Gräfin aufrecht auf ihrem Lager und
hatte das liebe, arme Kind von Hennegau am Herzen, und der Graf war
ganz außer sich vor Freude und lehnte sein Haupt auf die Schulter der
Mutter und sah dem Töchterlein in die lieben Augen und vergoß
Freudenthränen, dann nahm er seine Achselbänder, worauf zwei
Edelsteine, die Reichskleinode von Vadutz, befestiget waren und sagte
feierlich: "weil uns das liebe Töchterchen gerade bescheert worden
ist, da man das Verschen sang, so will ich ihm auch sein Reich auf
seine Schultern lehnen und zwar jetzt dir, als seiner treuen
Vormünderin." Da heftete er seiner Gemahlin die Achselbänder mit den
Edelsteinen, worauf das Wappen von Vadutz eingeschnitten war, auf die
Schultern und sagte: "Ich belehne deine Erstgeborne durch dich und
alle erstgebornen Töchter ihrer Nachkommen mit dem Ländchen Vadutz,
es sey ein Frauenlehn, ein Kunkellehn in unsren Nachkommen, und
sollen den erstgebornen Töchtern der Grafen von Hennegau, sobald sie
die erste Kunkel des zartesten Flachses für die Armen, ohne den Faden
zu zerreißen, abgesponnen haben, diese Edelsteine auf die Schultern
geheftet und sie so mit dem Ländchen Vadutz belehnt werden."--Du nun,
liebe Gackeleia, trägst jetzt diese Kleinodien auf deinen
Achselbändern. Der alte Graf von Hennegau sprach nichts von dem
Ursprung und den Gnaden dieser Kleinode, die bei seinen Vorfahren
schon in Vergessenheit gekommen waren, welche aber die Ahnfrau später
von drei Klosterfrauen erfuhr, denen sie zum Lohn ein Kloster
Lilienthal stiftete, es sind dieselben, welche dort neben den Lilien
bei ihr stehen.--Wegen diesen Kleinoden nun und dem Besitz der
Grafschaft Vadutz entführten einige Ritter, welche nicht vom Auslande
her regiert werden wollten, die Lehnshuldin und wurden hier von
Urgockel erschlagen."
Hierauf schwieg Gackeleia ein Weilchen, und da Gockel sie fragte,
"warum sprichst du nicht?" antwortete sie, in dem sie ihm eine
Spindel voll des feinsten Gespinnstes reichte: "Ei Vater, weil ich
jenen Rocken nicht abgesponnen, lehnte mir das Ländchen so schwer auf
den Schultern wie ungerechtes Gut, da drehte ich den Ring Salomonis
geschwind, geschwind am Finger wie eine Spindel und da hab ich sie
nun voll feinem Garn für die Armen und es ist mir wieder ganz leicht
auf den Schultern."
Da lächelten sie alle über die Gewissenhaftigkeit der neuen Königin
Gackeleia von Gelnhausen, Gräfin von Gockelsruh und Hennegau,
Lehnshuldin von Vadutz, und schauten die liebe Ahnfrau weiter an.
Die goldnen Armringe, welche einst die weiten Aermel fest
angeschlossen, waren los an den dürren Armen herabgesunken, die
feinen weißen Hände ruhten an beiden Seiten des Leibes. Die Linke
hielt die obengenannten Heilkräuter, die Rechte ruhte auf einem
großen Buch und faßte acht lange amaranthfarbige, mit Perlen
gestickte Bänder, welche von dem ähnlichen Gürtel ausliefen, der das
weite Gewand über den Hüften umschloß. An diesem Gürtel hingen auch
Schlüssel, und ein Löffel, Kinder zu speisen und eine Rassel, Scheere
und Aehnliches. Die hagern feinen Füßchen schauten so arm und
rührend unter dem Saum des Gewandes hervor, als zitterten sie, und
die mit Perlen gestickten Goldpantöffelchen waren zu weit geworden,
und eines herunter gefallen, so daß der eine Fuß mit den weißen
schimmernden Zehen hervorsah.--Da kniete Gackeleia mit großer Liebe
und Rührung an dem Sarge nieder und küßte den Fuß und benetzte ihn
mit Thränen, mit den Worten: "du liebes armes Kind von Hennegau hast
ja dein Pantöffelchen verloren, o Mutter Hinkel sieh, wie muß das
liebe Ahnfrauchen zu den Armen im Schnee herumgepatscht seyn, die
Spitze des Fußes ist ganz braun, sie hat sich die Füße verfroren,
--wart, ich weiß, was ich thue, in der goldnen Gallina der Königin
von Saba ist eine Frostsalbe, hohle mir sie Kronovus!"--Gleich
brachte Kronovus die Salbe und sie pflegte den Fuß der geliebten
Todten damit und schaute mit Thränen den Vater an und sprach: "Vater
Gockel, das liebe, arme Kind von Hennegau ist schon lange todt, aber
ich darf es doch pflegen, nicht wahr Vater, das ist nicht ganz
unvernünftig? denn sieh, ich muß es thun aus Liebe und Dank und würde
mich schämen, so ich es nicht thäte, ich thue es mit dem Wunsche, es
ihr selbst zu thun, sie wird schon wissen, wozu sie es gebrauchen
kann, vielleicht kann sie jetzt, da ich ihr Liebe erwiesen habe, viel
lustiger im Paradiesgarten herumtrippeln, und dankt mir es."--Unter
diesen Worten küßte Gackeleia den Fuß, den sie gepflegt und nur einem
reinen Tüchlein verbunden hatte und steckte ihn wieder in das
Pantöffelchen, dann erhob sie sich und alle umarmten sie schweigend,
und es ertönte von dem Geiste der Frau Urhinkel mit inniger Freude
der Gesang her:
"Mein Schmerz ward milder, tausend Dank!
Lieb ewig heilt, was zeitlich krank,
Nimm dir zu deiner Liebe Lohn
Die ächten Steine von Vadutz;
Im großen Buche findst du schon,
Wie heilsam dieser Gnadenputz;
O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"
Es war eine schimmernde Freude in der Erscheinung und den drei weisen
Nönnchen bei den Lilien, die süßer dufteten, als je.--Gackeleia aber
besann sich nicht lange, schnell vertauschte sie ihre Achselspangen
mit jenen des armen Kindes von Hennegau, und nahm zugleich das große
Buch aus dem Sarg und gab es dem Vater.--Gockel blätterte ein wenig
dann und sagte: "es ist kurios geschrieben von beiden Seiten nach der
Mitte zu. Von einer Seite einhält es die Rechnungen der Grafschaft
Vadutz, von der andern ein Tagebuch.--Potz tausend! was stehen da für
Lehen und Zinsen darin, aber--aber irren ist menschlich, das Kind hat
sich auch da einmal verrechnet. Hier auf diesem Blatt bei der
Almosen-Rechnung hatte sie subtrahiren sollen, 1 von 100 bleibt 99,
aber sie hat statt dessen gesagt, 1 von 100 kann ich nicht, 1 von 10
bleibt 9 und 9 von 9 geht auf,--das kann ja unmöglich eintreffen,
aber aufgegangen ist's doch, wie Saat im Garten der Armen.--In der
Orthographie war sie auch nicht ganz fest, hier in der täglichen
Haushaltungsrechnung steht immer, eine Maß Michl, ein Schoppen Michl,
immer Michl statt Milch; aber halt, da kömmt Etwas, das muß jetzt
verlesen werden, lies Gackeleia!" und er gab ihr das Buch und sie las:
Gräflich Hennegauische Hühner--und Menschensatzungen Zu der Sache
ewiger Gedächtniß. Wir von Gottes Gnaden Gräfin Amey, Urhinkel von
Hennegau, allererste Lehnshuldin des Ländchens Vadutz, armes Kind von
Hennegau und des Ordens der freudigen frommen Kinder Stifterin,
erklären in hoher Pünktlichkeit, Komma cum Pünktlichkeit und
Duopünktlichkeit.--Als wir, der abgründlichen Untiefe übertriebener
Beschaulichkeit zu begegnen, unsern Orden errichteten, haben wir
unsern Namensverwandten und ersten Ordensgespielinnen bei
verschiedenen Veranlassungen, welche in den Tagebüchern des Jahres
1318 aufgeschrieben sind, mancherlei Gnaden und Rechte für sich und
ihre weiblichen Nachkommen verliehen, wogegen dem Brautzug und
Leichenzug jeder Gräfin von Hennegau eine Nachkommin dieser
Gespielinnen gottesfürchtig beizuwohnen und ein Huhn an dem
sogenannten Hühnerabend abzuliefern hat. Auch sollen dieselben
solchen Brautund Leichenzügen mit ihren Namen bezeichnenden Blumen
geschmückt beiwohnen und derlei Blumen zu Füßen des Grabes erhalten,
mit der kindlichen Liebesmeinung, diese möchten dort statt ihrer
beten, wenn sie selbst nicht anwesend seyn könnten.--Eine jede
erstgeborne Tochter meiner Nachkommen nimmt mit ihren mündigen Jahren
das Amt der Ordensgeneralin und den Titel: "das arme Kind von
Hennegau" an und hat an ihrem Gürtel als Braut und als Leiche acht
Bänder von amaranthfarbigem Linnenband befestiget, welche die
Ordensgespielinnen anfassen, wenn sie dem Zuge folgen. Sie gehen in
dem Grand Cortege dicht hinter den drei Klosterfrauen von Lilienthal.
--Sie haben dies Alles zu erfüllen bei Verlust ihrer Rechte.
Diese unsre Erklärung soll bei Braut--und Leichenzügen den
Ordensgespielinnen jedesmal vorgelesen werden.--Sodann sind die
Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal zu lesen und dieselben
aufzurufen, worauf die Ordensgespielinnen oder deren Lehnserben
aufgerufen und von ihnen die Pflichthühner abgeliefert werden sollen.
Gegeben in unserm Kabinetchen im Jahr, da man sang:
"Gott grüß dich Mond und Sternenschein,
Entlaubet ist das Fensterlein!"
Pflichten der Klosterfrauen von Lilienthal. Als ich am Tage nach
Johanni des Jahres 1318 den drei Fräulein zur Lilien auf Gottes
höhere Mahnung und ihr dringendes Bitten das Kloster Lilienthal
gründete und ausstattete, wurde dieses Kloster Lilienthal
verpflichtet, den Braut--und Leichenzug jeder Gräfin von Hennegau und
Lehnshuldinn von Vadutz, welche das Kleinod auf den Schultern trägt,
von drei Klosterjungfrauen begleiten zu lassen und auf ewige Zeiten
drei weiße Lilien auf meinem Grabe zu erhalten.--Es sind aber diese
drei Klosterschwestern bei solcher Gelegenheit mit den Worten
aufzurufen:
"Ihr Lilien im Garten
Gedenket der Nacht,
Gedenket der Zarten,
Die bei euch gewacht;
Gedenket der Gnade,
Die auf euch gethaut,
Und duftet am Pfade
Der lieblichen Braut,
Und bittet am Grabe,
In dem sie nun ruht,
Daß Friede sie habe,
Die lieb war und gut."
Da neigten sich die drei weißen Klosterfrauen gegen die rechte
Schulter der Ahnfrau und man hörte die Worte wieder:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!"
Hierauf nahte die Mutter Gackeleias dem Sarge und legte vier der acht
Amaranthbänder, die von dem Gürtel der Ahnfrau ausliefen, zur rechten
und vier zur linken Seite des Sarges heraus, und indem sie die weiten
Aermel ein wenig über den hagern elfenbeinernen Händen der Ahnfrau in
die Höhe zog, sprach sie: "sieh Gackeleia, da bewährt sich das
Sprichwort wieder--an der Klaue kennt man den Löwen und an der Hand
die Gräfin von Hennegau.--Wenn wir es auch nicht wüßten, so würden
uns diese Hände sagen, daß sie der Gräfin Amey von Hennegau gehören.
Sieh, Gackeleia, von ihr haben wir die sogenannten Hennegauischen
Dockadaumen oder Gnadendaumen geerbt." Gackeleia küßte die Hände der
Ahnfrau ehrerbietig, indem sie den Vater fragte, woher denn der Name
Hennegauische Gnadendaumen komme; da erwiederte Gockel: "die ganze
Hennegauische Familie stammt mütterlicher Seite von einem römischen
Kaiser Curio und dessen Weib Docka her, die Christen geworden, nach
Deutschland gezogen und auch das Land Vadutz gegründet. Es war aber
bei den heidnischen Römern eine grausame Belustigung, Männer mit
Schwertern auf Tod und Leben mit einander fechten zu sehen. Wenn nun
einer der Kämpfer unterlag, setzte ihm der andere das Messer an die
Kehle und schaute umher, ob man ihn tödten oder begnadigen lassen
wolle; wer nun verlangte, der Ueberwundene solle leben bleiben, der
hob die Hände in die Höhe und schloß den Daumen fest in die Faust,
das war das Zeichen der Gnade; die Kaiserinn Docka soll gleich nach
ihrer Geburt schon die Händchen in dieser Stellung gehabt haben, so
daß die Mutter ausrief: "Ach mein liebes Kind du bist ein Gnadenkind!"
--Docka aber hielt bei jeder Gelegenheit, wo es Hilfe und Rettung
galt, von frühester Jugend auf ihre Händchen immer in dieser
Gnadenstellung, so daß ihre Daumen sich ganz danach bildeten und man
dieselben Gnadendaumen, Dockadaumen nannte, und von ihr ist diese
Handbildung auf alle Gräfinnen von Hennegau, mit der großen Neigung
zu begnadigen und zu vergeben, vererbt.--Sieh Gackeleia, daher kömmt
der Gebrauch, daß man sagt, halte mir den Daumen, wenn man verlangt,
ein anderer solle mit seiner ganzen Seele unser Glück wünschen."
"Nun wissen wir Alles," sprach Gackeleia, "so recht, wie man sagt,
bis auf den Fingernagel; wir wissen, warum die drei Lilien und die
drei weißen Klosterfrauen bei der lieben Ahnfrau unter der
Hennenlinde stehen; und warum dort bei den acht Pflanzen die acht
Ordensgespielen des armen Kindes von Hennegau festlich geschmückt
erscheinen und Hühner in Körbchen unter dem Arm tragen. Sie kommen
zur Leichen-Uebertragung des ältesten armen Kindes von Hennegau und
zum Brautzug des jüngsten, und das bin ich!--Sie wollen ihre
Pflichthühner abliefern.--Geschwind, geschwind, laßt uns sie
empfangen, ich sehe, sie schwanken schon ein wenig ungeduldig
durcheinander. Wohlan, ich rufe sie auf--"Im Namen Ihrer
Kindlichkeit der Gräfin Amey von Hennegau, ersten Lehnshuldin von
Vadutz und ersten armen Kindes von Hennegau mahne ich, Gackeleia
Königin von Gelnhausen, Gräfin in Hennegau und von Gockelsruh,
jüngste Lehnshuldin von Vadutz und jüngstes armes Kind von Hennegau,
--Euch, acht erste Ordensgespielen, die acht Pflichthühner
abzuliefern.--Zuerst rufe ich auf. Fräulein Ornitogalia, für eine am
30. April 1318 empfangene Weide-Gerechtigkeit liefere ab ein
Hirtenhuhn!"