Ich zog über Berg und Thal und fragte vergebens nach euch, liebe

Eltern; manchmal ließ ich bei Bäckerläden meine Kunstfigur vor den

Kindern herumtanzen und der Bäcker gab mir gern ein Brödchen zur

Belohnung. So fristete ich mein Leben. Wir zogen um Gelnhausen

herum, denn ich fürchtete den Bettelvogt, Meister Schelm; da ich aber

die Hahnen dort krähen und auf den Thurmspitzen in die Ferne blinken

sah, ward mir es recht schwer ums Herz, und wenn etwas im Gebüsch

raßelte, guckte ich um und meinte immer das Prinzchen Kronovus käme

vielleicht auf seinem Schimmelchen zur Jagd geritten. Aber, wer

nicht kam, das war er. Da ich nun einige Stunden weiter, nahe bei

einer ganz herrlichen Stadt, reisemüd an einem Bächlein niedersaß und

mich im Wasser beschaute, mußte ich mich recht schämen, ich hatte

vergessen, mich am Morgen meiner Abreise und am folgenden Abend zu

waschen und sah nun, daß ich Mund und Nase ganz schwarz von den

vielen Heidelbeeren hatte, die ich in der Mäusestadt im Dunkeln

gegessen hatte. Nun wußte ich erst, warum die Kinder überall mich

ausgelacht hatten, und ich war recht froh, daß Kronovus mich nicht so

schmutzig gesehen hatte. Geschwind wusch ich mich und erfrischte

mich durch und durch. Ich aß auch ein Bischen mit meinen Mäuschen,

und da es sehr heiß gewesen, war ich schläfrig und legte mich vom

Gebüsch versteckt auf den weichen Rasen und schlief. Da kam Prinz

Speckelfleck an mein Ohr und sagte mir:"Wir sind am Ziel unserer

Reise, wir haben die herrliche Hauptstadt Urbs des Weltreichs Orbis

vor uns. Hier ist der Ring deines Vaters, hier wohnen die

morgenländischen Petschierstecher; als sie mir Sissi entführt, bin

ich ihnen bis hieher gefolgt, wo sie hingiengen, weil Alles, was Salz

lecken kann, hier frei und ungestört leben darf. Sie sind immer in

Angst vor allen Menschen und vor einander selbst. Sie fürchten des

Ringes halber getödtet zu werden; damit man nun nicht merken möge, wo

ihr großer Reichthum herkömmt, haben sie hier die großen

Salzbergwerke gekauft und sind Salzverschwärzer, Salzversilberer,

Salzjunker und endlich Salzgrafen geworden; sie haben sich einen

salzgräflichen Pallast erbaut, sie sagen, daß sie Gold machen können;

aber Alles ist durch den Ring Salomonis. Trage mich und Sissi nur

gleich in die Kirche und bete einstweilen, daß Gott uns hilft, so

wollen wir den Ring bald erwischen. So gern ich und Sissi und alle

Mäuse Salz lecken, brauchen wir doch kein Scheffel Salz mit diesen

kuriosen Grafen zu essen, bis wir sie kennen lernen."

Nach diesen Worten wachte ich auf und trug die Mäuschen geschwind,

geschwind in meinem Korb in die Kirche nach Urbs; der Gedanke, dem

lieben Ring so nah zu seyn, lehrte mich so schnelle zu laufen, als da

ich die Puppe und mich die Ruthe verfolgte.--O liebe Eltern, welche

Kirche! welches Wunder der Architekto-Natürlichkeit, der ungeheure

große gothische Säulenwald mit unzählichem Schnitz-, Spitz-, Glitz-,

Blitz-, Ritz-, Kritz--und Spritzwerk im vorgothischen und

hintergelnhausenschen Spitzbubenschenkel-Katzenellenbogen-Styl

übertraf das Unerhörte.--Alles, alles war von Salz, die Kirche war

ein Salzkrystall, die Fenster waren Salzscheiben, die Kanzel war ein

Salzfaß; das Merkwürdigste aber war die Erbauung dieser Kirche: ein

eifriger Mann hatte hier vom Krystalismus predigend gesagt: wer die

Hand an den Pflug gelegt, der solle sich nicht mehr umschauen, die

Weiber sollten an Loths Weib denken, die durch das Umschauen in eine

Salzsäule verwandelt worden; "ach!" rief er aus, "wollte Gott ein

Wunder zur Erbauung der Kirche thun, an eurem Umschauen fehlt es

nicht, so hätten wir einen Wald von Säulen, ehe man sich umsieht, um

eine Kirche darauf zu stützen." In demselben Augenblick kam die Frau

Salzinspektorin mit einem neuen Hut in die Kirche, da schauten sich

um alle Fräulen und dienten verwandelt in Säulen zur allgemeinen

Erbauung der Kirche im gothischen Styl, denn in diesem Styl war der

Hut der Frau Inspektorin. So wurde die Kirche zwar sehr schnell,

aber doch nicht, ehe man sich umsah, erbaut. Als ich in das

Salzmünster hineintrat, verließ eben nach der Nachmittags-Predigt der

Redner die Kirche, aber ich versäumte nichts, die Kirche ist

echoistisch gebaut, der Redner braucht nur ein paar Worte zu

verlieren, so werden sie sogleich von Frau Echo, der

unverbesserlichen Widerbellerin, aufgeschnappt und eine halbe Stunde

lang zwischen den Säulen herumgehetzt und geschleudert, und so lief

auch jetzt zwischen allen Salzsäulen die Rede umher: "so gut auch das

Salz sey, wäre es doch mißlich, wenn es dumm werde, man habe Nichts,

um es zu salzen und es mache weder das Feld noch den Mist besser.

"--Ich kniete in ein Winkelchen und betete herzlich um die Hülfe

Gottes; nicht weit von mir kniete eine prächtig geputzte Köchin, und

neben ihr stand ein von Makaroninudeln geflochtener Gemüskorb, auf

welchem mit goldenen Buchstaben stand:

"salzgräflich-Salomon-Salabonischer Salatkorb." Sissi und Pfiffi

merkten gleich, daß dieses die Köchin der drei morgenländischen

Petschierstecher sey, sie schlupften in den Korb und ließen sich von

ihr in den salzgräflichen Pallast tragen. Als ich nun in der Kirche

einsam und allein war, vernahm ich durch das geschäftige Echo jedes

Gebet, jedes Flüstern und Seufzen der Umherknieenden; der Eine betete:

"ach Gott! befreie uns von dem Hoffaktor Salzgraf Salathiel Salaboni,

er ist schuld, daß das Salz so dumm und theuer geworden;" der Andere:

"befreie uns von dem Commerzienrath, Salzgraf Salomon Salaboni, er

ist schuld, daß die Salzkukummern so kümmerlich schmecken und so

klein sind;" der Dritte seufzte: "ach hilf uns aus dem Salz des

Elendes, befreie uns von dem Hoflieferanten, Salzgraf Salmanasser

Salaboni, er versalzt uns alles Leben, füllt unsere Augen mit

gesalzenen Thränen und fegt unsre Beutel aus dem Salz!"--Da betete

ich dann auch so recht von Herzen, Gott möge mir wieder zu dem Ringe

helfen, weil die drei Morgenländer doch keinen Menschen damit

glücklich machten.--Da es aber in der Kirche so hübsch stille und

kühl war, überfiel mich ein leiser Schlummer, und ich hatte schier so

lange geschlafen, daß mich der Küster in die Kirche eingesperrt hätte;

aber Sissi kam gerade zur rechten Zeit und flüsterte mir in die

Ohren: "geschwind Gackeleia, geh mit mir aus der Kirche; hörst du?

der Küster rasselt schon mit den Schlüsseln; geh mit mir, du sollst

selbst sehen, wie wir den Ring erwischen, wir haben die beste

Hoffnung." Fröhlich nahm ich nun die kleine Maus in mein Körbchen

und gieng mit ihr nach dem Schlosse der Petschierstecher. Als wir an

die Gartenmauer kamen, sprang Sissi an die Erde und zeigte mir den

Weg. Die Sonne war im Begriff unterzugehen. Ich gelangte hinter ein

artiges Lusthaus, Krystalline genannt, wo ich auf den Kübel eines

Orangenbaumes stieg und durch eine Spalte im Fensterladen Alles sehen

und hören konnte, was im Gartenhaus vorgieng.

Die drei Salzgrafen saßen jung und glänzend mit wohlakkomodirten

Perücken in verschiedenen alamodischen kuriosen Uniformen um einen

Tisch, in dessen Mitte der köstliche Ring Salomonis lag und stritten

miteinander, wer den Ring am Finger tragen und wünschen sollte; sie

nannten sich Commerzienrath, Hoffaktor, Hoflieferant untereinander

und jeder wollte nicht mehr so heißen, jeder wollte den

Salzgrafentitel haben; der Eine schrie: "einer muß der Erste seyn,"

die Andern schrien: "das geht nicht, wir sind Drillinge, wir sind

eine große Merkwürdigkeit, keiner geht vor dem andern;" da schrie der

Eine wieder: "ich habe die Maus gefangen und unter die Puppe geheftet,

wodurch wir der Gackeleia den Ring abgelockt, ich muß ihn haben, wem

ich was wünschen soll, der bringt mir einen vollwichtigen Gockelsd'or,

da wünsche ich ihm Etwas, wie gerade der Kurs steht."--"Wie kömmst

du mir vor?" sprach der Andere, "habe ich doch den falschen Ring

gemacht, der für den ächten dem Gockel an den Finger gesteckt ward,

ich muß den Ring haben!"--"Was soll mir das?" schrie der Dritte,

"habe ich doch die Puppe gekleidet und tanzen lassen und die große

Arie gedichtet und abgesungen von der großen Garderobe, habe ich doch

der Spielratze die Puppe aufgeschwätzt, den Ring abgeschwätzt und

euch den Ring gebracht, mein muß er seyn!" Da sie aber gar nicht

einig werden konnten und lange geschrieen und gezankt hatten, weil

immer der Eine fürchtete, der Andere möge ihm den Tod anwünschen,

wenn er den Ring am Finger habe, griff endlich der Eine mit solcher

Heftigkeit nach dem Ring, daß er den Tisch umstieß, und dieß machte

sich der Andere zu Nutz und ertappte den an die Erde gefallenen Ring,

steckte ihn an den Finger und drehte und schrie:

"Salomon du weiser König,

Dem die Geister unterthänig,

Mach' zwei Esel aus den Beiden,

Die in diesem Garten weiden,

Ringlein, Ringlein dreh dich um,

Mach's geschwind, ich bitt dich d'rum."

Während er dieses mit der größten Eile hergeschnattert hatte, rissen

die Beiden Andern ihn hin und her; aber es währte nicht lange, so

waren sie Beide zwei dicke, häßliche Esel, und er nahm einen Prügel

und trieb sie aus dem Gartenhaus hinaus, das er hinter ihnen

verschloß. Sie schrieen und bissen sich unter einander noch eine

Weile, fiengen aber bald an, sich in ihre neue Natur zu schicken und

Trauben und Disteln durcheinander zu fressen.

Ich guckte wieder in das Gartenhaus, da wollte sich der, welcher den

Ring hatte, schier bucklicht lachen, weil er seine Gesellen endlich

so sauber angeführt. "Gott sey Dank," sagte er, "nun kann unser eins

doch einmal ruhig ausschlafen, ohne die Gefahr, daß der andre ihm den

Tod wünscht." Nach diesen Worten schaute er sich lachend im Spiegel

an und hängte seinen Federhut auf die Spitze einer wunderbaren

Kaktuspflanze, die an der Wand blühte. Der Ankaufspreis stand auf

dem Topf. Die Perücken und Hüte der zwei andern lagen noch an der

Erde, wie auch ihre Stühle. Nun lehnte er sich breit in seinen

Prachtstuhl, stellte die Füße auf einen Schemel und sprach: "reich

zum zahlen, klug zum prahlen, schön zum malen--was fehlt mir noch,

ich will berühmt werden--da fällt mir was ein--ich will den Namen

Pictus, Salzgraf von Orbis annehmen, und will einen neuen Orbis

Pictus herausgeben, da sollen alle unbefriedigten Wünsche der Welt

nach dem ABC darin abgemalt werden, und ich will sie mir alle mit dem

Ring befriedigen von A bis Z--aber Alles, Alles mit Geschmack und

Kunstgefühl--poetisch, sympathetisch, magnetisch"--und nun fieng er

an, bald tüchtig zu schnarchen.

Nun ist es Zeit, dachten Pfiffi und Sissi und schlupften beide durch

ein Loch in das Gartenhaus. Ich wendete kein Auge von dem

Schlafenden und dem Ring an seinem Finger; ach, er hatte eine Faust

gemacht, und der Ring schien sehr schwer zu bekommen; aber Sissi

nahte sich seinem Ohr und sang mit der süßesten Stimme nichts als das

Verslein:

"Louisd'ore und Dukaten

Aechte Perlen, Diamant,

Ritterorden, Ihro Gnaden,

Hohe Bildung, Ordensband,

Witz und Wesen, scharf und zart,

Gänsefett und Backenbart."

Kaum hatte der Schlafende diesen Vers gehört, als er die Hand so

öffnete, als wolle er nach all den schönen Sachen greifen. Nun biß

ihn Prinz Pfiffi in den Ringfinger; er wachte auf und sagte: "ein

scharmanter Traum, aber der Ring drückt mich und weckt mich auf, wer

kann ihn mir hier nehmen? die zwei Esel grasen draußen nach dem

besten Appetit; was brauchen sie mehr? ungebildete Menschen kennen

keine höheren Bedürfnisse. Sie sollen nicht einmal die Ehre haben

unter den dreihundert weißen Mauleseln zu seyn, die ich mir wünschen

werde, um die Schlüssel meiner Schatzkammer zu tragen. Ach, der

schöne Traum! ich will versuchen, ob ich ihn wieder träumen kann;

Psyche, das angenehmste Frauenzimmerchen aus der klassischen

Literatur, rührte mich an der Nase mit einer Blumenzwiebel an und

beleuchtete mit einer hetrurischen Lampe das Traumbild meiner

Wünsche--ich will nochmals gerührt werden, ich will gerührt seyn, der

Ring soll mich nicht wieder stechen, ich lege ihn, bis ich erwache,

auf den Tisch." Nun zog er den Ring ab und schlief wieder ein, indem

er flüsterte:

"Psyche rühr'! und nicht vergebens!

Führ', was ich im Schilde führ',

Führ' das Traumbild meines Lebens,

Mir empor dort an der Thür!"

Kaum aber schnarchte er, als Sissi ihm wieder ins Ohr sang:

"Louisdore und Dukaten,

Aechte Perlen, Diamant,

Ritterorden, Ihro Gnaden,

Hohe Bildung und Verstand,

Witz und Wesen scharf und zart,

Gänsefett und Backenbart."

Da lächelte er so süß wie ein Topf voll saurer Milch und antwortete

mit schmachtender Stimme im Traume:

"Psyche rührt und nicht vergebens,

Seh' das Traumbild meines Lebens,

Seh', was ich im Schilde führ"

Ich im Wappen an der Thür,

Von dem Goldsack blasonirt,

Mit Papieren kraus verziert,

Grand-Kordon und Lorbeerkron,

Huldigung, Dedikation,

Und weil ich gemalt seyn muß,

Seh' ich dort mich als Modell

Vor dem kühnsten Genius,

Der sein eigner Pegasus,

Der sein eigner Musenquell,

Schöpfer schier, kaum Kreatur,

Alles lernte von Natur.

Ja, ein solcher Geist haucht nur

Treu in ganzer Positur

Und ursprünglicher Figur

Meiner Grazie Formenzauber

Auf die Leinwand zart und sauber;

O wie duftig! wie moelleux!

Kunst, das ist die höchste Höh!"

Hierauf breitete er die Arme mit großer Innigkeit aus und sprach:

"Seyd umschlungen Millionen,

Diesen Kuß der ganzen Welt!

Schönste Psyche, o verschonen

Sie doch mein, ich hab' kein Geld,

Bin gerührt und alterirt,

Denn die Schildwach' präsentirt!"

Da brachte mir Sissi den Ring Salomonis durch das Loch heraus, ich

steckte ihn in tausend Freuden an den Finger, drehte ihn und sagte

voll Neugier:

"Ringlein sag' mir unversäumt,

Was der Petschaftstecher träumt!"

Und gleich sah ich, daß dem Petschierstecher Alles, was er im Schild

führte, in einem prächtigen Wappen im Traume vorgestellt wurde. Ein

Geldsack war der Helm, allerlei Papiere und Wechselbriefe die

Helmzierde, er selbst stand voll Anstand in der Mitte, ein Genius

krönte ihn mit Lorbeern, ein Andrer reichte ihm ein Ordensband, einer

huldigte ihm mit Kleinodien, einer dedizirte ihm ein Buch; auch war

das Sinnbild der Sternsehenden Wachsamkeit eine fette Gans vor seinen

Füssen. Ganz unten aber im Wappen malte der geflügelte Genius der

Kunst selbst den Schönsten der Sterblichen, denn ein Anderer hätte

nie vermocht, einen so ursprünglichen Menschen aufzufassen. Nun aber

öffnete sich plötzlich der purpurfarbichte Sammetkelch einer

Kaktusblüthe und zwischen den weißseidenen Staubfäden schwebte eine

feine Jungfer mit Schmetterlingsflügeln hervor an die Seite des

Wappens hin; in der einen Hand hatte sie eine Zwiebelpflanze, mit der

sie die Nase des Glücklichen berührte, in der andern trug sie eine

antike Lampe, womit sie das Wappen beleuchtete. Er nannte sie Psyche.

--An der andern Seite des Wappens erschien ein Grenadier, der das

Gewehr präsentirte.--Ach, der gute Salzgraf träumte so selig, daß er

mich schier dauerte; aber ich konnte ihm nicht helfen, ich mußte ihm

aus dem Traum helfen;--ich drehte also den Ring mit den Worten:

"Salomon du weiser König,

Dem die Geister unterthänig,

Lasse diesen, wie die andern

Gleich als einen Esel wandern;

Schaff' auch einen Eseltreiber,

Der mir ihre faulen Leiber

Mit dem Prügel tüchtig rührt,

Und zum Vater Gockel führt.

Ringlein, Ringlein dreh dich um,

Mach's recht schnell ich bitt' dich drum."

Und sieh da, gleich war der Esel fertig, und der Treiber stand schon

bei ihm, trieb ihn mit einem Prügel aus dem Gartenhaus hinaus und mit

den beiden Andern hieher. Ich aber drehte den Ring und wünschte bei

euch zu seyn. Da war ich gleich hier in dem Hof und als ich euch in

dem alten Hühnerstall so klagen hörte, wünschte ich, daß das Schloß

wieder seyn möchte, wie es einst im höchsten Glanze bei unsern

Vorältern gewesen; auch wünschte ich euch als schöne Leute in den

besten Jahren und mich als eine schöne vernünftige Jungfrau, über die

Puppen--wollt' ich sagen Kunstfiguren-Jahre hinaus zu sehen; zürnet

nicht lieber Vater, aber der Gedanke an die Kunstfigur von Birkenreis

kann mich noch jetzt erbittern."--Gockel lachte und sagte: "Gackeleia

dreh' den Ring nur noch einmal, um verständig zu werden, es steckt

noch viel vom eigensinnigen Kind in der erwachsenen Jungfrau, du

willst die Ruthe noch nicht küßen!"--da küßte Gackeleia ihm die Hand

und fuhr fort: "Als nun Alles nach meinem Wunsche geworden war,

schlich ich zu euch in den Hühnerstall und drückte mich in einen

Winkel, um eure Ueberraschung recht zu genießen. Sissi aber wollte

mit aller Gewalt unter die Puppe gebunden seyn, um euch zu wecken; da

lief sie über euer Stroh und als ihr aufriefet: "die Puppe! die Puppe!"

sagte ich:

"Keine Puppe, es ist nur

Eine schöne Kunstfigur."

"Das Andre wißt ihr Alles."

Nach dieser Erzählung umarmten Gockel und Hinkel die Gackeleia unter

Freudenthränen und sagten: "Dank, tausend Dank, liebes Kind; du

sollst zum Lohne deiner Güte nun auch den Ring immer am Finger haben,

du sollst Alles wünschen, was du willst!" Gackeleia sagte: "ich

nehme es an, vor Allem wollen wir die drei Esel, welche im Hofe

stehen mit Allem bepacken; was ich dem guten Mäusekönig versprochen

habe und dann sollt ihr sehen, wie vernünftig ich wünschen will."

Nun giengen sie hinab und wünschten, nachdem die Käse und die

Schinken den Eseln auf den Rücken gepackt waren, den Königsberger

Marzipan, den Thornischen Pfefferkuchen, die Jauerischen Bratwürste,

die Spandauer Zimmetbretzeln, den Nürnberger Lebkuchen, die

Frankfurter Brenten, die Sachsenhauser Kugelhupfen, die Mainzer

Vitzen, die Gelnhausner Bubenschenkel, die Koblenzer Todtenbeinchen,

die Liestaller Leckerli und die Botzener Zelten auch dazu, welche

sich ohne Verzug einstellten und die Esel so belasteten, daß sie

schier niederbrachen.

Als nun die Zeit kam, daß Prinz Speckelfleck und Prinzessin Sissi

Abschied nehmen wollten, drehte Gackeleia den Ring Salomonis mit dem

Wunsch, die Sprache der Mäuse zu verstehen, ohne grade zu schlafen,

und dadurch ward die Unterhaltung jetzt ganz leicht. Gackeleia sagte:

"Meine liebsten durchlauchtigen Freunde! Euer Abschied thut mir

sehr leid, wir verdanken euch Alles; ich will es euch belohnen. Ihr

habt gesehen was der Ring vermag; die Petschierstecher hat er in Esel

verwandelt--so ihr es verlangt, soll er euch gleich in Menschen

verwandeln, und ihr könnt für immer hier bei uns bleiben."--Die

beiden Mäuschen schauten sich ernsthaft an und dann erwiederte Sissi:

"Gackeleia, du sagst ein großes Wort--aber lasse uns bleiben, was wir

sind, wir wollen uns nicht von unserm Volke trennen, wolltest du auch

unser ganzes Volk zu Menschen machen, wo wäre das Land, das sie

fassen und ernähren könnte? o es gäbe Mord und Todschlag und

Hungersnoth! nein, wir sind uns als Mäuse genug; uns bleibt Nichts

mehr zu wünschen übrig, als daß wir, glücklich nach Hause gekommen,

die Verschwörung Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog mit der

Pulvertonne in dem herrlichen Monumente Gackeleioeum auf ewig

eingemauert finden, daß wir unsre königlichen Eltern mit all den

köstlichen Leckerbissen erquicken können und daß weder Papa noch Mama

sich den Magen verdirbt. O die Einweihung des Monuments wird

monumental werden!--o wie hinreißend wird Muskulus deklamiren! wie

süß wird der edle Piloris duften!"--da fiel Speckelfleck ein: "und

wie bezaubernd die holde Marquise Marmotte tanzen!"--Sissi aber that,

als wenn sie ihn nicht hörte; und Gackeleia erwiederte: "Sissi! du

sprichst sehr vernünftig, aber frage doch den anmuthigen jungen Igel,

ob er vielleicht ein Mensch seyn möchte, er scheint mir melancholisch;

--"ich glaube kaum," versetzte Sissi", aber ich will es thun."

Als hierauf Prinz Pfiffi und Prinzessin Sissi von ihren Freunden den

zärtlichsten Abschied genommen hatten, befestigte Gockel den falschen

Ring Salomonis dem Esel, der ihn nachgemacht hatte, als ein Andenken

in das Ohr, heftete ihm seine Pudelmütze auf den Kopf und setzte die

Mäuschen hinein, dann ließen sie durch die Treiber die drei Esel nach

dem Mäuseland hintreiben und recht viele schöne Grüße ausrichten.

Als sie fort waren, sagte Gackeleia: "jetzt wollen wir auch einmal in

unsre Schloßkapelle gehen und sehen, wie sie sich verändert hat."

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die Glocke zu läuten

anfieng und sie in die Kapelle rief. Sie traten hinein und konnten

sich nicht satt sehen, wie Alles so reinlich und festlich mit Blumen

und Laubkränzen geschmückt war. Alle Wände und Steinbilder, das

Grabmal des Urgockels und die Bilder aus seinem Leben waren wie neu,

rein und polirt. Es war eine schöne Kanzel an der Seite und

gegenüber eine Orgel mit einem stattlichen Organisten und seinen

Blasebalgtretern. Mehrere kleine Jungen läuteten am Glockenstrang

aus Leibeskräften. Ein Anderer lief mit Wasser und Sprengwedel umher

und sprengte, daß es kühl sey. An einer Seite streuten

weißgekleidete Mädchen Blumen, an der anderen standen Knaben hinter

großen Sträußern versteckt. Aber es war doch keine rechte Kapelle,

der Altar war auch nicht, wie zu Urgockels Zeiten, da waren keine

Leuchter, keine Kerzen, kein Heiligthum. Der Ring Salomonis hatte

sein Mögliches gethan; aber er kann nur Zeitliches, Natürliches,

Künstliches, Weltliches, aber nichts Ewiges und Geistliches geben.

Als sie Alles mit Freuden betrachtet hatten, wurden sie durch den

Anblick des Hahns auf dem Grabmal des Urgockels recht lebhaft an den

guten Alektryo erinnert. Sie dachten an das Halsgericht, das Gockel

hier gehalten. Frau Hinkel und Gackeleia schlugen die Augen nieder;

da spielte auf einmal der Organist eine sehr rührende Arie: "Wie sie

so sanft ruhn." Es war ein gar feierlicher Moment.--"Ach der edle

Alektryo!" seufzte Gockel, "ich kanns nicht aushalten," schluchzte

Frau Hinkel, "ach wäre er nur wieder da!"--"Ei," dachte Gackeleia,

"dazu kann ich helfen" und drehte ganz still an ihrem Ring:

"Salomo du weiser König,

Dem die Geister unterthänig,

Mache meine Eltern froh

Durch den Hahn Alektryo;

Ringlein! Ringlein! dreh' dich um,

Mach geschwind, ich bitt' dich drum."

Da hob sich ein Wölkchen auf der Stelle aus dem Boden, wo die Gebeine

Alektryo's verbrannt worden waren, und wirbelte und ballte sich

zusammen und ward wie ein Hahn und der Uralektryo auf dem Grabmal

rührte sich, streckte den Hals, schlug mit den Flügeln und krähte

durchdringend, und es fuhr wie ein Feuerstrahl aus seiner Kehle

sichelförmig zu der kleinen Wolke nieder, die im Augenblick der alte

kräftige Alektryo ward, auf Gockels Schulter flog, mit den Flügeln

schlug und mit ritterlichem Krähen dem steinernen Hahn antwortete,

worauf draußen in dem Hühnerhof alle Hahnen antworteten; es gieng wie

ein Zurufen der Schildwachen von Hahn zu Hahn das Krähen umher.

Aller Freude über Alektryo war sehr groß, er selbst aber war

tiefsinnig und nachdenklich, er meditirte. Da nun von allen Seiten

die Hühner und Hahnen in die Kapelle hinein kamen, den Alektryo zu

sehen, benutzte dieser die durch seine Wiedergeburt erschütterten

Hahnenherzen und Hühnergemüther, schwang sich auf die Kanzel empor

und hielt eine ganz erstaunlich ergreifende Rede über Familienglück

und Kinderzucht, so daß auch kein Hühnerauge ohne Mitgefühl blieb,

all das unten zuhörende Federvieh schluchzte und piepte ganz

leise--der Organist accompagnirte gar lieblich mit einer

melancholischen Arie: "Ach Schwester! die du sicher u.s.w." Auch die

raugräfliche Familie war sehr gerührt.

Als nun Alektryo am Schluße seiner Rede ausrief: "ist jemand unter

den verehrten Anwesenden, der feierliche Verlöbniß oder Hochzeit zu

halten wünscht?"--drehte Gackeleia den Ring, ohne zu wissen wie, und

sprach ganz heimlich, ohne zu wissen was:

"Salomo du weiser König,

Dem die Geister unterthänig,

Bring' doch den Kronovus her

So ganz, wie von ungefähr;

Ringlein! Ringlein! dreh' dich um,

Mach' geschwind, ich bitt' dich drum."

Gockel, Hinkel und Gackeleia · 第 12 / 16 段