"Guten Abend, gute Nacht,

Von Sternen bedacht,

Vom Mond angelacht,

Von Engeln bewacht,

Von Blumen umbaut,

Von Rosen beschaut,

Von Lilien bethaut,

Den Veilchen vertraut;

Schlupf' unter die Deck'

Dich reck' und dich streck',

Schlaf' fromm und schlaf' still,

Wenns Herrgottchen will,

Früh Morgen ohn Sorgen

Das Schwälbchen dich weck'!"

Unter diesen Gebetchen kehrte ich mich nach einer Seite, zuckte noch

einige Male und schlief ein.

Da träumte mir, ich sehe Clandestinchen die schöne Kunstfigur aus der

Höhle kommen, sie verzehrte das Zuckerbrod, sie trank aus dem

Fingerhut, und kam nachher zu meinem Bettchen und sagte: "Herzkind,

Gackeleia, schlaf nur süß fort, denn nur im Schlaf kannst du mich

verstehen; sag, süß Lieb! darf ich wohl ein bischen zu dir kommen? o

nimm dein Püppchen in den Arm an dein lieb Herzchen, meine Füßchen

sind ganz wund vom vielen Laufen, auch ist mir gar nicht wohl, ich

muß mich verkältet haben, ach Kind nimm die Puppe zu dir"--da sagte

ich ganz erschrocken:

Darf nicht, darf nicht, denn ich schwur,

Keine Puppe, sondern nur

Eine schöne Kunstfigur,

Nach der Uhr und nach der Schnur

Und ein Mäuschen von Natur.

"Ach Gackeleia", sprach sie, "das bin ich alles, und noch mehr, ich

weiß kaum mehr, was ich bin, ich will dir ja Alles erzählen, nimm

mich doch, ich bin ja gewiß keine Puppe."--Hierauf schlupfte sie zu

mir und ich hielt sie schlummernd im Arm an meinem Herzen, wobei ich

sagte:

Zu Bett, zu Bett,

Die ein Püppchen hätt,

Die keines hätt',

Muß auch zu Bett!

Und da ich mein Schürzchen uns Beiden gegen den Nachtthau übers

Gesicht deckte, ward mir ganz weich ums Herz und ich wiegte das

Klandestinchen ein bischen, daß es schlafen sollte, und sprach:

Eia popeia popolen!

Unser Herr Gottchen mag uns nur holen,

Kommt er mit dem goldenen Lädchen,

Legt uns hinunter ins Gräbchen,

Ueber mich Kräuterlein,

Ueber dich Blümelein,

Bis wir beisammen im Himmelreich sein.

Da sagte die Figur: " Das ist alles gar schön, und man mag die Puppe

und die Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur in einem goldenen

Lädchen immer ins Grab legen, nur das Mäuschen von Natur, muß ich

bitten, damit zu verschonen, denn es muß für Gatte und Familie, für

Volk und Vaterland noch lange leben; drum Gackeleia bitte ich dich um

Gotteswillen, mache mir das fatale Drathgürtelchen los, womit mich

der böse Alte unter die verschraubte Kunstfigur festgeschnürt hat,

ich habe solches Leibschneiden, ich hab' mich überlaufen, ich hab'

mich übergessen, es ist mir zum Sterben, geschwind, geschwind hilf

dem Mäuschen von Natur, denn ich bin keine Puppe, keine Kunstfigur,

ich bin die unglückliche Mäuse-Prinzessin Sissi von Mandelbiß, der

dein Vater einmal das Leben gerettet hat." Da sah ich gleich nach

und fand wirklich das schönste weiße Mäuschen von Natur mit einem

Drath zwischen kleine Räder befestigt, die an den Füßchen der Puppe

angebracht waren, ich machte die arme Prinzessin los, die mir freudig

dankte und sagte: "Schlaf fort Herz-Gackeleia, gleich komm ich wieder,

ich muß mich nothwendig ein bischen bewegen und durch das thauichte

Gras laufen, um mich zu waschen und zu erfrischen, gleich komme ich

wieder zu dir"--und husch war sie fort."

So weit hatte Gackeleia erzählt, da sah Gockel nach den beiden Mäusen,

die sich in ein Stück Kuchen eingefressen hatten und ruhig darin

schliefen, und sprach: "Es ist doch eine kuriose Theater-Prinzessin,

die Sissi von Mandelbiß; wo die überall herum kömmt, die kann auch

mehr als Brod essen! Aber erzähle weiter, wie ist sie nur mit der

Kunstfigur zusammengekommen?"

Da fuhr Gackeleia fort: "Als Sissi wieder kam, schlupfte sie mir

dicht ans Ohr, versteckte sich warm in meine Haarlocken und erzählte

mir alles ganz ausführlich, und ich war so neugierig, daß ich sie nie

unterbrach. Sie sagte: "dein Vater Gockel hat mich und meinen Gemahl

Prinz Pfiffi von Speckelfleck vor der Katze Schurrimurri gerettet und

uns wieder nach Haus befördert; der Mord der Gallina durch dieselbe

Katze und die Hinrichtung der Katze und der edle Tod Alektryos ward

uns durch Musterreiter unsers Volkes erzählet, wir wollten Gallina

und Alektryo ein Mausoleum auf dem Mauskirchhof setzen lassen, und da

ich mit Prinz Speckelfleck wegen unserer Rettung eine Wahlfahrt nach

dem Mausthurm bei Bingen gelobt hatte, gedachten wir damit eine

Kunstreise zu verbinden und uns mit den schönsten Mausoleen in

Kirchen und auf Kirchhöfen bekannt zu machen. Prinz Speckelfleck

meinte, wir müßten incognito wie gemeine Mäuse nur in geringen

Häusern einkehren;--ich folgte, aber nie thue ichs wieder, denn was

man da erwischen kann, ist nichts werth, und am Ende wird man noch

selbst erwischt.--So waren wir in Friedberg neben drei alten

schmutzigen Männern mit langen Bärten im Stroh eingekehrt. Pfiffi

schlupfte zur Thüre hinaus, mir etwas zu essen zu suchen, und ich war

so unbesonnen dem Geruch von gebranntem Speck in meiner Nähe nach zu

gehen, ach schon nagte ich ein bischen--klapp that es einen Schlag,

die Falle schloß sich zu, und ich war gefangen. Meine Verzweiflung

kannst du dir denken.--Der Schlag der Falle hatte die drei Alten auf

dem Stroh erweckt; sie liefen mit der Falle ans Fenster, der Tag

brach schon an. "Da haben wir, was wir brauchen", sagte der eine,

"eine schöne, große weiße Maus hat sich gefangen; die befestige ich

mit einem Drathgürtel unter der Kunstfigur, die wir in Nürnberg

gekauft haben; das Räderwerk ist zu schwach, die Puppe kann nicht

lang laufen, da kann die Maus als Vorspann dienen, damit sie von der

Stelle kömmt. Geschwind zünde ein Licht an, sagte er zu dem Andern,

ich will mich gleich an die Arbeit machen." Da schlug der Andere

Licht, und der Alte hatte mich bald mit einem Drath an die kleine

Puppe befestigt, die er aus seinem Schnappsack holte; dann zog er das

Uhrwerk in der Puppe auf und setzte sie an den Boden, und ich lief

von dem Saum des seidenen Puppenkleides bedeckt an der Erde in großer

Angst umher; da ich aber aus Begierde zu entfliehen, in allen Ecken

anstieß, ergriff er mich mit der Puppe und sagte mit einem

widerlichen Zorn zu mir: "ich muß andre Saiten mit dir aufspannen,

höre Madame weiße Maus, wenn du mir so toll herum rennst, lasse ich

dich hungern, daß du schwarz wirst, oder ich gebe dich der Katze, die

soll dich besser tanzen lehren."--Vor dieser Drohung hatte ich einen

solchen Respekt, daß ich mir vornahm, Alles zu thun, was der Alte nur

wollte. Er sprach aber noch allerlei wunderliche Worte Abracadabra

über ein Stückchen harten Kuchen, das er mich zu essen zwang, es muß

das ein Zauberwerk gewesen seyn; denn nun mußte ich Alles thun, was

er nur wollte, bald laufen, bald hüpfen, bald so, bald so, wie er

verlangte, und auf alle Namen, die er mir gab, hörte ich, wie ein gut

abgerichtetes Hündchen.--"Nun", sagte er zu den Andern, "reisen wir

nach Gelnhausen, ich zeige die Puppe der kleinen Gackeleia und

schwätze ihr leicht den Ring Gockels dafür ab; ich habe schon einen

ähnlichen nachmachen lassen, und haben wir den Ring, so haben wir für

nichts mehr zu sorgen."--Nach diesen Worten steckte er mich mit der

Puppe in seinen Gürtel, und sie zogen nach Gelnhausen. O ich war

froh, zu dir, Gackeleia, zu kommen, ich machte die artigsten Sprünge

vor dir, ich dachte, wenn du schlafen würdest, dir Alles zu sagen,

und durch die Großmuth deines Vaters nochmals gerettet zu werden;

--das Uebrige weißt du, liebste Herzgackeleia!--Jetzt aber werde ich

dich bald aufwecken, wir sind nicht weit von der Residenz meines

Herrn Vaters, Alles ist gewiß noch in großer Trauer um meinen Verlust,

du sollst die Freude sehen, wenn ich wieder komme. Ich muß dir nur

noch sagen, daß unsre Stadt nicht ist wie eure Städte, Alles ist

ländlich, sittlich; du könntest nicht bequem bei uns wohnen, es ist

alles zu eng.--Sieh unsre Stadt ist gegründet worden auf einem

ehemaligen Schlachtfeld; der Proviantwagen der Marketenderin und

allerlei andere Bagage wurden zerschlagen und geplündert, und das

zwar in einer einsamen unwegsamen Gegend. Meine Vorältern waren als

freiwillige Mäuse mit den Proviantwagen gezogen, und da nun alles

zerstört und die Soldaten fort waren, ließen sie sich dort nieder,

sammelten noch andere edle Mäuse, richteten Alles in eine vollkommene

Stadt ein, und es wird jetzt von dort aus ein großes Mäusereich

regiert. Du wirst dein blaues Wunder an den herrlichen,

geschmackvollen Anlagen sehen. Sobald wir dort sind, lasse ich dir

ein Blumenbettchen auf unserm Maifeld machen, da legst du dich gleich

nieder und schläfst und kannst dann Alles verstehen, was ich sagen

und thun werde, um deinem Vater Gockel den Ring Salomonis wieder zu

verschaffen.--Jetzt erschrick nicht, ich beiße dich ein bischen ins

Ohr, damit du aufwachst; dann nehme ich einen leuchtenden

Johanniswurm in den Mund und laufe vor dir her nach meiner Heimath,

da folgst du mir, wie einer Fackelträgerin. Glück auf Gackeleia!"

Nun biß die Prinzessin Mandelbiß mich ins Ohrläppchen, und ich

erwachte.

Schnell packte ich die Kunstfigur und alles Andre wieder in mein

Körbchen und rüstete mich zum Abmarsch. Die Mäuseprinzessin machte

die lustigsten Freudensprünge mit dem leuchtenden Johanniswürmchen

vor mir her durch das Gras, was gut war; denn da der Mond noch nicht

aufgegangen, so war es im dichten Wald noch sehr dunkel und ich wußte

weder Weg, noch Steg. Ich folgte dem Lichte; aber sie eilte so sehr,

daß ich sie oft aus dem Gesichte verlor. Wenn ich dann ängstlich

rief: "Mandelbißchen, laß mich nicht im Stiche!" pfiff sie laut und

sprang mit dem Lichtchen vor mir hoch aus dem Gras auf, wodurch ich

mich wieder zurecht fand.

Als wir ungefähr eine halbe Stunde gegangen waren, hörte ich ein

großes Gepfeife und sah um einen Hügel herum die Residenz des

Mäusekönigs im Sternenschein liegen, die ich euch gleich beschreiben

will. Kaum hatte die Prinzessin sich am Thore der Stadt gezeigt, als

es weit aufflog, und ein freudiges Gepfeife durch die ganze Stadt und

das oben liegende Schloß sich verbreitete, aus welchem viele weiße

Mäuse ihr entgegenstürzten und sie mit großem Jubel empfingen. Sie

wollte aber nicht in das Schloß hinein, sondern drehte sich

abwechselnd gegen mich und die Ihrigen, welchen sie von mir zu

erzählen schien, so, daß alle die Mäuse bald ihre Köpfchen gegen mich

aufhoben und allerlei pfiffen, was ich nicht verstand. Da sagte ich

zu ihnen: "ihr lieben Mäuse, gleich will ich mich schlafen legen,

damit ich eure Gespräche verstehen kann," und kaum hatte ich das

gesagt, als sie auch zu Tausenden anströmten und das zarteste Moos an

einem reinen Plätzchen zwischen Blumen zusammen trugen. Ich sah wohl,

das dieß ein Bettchen für mich werden sollte, und betrachtete

unterdessen die schöne Mäuse-Stadt. Oben auf dem Hügel lag das

königliche Schloß, von grossen holländischen Käsen erbaut, die alle

auf das reinlichste ausgenagt waren. Alle Thüren und Fenster waren

zwar etwas nach altem Geschmack, und nicht ganz gleichförmig

vertheilt; doch hatte die Burg ein sehr ehrwürdiges Ansehen; sie war

pyramidalisch im perspektivischen Stile erbaut, und ich kann noch

nicht begreifen, wie es Mäuse-möglich war, ein so kühnes Werk zu

Stande zu bringen.

Rings um das Schloß her und selbst auf seinen Dächern waren die

schönsten Gärten von Schimmel angelegt, den ich nie höher und

feuchter gesehen habe. Thürme von ausgehöhlten Commisbroden, mit

Kuppeln von Flaschen-Kürbissen schmückten das mit Bretzeln und

dergleichen verzierte Schloß. Die neuern Häuser der Unterthanen

bestanden aus hohlen Kürbissen und Melonen, die sie früher selbst mit

Mühe herangewältzt, in der neuern Zeit aber, bei zunehmender Bildung

und Industrie, an den Stellen gepflanzt und, wenn sie groß waren,

ausgehöhlt hatten. Aeltere adelige und Patrizier-Geschlechter

bewohnten alte Reiterstiefel, Patrontaschen, Tornister,

Pistolenhulfter, Mantelsäcke, Filzhüte und Lederhelme und was auf dem

Schlachtfelde liegen geblieben war; jedoch schienen diese Gebäude der

Reparatur zu bedürfen. Einen alten Reutersattel sah ich als Thor

oder Triumphbogen zwei Stadttheile verbinden. Alle Gebäude der etwas

sehr unregelmäßigen Stadt wurden durch größere und kleinere Anlagen

von Schimmel, Pilzen und vielerlei andern Pflanzen umher verschönert.

Auch bemerkte ich viele Höhlen in die Erde hinein, die theils Keller

und Vorrathskammern waren, theils von einem eigenen Stamm der

Feldmäuse bewohnt wurden.

Das Schönste aber von allem war Folgendes: herrlich und kunstreich

schaute von einer Höhe eine große gothische Kirche auf die ganze

Stadt wie ein Hirt auf seine Heerde herab; ihr Schiff bestand aus

einem großen alten Koffer, worüber ein zerrissener Flaschenkorb stand,

die beiden Thürme waren aber zwei weißgebleichte Pferdeschädel,

welche das Gebiß noch im Maule hatten. Leider war, wie bei den

meisten solchen Werken der Stil nicht ganz gleichartig, denn das eine

Gebiß war eine Trense das andre eine Stange. Die Thurmspitzen selbst

waren mit tausend kleinen Knochensplittern verziert und verspitzt; um

die Kirche her breitete sich der Kirchhof aus, Grab an Grab schön

geordnet, und mitten darauf ein Beinhaus von lauter Mäusegerippen und

Beinchen, weiß wie Elfenbein, in schönster Ordnung zusammengelegt.

Etwas tiefer als die Kirche lag ein Bauwerk, das zu den sieben

Wundern der Welt gezählt wird, es bestand aus einem Trinkhumpen, der

gekrönt von einem Reuterhelm in einer Trommel stand. Man nannte es

das Mausoleum, denn hier ist der erste König dieses Volkes Namens

Mausolus I. begraben, und seine Gattin Artemisia I. hat es ihm

errichtet. Alles das konnte ich nicht genug bewundern, und der Mond

schien so hell in die kleine wimmelnde Welt, daß es eine Lust war

hinein zu schauen.

Während dem hatten die Mäuschen mein Bettchen und neben mir eines für

die Kunstfigur von dem weichsten Moose zwischen Blumen fertig gemacht.

Die meisten giengen ihrer Wege, einige konnten aber gar nicht

fertig werden, mir gute Nacht zu sagen, und ich war doch von den

vielen Anstrengungen so müde, daß ich schier vergessen hätte, wie ich

hier bei weltfremden Leuten war; ja, lieber Vater! ich war so in der

Empfindung des Schlafes, daß ich glaubte, ich sey bei Mutter Hinkel

in Gelnhausen, und ich rieb mir die Augen und hatte schon angefangen,

mit weinerlicher Stimme zu sagen: "Mutter, Mutter, Gackeleia ins

Bettchen legen, Gackeleia ist müd, müd!"--Da ich aber die Worte der

Mutter nicht hörte:

"ja, schlafen gehen, das Kind ist müde, das Sandmännchen kömmt

angeschlichen", besann ich mich und schaute um mich, und sprach mit

majestätischer Stimme: "Ich habe die Ehre, Ihnen sämmtlich eine

geruhsame Nacht zu wünschen, lassen Sie sich etwas recht Schönes

träumen. Sie würden mich unendlich verbinden, wenn Sie sich

zurückziehen wollten, damit ich mich schlafen legen kann." Da aber

die dummen Mäuse immer noch verwundert da standen, jagte ich sie

endlich mit meiner Schürze nach Haus. Es ist mir nichts Peinlicher,

als das lange unentschiedene Zaudern, und doch war ich nun, da ich

mich zum Schlafen niederlegte, längere Zeit beunruhiget, daß ich die

armen Schelmen so hart angefahren hatte und bat sie in meinem Innern

herzlich um Verzeihung. Kaum war ich entschlafen, so versammelte

sich die königliche Mäusefamilie mit ihrem Ministerium um mich her,

und ich hörte alle die schönen Reden, die sie hielten, an denen

nichts auszusetzen war, als daß die kurzen zu langweilig und die

langen zu kurzweilig waren. Die Hauptsache war, wie sie der

Raugräflich Gockelschen Familie nun schon zweimalige Rettung

verdankten. Prinz Pfiffi sagte, als seine Gemahlin in die

Gefangenschaft unter die Kunstfigur gekommen, sey er den drei

Petschierstechern gefolgt, habe gesehen, wie sie sich den Ring

verschafft und sich zu vornehmen, schönen, jungen Leuten gemacht, den

Graf Gockel und seine Familie aber in arme Bettler verwünscht hätten.

Kurz er wußte Alles, und wollte morgen allein ausziehen, mir den

Ring wieder zu verschaffen, was ihm wegen der Uneinigkeit der

Besitzer sehr leicht schien. "Nein, nein" rief da die Prinzeß Sissi,

"ich will dabei seyn, du bist viel zu ungestüm, wir wollen es

zusammen versuchen, und Gackeleia soll auch mitgehn." Da sprach ich:

ja, ja, das wollen wir, und ich verspreche euren königlichen Eltern,

wenn ich den Ring wieder erhalte, einen Zentner der schönsten

holländischen Käse und einen Sack der besten Knackmandeln, um ihre

Residenz neu erbauen zu können, und dazu noch einen Zentner der

beßten Schinken zur allgemeinen Belustigung der Nation, und sonst

Alles, was dem edeln Volk der Mäuse lieb und angenehm seyn kann.

"--"Ach", rief der alte König aus, "meine liebe Gemahlin sagt mir so

eben, daß sie vor ihr Leben gerne einmal Königsberger Marzipan und

Thornischen Pfefferkuchen und Jauersche Bratwürste und Spandauer

Zimmtbretzeln und Nürnberger Honigkuchen und Frankfurter Brenten und

Sachsenhauser Kugelhupfen und Mainzer Vitzen und Gelnhauser

Bubenschenkel und Koblenzer Todtenbeinchen und Liestaller Leckerli

und Botzner Zelten und dergleichen patriotische Kuchen essen möge."

"Alles das sollt ihr im Ueberfluße erhalten", sagte ich, "sobald ich

den Ring besitze."--"Wohlan", sprach der König, "so mögt ihr morgen

mit Tagesanbruch auf das Abentheuer ausziehen. Jetzt aber soll

gleich, sobald unsre Rathsitzung geschlossen ist, in die Kirche

gezogen werden, um den Segen des Himmels zu erflehen; die fliegende

Gensdarmerie soll gleich die nöthigen Anstalten treffen."--Nach

diesen Worten des Königs Mausolus VIII. sah ich viele Fledermäuse

geschäftig durch die Stadt hin- und wiederfliegen.

Jetzt trat noch ein fataler Schmeichelredner auf, um den Muth

herauszustreichen, mit welchem ich die Ruthe für Prinzessin Sissi

ertragen hätte. Ein alter Pair aber unterbrach ihn mit den Worten:

"Ehre, dem Ehre, Ruthe, dem Ruthe gebührt! Sie litt nicht weil sie

eine Mäusefreundin, sondern eine Spielratze und einst eine

Katzenfreundin war; wer weiß, ob sie nicht noch jetzt deren Spionin

ist"--dieser Verdacht schnitt mir durchs Herz, so daß ich im Schlafe

wie eine Katze zu miauen begann, worauf dem Redner das Wort in der

Kehle stecken blieb, und das ganze Parlament über Hals und Kopf

auseinanderlief und sich in alle mögliche Wohnungen und Löcher

verkroch.

Die Prinzessin von Mandelbiß hatte nach ihrem Zartgefühl mich wohl

verstanden, sie blieb bei mir und sagte: "liebe Gackeleia, du hast

die Sitzung etwas schnell aufgehoben, aber ich hätte es an deiner

Stelle auch gethan; jetzt will ich gleich verkünden lassen, woher das

Katzengeschrei kam, dann fällt Alles auf den undelikaten Redner.

Vorher muß ich dich bitten, mir die Kunstfigur als Königin gekleidet

aufzubinden, denn ich will mit derselben die Prozession begleiten,

das wird eine so große Wirkung thun, als das Trojanische Pferd;--ich

bringe sie dir nachher wieder, wenn wir nach der Feierlichkeit auf

die Eroberung des Ringes ausziehen." Schnell kleidete ich die Figur

nach ihrem Verlangen, heftete sie ihr wieder auf den Rücken und zog

die Uhr in ihr auf. Da lief sie so schnell durch die Gassen hin, daß

die Mäusekinder, welche sich schon vor der Thüre des Schulmeisters

zur Prozession versammelt hatten, nicht wenig über sie erschracken.

Ich war froh, endlich ein wenig Ruhe zu haben, und kauerte mich recht

auf meinem Lager zusammen; aber es dauerte nicht lange, da gieng

wieder was Neues los. Die Kirchenmäuse liefen auf die Thürme der

Kirche und riefen das Volk zum Gebet; sie hatten keine Glocken, und

ich glaube darum, daß sie eine Art türkischer Religion haben. Die

Fledermäuse, eine Art fliegender Nachtwächter-Gensdarmerie, schwebten

über der Stadt hin und wieder und verkündeten, das gehörte

Katzengeschrei sey nur im Traume geschehen, die Prozession finde

Statt, Prinzeß Mandelbiß trage die schöne Kunstfigur als Königin

dabei durch die Strassen u.s.w. Nun hörte ich ein fernes Singen

immer näher und näher kommen; endlich verweilte der Gesang in der

Nähe meines Lagers, und ich hörte, daß Prinz Speckelfleck ausrief:

"hier wird das ganze Lied sanft wiederholt, um der Comtesse Gackeleia

den Schlaf zu versüßen."--Ich hörte nun das folgende Lied, welches

von Zeit zu Zeit von dem Chor der vorüberziehenden Mäuseprozession

unterbrochen ward.

Kein Thierlein ist auf Erden

Dir lieber Gott zu klein,

Du ließt sie alle werden,

Und alle sind sie dein.

####Zu dir, zu dir

####Ruft Mensch und Thier;

####Der Vogel dir singt,

####Das Fischlein dir springt,

####Die Biene dir brummt,

####Der Käfer dir summt,

####Auch pfeifet dir das Mäuslein klein:

####Herr, Gott, du sollst gelobet seyn.

Das Vöglein in den Lüften

Singt dir aus voller Brust,

Die Schlange in den Klüften

Zischt dir in Lebenslust.

####Zu dir, zu dir u.s.w.

Die Fischlein, die da schwimmen,

Sind, Herr, vor dir nicht stumm,

Du hörest ihre Stimmen,

Vor dir kömmt Keines um.

####Zu dir, zu dir u.s.w.

Vor dir tanzt in der Sonne

Der kleinen Mücken Schwarm,

Zum Dank für Lebenswonne

Ist Keins zu klein und arm.

####Zu dir, zu dir u.s.w.

Sonn, Mond geh'n auf und unter

In deinem Gnadenreich,

Und alle deine Wunder

Sind sich an Größe gleich.

####Zu dir, zu dir u.s.w.

Zu dir muß Jedes ringen,

Wenn es in Nöthen schwebt,

Nur du kannst Hülfe bringen,

Durch den das Ganze lebt.

####Zu dir, zu dir u.s.w.

In starker Hand die Erde

Trägst du mit Mann und Maus,

Es ruft dein Odem: "werde",

Und bläst das Lichtlein aus.

####Zu dir, zu dir u.s.w.

Kein Sperling fällt vom Dache

Ohn' dich, vom Haupt kein Haar,

O theurer Vater wache

Bei uns in der Gefahr!

####Zu dir, zu dir u.s.w.

Behüt' uns vor der Falle

Und vor dem süßen Gift

Und vor der Katzenkralle,

Die gar unfehlbar trifft.

####Zu dir, zu dir u.s.w.

Daß unsre Fahrt gelinge,

Schütz' uns vor aller Noth,

Und hilf uns zu dem Ringe

Und zu dem Zuckerbrod.

####Zu dir, zu dir u.s.w.

Nach diesem frommen Gesang hielten sie eine kleine Pause, dann

stimmten sie in einem rascheren Takt folgende drei Verse an:

Vivat! beim höchsten Schwure

Nicht Puppe, sondern nur

Nach Uhr und nach der Schnure

Die schöne Kunstfigur!

####Von ihrer Zier

####Spricht Mensch und Thier

####Das Vögelein singt,

####Das Fischelein springt,

####Das Bienelein summt,

####Das Käferlein brummt,

####Auch pfeifen alle Mäuselein:

####Die Kunstfigur ist schön allein.

Vivat! du feine gute

Prinzessin Mandelbiß,

Die sich mit Heldenmuthe

Aus schlimmem Handel riß.

####Von ihr, von ihr

####Spricht Mensch und Thier

####Das Vögelein singt,

####Das Fischelein springt,

####Das Bienelein brummt,

####Das Käferlein summt,

####Auch pfeifen alle Mäuselein:

####Prinzeß Sissi ist superfein.

Vivat! hoch Gackeleia,

Singt ihr ein Wiegenlied,

Singt Heia und Popeia,

Das Kind ist müd, so müd!

####Von ihr, von ihr

####Spricht Mensch und Thier,

####Das Vögelein singt,

####Das Fischelein springt,

####Das Bienelein brummt,

####Das Käferlein summt,

####Auch pfeifen alle Mäuselein:

####Schlaf' Gackeleia popeia ein!

Gockel, Hinkel und Gackeleia · 第 10 / 16 段