Ich erwachte über dem schönen Gesang und hatte schon im Sinn

aufzustehen und für die Nachtmusik zu danken, aber ich fürchtete,

dann möchten sie kein Ende in ihren Gegenkomplimenten finden, und so

hielt ich mich dann mäuschenstille und schien wie eine Ratze zu

schlafen, bis die Sänger weiter gezogen waren; dann aber richtete ich

mich auf und sah die schönste Procession ein wenig an. An der Spitze

gieng die schöne Kunstfigur, umgeben von der königlichen Familie und

dem ganzen Hofstaat. Unter den Hoffräulein sah ich eine viel zu

große, kuriose Person mitgehen, sie war wie eine Riesin unter ihnen,

tanzte mehr als sie gieng, und ihre Stimme paßte gar nicht in den

Gesang. Hierauf folgten mehrere fremdartige Mäuse, sie unterschieden

sich nicht nur durch Gestalt, Größe und Farbe, sondern auch leider

meistens durch ihr nicht sehr erbauliches Betragen; sie guckten viel

umher und flüsterten immer sehr angelegentlich unter einander. ich

erfuhr später, wer sie waren. Auf sie folgten alle adelichen

Geschlechter, worunter das schöne Geschlecht meistens aus weißen

Mäuschen von hoher Zartheit und Delikatesse bestand. Alle, von

welchen ich bis jetzt gesprochen, trugen Fackeln, aus leuchtenden

Johanniskäfern bestehend, welche ihnen die herumschweifenden

Fledermäuse hatten einfangen müssen. Hierauf folgten nun die

Bürgerlichen und endlich die Landmäuse, alle in ihren National--und

Naturalfarben; diese bedienten sich der Splitter von leuchtendem

faulem Holze als Fackeln, welche sie im Vorübergehen an einem alten

Weidenstumpf abbissen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie feierlich

sich der Zug der vielen kleinen Lichter durch die Straßen der

wunderlichen Mäusestadt den Hügel hinan in den ehrwürdigen Dom hinein

schlängelte--es war, als wenn die Funken an einem verglimmenden

Zunderlappen hinlaufen; weißt du noch Vater, du sagtest mir manchmal

in Gelnhausen am Kamin, "das sind die Studentchen, die aus der Schule

laufen", ich dachte noch an diese deine Rede. Vor der Thüre der

Kirche empfieng eine sehr elegante Maus an der Spitze der andern

Kirchenmäuse die schöne Kunstfigur und den Hof und geleitete sie in

den Dom, den ich nun aus allen seinen Oeffnungen erleuchtet sah; dann

vernahm ich einen sanft pfeifenden Gesang, worauf es mäuschenstille

ward.--Da nun Alles in der Kirche, und die ganze Stadt todt und

stille war, warf ich noch einen Blick auf die seltsamen Gebäude im

Sternenlicht. Ach, da wuchs mir das Herz; die Welt ward zu enge,

weit ward es um die Seele, meine Locken schienen mir Gefühle und

Wünsche, die sich sehnten, im Winde zu spielen, und ich gab sie ihm

hin; denn, horch', jetzt kam auch ein Wehen und regte die Wipfel des

Hains auf; sieh, und das Ebenbild unsrer Erde, der Mond, kam da

geheim nun auch; die schwärmerische, die Nacht kam, trunken von

Sternen und wohl wenig bekümmert um uns glänzte die Erstaunende dort,

die Fremdlingin unter den Menschen, über Gebirgsanhöhen traurig und

prächtig herauf!--Ach! da dachte ich nichts mehr, als wäre nur Vater

und Mutter hier, und wenn selbst nur Kronovus hier wäre, daß ich

mittheilen könnte, was ich fühle!--ja liebe Eltern, es giebt

Eindrücke, die ein armes Kind nicht allein fassen kann, wo es sich

anklammern möchte an ein vertrautes festeres Wesen, wie an einen Fels,

einen Baum des Ufers, wenn der Strom der Empfindung anschwillt und

uns reißend ins weite Meer der Begeisterung dahin tragen will!

--nirgends aber ist dieses mehr der Fall, als bei großer Architektur

im Mondschein"--da hielt Gackeleia ein wenig in der Erzählung ein,

Frau Hinkel schloß sie ans Herz und sagte: "O das ist eine sehr

poetische Stelle, o das ist aus meinem Herzen, ja du bist mein Kind,

mein herz--und seelenvolles Kind, auch mich hätte einst zu Gelnhausen

im Pallast Barbarossa's im Mondschein der Strom der Empfindung ins

Meer der Begeisterung reißend dahin getragen,--aber Vater Gockel war

bei mir und so einerlei, daß ich nicht so allerlei empfinden konnte.

"-"Bleibe bei der Wahrheit", sagte Gockel, "du hast doch zweierlei

empfunden, du hast an die Fleischerladen und Bäckerladen gedacht und

den Schnupfen bekommen. Dir aber Gackeleia, sage ich: ich müßte mich

sehr irren, oder du bist eine Schwärmerin mit deinen verschimmelten

Käsen, Kürbißen, alten Reuterstiefeln, Sätteln, Patrontaschen und

gothischen Kirchen im Mondschein--auch finde ich deine Gefühle im

Mondschein nicht kindlich genug ausgesprochen, wärst du damals schon

so groß gewesen, als jetzt, so wären dergleichen Redensarten zu

verzeihen, aber so warst du ja kaum vor einigen Stunden der Ruthe

entlaufen."--"Vater", erwiederte Gackeleia, "entschuldiget mich, ich

bin durch den Ring Salomonis jetzt wie eine erwachsene Jungfrau und

kann nicht mehr Alles so wie eine kleine Gackeleia vorbringen, ich

sage als Jungfrau, was ich als Kind gefühlt, und gewiß, Vater, als

Kind habe ich nur anders gesprochen."

"Gott, lasse dich immer weise, immer ein Kind zugleich seyn," sagte

Gockel, "aber erzähle weiter, damit wir aus der kuriosen Stadt

herauskommen--jetzt, wo du den Ring Salomonis hast, brauchst du in

dem sehnsüchtigen Strom der Empfindung nicht mehr herum zu

patschen--jetzt heißt es, dreh' den Ring, und du wirst so viel Bäume

am Ufer der Sehnsucht haben, daß du Kohlen daraus brennen kannst und

zuletzt ausrufen mußt: "ach, es ist Alles, Alles einerlei! o

Eitelkeit der Eitelkeiten und Alles Eitelkeit, spricht der weise

Salomo selbst und sein Siegelring wird ihm nicht widersprechen"--aber

erzähl weiter Herz Gackeleia!"

"Ja", fuhr Gackeleia fort, "wie ich mein Herz so groß, meine Seele so

weit fühlte, erkannte ich wohl, daß jedes Geschöpf der Eitelkeit

unterworfen begehret und verlanget und immerfort seufzet und sich

quält; so gieng ich umher und schaute in alle Winkel, ob gar kein

Wesen da sey, dem ich mein Herz auspacken könne, und sang dabei

stille vor mich hin:

"Mutter-seelig ganz allein,

Wie der stille Mondenschein

Schauet in die Stadt hinein,

Muß die Gackeleia klein

In der weiten Welt noch seyn,

Wie ist Alles klar und rein,

Wie ist Alles licht und fein,

Wie ist Alles im Verein

Zwei und zwei, und mein und dein;

Aber ich, ich bin allein,

Mutterseelig ganz allein!"

Da hörte ich einige Schritte von meinem Moosbettchen entfernt einen

dumpfen Ton, wie von leisem, verstecktem Katzengeschrei, was mich für

die frommen Mäuse sehr besorgt machte; ich schlich mich leise hinzu

und fand, von Distel und Dornen überwachsen, eine alte, leere

Pulvertonne dort liegen, das Spundloch war gegen mich gekehrt, der

Mond schien hinein--ich guckte auch hinein--ach liebe Eltern! ich sah

etwas so Entsetzliches, daß mich der Schrecken wie mit einer

Gänsehaut überzog; in der alten Pulvertonne, deren einer Boden fehlte,

saßen fünf junge Kater, in welchen ich zu meinem größten

Schrecken--ach, sie waren mir nur zu bekannt geworden:--die fünf

Söhne Schurrimurri's, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog, erkannte.

Sie waren also der Hinrichtung entgangen--ihre Mutter Schurrimurri

aber hatte ihre Strafe erlitten, denn sie saßen um deren Todtenkopf

herum, der in einer alten Alongeperücke lag.--Mack schien eine

heftige Rede zu halten, aber nur leise, leise, alle machten große

Buckel, spreitzten die Haare, und schlugen einander den Pelz mit

ihren Schweifen, daß Feuerfunken umher flogen; manchmal konnten sie

ihren Grimm nicht ganz unterdrücken und ließen ein dumpfes Murren und

Wimmern, wie ein unterirdisches Erdbeben, hören, wobei sie ihre

weitvorgestreckten Krallen auf dem Todtenkopf, wie Dolche, wetzten.

Das Ganze hatte vom Monde im Faß beleuchtet etwas höchst Gräuliches,

Tückisches; mir war, als sehe ich in die Hölle, und unwillkührlich

kam mir in die Seele, das ist eine Verschwörung, eine Meuterei, rette

deine Freunde, die frommen Mäuse! Diese Verbrecher sind schon

gerichtet, sie dürfen ihrer Strafe nicht entgehen.--Ich besann mich

nicht lang, erwischte das Fäßchen beim hinteren Ende und stellte es

aufrecht, so daß es wie eine Glocke über der ganzen Verschwörung

stand; das junge Katzenellenbogen war gefangen, und das Spundloch

stopfte ich mit einem Stück Rasen zu. Ich legte noch soviel Steine

auf das Faß, als ich in der Eile rings finden konnte, damit die

Gefangenen es nicht umwerfen möchten, und begab mich mit dem Gefühle,

eine edle Handlung gethan zu haben, nach meinem Moosbettchen; ich

horchte noch ein Bischen nach dem Faße hin, aber sie hielten sich

ganz stille, und so deckte ich mein Schürzchen über die Augen, zuckte

ein Bischen und schlief einen süßen Schlaf ein.

Nach einer Weile träumte mir, die Prinzeß Mandelbiß komme wieder mit

der schönen Kunstfigur zu mir und sage mir ins Ohr: "Gackeleia, mache

mich los und lege die Kunstfigur neben dich in ihr Bettchen, sie wird

wohl so müde seyn wie ich, ich will mich in deine Locken an dein

Oehrchen legen und dir alles erklären, was du bei der schönen

Prozession gesehen hast und wie unser Hofredner Muskulus so herrlich

gesprochen hat."

Ich that halb träumend, wie sie verlangte, dann legte sie sich in

meine Locken und plauderte mir wie ein Schlafkamerädchen ins Ohr; da

habe ich dann Alles folgende gehört: Die große, seltsame Person, die

mir unter den Hoffräulein der Prinzeß Sissi so sehr gefallen, war

eine vornehme Bergmaus, die Marquise Marmotte, welche, aus der

Gefangenschaft eines Savoyardenbuben entflohen, hier bei Hof eine

anständige Gelegenheit abwartete, wieder in ihr Vaterland

zurückzureisen. Sissi war nicht gut auf sie zu sprechen, denn Prinz

Speckelfleck hatte sich zu oft nach ihr umgeschaut und sie allzusehr

gelobt, was sie bei keinem Menschen recht leiden konnte. Er

bewunderte ihren Tanz, ihre schönen Träume und vor Allem ihre artigen

Vorderpfötchen.--Sissi, blind für alle diese Vorzüge, sagte:

"Vorderpfötchen! es ist mir schier lächerlich! in allen

Naturgeschichten steht von den Murmelthieren: ihre Vorderfüße haben

vier Zehen und einen sehr kurzen Daumen, die Hinterfüße fünf; aber,

daß dieses schön sey, das steht nirgends!--Wie mag sie sich nur eine

Maus nennen? ihrer Größe nach könnte sie eben so gut Bergbär als

Bergmaus heißen; diese Marquise Marmotte hat einen großen, runden

Kopf, Nase und Lippen wie ein Hase, Haare und Klauen wie ein Dachs,

unbedeckte Zähne wie ein Biber, einen Schnurrbart wie eine Katze,

Augen wie ein Siebenschläfer, Pfoten wie ein Bär, einen kurzen

Schweif und gestutzte Ohren. Wenn man ihr schön thut, so knurrt sie

wie ein Hündchen. Was ist Schönes hieran? ihr Tanzen und Purzeln ist

ihr von dem Savoyarden mit Hunger und Schlägen eingequält, und

schläft man, wie sie, vom Oktober bis in den April, so hat man

allerdings Zeit, sich etwas Schönes träumen zu lassen." Jene, welche

ich in der Prozession so viel umherschauen und untereinander plaudern

gesehen, waren die Abgesandten von mancherlei fremden und

ausländischen Mäusegeschlechtern und Arten, welche sich hier am Hofe

befinden, Bündnisse abzuschließen, Gratulationen abzustatten und sich

Erfahrungen mitzutheilen, wie den Katzen, Eulen, Geiern und andern

Mäusefeinden zu entgehen sey, auch theilten sie sich Warnungen vor

gelegtem Gift und Gegenmittel und Nachrichten von neu erfundenen

Mausfallen mit. Eine unter diesen Standespersonen hatte der Prinzeß

Sissi ganz besonders gefallen, er war mit einem Schiffe über See sehr

weit her, von den Antillen gekommen, um zu hohen und allerhöchsten

wohlthätigen Zwecken eine Collekte zu machen, er hatte die Gestalt

einer großen Ratte, trug einen schwarzen Frack und weiße Unterkleider.

Er hieß Herr Piloris, und Sissi behauptete, er habe durch seinen

Moschusgeruch die ganze Prozession erbaut und sehr wohlthätig auf

ihre schwachen Nerven gewirkt. Die übrigen Abgesandten waren von den

Spitzmäusen, Bergmäusen, Waldmäusen, Wurzelmäusen u. dgl. Sie

plauderten in der Kirche und bei der Prozession von der Rettung der

Prinzeß Sissi und besonders von der Hinrichtung der Katze

Schurrimurri und ihrer Jungen, äußerten sich alle aber sehr

bedenklich über ein umlaufendes Gerücht, daß die fünf verwegenen

Söhne der Schurrimurri der Hinrichtung durch Einverständniß mit den

Söhnen des Scharfrichters entgangen seyn und unter dem Nahmen des

jungen Katzenellenbogens eine höchst gefährliche Verschwörung,

angeblich zur Rache ihrer Mutter, eingegangen haben sollten; ihre

Absicht aber sey eigentlich gegen das edle Mausgeschlecht, gegen

Hühner und Vögel; die Eulen seyen bereits für sie gewonnen, ebenso

die Füchse, mit den Wieseln unterhandelten sie, man müsse sehr auf

seiner Hut seyn u.s.w.--Sissi erzählte mir dieses Gerede der

ausgezeichneten Staatsmäuse mit großer Bangigkeit;--o wie froh war

ich, ihr versichern zu können, obgleich jenes Gerücht gegründet, sey

dennoch gar nichts von diesen Verschwörern zu befürchten. Sissi

erzählte mir auch noch den Inhalt der Rede, welche der edle Hofredner

Muskulus im Dome gehalten. Er sprach über Mann und Maus, Menschheit

und Mausheit, Menschlichkeit und Mäuslichkeit, Menschenmöglichkeit

und Mäusemöglichkeit. Er erwähnte den Verstand der Mäuse, welche

stäts von jeder Speise das beste Theil erwählen; ihre Großmuth, weil

sie trotz ihrer Blödigkeit vor allen Thieren ein sehr großes Herz

haben; ihre Dankbarkeit, wie sie den Löwen aus dem Netze befreit;

ihren Heldenmuth, weil sich der Elephant fürchtet, sie möchten ihm in

den Rüssel schlüpfen; ihren prophetischen Geist, weil sie ein Haus

verlassen, ehe es zusammenstürzt. Er sprach von der Ehrfurcht der

Ratzen gegen ihre Eltern, welche, wenn sie alt sind, von den Jungen

gefüttert werden. Er erwähnte die große Nächstenliebe der Mäuse,

welche, wenn eine in eine Grube gefallen ist, sich einander in die

Schwänze beißend, eine Kette bilden, um ihre verunglückte Nebenmaus

aus der Grube zu ziehen. Er sagte, wie thöricht bei all diesen

großen Eigenschaften die Fabel sey: ein Berg habe gebären wollen, und

eine lächerliche Maus sey hervorgekommen; er führte die Mäuse als

Werkzeuge Gottes in den Aegyptischen Plagen, und bei dem geitzigen

Hatto von Mainz an, den sie gefressen, obschon er sich auf den

Mausthurm mitten in den Rhein geflüchtet. Er sprach auch von der

Holdseligkeit der Mäuse, daß sogar die Menschen ihre artigsten Kinder:

"kleine Maus, liebes Mäuschen," nennen. Er erwähnte, daß die Mäuse

das feinste Gehör außer den Eseln haben. Aber auch vom Uebermuth der

Mäuse sprach der edle Muskulus, er sprach: wenn die Maus satt ist,

schmeckt ihr das Mehl bitter. Er sprach von gefährlichen Zeiten, und

daß die Mäuse, welche auf dem Tische herumtanzten, wenn die Katze

nicht zu Hause sey, sich nicht so mausig machen, sondern bedenken

sollten, daß die Katze das Mausen nicht lasse. Dann flehte er noch

den Segen des Himmels auf das edle Vorhaben der Prinzessin Mandelbiß

und des Prinzen Speckelfleck herab und forderte sie auf, das

Sprichwort wohl zu überlegen:

"Zu bedauern ist die Maus,

Kennt sie nur ein Loch im Haus;

Aber ins Verderben rennt

Jene, die gar keines kennt,"

und nun setzte der gelehrte Muskulus hinzu, wie er bei seinen Studien

eine halbe Bibliothek durchfressen und wie trefflich ihm endlich die

schöne Stelle des heidnischen Komödienschreibers Plautus geschmeckt

habe:

"Bedenk' die Weisheit der kleinen Maus,

Sie hat viel Thüren in ihrem Haus,

Sperrst du ihr einen Schlupfwinkel zu

Flieht sie zum andern und sitzt in Ruh'."

Als der Klingelbeutel in dem Dom herumgieng, hielt der edle Muskulus

noch eine rührende Auslegung des tiefsinnigen Wortes: "er ist so arm

wie eine Kirchenmaus," welche den ganzen Klingelbeutel mit

Waitzenkörnern so reichlich füllte, daß die Marquise Marmotte genug

zu thun hatte, ihn herum zu schleppen, wenn gleich der duftende Herr

Piloris ihr dabei den Arm gab.

So erzählte mir Prinzeß Sissi Alles, daß ich es eben so gut wußte,

als wenn ich in der Rede des edlen Muskulus geschlafen hätte.--Ich

dankte ihr herzlich dafür und sagte ihr: "Liebste Sissi, ich bin

glücklich, daß sich unsre Herzen gefunden haben und daß wir uns du

nennen--ach so kann ich auch alle meine Leiden in deinen

schwesterlichen Busen ausschütten; ach ich muß dir zu meiner großen

Beschämung gestehen, es ist mir so sehnsüchtig um's Herz, ich sehne

mich nach einem Gegenstand, den ich freßlieb haben könnte, es ist mir

so leer, so leer, ich möchte Alles verschlingen; ich müßte mich sehr

irren, oder ich habe einen ganz abscheulichen Hunger, denn seit ich

das Birkenreis geschmeckt, habe ich nichts mehr über mein Herz

gebracht, als einige Wald-Erdbeeren; Sissi, schaffe mir etwas zum

schnabelieren, oder ich sterbe aus Sehnsucht."--Da erwiederte Sissi:

"Herz Gackeleia! du hast ja noch eine halbe Bretzel und einen halben

Bubenschenkel in deinem Körbchen;" aber ich entgegnete: "das sind

Dokumente, und ich wollte eher verhungern, als Dokumente essen."

"Wohlan," sagte Sissi, "ich will sehen, was ich dir auftreiben kann,"

da pfiff sie einige Mal, worauf eine Fledermaus zu ihr heranflog,

welcher sie den Auftrag gab: die reinsten Schulmauskinder sollten

augenblicklich Beeren pflücken und auf grünen Blättern mir zu Füßen

legen--eben so solle sie den anwesenden Geschäftsträger der

Haselmäuse, den wohlriechenden Chevalier Muscardin in ihrem Namen um

eine Portion Haselnüße bitten und diese hieher besorgen, überhaupt

möge sie Alles, was sie von menschlichen Eßwaaren auftreiben könne,

ohne großes Aufsehen zu machen, so schnell als möglich herbeischaffen.

--Die Fledermaus machte ihr unterthäniges Kompliment und flog von

dannen.--Schon nach einigen Minuten bemerkte ich eine große

Thätigkeit: die Mäuse schleiften ein altes, rund genagtes Trommelfell

auf den Rasen in meine Nähe und deckten mehrere große Pilze, die wie

kleine Tische umherstanden, mit Blättern und trugen allerlei Eßwaaren

darauf zusammen.

Nun sprach ich zu Sissi: "Höre mich an, du bist besonnen und klug,

was ich dir sage ist wahr, was ich verlange, mußt du thun, sonst seyd

ihr Alle verloren, Aufsehen muß vermieden werden, damit kein

unnöthiger Schrecken das schüchterne Volk verwirrt. Sieh dort die

kleine Pulvertonne aufgerichtet und mit Steinen belegt: Mack, Benack,

Gog, Magog und Demagog, die fünf Rädelsführer des jungen

Katzenellenbogens, welche darin in einer Alonge-Perücke ihre Krallen

auf einem Todtenkopf zu eurem Untergange gewetzt haben, wurden von

mir darunter gefangen, ich habe ihre Loge gedeckt und die

Pulververschwörung, das Spundloch der Hölle, verstopft. Gehe gleich

mit deinem Gatten, Prinz Speckelfleck, zu deinem königlichen Vater

Mausolus VIII., zeige es ihm an, und sage ihm, er solle eilend

befehlen, daß alle Mäuse und den Mäusen Befreundete ohne Ausnahme

Lehm, Erde und Rasen zu dem Fasse hintragen und es rund damit umgeben,

bis es ganz ummauert eine Pyramide wird. So eingeschlossen werden

sie einander selbst zerreißen und ihr werdet euch durch euer frommes

Gebet gerettet finden.--Dem Volke soll gesagt werden, das Ganze sey

ein Monument zum Andenken meiner Anwesenheit und deiner Rettung und

heiße Gackeleioeum, ein Gegenstück zu dem Mausoleum. Er soll nur

sein Volk, aber keine Maurer daran arbeiten lassen, denn die da

drinnen dürften nur einmal rufen: "Mack," und die draußen antworten:

"Benack," so wäre Alles verrathen.--Eile, es ist keine Zeit zu

verlieren, der Bau muß fertig seyn, wenn ich deinem Vater die

versprochenen patriotischen Backwerke schicke, welche bei der

Einweihung das Fest verherrlichen können. Mache deinen Bericht kurz

und kehre schnell mit Prinz Speckelfleck zurück, damit wir inkognito

fortreisen."

Ich bewunderte die Gemüthsfassung der hochherzigen Prinzessin Sissi:

ein Blick des Entsetzens gegen die Pulvertonne, ein Blick des Dankes

gegen mich, ein Blick der Hoffnung gegen den Himmel war alles, was

sie erwiederte, und sogleich lief sie in der größten Eile zu dem

königlichen Käsepallast hinauf. Der Hunger weckte mich nun, ich

näherte mich der von den Mäusen zusammengetragenen Mahlzeit, da fand

ich auf dem Trommelfell eine kleine Melone, welche die Marquise

Marmotte selbst herangewälzt hatte; der Chevalier Muskardin hatte

nicht nur ein halb Hundert der schönsten Haselnüße eigenmaulig

heraufgetragen, sondern auch aufgeknackt; die Schuljugend hatte einen

Haufen Erdbeeren und Heidelbeeren herbeigetragen und in Nußschaalen

sehr artig angerichtet, eine Speckmaus hatte einen gewaltigen Flug

gethan und mir einen ganzen frischen Bubenschenkel aus einem

Bäckerladen und ein Würstchen aus einem Fleischerrauchfang von

Gelnhausen gebracht, Dank dem edlen, biedern, deutschen Herzen! an

ihm wird die alle edlen Anstrengungen so sehr beachtende Familie der

Mausoleer das Sprichwort wahr machen: "dem Verdienste seine Kronen."

Ach! wie rührend war es, als nun noch ein gemüthvoller, junger Igel

von der schönsten Haltung zu mir heran rasselte, wie ein ganzer

Rüstwagen; er hatte sich in einem benachbarten Ort unter den

Borstorfer Aepfelbäumen gewälzt und alle herabgefallenen Aepfel auf

seinen Stacheln aufgespießt, die ich ihm dankbar herabnahm, worauf er

sich schweigend empfahl. Er war etwas melancholisch, denn er war

verkannt, sein Geschlecht gehört zu den Feinden der Mäuse, aber er

hatte seine Natur besiegt und lebte in einsamer Betrachtung als

philosophischer Wohlthäter und Mäusefreund unter ihnen von dem

schönen Herzen der geistvollen Prinzessin Sissi geschätzt. Ich aß

nun im Zwielicht (denn der Mond war untergegangen und es dämmerte im

Osten) ohne große Wahl, was mir unter die Finger kam, lustig hinein,

Alles, Alles schmeckte köstlich--o da kam erst das Beste!--ach es

raschelte etwas neben mir und es rollte etwas in mein Schürzchen, ich

fühlte, es war ein Ei, ich hielt es neugierig dem ersten Strahle des

Tages entgegen--es war schwarz mit einem schönen Vergißmeinnicht

bemahlt, ringsum standen die Worte: "Vivat Gackeleia," ich schüttelte

es, ach es rasselte Geld darin; wie ein Blitzstrahl durchfuhr es

meine Seele: es ist das Ei meines lieben Kronovus, das er für mich

alle Wochen mit seinem Taschengeld hinten an den Entenpfuhl

verstecken wollte! meine Freude war unaussprechlich--aber wer ist der

wohlthätige Sterbliche, der mir diese höchste Freude gemacht? dachte

ich und sprang auf und rief aus: "o mein heimlicher Wohlthäter

entziehe dich meinem Danke nicht!" aber ich hörte es fern weg eilen,

und ein wundersüßer Moschusgeruch drang mir entgegen. Da wurde es

mir klar, und ich rief ihm nach: "du bist es edler Piloris, fernher

pilgernden Menschenwohlbezwecker im schwarzen Frack und weißen

Unterkleidern, der Wohlgeruch deiner schönen Handlungen verräth dich!"

"Ja, liebe Eltern," unterbrach sich hier Gackeleia, "ich hatte mich

nicht geirrt, diese edle Moschusratte Piloris war es gewesen. Sissi,

der ich von dem Ei des Kronovus erzählte, hatte ihm schon in der

Kirche zugeflüstert, welche große Freude es ihr machen würde, wenn

sie meine Wohlthaten gegen sie mit diesem Eie belohnen könnte.

Piloris, so hohes Interesse er auch an der Rede des edlen Muskulus

hatte, verließ sogleich den Dom und eilte, ohne sich umzusehen, nach

der Eierburg an den Entenpfuhl und brachte dies Ei, welches Kronovus

seinen Worte getreu mit 1 Gulden 30 Kreuzer beschwert dort hin

versteckt hatte."

Gockel und Hinkel sahen das Ei mit großer Rührung an, die beiden

Mäuschen kamen herbeigelaufen und tanzten lustig umher, als gäben sie

ihren Beifall. Frau Hinkel aber sagte: "erzähle weiter Gackeleia,

damit du einmal von all dem Ungeziefer wegkömmst" und Gackeleia fuhr

fort:

Gleich werde ich davon weg seyn, um zu noch viel ärgerm Ungeziefer zu

kommen. Ich hatte mich pumpsatt gegessen, ich packte die Puppe--nein

die nur eine schöne Kunstfigur--in mein Körbchen, ich legte mein

liebes Ei, einige Aepfel und Haselnüße und den halben Bubenschenkel,

der noch übrig, hinein und auch das Würstchen und von dem Moos meines

Lagers; kaum war ich fertig, da kam Prinz Speckelfleck und Prinzeß

Mandelbiß und hüpften in das Körbchen und pfifferten allerlei, was

ich nicht verstand--aber es mußte wohl heißen, daß meine Sendung

ausgerichtet sey, denn ich sah das Andringen von unzähligen Mäusen

mit Erde und Rasen durch alle Straßen und Schluchten in solcher Menge,

daß ich mich auf die Höhe vor den Dom retirirte, um keinen der

Arbeiter zu zertreten. Es war ein wunderbarer Anblick, viele

strömten gegen die Pulvertonne hin und bissen die Dornen und Disteln

rings weg, andere wühlten Erde und Lehm auf, andere benetzten sie und

machten Klumpen daraus, dann legten sich Ratzen und Mäuse auf den

Rücken und faßten die Erde mit den Füßen, und die andern zogen sie

bei den Schweifen wie beladene Wagen fort. Vor allen zeichnete sich

die Marquise Marmotte aus, sie hatte einen Klumpen Rasen, größer als

ein Backstein, zwischen ihren Pfoten, der Chevalier Muskardin und der

edle Piloris spannten sich vor und zogen sie bis an die Pulvertonne;

der edle Igeljüngling war auch mit Rasenstücken bedeckt und trug sie

hinauf.--Ich segnete die liebe Mäusestadt und eilte mit meinen zwei

Mäuschen und sieben Sächelchen im Korbe dem Walde zu.

Gockel, Hinkel und Gackeleia · 第 11 / 16 段