Gackeleia konnte nicht mehr länger zurückhalten, und rief einmal über

das anderemal: "bitte, bitte du schwarzer Mantel, zanke doch die

liebe schöne Puppe nicht so, lasse sie doch ein wenig heraus zu mir

in den Garten." Da that sich auf einmal der Mantel auf, und ein

alter Mann mit einem langen weißen Bart richtete sich vor Gackeleia

auf und sprach: "ich bitte recht sehr um Verzeihung, daß ich meine

Puppe hier ein wenig unter meinen Mantel tanzen ließ und auf der

Maultrommel dazu spielte, ich habe nicht gewußt, daß das Comteßchen

zusah. Ich wollte nur versuchen, ob sie mir auf der Reise nicht

melancholisch geworden sey; denn ich will sie hier in Gelnhausen für

Geld auf dem Rathhause tanzen lassen. Sehen das Comteßchen nur, sie

ist ganz artig, jetzt ist sie in ihren Reisekleidern mit einem Mantel

und Reisehut und einem Blumenstrauß und einer Landkarte und einem

Nachtsack; aber die Schnürstiefelchen sind doch allerliebst, sie hält

gewaltig auf einen schönen Fuß, aber Comteßchen, sie hat eine viel

schönere Garderobe, sie kann sich verkleiden, in was sie will, bald

so, bald so, wenn das Comteßchen erlaubt, werde ich die Ehre haben,

Ihnen alle ihre Kleidchen und sieben Sächelchen zu zeigen, ich habe

mir hier um meinen Regenschirm sechszehn Silberglöckchen befestigt

und bei jedem Glöckchen ein anderes Kleidchen und was dazu gehört,

und wenn sie schmutzig sind, wäscht mir sie der Regen und im

Sonnenschein trocknen sie. Lasse ich im Wetter tanzen, geschieht es

unter dem Schirm, da ist sie wie unter einem chinesischen Dach, Alles

ist einfach und kurz beisammen, man muß auf Alles denken."--Da rief

Gackeleia aus: "ach! zeige mir Alles, Alles, explicire mir Alles; o

wie artig ist die Puppe! wie wackelt sie mit dem Köpfchen, wie

schüttelt sie die Zöpfchen, wie reicht sie die Aermchen, ach gieb sie

mir nur ein klein Bischen zu betrachten."

Der Alte sagte: "Comtesse, das kann ich nicht, aber die Kleider will

ich Ihnen gleich zeigen und Alles expliciren."

Da steckte er die Puppe in den Gürtel, die anfangs mit dem Kopf

daraus hervorwackelte und nachher stille ward; dann spannte der alte

Mann einen großen Regenschirm aus, der am Rande mit vielen kleinen

Glöckchen und bei jedem mit allerlei niedlichen Puppenkleidchen und

Kleinigkeiten behängt war. Zuerst drehte er den Schirm schnell herum,

daß die Schellen lieblich klingelten und die Puppenkleider bunt im

Kreise wehten, dann hielt er plötzlich den Schirm still und fing an,

mit einem Stäbchen deutend jedes Stück zu expliciren, wobei er halb

sprach, halb durch die Nase sang, und Gackeleia jedesmal antwortete.

Der Alte sang: "Guck', hier bei dem ersten Glöckchen

Dieses grüne, kurze Röckchen

Zieht sie an als Gärtnerin,

Möchte in dein Gärtchen hin;

Hier dies Gießkännchen, zu gießen

Alle Blümchen, die drin sprießen,

Kriegt sie in die kleine Hand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Sie ist klein, kann ohne Bücken

Mir die schönsten Sträußchen pflücken."

Der Alte:

"Guck', hier bei dem zweiten Glöckchen

Dieses schwarze, seidne Röckchen

Und das schwarze Schürzchen dran,

Zieht sie als Scribentin an;

Denn da giebt's leicht Tintenfleckchen.

Sieh' das Tintenfäßchen klein

Und das art'ge Federlein.

Hier ist auch das Wochenblatt,

Wenn sie es gelesen hat,

Putzt sie dran die Feder rein,

Alles muß hübsch sauber seyn.

Ein Wachsstöckchen hängt auch hier

Und ein niedliches Petschier

Und ein Sieg'llakstängelchen,

Grad wie für ein Engelchen.

Und dies Briefchen mit Adresse,

Alles voll Accuratesse,

Kriegt sie dann in ihre Hand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant

Wollen wir correspondiren,

Invitiren, gratuliren!"

Der Alte:

"Guck', hier bei dem dritten Glöckchen

Hängt ein grünes, krauses Röckchen

Und ein Hut mit grünem Band,

Goldne Fransen an dem Rand;

Spielhahnfeder, Gemsenbart

Stecket drauf, nichts ist gespart;

Sieh' den Brustlatz goldgeschnürt,

Alles, wie es sich gebührt,

Rothe Strümpfe, goldne Zwickel,

Ja, es fehlet kein Artikel,

Wenn sie als Tyrolermädchen,

Schmuck als wie ein Silberdräthchen,

Zitherspielend zieht durch's Land."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Zimm, zimm, zimm so spielest du,

Und ich singe Eins dazu."

Der Alte:

"Guck', hier bei dem vierten Glöckchen

Hängt ein dunkelbraunes Röckchen

Und ein Häubchen in der Ferne,

Denn sie trägt es gar nicht gerne

Und ein ABC-Büchlein,

Wenn sie Lehrerin soll seyn,

Auch von Christoph Schmidt nicht fehlen

Die Histörchen, zum Erzählen.

O, wie kann sie buchstabiren!

Fast so gut als deklamiren;

Und hier diese feine Ruthe

Für die kleinen Thunichtgute

Kriegt sie dann in ihre Hand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Nur die Ruthe nicht probiren,

Ich will recht hübsch deklamiren."

Der Alte:

"Hier bei diesem fünften Glöckchen

Blinkt ein luft'ges Flitterröckchen

Ganz voll Troddeln, Quästchen, Fransen,

Wenn sie soll als Tänz'rin tanzen;

Sieh' die Goldpantöffelchen,

Wie zwei Zuckerlöffelchen,

Zieht sie an und mit dem netten

Tamburin und Kastagnetten

Schnurrt und rasselt ihre Hand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Schnurre, raßle, klappre nur

Und wir tanzen nach der Schnur."

Der Alte:

"Guck', bei diesem sechsten Glöckchen

Hängt ein schwarz und weißes Röckchen;

Wenn sie soll ein Nönnchen seyn,

Hüllt man ihr die krausen Löckchen

Hier in dieses Schleierlein,

Setzt ihr auf dies Dornenkränzchen,

Und giebt ihr dies Rosenkränzchen

In die kleine, fromme Hand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Sag' hast du auch Pfeffernüßchen,

Bildchen, Blümchen, Leckerbißchen?"

Der Alte:

"Guck', hier bei dem sieb'ten Glöckchen

Hängt ein feuerfarbig Röckchen

Nach der Mode von Vadutz

Zugestutzt, ein Zauberputz.

Auf dem Gürtel schwarz auf weiß,

Der zugleich der Zauberkreis,

Groß das ganze Alphabeth

Abera-Cadabra steht.

Hier ist auch der Zauberstab,

Wen er anrührt, geht in's Grab;

Ist es heut nicht, ist es morgen,

Keiner braucht darum zu sorgen.

Und hier ist der Zauberspiegel,

Wer hineinblickt, sieht das Siegel

Seiner Thorheit im Gesicht,

So bei Nacht als Tageslicht.

Und hier ist das Zaubersieb,

Wer es stiehlt, der kennt den Dieb;

Doch sieh' hier ein Wunderding,

Sieh' von Gold ein runder Ring,

Wer ihn trägt, ist nicht ganz klug,

Hat zu viel und nie genug.

Lischt die Zauberlampe hier,

Riecht der Docht gar übel schier,

Zünde schnell den Wachsstock an,

Weil man sonst nichts sehen kann.

Dieses hier der Wünschhut ist,

Wünsch dich hin, wo du nicht bist.

Dies der Sack des Fortunat,

Gold ist drin, so viel man hat.

Aber hier dies Bäumchen heißt:

Rüttel dich und schüttel dich,

Schüttle, rüttle Herz und Geist,

Leib und Seele über mich.

Gieb mir Das und gieb mir Dies,

Schönster Baum im Paradies;

Wer dies sagt und rührt den Baum

Hat, was ihm gebührt, im Traum,

Schwer und leicht und seicht und tief,

Links und rechts und grad und schief.

Alles dies mit sauber'm Sinn

Braucht sie, wenn als Zauberin

Sie die Geister um sich bannt."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Rüttel dich und schüttel dich

Liebes Bäumchen über mich."

Der Alte:

"Guck', hier bei dem achten Glöckchen

Hängt ein grünes, kurzes Röckchen,

Jägerhut und Jägertasche

Und die fein umflocht'ne Flasche

Und die Stiefelchen, die knappen,

Um im Wald herum zu tappen;

Alles dies wird angezogen,

Wenn geschmückt mit Pfeil und Bogen

Sie die flinke Jäg'rin spielt,

Und nach Reh und Häschen zielt;

Dann auch führt an einem Band

Sie dies Windspiel an der Hand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Doch, das sollst du nicht mehr thun,

Lass' nur Reh und Häschen ruhn."

Der Alte:

"Guck', hier bei dem neunten Glöckchen

Ein ganz reputirlich Röckchen,

Wenn sie ist ein Nähemädchen;

Hier im Körbchen, Nähelädchen,

Sind viel Zwirn--und Seidenfädchen,

Nadeln, Scheerchen, Fingerhut

Und noch viele Dinger gut.

Nimmermehr ihr Finger ruht,

Denn zuletzt noch zupfet sie

Alle Restchen zur Charpie;

Und nimmt dann die Kinderkäppchen,

Flickelfleckt aus hundert Läppchen,

All die Hemdchen, Röckchen, Jäckchen

Und die Schürzchen mit zwei Säckchen,

Ausgespitzt aus vielen Fleckchen,

All' die art'gen Dingerchen

Auf die feinen Fingerchen,

Drehet sie mit Freudenblicken

Und mit kind'schem Beifallnicken

Appetitlich auf der Hand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Komm', ich hab gar schöne Läppchen,

Komm', wir machen Kinderkäppchen."

Der Alte:

"Guck', hier bei dem zehnten Glöckchen

Hängt für sie ein krauses Röckchen

Und ein Hut mit Blumenstrauß,

Geht als Sennerin sie aus.

Sieh' im Korb die Blätter decken

Viele reine Butterwecken;

Fette Milch und frische Eier

Trägt sie feil, ist gar nicht theuer,

Jeder sie noch billig fand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Sennerin komm' und mess' geschwind

Mir ein Schöppchen Milch für's Kind."

Der Alte:

"Guck', bei diesem eilften Glöckchen

Hängt ein grob geflicktes Röckchen

Und ein graues Futtersäckchen,

Und hier in dem Wanderbündlein

Trägt ein schreiend Wickelkindlein,

Mit dem Lutscher in dem Mündchen,

Sie als Pilgerin durch's Land;

Hier ihr kluges, mag'res Hündchen,

Das Septemberle genannt,

Ist in aller Welt bekannt."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Armes Kindchen komm' zu mir,

Deinen Lutscher füll' ich dir."

Der Alte:

"Guck', bei diesem zwölften Glöckchen

Glänzt ein Purpur-Sammetröckchen,

Breit verbrämt mit Hermelin,

Und am Krönchen goldig, perlich,

Und am Scepter blitzend herrlich

Lacht Smaragd und glüht Rubin.

Wenn sie sich als Königin

Setzt auf's goldne Thrönchen hin,

Und die goldgestickte Schleppe

Niederhänget auf der Treppe,

Küßt man still den goldnen Rand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Doch ich küsse ihre Hand,

Denn ich bin vom Grafenstand."

Der Alte:

"Guck', hier bei'm dreizehnten Glöckchen

Hänget bei dem braunen Röckchen

Schäferhut mit breitem Rand,

Rosen drauf und grünes Band,

Und dazu auch Schäfertasche,

Schäferstab und Kürbisflasche,

Und dies Lamm an rothem Band

Führt die Hirtin durch das Land."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Braucht mein Lamm nicht mehr zu seyn

So allein, allein, allein!"

Der Alte:

"Guck', hier bei'm vierzehnten Glöckchen

Hänget für das flinke Döckchen

Ein garnirtes Kaffeebrett,

Wenn sie schön die Wirthin macht;

O, das kann sie gar zu nett!

Sie nimmt Alles wohl in Acht,

Trägt nicht hoch das feine Näschen,

Stößt nicht um die kleinen Gläschen,

Theilt den Kuchen ein so klug,

Daß er reicht mehr, als genug.

Flinker als ein Wassernixchen

Präsentirt sie, macht ein Knixchen:

"Bitte, bitte!" rings herum.

Und kein Bischen kömmt je um,

Alles, was da übrig blieb,

Giebt den Armen sie aus Lieb',

Oder streut's den Vögelein--

Kann man allerliebster seyn!--

Mit der milden, treuen Hand."

Gackeleia:

"O wie artig! wie scharmant

Invitir ich sie zur Noth

Gleich auf Thee und Butterbrod."

Der Alte:

"Guck', hier bei'm fünfzehnten Glöckchen

Hängt ihr spiegelnd Panzer-Röckchen,

Helm und Speer und Schwert und Schild

Herrlich in der Sonne blitzt,

Wenn sie für Minerva gilt

Und das Eulchen bei ihr sitzt.

Ich verstehe nichts davon,

Doch ein hoher Kunstpatron,

Der mir schuldet, leider, leider!

Zahlte mich durch diese Kleider;

Er ist Extheaterschneider

Von Person und Condition,

Giebt auch Kindern Lektion

In der Mytholologie

Und Demagogokolie.

Er sprach: "Industrierende,

Krieger und Studierende

Rufen dir bei vollem Haus

Ihre Göttin gern heraus."

Wie er sprach, so ist's gescheh'n,

Jeder will Minervchen sehn.

Keiner weiß doch, was im Schild

Führt das kleine Götterbild;

Durch das Gitter aus dem Helm

Lauscht sie wie ein schlauer Schelm.

Hält sie's mit der Wissenschaft,

Gleich um ihres Speeres Schaft

Rosen, Myrthen und Gedanken

Sich in buntem Wechsel ranken.

Tritt sie krieg'risch in die Schranken,

Eifersüchtig gleich ihr Schwert

Jedes Listgeweb zerstört,

Das der Mückchen heiter'm Leben

Gift'ge Spinnen lauernd weben.

Rächend, daß Arachne's Hand

Sie einst webend überwand.

Ich verstehe nichts davon,

Sag' nur her die Lektion

Von dem hohen Kunstpatron,

Der wohl selbst sie nicht verstand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Kann die Spinnen nicht bedauern,

Die so auf die Mückchen lauern."

Der Alte:

"Guck', hier bei dem letzten Glöckchen

Hängt ein lust'ges, rothes Röckchen,

Fallhut, Rassel, rothe Schuh'

Und ein Püppchen auch dazu,

An Figur und Art und Sitten,

Wie ihr aus dem Aug geschnitten.

Wenn sie spielt die Kinderrolle,

Hüpft dies Püppchen hinter drein,

Und sie neckt es: Molle, Molle!

Weil es nicht wie sie so fein.

Kind und Püppchen wetten dann,

Wer von ihnen beiden kann

Süßer: "bitte, bitte" sagen,

Daß Mama nichts ab kann schlagen.

Und dann spielt das Kind Verstecken,

Mit dem Püppchen sich zu necken,

Thut sich mit dem Schurz bedecken,

Ruft: "Wu Wu", es zu erschrecken.

Hierauf streut das noch verhüllte

Kind, den Vöglein die Brosamen,

Womit es die Säckchen füllte,

Und sie rathen seinen Namen:

Klandestinchen? Schirosellchen?

Penseröschen? Hirondellchen?

Kaschettinchen? Allerleja?

Und das Kind spricht: "Eja! Eja!

Gukuk! gukuk--nit da, nit da!"

Läßt sie fressen aus der Hand."

Gackeleia:

"O wie artig, wie scharmant!

Aber ich ruf', um zu necken,

Girri, girri beim Verstecken."

Nun drehte der wunderliche Alte seinen Schellenschirm wieder klingend

im Kreis und machte ihn dann plötzlich vor den Augen Gackeleia's zu,

der das Herz flog vor Begierde nach der Puppe und all den schönen

Kleinigkeiten.--"Ach die Puppe, die Puppe, ach die schönen Kleider",

sagte sie einmal über das andremal, "ach dürfte ich sie nur ein

bischen haben, nur ein klein bischen! bitte, bitte, bitte!"

"Halten Sie ein Comteßchen," sagte der Alte: "halten Sie ein, es wird

mir so rührend, mein Herz läuft mir aus; ich kann das Lamentiren

nicht hören von einem so artigen Frauenzimmerchen; wollen Sie mir

eine kleine Freundschaft erweisen, nur ein bischen, ein bischen, so

sollen sie die Puppe und die schönen Kleidchen haben für immer, für

immer! bitte, bitte, bitte!"

"Die Puppe haben?" sagte Gackeleia mit großem Schmerz und rang die

Händchen, "ach edler Mann! Gackeleia darf keine Puppe haben, nie,

nie! Gackeleia hat Schurrimurri zu Gallina geführt, Gallina ward

erwürgt, und Gackeleia ward verurtheilt: nie, nie eine Puppe haben zu

dürfen--ach und ich hätte diese so gern! ach nur ein bischen, ein

bischen, bitte, bitte!"

Während Gackeleia so wehklagte, machte der Alte seinen Schirm bald

halb auf, bald wieder zu, so daß alle die schönen Kleidchen immer vor

den Augen des Kindes herumflatterten, und sagte dann: "ein grausames

Urtheil, ein hartes Wort, da müßte sich ein Stein erbarmen, wider die

Natur, wider die Menschheit, wider alle Sinnlichkeit für religiöse

Gefühle! ein Kind, ein so schönes, liebes Comteßchen soll keine Puppe

haben?--hat doch jed Hündchen sein Knöchelchen, hat doch jed Kätzchen

sein Mäuschen, womit es spielt!"--"Schweig still, schweig still",

sagte Gackeleia, "sag nichts von den Kätzchen, ach die Kätzchen sind

eben daran Schuld, daß ich keine Puppe haben darf!--aber es geht

nicht, es geht nicht, ich hätte diese doch gar zu gern, ach nur ein

Bischen, bitte, bitte!" Da fieng Gackeleia an zu weinen, und der

gefühlvolle Alte, der unter einem rauhen Aeußern ein zartes

kindliches Herz im Busen zu tragen hatte, weinte, oder ich müßte mich

sehr irren, mit.

"Comteßchen", sagte er, "ich halte das Mitleid nicht länger aus, mir

wird wie der große Dichter in der Poesie sagt:

Liebes Kind! was soll mir das?

Wein' nicht so, du wirst ganz naß,

Ich muß lachend dir gestehen,

Gleich werd' ich dich trocken sehn."

"Comteßchen, wischen Sie sich die Augen, putzen Sie sich die Augen,

putzen Sie sich das Näschen an die Schürze, aber an der innern Seite,

damit man's nicht sieht; Heimlichkeit, Verborgenheit sitzt ganz still

und kömmt doch weit. Jetzt geben Sie acht: verbietet uns der Herr

Doctor das Bier, so trinken wir Gerstensaft, die Aepfel, essen wir

süße Pomeranzen, das Brod, essen wir Kuchen--verstehen Sie Comteßchen,

jed Ding will sein Sach haben, man muß dem Beil einen Stiel suchen

und dem Kind ein Püppchen."-"Ach! ich darf aber keine haben",

jammerte Gackeleia, "gewiß, gewiß, ich darf keine Puppe haben"!--"Ganz

gut", sagte der Alte, "bei Leibe nicht! Gehorsam muß seyn, aber

können das Comteßchen lesen? schauen Sie da oben auf die Inschrift

über meinem chinesischen Sonnenschirm, was steht da geschrieben? denn

man muß immer sehen, was geschrieben steht." Da fieng Gackeleia an

zu buchstabiren: k. e. i. kei, n. e. ne keine u.s.w.--keine Puppe,

sondern nur eine schöne Kunstfigur--und sie guckte den Mann und dann

wieder die Puppe in seinem Gürtel mit großen Augen an und sprach:

"wie, das wäre keine Puppe? keine Puppe?"

Nun nahm der Alte die Puppe aus seinem Gürtel in seine Hand und sagte:

"Mit Verstand sind wir erschaffen,

Menschen haben nicht, wie Affen,

Alles nur gleich nachzumachen;

Zu begründen sind die Sachen.

Und so werd' ich auch beweisen,

Daß dies nicht kann Puppe heißen,

Daß Comteßchen ohne List

Sie darf haben, denn es ist

Keine Puppe, sondern nur

Eine schöne Kunstfigur

Nach der Schnur und nach der Uhr,

Und ein Mäuschen von Natur.

Eine Puppe steht ganz starr,

Aber hier der liebe Narr,

Hat da an dem Kettchen fein

Zu der Uhr ein Schlüßelein.

Ich zieh' auf--horch--knirr, knirr, knirr!

Sieh', schon geht sie in's Geschirr!

Wackelt mit dem klugen Köpfchen,

Schüttelt ihre Seidenzöpfchen,

Regt die Aermchen hin und her,

Bis die Stund vorüber wär'.

Alles, Alles nach der Schnur,

Alles, Alles nach der Uhr

Thut kein Püppchen, sondern nur

Eine schöne Kunstfigur."

"Ja", sagte Gackeleia, "das ist einmal richtig, keine Puppe, sondern

nur eine schöne Kunstfigur"; und der Alte fuhr fort:

"Eine Puppe kann nicht laufen,

Man muß stäts herum sie schleppen,

Diese rennt auf Flur und Treppen

Jede Puppe über'n Haufen.

Eine Puppe kann nicht hören,

Diese hier ist leicht zu stören,

Niemand hört sie, doch sie hört,

Wenn ein Blumenblatt sich kehrt,

Wenn ein Holzwurm leise pickt,

Das Figürchen um sich blickt,

Spitzt die Oehrchen und erschrickt;

Und wenn gar die Katze maut,

Schaudert ihr die zarte Haut,

Bang ist ihr, es könnt' die Katze

Halten sie für eine Ratze,

Und sie hielt' mit einem Satze

Sie in ihrer scharfen Tatze;

Und gleich sucht sie eine Ecke,

Daß sie sich darin verstecke.

Keine Puppe, so thut nur

Eine schöne Kunstfigur,

Die trotz Uhr und die trotz Schnur

Ist ein Mäuschen von Natur;

Darum bitt' ich um die Güte,

Daß man sie vor Katzen hüte."

Da sprach Gackeleia:

"Ach ich hüt' mich schon davor,

Vater schrieb mir's hinter's Ohr!"

Der Alte fuhr fort:

"Eine Puppe kann nicht essen,

Die Figur hat's nie vergessen,

Ißt zu der bestimmten Stund'

immer sich hübsch satt und rund;

Braungebackne Semmelrinde

Knuppert sie gern ab geschwinde,

Könnte auch nach ihrem Magen

Speck und Schinken wohl vertragen,

Was sie aber niemals that,

Denn sie ist zu delikat,

Daß des Morgenlands Gesetze

Sie durch solche Kost verletze,

Drum lass' ich steinharten Kuchen

Sie belohnend oft versuchen.

Andern gönnt sie stäts das Beste,

Und sich selbst läßt sie die Reste,

Was so übrig ist geblieben,

Ganz demüthiglich belieben.

Zuseh'n läßt sie sich nicht gerne,

Wenn sie ißt, sonst wär's gar leicht,

Daß man menschlich essen lerne

Und nicht mehr den Thieren gleicht.--

Ja ich zweifle, ob Comtessen

Jemals zierlicher gegessen."

Bei diesen Worten des Alten hob Gackeleia ihr Köpfchen mit einigem

Selbstgefühl in die Höhe, denn sie wußte wohl, daß sie eine Comtesse

sey, und daß sie sehr anständig nach den Tischregeln zu essen gelernt

hatte; ja sie bildete sich etwas darauf ein; daher sprach sie zu dem

Alten etwas in verweisendem Tone:

"Wie Comtessen essen, weiß ich,

Denn ich übe mich gar fleißig.

Die Erzmundwischmeisterin,

Comteß Torschon de Popin,

Lehrte mich, wie stäts bei Tische

Jeder anders, ländlich, sittlich,

Appe--und unappetitlich,

Standsgemäß das Maul sich wische.

Denk', die große Lektion

Vom Maulwischrecht kann ich schon;

Als ich mit Gefühlsbetonung

Sie bei Hof hab' deklamirt,

Wischt' die Königin, gerührt,

Mir das Mäulchen zur Belohnung."

Dann wendete sich Gackeleia gegen die Puppe und erzählte ihr, was ihr

vom anständigen Betragen bei Tisch gelehrt worden war:

"Hör'--nicht Puppe, sondern nur

Allerschönste Kunstfigur

Nach der Uhr und nach der Schnur

Und du Mäuschen von Natur!

Hör', was sittlich und dezent

Nach dem Tischzuchtreglement,

Alles, Alles sag ich dir.

Meine Meist'rin sprach zu mir:

"Alle Prinzen und Prinzessen,

Alle Grafen und Comtessen,

Alle Junker, alle Fräulchen

Wischen sich so Mund als Mäulchen,

Dupse-Däumchen, Fingerlein

An der Serviette rein.

O Comtesse, nie vergesse,

Wie ein Kind von deinem Adel

Mit Delikatesse esse--

Gackeleia ohne Tadel!

Schluck' nicht große Brocken ein,

Spuck' hübsch aus die Pflaumenstein';

Alles esse mit Manier,

Ohne Trägheit, ohne Gier,

Doch mit angeborner Zier;

Prüfe, ordne jeden Bissen

Recht mit zartestem Gewissen,

Ja mit feinem Skrupel schier.

Schiebe mit der Gabelspitze

Zierlich Alles, was nichts nütze,

Nicht an Reinheit ebenbürtig,

Nicht an Feinheit speisewürdig,

Daß du's über's Herzchen bringst

Und in's Mägelchen verschlingst,

Zähe Adern, harte Flechsen,

Harte Fasern von Gewächsen,

Schiebe solche Dingerchen

Leis auf deines Tellers Rand,

Heb' das kleine Fingerchen

Fein dabei an rechter Hand,

O, das steht dir ganz scharmant!

Niemals hör' ein Mensch dich schmatzen

Wie die Teller-Lecker-Katzen,

Die unehrbar unter'm Tisch

Hörbar fressen Fleisch und Fisch.

Nein, mit stäts geschloss'nen Lippen

Mußt du knuppern, und bei'm Trinken

Läßt du sanft die Aeuglein sinken,

Mußt du wie ein Vöglein nippen.

Wie man leckt und schmeckt und kaut,

Werde nie durch einen Laut

Irgendjemand anvertraut,

Eben so, wie man verdaut--

Alles still, gleich wie es thaut.

Gar Nichts lass' zu Grunde geh'n,

Was nicht soll zum Munde geh'n,

Jedes Krümchen noch so klein,

Streue aus den Vögelein!"

Gackeleia hatte ihre Lektion hergesagt und erwartete eine Antwort von

der Puppe, indem sie fortfuhr:

"Wie ich esse sagt' ich dir,

Wie du ißt, auch sage mir,

O! du Puppe, o du nur

Eine schöne Kunstfigur

Nach der Uhr und nach der Schnur

Und ein Mäuschen von Natur!"

So plauderte Gackeleia mit der Puppe, welche mit Kopf und Aermchen in

der Hand des Alten wackelte. Der Alte aber sagte: "Comtesse

Gackeleia, sie wird es Ihnen nicht sagen, Sie sollen sie auch nicht

fragen, ich habe es nie gewagt; es giebt Geheimnisse im

kunstfigürlichen Herzen, es ist gefährlich da eindringen zu wollen

nach den Worten des großen Abulfeda:

"In's Inn're der Natur dringt kein erschaffner Geist,

Zu glücklich, wem sie nur die äußre Schaale weis't.

Zum Kern der Kunstfigur, zu wissen wie sie speis't,

Dringt jener Frevler nur, den in die Nas' sie beißt."

"Sehen kann man es nicht, aber hören sollen Sie es gleich!"-"Hören?"

sagte Gackeleia, "sie schmatzt doch nicht, das wäre nicht artig!

"--"Geduld," sagte der Alte, "geben mir das Comteßchen ihr Körbchen,

haben Sie nichts zu naschen?"--"O ja", sagte Gackeleia, "da sind

Knackmandeln von Jungfer Widder, der Schuljungfer, sie hat sie nach

ihrem Bräutigam geworfen, und Prinz Kronovus hat sie aufgelesen und

mir geschenkt."-"Herrlich," sagte der Alte, "aber eine ist genug,"

und er that die Figur in den Korb und die Knackmandel dazu und den

Deckel darüber, und nun stellte er den Korb dicht ans Gartengitter

und sagte: "Jetzt horchen Sie, wie die Kunstfigur krustilliret.

"-Gackeleia hielt das Ohr an den Korb und hörte die Kunstfigur bald

so artig mit den Zähnchen knuppern, daß sie freudig ausrief:

"Knupper, Knupper Kneischen,

Du knupperst ja im Häuschen,

O du schöne Kunstfigur!

Wie ein Mäuschen von Natur."

Dann nahm der Alte die Kunstfigur wieder heraus, zog das Uhrwerk auf

und sagte: "Jetzt wird ihr zur Verdauung ein Spaziergang gesund seyn,

sonst schläft sie uns ein:

Denn nach Tische soll man stehn,

Oder tausend Schritte gehn,

Sagt der würdige Galen."

Die Puppe aber wackelte mit Kopf und Händchen und da er sie an den

Boden setzte, lief sie gar geschäftig am Gartengitter hin und her,

nickte und winkte und stieß manchmal ans Gitter, weil sie durch

wollte in den Garten, aber nicht konnte, denn die Oeffnungen waren

nicht groß genug.

Gackeleia außer sich vor Freude rief. "ach sie winkt mir, sie winkt

mir, sie möchte zu mir in den Garten--ach lieber alter Mann sage mir

geschwind, was ich dir zu Gefallen thun soll, daß du mir die

Kunstfigur giebst!"--Da steckte der Mann die Kunstfigur wieder in

seinen Gürtel und sprach: "O Comteßchen! es ist nur eine Miniatur von

einer Kleinigkeit von einer Bagatelle; ach! ich bin ein armer,

betrübter, verlassener Mann, ich habe nicht Vater nicht Mutter, nicht

Schwester nicht Bruder, nicht Kind nicht Rind, nicht Kuh und nicht

Kalb, nicht ganz und nicht halb, mir fehlet Alles, was man nicht

begehren darf, seines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Ochs, Esel und

Alles, was sein ist, ach! ich habe selbst keine Puppe, sondern nur

diese schöne Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur und ein

Mäuschen von Natur; aber mein Kummer ist so groß, daß auch sie mich

nicht trösten kann. Doch Sie können es, o Exzellenzchen, daß ich

lustig werde wie ein Lämmerschwänzchen."

Nach diesen Worten fieng der wunderliche Alte so zu weinen und zu

wimmern an, daß Gackeleia mit Thränen in den Augen zu ihm sprach:

"ach weine nur nicht so, du armer Mann! ich will dir ja Alles thun,

was dich trösten kann, wenn du mir die schöne Kunstfigur giebst; sage

mir doch um Gotteswillen, was dich trösten kann."--Da erwiederte der

Alte:

"Dein Vater hat ein Ringelein

Mit einem grünen Edelstein,

Der hat gar einen schönen Schein,

Laß mich nur einmal sehn hinein,

So werd ich gleich durch Mark und Bein

Froh wie ein Lämmerschwänzchen seyn,

Dann soll das Kunstfigürchen fein

Zu dir ins Gärtchen gleich hinein;

Es bleibt mit allen Kleidern sein

O lieb Comteßchen! immer dein,

Damit die Gackeleia klein

Nicht so allein, allein, allein!"

Gockel, Hinkel und Gackeleia · 第 7 / 16 段