nach ihr blickte und sprach: "du unseliges Kind! du hast eine Puppe?
welche Puppe? woher hast du die Puppe? weißt du nicht mehr das
Urtheil bei dem hochnothpeinlichen Halsgericht wegen der Ermordung
Gallina's, daß du von nun an und nimmermehr keine Puppe haben darfst!
--ach, ich ahnde die Ursache meines Verderbens!" Und da er hierauf
die kleine Gackeleia ergreifen wollte, lief sie vor dem erzürnten
Vater nach dem äußersten Rande eines Felsens hin, der über einen
schroffen Abhang hinausragte. Frau Hinkel schrie: "um Gotteswillen,
das Kind fällt sich zu Tode!" und hielt Gockel beim Arme zurück.
Gackeleia aber kniete auf dem äußersten Rande des Felsens, breitete
ihre Aermchen gegen den Vater aus und sprach:
"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei,
Oder Gackeleia klein
Springt und bricht sich Hals und Bein!"
Da bat die Frau Hinkel den Gockel sehr, er solle dem Kind verzeihen,
und Gockel sagte: sie solle nur Alles erzählen, was sie angestellt,
er werde sie nicht umbringen. "Erzähle Gackeleia", sagte die Mutter,
"wo hast du eine Puppe herbekommen?" Da war Gackeleia in großer
Angst, denn der Vater riß während der Erzählung an einer Birke, die
bei dem Felsen stand, dann und wann ein Zweiglein ab, und es sah so
ziemlich aus, als wenn er, wo nicht einen Besen, doch wenigstens eine
Ruthe binden wolle; aber was half Alles, das Kind mußte sprechen und
sprach:
"An mein Gärtchen kam heut Morgen
Ein alt Männchen ganz voll Sorgen,
Ließ vor mir im Tanz sich drehn
Ach! ein Püppchen, wunderschön."
"Da haben wir es", rief Gockel und riß ein starkes Birkenreis ab, "da
haben wir die saubere Bescheerung, eine Puppe, o es ist
himmelschreiend!" Gackeleia aber sagte geschwind:
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur,
Eine kleine Gärtnerin,
Lehrerin und Tänzerin,
Wirthin, Hirtin und so weiter,
Jede hat besondre Kleider."
"Abscheulich, abscheulich!" sagte Gockel, aber Gackeleia fuhr fort:
"Allerliebst, kaum auszusprechen,
Mir wollt' schier das Herz zerbrechen
Nach dem schönen Wunderding;
Als es an zu laufen fieng,
Als die Räder in ihm knarrten,
Wollt' es zu mir in den Garten,
Lief am Gitter hin und her,
Als ob es lebendig wär'.
Und ich glaubt' des Alten Schwur,
Daß es eine Kunstfigur,
Daß es keine Puppe sey,
Dacht' nichts Arges mir dabei."
"Schöne Ausreden", sagte Gockel unwillig und riß wieder ein
Birkenreis ab; Gackeleia gefiel das gar nicht, und sie sagte:
"Vater, bitte, bitte schön,
Laß das Birkenreis doch stehn,
Ach ich sorg' vor Angst verwirrt,
Daß es eine Ruthe wird."
Da sprach Gockel ernsthaft:
"Gackeleia glaub' du nur,
Daß es eine Kunstfigur,
Daß es keine Ruthe sey,
Denk' nichts Arges dir dabei."
Da sagte Gackeleia:
"Kunstfigur von Birkenreis?
Ach du machst mir gar zu heiß!"
Und Gockel sagte:
"Kunstfigur für Kunstfigur,
Ruthe für die Puppe nur."
Da ward Gackeleia wieder sehr betrübt und schrie wieder ganz
erbärmlich:
"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei,
Oder Gackeleia klein,
Springt und bricht sich Hals und Bein!"
Frau Hinkel bat sehr, und Gockel sagte: "ich werde sie nicht
umbringen, sie soll nur erzählen, was der Alte weiter gesagt hat, und
was sie ihm für die Kunstfigur gegeben hat." Da fuhr Gackeleia fort:
"Ach der Alte weinte sehr,
Hätt' nicht Vater, Mutter mehr,
Bruder nicht, noch Schwesterlein,
Keinen Sohn, kein Töchterlein,
Keinen Vetter, keine Base,
Nichts als eine lange Nase,
Einen Bart ganz weiß und lang,
War betrübt und angst und bang."
"Der alte Schelm", rief da Frau Hinkel aus und riß nun auch ein
starkes Birkenreis ab, "der alte Schelm ist schuld, daß ich auch
wieder eine so häßliche lange Nase habe." Und Gockel sagte: "Schau,
Frau Hinkel, jetzt merkst du auch, was wir ihm zu danken haben, du
die Nase und ich den Bart. O unglückselige Kunstfigur, was sind wir
für abscheuliche Figuren durch dich geworden. Aber erzähle weiter
Gackeleia, was wollte er für die Puppe"? Da erwiederte Gackeleia mit
großer Angst:
"Für die schöne Kunstfigur
Wollt' in deinen Ring er nur
Einmal ein klein bischen blicken,
Seinen Kummer zu erquicken."
"O du abgefeimter Gaudieb", rief Gockel aus, "o du unseliges,
leichtsinniges, spielsüchtiges Kind!--und da zogst du mir den Ring im
Schlafe ab, und gabst dem Schelmen den Ring, sprich, sprich, hast du
das gethan? sprich gleich, oder ich werfe dich auf der Stelle vom
Felsen hinab." Da rief Gackeleia wieder in großer Angst:
"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei;
Ja als Vater Gockel schlief,
Mit dem Ring ich zu ihm lief,
Doch er sah nicht lang hinein,
Gab zurück den Edelstein,
Den ich schnell zurückgebracht,
Eh' der Vater aufgewacht.
Ach ich will's nicht wieder thun,
Einmal ist das Unglück nun
Durch mich böses Kind geschehn.
Werdet ihr die Puppe sehn--
Nein nicht Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur,
Ganz natürlich nach dem Leben--
Ach ihr müßt mir dann vergeben."
Und nun nahm sie die Puppe aus ihrem Körbchen, das sie am Arm hängen
hatte, zog das Uhrwerk auf, und die kleine Reisende schnurrte so
artig zwischen dem Thymian auf dem Felsen herum, daß Gackeleia ihr,
in die Hände patschend, nachlief. Da erwischte der alte Gockel das
Kind beim Arm und sagte: "Nun habe ich dich, habe ich dir nicht
tausendmal verboten, meinen Ring ohne meine Erlaubniß anzurühren? Du
hast ihn aber dem alten Betrüger gegeben, und der hat ihn mit einem
andern vertauscht, der keinen Heller werth ist, und so hast du deine
Eltern und dich in Schande und Armuth gebracht durch deine Begierde
nach einer elenden Puppe". Da schrie Gackeleia ganz erbärmlich:
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur.
Vater, Vater laß mich los!
Ach sie läuft durch Stein und Moos
Von dem Fels in vollem Lauf,
Mutter Hinkel halt' sie auf!
Daß sie nicht den Hals zerbricht;
Denn sie kennt die Wege nicht."
Die kleine Puppe lief auch ganz wie toll den Felsen hinunter, und
Frau Hinkel wollte sie aufhalten, aber glitt auf dem glatten Rasen
aus und rutschte ein ziemlich Stück Weg hinab. Darüber wurde der
alte Gockel noch viel ungeduldiger und sagte: "nun sieh, das Unglück,
deine Mutter bricht noch schier ein Bein über der abscheulichen Puppe.
Recht muß seyn, du hast unverzeihlich gefehlt; jetzt wähle
Gackeleia: entweder kriegst du hier recht tüchtig die Ruthe, oder du
läßt die Puppe laufen", und da Gackeleia wieder schrie:
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur,
Nach der Uhr und nach der Schnur,
Und ein Mäuschen von Natur."-legte Gockel sie über das Knie und gab
ihr tüchtig die Ruthe mit den Worten:
"Keine Ruthe, es ist nur
Eine Birken-Kunstfigur,
Und du kriegst sie nach der Schnur,
O du Nichtsnutz von Natur!"
Und Gackeleia schrie:
"Mutter halt', o Jemine!
Halt' sie auf, sie thut sich weh."
Und Gockel schlug immer zu und schrie:
"Fitze, fitze, Domine
Thut die ganze Woche weh!"
Er hätte auch noch länger zugeschlagen, aber Frau Hinkel schrie so
erbärmlich, sie könne nicht wieder herauf, daß Gockel das Kind los
ließ und hinabgieng, ihr zu helfen. Kaum aber war Gackeleia los, so
rüttelte und schüttelte sie sich über die fatale Kunstfigur, die sie
empfunden hatte, und lief ihrer flüchtig gewordenen schönen
Kunstfigur nach, die sie eben unten im Thale über den Steg eines
Baches laufen sah; die Puppe lief, als ob sie vier Beine hätte, über
den Steg und links um und in den Wald hinein und Gackeleia immer
hinter ihr drein.
Gockel hatte indessen Frau Hinkel durch einen Umweg wieder auf die
Höhe hinauf gebracht, und sie klagten sich unterwegs einander, wie
der Schelm, der sie durch Gackeleia's Spielsucht um den köstlichen
Ring Salomonis gebracht, gewiß einer von den alten Petschierstechern
sey, die ihn einst um den Hahn Alektryo hatten betrügen wollen. Als
sie unter solchen Reden auf den Fels zurückkamen und die Gackeleia
nicht mehr sahen, riefen sie nach allen Seiten nach dem Kinde, aber
nirgends hörten und sahen sie etwas von ihr. Da ward ihr Kummer um
allen ihren Verlust in eine große Sorge um ihr Kind verwandelt, sie
liefen hin und her und schrieen durch den Wald: "Gackeleia, Gackeleia!"
und wenn das Echo wieder rief. Eia, Eia! glaubten sie, das Kind
antworte, und so verirrten sie sich immer tiefer in der Wildniß, bis
sie endlich beide, ach aber ohne Gackeleia, sich bei ihrem
Stammschlosse wieder fanden. Die Vögel wachten alle auf und flogen
wie alte Bekannte um sie her und grüßten sie, aber Gockel und Hinkel
riefen immer in alle Büsche hinein:
"Gackeleia, komm doch nur,
S'ist ja eine Kunstfigur,
Komm' es soll dir nichts geschehn,
Wenn wir dich nur wieder sehn."
Aber keine Antwort von keiner Seite. Da saßen die zwei armen Eltern
auf der Schwelle des alten Hühnerstalles nieder und weinten die ganze
Nacht bitterlich, und alle Vögelein weinten mit. Am Morgen aber
schnitt sich Gockel einen tüchtigen Knotenstock und gab auch der Frau
Hinkel einen und sagte: "Liebe Frau! wir sind arme Leute geworden;
aber es gebührt einem Raugrafen Gockel von Hanau und einer Raugräfin
Hinkel von Hennegau nicht, im Unglücke zu verzweifeln; laß uns auf
Gott vertrauen und unser Fräulein Tochter Gackeleia durch die weite
Welt suchen, und sollten wir unterwegs Hungers sterben. Geh' du
links, und ich geh' rechts. Alle Monate kommen wir hier wieder
zusammen und sagen uns einander, was wir entdeckt haben, dabei können
wir zugleich dem Dieb unsers Ringes nachforschen." Frau Hinkel war
das zufrieden, sie umarmten sich beide unter bitteren Thränen und
wanderten dann auf getrennten Wegen, Herr Gockel rechts, Frau Hinkel
links. Und wenn sie in die Dörfer oder Städte kamen, sangen sie vor
allen Thüren:
"Habt ihr nicht ein Kind gesehn?
Ein klein Mägdlein wunderschön,
Blaue Augen, rothe Backen,
Zähnchen weiß zum Nüsseknacken,
Einen rothen Kirschenmund,
Frisch und froh und dick und rund,
Glänzend wie ein Mandelkern,
Hüpft und spielt und singt so gern.
Es hat einen blonden Zopf,
Einen Strohhut auf dem Kopf,
Trägt auch eine alte Juppe
Und läuft hinter einer Puppe
Her und schreit, es sey ja nur
Eine schöne Kunstfigur.
Barfuß läuft es ohne Schuh,
Fragt man es, wie heißest du?
Sagt es gleich ganz freundlich: "Eja
Ich bin Gockels Gackeleia."
Ach das Kind hab' ich verloren
Und hab' einen Eid geschworen,
Nicht zu ruhn, bis ich das Kind
Gackeleia wieder find'!"
Aber immer sagten die Leute:
"Wir haben so kein Kind gesehn,
Ihr armer Mensch müßt weiter gehn;
Da habet ihr ein Stücklein Brod,
Gott helfe euch in eurer Noth!"
Da nahmen sie dann das Brod, die armen Eltern, und assen es mit
Thränen und setzten ihren Stab traurig weiter.
So waren sie schon dreimal wieder in dem alten Schloße ohne Gackeleia
zusammen gekommen, hatten mit großem Jammer im alten Hühnerstall
geschlafen, und sich ihre vergeblichen Nachforschungen einander
mitgetheilt. "Ach Gott", sagte Frau Hinkel, "das arme Kind ist gewiß
umgekommen, hättest du es doch nicht so hart wegen der Puppe
behandelt." Da erwiederte Gockel: "Und hättest du besser auf sie
Acht gegeben, so hätten wir den Ring und das Kind nicht verloren;
nichts ist leichter zu sagen, als--hättest du. Lasse uns lieber auf
dem Grabe des Alektryo in der Kapelle recht herzlich beten, daß wir
das Kind morgen zum viertenmale nicht vergebens suchen mögen."
Hierauf giengen sie nach der Kapelle und beteten recht eifrig, legten
sich dann auf ihr Mooslager und schliefen einen gar süßen Schlaf und
träumten von Gackeleia.
Gegen Morgen hörte Gockel noch halb im Schlafe etwas um sich her
rasseln, es war noch sehr dunkel in dem Stalle; aber er sah etwas an
der Erde hinlaufen und verschwinden, er stieß Frau Hinkel und sagte:
"Mir war gerade, als wenn die fatale Puppe der Gackeleia vorüber
gelaufen wäre." Da sprach eine Stimme:
"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur."
Gockel meinte, Frau Hinkel habe das gesagt, und verwies ihr, daß auch
sie so eigensinnig wie Gackeleia spreche. Frau Hinkel hatte
schlaftrunken die Worte gehört und behauptete, er habe es selbst
gesagt. Sie wollten eben zu zanken anfangen, als sie leise an der
Thüre pochen hörten. Sie fuhren ordentlich vor Schrecken zusammen,
wer das wohl seyn könne, der in dem wüsten zerstörten Schlosse so
leise anpoche. Da es aber zum drittenmale pochte, fragte Gockel laut:
"Wer ist draus?" und es antwortete eine männliche Stimme: "ich bitte
allerunterthänigst um Verzeihung, Herr Graf, daß ich so früh störe,
aber die Eseltreiber lassen mir keine Ruhe; sie sagen, daß ich ihnen
drei Zentner Käse aus der gräflichen Käsefabrik auf ihre Thiere
packen soll, nun wollte ich doch den Befehl des Herrn Grafen selbst
abholen."
Gockel wußte auf diese Rede gar nicht, wo ihm der Kopf stand; "drei
Zentner Käse", sagte er, "aus der gräflichen Käsefabrik, hast du
gehört Hinkel?" "Ja", sagte Frau Hinkel, "was kann das seyn? ich
weiß nicht, ob ich träume oder wache." Da der Mann aber immer von
neuem pochte und um die Erlaubniß bat, die Käse abzuliefern, schrie
Gockel heftig: "bist du, der da pochet, toll oder ein Spötter, der
einen armen Greis zum Narren haben will? so nehme dich in Acht, oder
ich komme mit dem Knotenstock über dich. Wo habe ich denn Käse oder
eine Käsefabrik? Gehe von dannen und gönne den Armen ihr einziges
Gut: die Ruhe und den Schlaf." Da antwortete die Stimme wieder:
"Gnädigster Graf, vergebet mir, daß ich euch erweckte, ich sehe wohl,
daß ihr den Leuten die Käse nicht abliefern lassen wollet, ich werde
sie abweisen!"
Nun hörte Gockel draußen auf dem Hofe sprechen und hin und wieder
gehen, und seine Verwunderung, was das zu bedeuten habe, wuchs immer
mehr. "Ach", sagte er zu seiner Frau, "ich fürchte fast, es ist
irgend eine Nachstellung von unsern Feinden aus Gelnhausen, die uns
ermorden wollen." "Das wäre entsetzlich", erwiederte Frau Hinkel und
drückte sich in der Angst dicht an ihn. Da pochte es wieder an der
Thüre, und Gockel rief zwar erschrocken, aber doch ziemlich laut:
"Wer da?" Da antwortete eine andere Stimme: "Eurer Hochgräflichen
Gnaden unterthänigster Küchenmeister fragt an, ob er einen Zentner
Schinken aus der gräflichen Rauchkammer abliefern darf, welche auf
den drei Eseln, die vom König Sissi angekommen sind, abgeholt werden
sollen?" Gockel, dem bei diesen Reden zu Muthe ward, wie einem Hahn
ohne Kopf, rief aus: "Warte, ich will dir Schinken geben, du
nichtswürdiger Spötter!" indem er aufsprang und nach seinem Stocke
suchte. Als er aber ganz klar und deutlich drei Esel vor der Thüre
schreien hörte, rief er und Frau Hinkel zugleich: "Herr Jemine, die
Esel sind wirklich da." Es war noch dunkel in dem Stalle, der kein
Fenster hatte, und dessen verschlossene Thüre nur durch einen Spalt
einen Schimmer des Tages hereinfallen ließ. Gockel tappte an der
Wand nach seinem Knotenstock herum, und plötzlich wurde er von ein
paar zarten Armen herzlich umschlossen, so daß er laut aufschrie: "um
Gotteswillen, wer ist das?" Aber die Unbekannte hörte nicht auf, ihn
mit den zärtlichsten Küssen zu bedecken, und als Frau Hinkel auch
dazu kam, gieng es derselben nicht besser; und da sie sich in diese
Liebkosungen gar nicht finden konnten, sagte endlich das unbekannte
Wesen mit einer wohlbekannten Stimme zu ihnen: "Ach! kennt ihr denn
euer Töchterlein Gackeleia gar nicht mehr?"-"Du, Gackeleia?" riefen
Beide aus, "nein das ist nicht möglich, du bist ja eine erwachsene
Jungfrau."--"Ach, groß oder klein", antwortete es, "ich bin doch eure
Gackeleia", und da riß sie die Thüre auf, und es fiel zu gleicher
Zeit so viel Fremdes und Wunderbares in die Augen des alten Gockels
und der Frau Hinkel, daß sie sich einander in die Arme sanken und
weinen mußten.
Erstens sahen sie wirklich die ganze Gackeleia vor sich, aber nicht
mehr als ein kleines Mädchen, sondern als eine blühende, wunderschöne,
allerliebst geputzte Jungfrau; und zweitens sahen sie sich selbst
beide nicht mehr alt und in Lumpen, sondern als zwei schöne
wohlbekleidete Leute in den besten Jahren; und drittens sahen sie
durch die Thüre nicht mehr in einen verfallenen, mit Schutt und
wildem Unkraut bewachsenen Burghof hinaus, sondern in einen schön
gepflasterten, reinlichen Hof von schönen Schloßgebäuden, Ställen,
Gärten und Terrassen umgeben; in der Mitte des Hofes aber, an einem
plätschernden Springbrunnen, sahen sie drei verdrießliche alte Esel
mit langen Ohren angebunden, welche die Köpfe zusammendrückten, als
ob sie sich schämten. Auch sahen sie allerlei Bediente in schönen
Livreen geschäftig auf und niedergehen, die immer, so oft sie am
Hühnerstall vorüber kamen, tiefe Verbeugungen machten und schönen
guten Morgen wünschten.
"Ach, was ist das, es ist nicht möglich, woher alle diese Wunder?"
rief Gockel aus; da reichte Gackeleia ihm ihre schöne Hand und sah
ihm freundlich lächelnd in die Augen, und Gockel schrie mit lautem
Jubel aus: "ach der Ring, der köstliche Ring Salomonis ist wieder da,
den du durch die Puppe verloren!" Da sagte aber Gackeleia gleich
wieder:
"Keine Puppe, es ist nur Eine schöne Kunstfigur",
und Gockel sagte: "meinetwegen, ich will dir die Ruthe nicht mehr
geben, du bist auch zu groß dazu, und Alles ist ja wieder gut."
"Aber wie hast du nur Alles angefangen?" sagte Frau Hinkel, welche
immer um die schöne, prächtige Jungfrau herumgegangen war, sie zu
betrachten und zu küßen und zu drücken, "um Gotteswillen,
Herz-Wunder-Gackeleia, erzähle!" "Ja, erzähle", rief Gockel und
drückte sie herzlich an seine Brust. Gackeleia aber erwiederte:
"lobet mich nicht zu sehr, geliebter Vater, denn all unser neues
Glück haben wir allein Euch selbst zu verdanken." "Mir?" fragte
Gockel, "das müßte seltsam zugehen; ach ich habe ja nichts thun
können, als vor den Häusern nach dir suchend herumbetteln." Da sagte
Gackeleia: "schon gut, Ihr sollt Alles hören; folgt mir nur an einen
andern Ort, wir wollen das wieder hergestellte Stammschloß unsrer
lieben Vorfahren einmal ein wenig durchmustern, wir werden gewiß ein
Plätzchen finden, wo es uns besser gefällt, als in dem alten
Hühnerstall, in dem wir ohnedieß dem Federvieh Platz machen wollen,
das gleich wieder hinein muß." Da drehte Gackeleia den Ring und
sprach:
"Salomon, du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Fülle gleich den Hühnerstall,
Lass' die bunten Hühner all'
Gackeln, scharren, glucken, brüten,
Und vom hohen Hahn behüten;
Alle soll er übersehen,
Stolz mit Spornen einhergehen,
Kamm und Sichelschweif hoch tragen,
Streitbar mit den Flügeln schlagen;
Krähen wie ein Hoftrompeter,
Daß bei seinem Anblick jeder
Ganz mit Wahrheit sagen kann:
"Das ist recht ein Rittersmann."
Bringe uns auch schöne Pfauen,
Die bei ihren grauen Frauen
Gold'ne Augenräder schlagen,
Abends nach der Sonne klagen.
Gieb uns dann auch wälsche Hahnen,
Zornig schwarze Indianen,
Solch' hoffärtige Gesellen,
Denen roth die Hälse schwellen,
Die sich kollernd neidisch blähen,
Wenn sie rothe Farben sehen,
Aufgespreitzt mit Hofmanieren
Um die Hennen her turniren.
Schenk' uns Enten bunt und prächtig,
Weiße Gänse, die bedächtig
Nach dem Wolkenhimmel sehn
Und auf einem Beine stehn,
Oder auf der Wiese gackeln,
Bis sie in das Wasser wackeln.
Lasse auch schneeweiße Schwäne,
Rein, wie blanke Silberkähne,
Ernst und klar mit edlem Schweigen
Schwimmen in den Spiegelteichen.
Auf dem Dache lass' sich drehen
Tauben, schimmernd anzusehen,
Um den Hals mit gold'nen Strahlen,
Schöner, als man sie kann malen.
Alles sey recht auserlesen,
Wie's im Paradies gewesen.
Ringlein, Ringlein dreh' dich um,
Mach's recht schön ich bitt' dich drum."
Kaum hatte Gackeleia dieses gesagt, als aus dem Hühnerstalle, den sie
verlassen hatten, ihnen eine Schaar der buntesten Hühner, Pfauen,
Puter, Enten, Gänse und Schwäne nachströmte, und auf dem Dache Alles
von Tauben wimmelte. Gockel und Hinkel hatten die größte Freude an
dem herrlichen Federgeviehzel und folgten, nachdem sie Alles einzeln
bewundert hatten, der Gackeleia in das Schloß. Freudig und neugierig
betrachteten sie eine Reihe von Gemächern und Sälen, welche alle mit
dem prächtigsten alten Hausrath versehen waren, und traten endlich
oben auf einer Terrasse heraus, von welcher sie herab in den
Hühnerhof. links auf das Schloß und vor sich hin Gärten und Wald in
die Ferne bis nach Gelnhausen und Hanau sahen.
"Hier ist es gar schön", sagte Gackeleia, "seht wie die schönen
Tauben neben uns schweben, und der Pfau sieht auf der Spitze des
Thurmes der Sonne entgegen; hier will ich Euch Alles erzählen, wie
ich den Ring wieder erhalten habe, aber wir wollen auch etwas
frühstücken." Kaum hatte sie dieses gesagt, als ein alter Diener
einen großen Präsentirteller mit Früchten und kaltem Fleischwerk und
feinem Gebackenem und Wein und Milch über die Treppe heraufbrachte,
und als er Alles vor sie niedergesetzt hatte, nochmals fragte:
"sollen die drei Esel mit dem Käse und den Schinken bepackt werden!"
"Ja", sagte Gackeleia, "und daß nur Alles recht gut und ausgesucht
sey; ich werde hernach das Weitere selbst befehlen." Gockel und
Hinkel waren sehr begierig nach ihrer Erzählung und baten sie zu
beginnen. Da erzählte sie Folgendes:
"Lieber Vater, als meine Puppe--nein, meine schöne Kunstfigur--so
weit vor mir vorausgelaufen und eure Ruthe--nein, eure häßliche
Kunstfigur--so dicht hinter mir her war, zappelte ich mit Händen und
Füßen, von euerm Knie herunter auf die Beine zu kommen, um meinem
lieben Klandestinchen nachzueilen, welche bergab lief, wie sie noch
nie gelaufen war; da ließest du mich los und eiltest den Felsen hinab
der Mutter zu Hülfe, ich aber raffte mein Körbchen auf und rannte
über Hals und Kopf der Kunstfigur nach, die einen guten Vorsprung
hatte. Da wir aber in den dichten Wald kamen, hinderten sie öfter
Gras und Gesträuch im Lauf, und ich war ihr endlich so nah, daß ich
die Hand ausstreckte, sie zu ergreifen, aber in demselben Augenblick
entschlüpfte sie zwischen zwei Felsstücken in eine kleine Höhle.--Ich
war in der größten Betrübniß, ich konnte ihr nicht nach; ich kniete
vor der Oeffnung nieder und rief zu ihr hinein: "Klandestinchen,
Klandestinchen! wie handelst du so undankbar gegen mich, ich habe
dich so lieb, so lieb, daß ich lieber die schimpflichste Strafe über
mich ergehen ließ, als dich zu verlassen, und jetzt versteckst du
dich vor mir, als wenn ich deine ärgste Feindin wäre."
"Als ich diese Worte gesprochen hatte, fiel mir auch erst ein, wie
sehr weit ich von Euch, liebe Aeltern, fortgelaufen war; ich sah die
Sonne bereits sinken und war außer allem Weg und Steg. Weinend schrie
ich in den Wald hinein: "Vater Gockel, Mutter Hinkel!" aber Alles war
vergebens, nur das Echo antwortete mir. Dann fiel mir ein, daß jetzt
die Stunde sey, wo der alte Mann gesagt, daß die Puppe etwas müsse zu
knuppern haben; ich holte etwas Zuckerbrod aus meinem Körbchen und
legte es auf ein reines Blatt vor die kleine Höhle und füllte meinen
Fingerhut in einem nahen Quell und stellte ihn aufrecht in den
feuchten Sand gedrückt darneben, dann rief ich in das Höhlchen hinein:
"Klandestinchen, wenn's gefällig ist, es ist servirt."--Ich dachte,
der Alte hat von ihrem guten Appetit gesprochen, sie hat Bewegung
genug gehabt, es sollte ihr wohl schmecken, wenn sie merkt, daß
aufgetragen ist. Ich selbst hatte Hunger, und nahm ein Stück hartes
Brod aus meinem Bettelsack, tauchte es ins Wasser und aß in einiger
Entfernung, weil ich gehört hatte, daß sie sich nicht gern beim Essen
zusehen lasse.--Ach ich war so müd, so müd, Hände und Füße zuckten
mir, ich lag im Gras, der Schlaf krabbelte mir den Rücken herauf und
machte mir die Augendeckelchen zu, denn das Sandmännchen kam und
wollte mir Sand hinein streuen, und das wäre nicht gut gewesen, aber
ich raffte mich noch einmahl auf und wusch mich ein bischen am Bach,
weil ich so viel Staub und Schmutz im Gesicht und an Händen und Füßen
hatte, denn ich habe nie vergessen, was die Mutter mich gelehrt, man
soll nie ungewaschen und ungebetet zu Tische gehen, aufstehen und
schlafen gehen.--Ich setzte mich also ins weiche Moos, und war so müd,
so müd und wußte nicht, sollte ich mich rechts, sollte ich mich
links legen, und sagte alle meine Kindergebetchen durch einander her: