manchmal schon fröhlich gemacht, wenn ich ihn ansehen durfte. Gehe
nur ein bischen weg, gleich wird mein Vater in einer nahen Laube sein
Mittagsschläfchen halten, da will ich den Ring schon auf ein Weilchen
kriegen. Aber, daß du mir gleich wieder da bist, wenn ich den Ring
bringe."
"Ganz gewiß", sagte der Alte, "ich will Ihnen die Kleider der
Kunstfigur als ein Pfand gleich hier lassen, Sie können sie alle
hübsch glatt streichen und in ihr Körbchen legen, sie sind an dem
Schirm ein bischen aus der Façon gekommen." Da gab er ihr die
Kleider und Kleinigkeiten, die er von dem Schirme ablöste, und
verließ dann mit der Kunstfigur die kleine Gackeleia, die ihm immer
nachrief "aber daß du nur auch ganz gewiß kömmst, der Ring soll dich
recht anlachen!" "Ja, ja ganz gewiß", rief der Alte und verschwand
hinter den Hecken. Gackeleia aber setzte sich in ihre Laube,
musterte und ordnete alle Kleider der Puppe, und dachte schon, wie
die kleine Gärtnerin bei ihr zwischen den Blumenbeeten herumlaufen
würde, und konnte sich zum Voraus vor Freude gar nicht fassen.
Aber schnell bewahrte sie die Kleider in ihrem Korb, da sie den Vater
Gockel auf seinem Stuhle in der Laube schnarchen hörte. Sie schlich
hin, setzte sich zu seinen Füßen, hatte seine Hand in der ihrigen und
sah in den grünen Stein des Ringes. Als sie nun den Stein berührte
und vor sich sagte: "ach wenn ich den Ring nur leise von seinem
Finger herunter hätte!" da that der Ring seine Wirkung. Gockel
schlief fest und schnarchte, und der Ring fiel in das Händchen der
Gackeleia, welche geschwind wie der Wind nach ihrem Gärtchen lief, wo
der alte Mann vor Begierde nach dem Ring sein mageres Gesicht mit dem
Barte schon wie ein alter Ziegenbock über das Gitter herüber streckte.
Gackeleia hielt ihm den Ring entgegen und sprach: "die Kunstfigur
her! die Kunstfigur her! sieh hier ist der Ring; aber ich gebe ihn
nicht, bis du mir erkläret hast, wie man die Figur aufzieht und wie
ich sonst mit ihr umgehen muß, damit sie mir nicht krank wird, und
bis ich sie in den Händen habe, dann kannst du geschwind in den Ring
gucken, denn ich muß ihn schnell in die Laube zurück bringen, ehe der
Vater aufwacht."
Der Alte, der nach dem Ring noch gieriger hin sah, als das Kind nach
der Puppe, nahm diese, steckte ihr das Schlüßelchen, welches sie
anhängen hatte, in das Ohr und sagte: "Comteßchen! links müssen Sie
leise drehen, bis Sie Widerstand fühlen, sonst könnte die Figur
überschnappen. Sie müssen sich nicht wundern, daß man die Kunstfigur
durch das Ohr aufzieht, man zieht ja auch die Kinder auf durch das
Gehör. Man schraubt auch die Jugend auf und verschraubt sie eben so
leicht, daß kein Uhrmacher mehr helfen kann, nur knarrt es ein
bischen mehr bei der Kunstfigur. Aber ich hoffe, die Comtesse werden
ihr dieses wegen anderer trefflicher Eigenschaften zu Gute halten.
Wenn ich nun aufgezogen, knirr, knirr, knirr, nickt sie ein Weilchen
gar lieblich mit dem Kopf und winkt mit den Händchen, ja läuft auch
auf ebenem Boden, weil aber Berg und Thal zusammen kommen, so wird
ihr das Laufen beschwerlich, und muß darum die Natur der Kunst zu
Hülfe kommen, wie umgekehrt bei Menschen die Kunst der Natur oft
nachhelfen muß. Was nun die Kunst dieser Figur betrifft, so lassen
ihr die Comtesse, so sie harthörig würde, manchmal ein Tröpfchen
Mandelöl ins andere Ohr laufen; dann geht sie wieder wie geschmiert.
Was die Natur betrifft, habe ich schon gesagt, was sie gern ißt:
braune Semmelrinde, auch hartes Zuckerbrod und Knackmandeln; ich
rathe nicht zu vielen fetten Speisen, weil sie sich leicht dadurch
ihre Garderobe beflecken könnte. Sie trinkt nicht viel, und setzt
Comteßchen ihr alle Tage ihr Fingerhütchen voll Wasser in den Korb,
ist es zum Trinken, Mundausspühlen und Waschen genug. In das
Körbchen machen Sie ihr Bettchen, Sie brauchen sie nicht schlafen zu
legen, sie legt sich von selbst. Morgens den Fingerhut und was zu
knuppern, Mittags, Abends eben so. Die Kleiderchen halten Sie hübsch
reinlich, und verbleichen sie, so lassen Sie sie färben. Hüten Sie
sie vor Ungeziefer, besonders vor Spinnen und vor Allem vor Katzen.
Ihre Stiefelchen und Tanzschuhe halten Sie besonders in Ordnung, denn
sie hält viel darauf und hat Hühneraugen; darum bitte ich, ihr nicht
auf die Füße zu treten; sie ist sehr empfindlich.--Hören Sie, um Sie
ganz zu überzeugen, daß sie keine Puppe ist, will ich Ihnen ihr
Stimmchen hören lassen." Da zwickte der Alte die Figur an der Spitze
des Füßchens, und sie piepte wie ein Mäuschen, so daß Gackeleia laut
aufschrie: "ach dem Klandestinchen nicht weh, weh thun!" der Alte
aber sagte: "nicht wahr Comteßchen, schreien kann doch
Keine Puppe, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und ein Mäuschen von Natur."
"Gewiß", sagte Gackeleia und sprach diese Worte mit. Der Alte aber
sagte noch: "Sie müssen ihr nicht beim Essen und Trinken zusehen;
wenn sie heraus ist, lassen Sie sie ruhig laufen, aber nicht wo es
ganz offen ist, sonst läuft sie Ihnen davon." Dann gab er die Puppe
der Gackeleia, und sie gab ihm den Ring, mit dem er sich unter seinem
Mantel verbarg, wo er ihn eifrig zu betrachten schien.
Gackeleia setzte die Puppe in dem Gärtchen nieder und tanzte voll
Entzücken vor ihr her, die ihr überall artig nachschnurrte; Gackeleia
patschte freudig in die kleinen Hände, der Alte aber patschte in
seine großen Hände. "Ach!" rief ihm Gackeleia zu, "gelt, du hast
dich in dem Ring schon recht lustig geguckt? O gieb ihn geschwind,
geschwind zurück, ich höre den Vater schon in der Laube gähnen."-"O
mir ist schon ganz fröhlich", sagte der Alte, "bald werde ich noch
lustiger seyn!" Nun gab er ihr den Ring zurück und wünschte ihr mit
einem häßlichen Gelächter viel Glück zu der schönen Kunstfigur,
worauf er sich in das Gebüsch verlor.
Gackeleia hatte bereits alle Kleiderchen in ihr Körbchen gelegt, sie
legte nun die Kunstfigur oben drauf und deckte den Deckel hübsch
darüber. Das Körbchen am Arm lief sie schnell in die Laube und
setzte sich zu den Füßen Gockels, der wieder eingeschlafen war, und
leise, leise schob sie ihm den Ring wieder an den Finger. Es war ihr,
als hätte sie einen Stein von dem Herzen.
Gackeleia saß nicht so lange zu den Füßen Gockels, als man braucht,
um ein Ei zu sieden, da ertönte in der Ferne ein Oratorium von sechs
Posthörnern von der Composition des Cospetto di Bacco, und von der
berühmten Agatha Gaddi ward darin eine Fuge Solo gesungen nach den
tiefsinnigen Worten des Königlich Gelnhausenischen
General-Ober-Hofpostamts-Dichters, der, seinen Namen zu verschweigen,
aus übertriebener Bescheidenheit allzufrüh mit Tod abgegangen ist:
"Fahr', fahr', fahr' auf der Post,
Frag', frag', frag' nit, was's kost,
Spann' mir sechs Schimmel ein,
Ich will der Postknecht seyn,
Fahr', fahr', fahr' auf der Post!"
Gleich erwachte Gockel und sprach: "ei, es ist schon vorgefahren, gut,
daß du da bist Gackeleia, geschwind laß uns einsteigen, die Mutter
sitzt gewiß schon in der Alamode-Barutsche, wir sind von Eifrasius
auf die Eierburg zum Eiertanz eingeladen." "Ich habe es gewußt",
sagte Gackeleia, "ich bin schon ganz geputzt und habe Alles bei mir.
"--Da eilten sie vors Schloß, wo bereits Frau Hinkel breit in der
Barutsche saß, die mit sechs Schimmeln bespannt war, auf welchen
sechs Postillone das Oratorium bliesen. Die Signora Agatha Gaddi
gieng, die Fuge Solo singend, mit einem Teller unter den versammelten
Bäckern und Metzgern herum und nahm Heller und Pfennige ein, als sie
aber Gockel kommen sah, legte sie ein variirtes Hahnengeschrei in
ihre Partie ein, und Gockel warf ihr eine brilliantene Repetir-Uhr
mit Schnupftabackdosen von Lava besetzt, worauf der Adler des Gesangs,
den Ganymed des Gefühls zum Himmel hinreißend, in Stein gehauen war,
in die Schürze, dabei rief er: "bravissimo! da capissimo! cito
citissimo!"--hob Gackeleia in die Barutsche und sprang mit gleichen
Beinen hinter ihr drein; Alles das zugleich, und die Postillone
knallten ein Finale mit den Peitschen, und sie kamen gerade auf der
Eierburg an, als die Signora ihren Danktriller geendet, der bis zum
Pfarrthurm hinauf stieg. Wir haben es aus seinem Munde vernommen.
--Das heiße ich mir gefahren!--Bei der Eierburg waren viele Menschen
auf einer grünen Wiese versammelt, wo getanzt und gespielt wurde um
Eier; denn es war Ostern, und das große Ordensfest des
Ostereierordens. Man lief und sprang um die Wette nach aufgestellten
Eiern, man warf mit Eiern nach Eiern, man stieß mit Eiern gegen Eier,
und wessen Ei eingeknickt wurde, der hatte verloren. Die Kinder von
ganz Gelnhausen suchten Eier, welche der große königliche geheime
Oberhof-Osterhaas in versteckten Winkeln ins hohe Gras gelegt hatte;
kurz die Freude war allgemein. Bei Gockels Ankunft war das Volk in
einem weiten Kreis unter dem Baume versammelt, auf welchem die
königlichen Hofmusikanten und die Gelnhausener Stadtpfeifer einen
herrlichen Tanz aufspielten, nämlich den Eiertanz, den die königliche
Familie mit der Raugräflichen in höchsteigener Person tanzen wollte.
Auf einem köstlichen Teppich wurden hundert vergoldete Pfaueneier,
immer zehn und zehn, in Reihen gelegt. Nun trat die Königin Eilegia
zu Gockel und verband ihm die Augen mit einem seidenen Tuch, und er
that ihr dasselbe; eben so verbanden der König Eifrasius und Frau
Hinkel, und der Prinz Kronovus und Gackeleia sich die Augen und
wurden nun von den Hofmarschällen auf den Eierteppich geführt, auf
welchem sie mit den zierlichsten Schritten, Sprüngen und Wendungen
zwischen den Eiern herumtanzen mußten, ohne auch nur Eines mit den
Füßen zu berühren. Die Zuschauer sahen mit gespannter Aufmerksamkeit
ganz stille zu, und bewunderten die erstaunliche Agilität der hohen
Herrschaften.
Aber nicht weit davon in einem Gebüsche saßen ein paar alte Männer,
die hatten keine Freude an dem Tanz und guckten mit unabgewendeten
Augen nach dem Fußsteige, der aus der Stadt herlief, ob ihr Geselle,
der dritte, nicht bald komme, und ehe sie sichs versahen, stand er
mitten unter ihnen. "Hast du, hast du?" schrieen sie dem
Neuangekommenen entgegen und machten Finger so spitz wie Krallen
gegen seine festgeschlossene Faust, und er erwiederte: "Ja ich habe
glücklich den Ring durch Gackeleia's Puppensucht ertappt, ich habe
ihr einen ganz ähnlichen mit einem falschen grünen Glasstein gegeben,
welchen Gockel jetzt am Finger hat. Jetzt können wir uns an ihm
rächen, daß er uns bei dem Hahnenkauf betrogen und uns in die
Wolfsgrube hat fallen lassen, wo wir elend verhungert wären, wenn uns
die Bauern nicht herausgeholten hätten."
So sprachen die drei alten morgenländischen Petschierstecher, die
Gockel hatten anführen wollen, und die er angeführt hatte. Sie
hatten sich doch durch ihre List in den Besitz des Ringes gebracht
und wollten jetzt gleich seine Wunderkraft versuchen. Sie faßten
alle drei an den Ring und sprachen zu gleicher Zeit die Worte:
"Salomon du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Mach' den Gockel wieder alt,
Zumpig, lumpig, mißgestalt,
Mach' Frau Hinkel wieder häßlich,
Zänkisch, ränkisch, griesgram, gräßlich,
Mach' die Gackeleia schmutzig,
Ruppig, stuppig, zuppig, trutzig.
Nehme ihnen Gut und Geld,
Schloß und Roß und Hof und Feld,
Jag' sie wieder Knall und Fall
In den alten Hühnerstall.
Aber uns drei Petschaftstechern,
Bau' ein Haus mit goldnen Dächern,
Mache uns zu Hofagenten,
Hoffactoren, Consulenten,
Rittern und Kommerzienräthen,
Commissären und Propheten.
Gieb uns Gold und Geld und Glanz,
Stell' uns hoch in der Finanz,
Mach' uns schön wie Davids Sohn,
Den scharmanten Absalon,
Mach' uns glücklich ganz enorm,
Orden gieb und Uniform!
Ringlein, Ringlein dreh' dich um,
Mach' es schön, wir bitten drum.
Während sie so am Ring drehten, entstand lautes Murren und Lachen und
Schimpfen unter dem versammelten Volk. "Ei, seht den alten Bettler,
die alte schmutzige Bettlerin, das schmutzige freche Kind, nein das
ist unverschämt; jagt sie fort, pratsch, pratsch, wie sie die Eier
zertreten!"--und bald ward das Geschrei und Getümmel so allgemein,
daß der König Eifrasius und die Königin Eilegia und der Prinz
Kronovus ihre Binden von den Augen rissen, und wie erstaunten sie
nicht, als sie den Raugrafen Gockel und die Frau Hinkel und Fräulein
Gackeleia, die vorher so schön und jung, und prächtig gekleidet
gewesen waren, in eine alte, häßliche, zerrissene Bettlerfamilie
verwandelt sahen, welche alle Eier auf dem köstlichen Teppich
zertreten hatten; auf ihr unwilliges Geschrei rissen nun auch diese
Unglücklichen die Binden von den Augen, und fiengen an, bitterlich zu
weinen und zu klagen über ihren verwandelten Zustand, denn sie
erkannten sich kaum mehr wieder. Gockel griff nach seinem Ring
Salomonis und drehte, aber der falsche verwechselte Ring vermochte
nichts; da sah er den Ring an und erkannte, daß er ausgetauscht war,
und schrie laut aus: "o weh mir! ich bin verloren, ich bin um den
Ring betrogen!"
Er wollte eben dem König Eifrasius zu Füßen fallen und ihm sein
Unglück klagen, aber dieser stieß ihn zurück, zog sein Schwert und
stieß einen Schwur aus, auf welchen seine Adjutanten, ihn in jedem
Falle zurückzuhalten, perennirenden Befehl hatten, damit er nicht das
Alleräußerste thue. Die Königin Eilegia war so entsetzt, daß sie
unter Glucksen und Schluchsen in Nerven-Zuund Umstände und in die
Arme der Ober--und Unter-Eiermarschallin ohnmächtig sank. Gockel und
Hinkel welche diese Erscheinungen theils aus früherer Erfahrung,
theils aus den Annalen der leidenden Menschheit kannten, nahmen die
Beine auf die Schultern und liefen davon, um so mehr und schneller
aber, als die Mitglieder der k. Hofkapelle erstaunliche Leistungen,
mit Eiern nach ihnen werfend, gegen sie zu Stande brachten, worin sie
von der hochlöblichen Gelnhausener bürgerlichen
Scharfschützen-Compagnie patriotisch unterstützt wurden, nachdem der
wachsame Stadthürmer zu Hülfe geblasen hatte.
Das hoffnungsvolle Prinzchen Kronovus allein statuirte abermals ein
Exempel seines standhaften Charakters. Als Gackeleia die Eltern alt,
häßlich und verlumpt fliehen und sich selbst schmutzig und zerrißen
sah, schrie sie weinend: "ach Kronovus, ach wie bin ich so schmutzig
und wa wa geworden! wer hat mich so schmutzig gemacht?" da reichte
mit schöner Fassung ihr Kronovus sein Schnupftuch mit den Worten: "da
Gackeleia wische dich schön ab und putze dir die Nase tüchtig, so--so,
das ist brav, da hast du auch dein Körbchen, ich hab dirs beim
Tanzen aufgehoben."--dann warf er ihr noch einen Thaler in die
Schürze--"da hast du mein Taschengeld. Samstag Abends hinten am
Entenpfuhl, wo die Vergißmeinnicht stehen, sollst du immer ein Ei
finden, worauf Vivat Gackeleia steht, und worin mein Taschengeld
steckt, das hole dir!"--dann zog er eine Bretzel hervor und sagte:
"ziehe!"--da zogen sie, und jedes riß ein Stück davon;--und einen
Bubenschenkel und sprach: "reiße!" und jedes riß die Hälfte davon;
dann sprach er: "jedes von uns bewahre seinen Theil, und wenn wir uns
wieder sehen und jeder bringt seinen Theil wieder, und die Stücke
passen noch hübsch zusammen, dann sind wir recht brave, treue
Spielkameraden gewesen, und ich schwöre dir, wie du mir, bei dem Grab
des alten Urgockels, von dem du mir erzählet hast, daß wir dann immer
beisammen bleiben wollen!"--da hoben sie beide die Hände auf und
schworen.--Gackeleia weinte in dem feierlichen Momente und wollte
Kronovus umarmen, da rief Gockel: "Gackeleia tummle dich geschwind,
der Bettelvogt kömmt!"--worauf Kronovus diesem zurief: "halte er sich
zurück, Meister Schelm, ich werde das Comteßchen selbst fortführen";
in demselben Augenblicke kam aber ein Adjutant des Eifrasius,
forderte dem Prinzchen seinen Degen ab und führte ihn fort in das
königliche Oberhof-Ofenloch. Kronovus aber sagte vorher noch dem
Bettelvogt: "daß er sich nicht untersteht, meine liebe Spielkamerädin,
das Comteßchen anzurühren!" reichte ihr die Hand und sprach: "leide
geduldig, aber jetzt laufe, was du kannst!" da lief Gackeleia, was
giebst du, was hast du? ihren Eltern mit ihrem Körbchen nach, und der
Bettelvogt begleitete die unglückliche Familie, mehr um sie mit
seinem ausgespannten Regenschirm gegen den Regen von Eiern zu
schützen, welchen die unartigen Gassenbuben auf sie schleuderten, als
daß er sie fortgetrieben hätte. Auf dem Eiercirkus war große
Verwirrung eingetreten; der König Eifrasius war allzusehr außer sich,
die Königin Eilegia allzusehr inner sich gekommen. Eifrasius hatte
sein Schwert gezogen, er wollte dem Gockel ans Leben, er strampelte
mit allen vier Füßen, da er aber den allerhöchsten Familienschwur
ausstieß: "in Kraft sechzig destillirter Eierschnäpse, ich fresse den
Kerl auf einem Butterbrod!" so faßten ihn der Kommandant der
Leibgarde unter den Armen und der Obrist des Garde-Zwergen-Korps
hielt ihm ein Bein fest, bis die erste Courage beruhiget und die
Außersichkeit wieder nach Haus gekommen war. Die Königin Eilegia
forderte noch größere Anstrengung, um sie aus ihrer Innerlichkeit
wieder ans Tageslicht zu bringen; sie war in sich selbst, wie in
einen tiefen Ziehbrunnen, vor Schrecken hinabgestürzt. Die Nerven,
an welchen bekanntlich der goldene Eimer hängt, in dem die Seele des
Menschen sitzt, waren bei Eilegia von so großer Zartheit und Feinheit,
daß sie vor Schrecken zerrissen und die hehre Seele mit sammt dem
goldenen Eimer tief, tief, tief in ihr schönes Gemüth hinunter
plumps'te. Eilegia war unter einem lauten Schrei: "horreur! welche
Bettelbagage!" der Oberhof-Eiermarschallin ohnmächtig in die Arme
gesunken. Nur den vereinten Anstrengungen der Akademie der
Rettungswissenschaften für Verunglückte, welche sogleich eine
außerordentliche Sitzung hielt, gelang es, die theure Innige wieder
zurückzurufen; die geheime Kammer-Schnürdame schnürte sie auf, um
ihrem hehren Gemüthe mehr Luft zu geben; der so ganz fürs Vaterland
glühende Oberhof-Osterhaas legte sinnig in kürzester Bälde ein
frisches Osterei mit der Inschrift: "Vivat Eilegia!", mit welchem die
Ohnmächtige angestrichen ward; und der für das Beßte der leidenden
Menschheit immer auf dem Sprung stehende Leibchirurg und
Aderlaßschnepper rief die Seele der edeln, sinnigen, innigen Eilegia
durch eine, mit eben so viel Geschmack, als Wirkung, mit eben so viel
Grazie als Präzision geleistete Blutentlassung wieder aus der innern
Tiefe ihres herrlichen Gemüthes auf ihr edles Antlitz zurück--ach!
--und ihr erstes schönes Thun war, ihre geliebten Gelnhausener
anzulächeln. Die Hofkapelle spielte eine patriotische Dankgallopade,
unter welcher Eifrasius und Eilegia in zwei Portchaisen sitzend in
die Eierburg zurückwalzten, um sich ganz zu erholen; Prinz Kronovus
aber mußte die Nacht im Oberhof-Ofenloch bei Bisquit-Torte und süßem
Wein einen strengen Arrest aushalten.
Alles Volk zog nach Gelnhausen lärmend zurück, um Gockels Palast zu
plündern und dem Boden gleich zu machen, aber sie kehrten unterwegs
so oft in den Wirthshäusern ein, daß sie erst in tiefer Nacht auf dem
Markte ankamen, wo ihnen der Nachtwächter entgegen sang:
"Hört ihr Herrn und laßt euch sagen,
Die Glocke hat zwölf Uhr geschlagen,
Aber das ist noch gar nicht viel
Gegen ein Schloß, das in Staub zerfiel;
Hier hat's gestanden lang und breit,
Wir leben in wunderbarer Zeit;
Der Markt ist leer als wie zuvor,
Die Kuh steht wieder vor dem alten Thor,
Schaut an ihr Herren dieses Wunder
Gieng schnell, wie es entstanden, unter;
Bewahrt das Feuer und das Licht,
Daß nicht der Stadt selbst Unglück g'schiecht,
Und lobet Gott den Herrn."
Wirklich war auch das herrliche Schloß Gockels und alle seine Gärten
und Alles, was darin war, mit Mann und Maus verschwunden; auf dem
Markte plätscherte der alte Stadtbrunnen, als wenn er gar nichts
wüßte. Die guten Bürger giengen nach Hause, nachdem sie lange in die
leere Luft geschaut hatten, und überlegten, wo sie mit allen ihren
Semmeln und Braten hin sollten, da der große Hofstaat Gockels nicht
mehr bei ihnen einkaufen würde.--Die guten Gelnhausener konnten aber
doch nicht viel schlafen, denn der Bürgermeister hatte von der
Eierburg bis auf das Rathhaus eine lange Reihe von Nachtwächtern
aufgestellt, welche sich einander zubliesen, wie Eifrasius und
Eilegia sich befänden, was der Leibarzt alle Viertelstunden auf der
Schloßwache melden ließ, und was die Nachtswächter sich in der ganzen
Stadt wieder zuflüsterten, wozu die unzähligen Metzgerhunde bellten
und heulten und alle Hähne krähten. Es war eine beispiellos
angestrengte, theilnahmvolle, schlaflose, patriotische Nacht für
Gelnhausen. Kaum hatten die Bürger die Schlafkappen aufgesetzt, als
plötzlich alle Nachtwächter an den Fensterladen pochten und ausriefen:
"Patriotisches Gelnhausen jubilire,
Deine Fenster gleich all' illuminire,
Hochlöbliche städtische Metzgerschaft
Beurkunde jetzt deiner Treue Kraft;
Liefre Schweinsblasen viel und billig,
Zeig' edles Gelnhausen dich willig,
Lass' donnern den hehren Feierknall,
Erfülle die Nacht mit Freudenschall;
Eifrasius und Eilegia theuer
Geruhen harmonisch ungeheuer
Zu ruhen, zu schlafen und zu schnarchen,
Wer kanns ihnen unterthänigst verargen?
Es war ja, was ich schier heiser sag,
Wohl gestern fürwahr ein heißer Tag.
Prinz Kronovus im Oberhof-Ofenloch
Ist ganz wohl auf und singt munter noch:
"Gackeleia, liebste Gackeleia mein,
"Wann werden wir wieder beisammen seyn."
Postskriptum.
"Jetzt allgemeine Illumination,
Nebst großer Blasendetonation;
Morgen früh vor dem Hanauerthor
Große Parade vom Nachtwächterchor,
Dann nach Eierburg Deputation
Vom weißgekleideten Bataillon
Der Mädchen, Blumen zu streuen,
Sie können heute Nacht noch heuen
Im Mondschein auf städtischer Weide;
Daß keinen Schaden doch leide
Die Au bürgermeisterlicher Schafe
Wird geboten bei fünf Gulden Strafe."
Auf diese Bekanntmachung hatten schon mehrere Bürger ihre
Nachtlichter ans Fenster gestellt, da kam ein anderer Befehl:
"Der Patriotismus soll sich noch fassen
Und alles Obige unterlassen;
Nach einem ärztlichen Consulte
Sind zu vermeiden alle Tumulte.
Ein Genesungsfest in leisester Stille
Ist Eifrasii allerweisester Wille."
Die guten Bürger waren so müd und schläfrig, daß sie ihren
Patriotismus diesmal beruhigen ließen, und ganz Gelnhausen in das
tiefe Schnarchen der Eierburger einstimmte.--Auf dem Markt am
folgenden Tag stieg der Eierpreis um 3 und 7/87 Procent. Der arme
Gockel, die arme Frau Hinkel, die arme Gackeleia zogen wieder wie
ehedem durch den wilden Wald nach dem alten Schloß; aber sie waren
viel trauriger und redeten kein Wort, ja Frau Hinkel hatte gar die
Schürze über den Kopf gehängt, weil sie sich schämte, so häßlich
geworden zu seyn. Als sie auf einer Höhe angekommen waren, wo man
Gelnhausen noch einmal sehen konnte, drehte sich Gockel um, und
sprach: "unseliger Ort, wo ich um den köstlichen Ring Salomonis
betrogen ward; abscheulicher, undankbarer Eifrasius, wie schändlich
hast du mich in meinem Unglück verstoßen, und hast nicht daran
gedacht, mir die hundert Stück neue Gockeld'ors wieder zu geben, die
du in glücklicher Zeit von mir geborgt." Frau Hinkel aber rief aus:
"o Königin Eilegia! wie manches indianische Vogelnest sammt den Eiern
habe ich dir zum Geschenk gemacht, wie viele Eierspeisen habe ich
dich bereiten gelehrt, wie viel hundert Ostereier habe ich dir mit
schönen Blumen und Blättern bunt gesotten, die schönsten Muster zu
Hauben und Garnituren a l'öff de Puffpuff habe ich dir mitgetheilt,
und nun, da wir den Ring verloren und arm geworden, lässest du
Undankbare mich zerlumpt und hungernd über die Gränze führen!"--Nun
erhob auch Gackeleia ihre Stimme und sprach: "Ach du herzliebes
Prinzchen Kronovus, du bist doch der Beste von Allen, du hast mir
deinen Thaler geschenkt und dein Taschentuch gereicht, daß ich mich
abwischen konnte; du willst mir dein Taschengeld alle Sonnabend am
Entenpfuhl bei den Vergißmeinnicht in ein Ei verstecken; ach, du bist
doch mein guter Kronovus geblieben und hast die arme, schmutzige
Gackeleia nicht von dir weggestoßen. Ach, es thut mir recht leid,
daß ich in der Angst vergessen, dir meine herrliche Puppe zum
Andenken zu schenken."